FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Christdemokraten im FDGB. Mitglieder der im Juni 1945 in Berlin gegründeten Christl. Demokratischen Union (CDU) waren an vielen Orten in Deutschland an der Gründung freier Gew. beteiligt. Die CDU verstand sich als Volkspartei und sah in den Arbeitnehmern eine wichtige Zielgruppe. Bis 1933 waren diese Gewerkschaftsaktivisten der CDU oft Mitglied der christlichen oder auch der Hirsch-Dunckerschen Richtungsgew. Über Parteigrenzen hinweg war man sich nach dem Krieg weitgehend einig, dass die neuen Gew. die alte Spaltung in Richtungsgew. überwinden und starke Einheitsgew. werden sollten. Im Detail gab es jedoch erhebliche Differenzen, auch zwischen Sozialdemokraten und C. Diese traten jedoch angesichts der immer unverhohlener erhobenen Vormachtansprüche der Kommunisten bald in den Hintergrund.
Der von der sowj. Besatzungsmacht in Gestalt der SMAD massiv unterstützte Führungsanspruch der Kommunisten auch in den Gew. war angesichts eines Mitgliederverhältnisses von kommunist. Gew. (RGO) und nicht-kommunist. Gew. bis 1933 von etwa 1:20 im Grunde inakzeptabel. Zumindest eine personelle Dominanz in den entstehenden Gründungs- bzw. dann Leitungsgremien musste wegen der Besatzungsverhältnisse in Berlin und Mitteldeutschland jedoch hingenommen werden. Deutliche Differenzen traten bereits bei der Erarbeitung des Gründungsaufrufs und im Vorbereitenden Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin (1945-46) zu Tage, der sich ungeachtet seiner formalen Zuständigkeitsbeschränkung auf die Viermächte-Stadt Berlin als Ausgangspunkt für einen Gewerkschaftsbund für das Reich verstand. In diesem Gründerkreis standen vier Kommunisten vier Vertretern der alten nicht-kommunist. Gew. gegenüber, darunter die CDU-Mitbegründer Jakob Kaiser für die christlichen und Ernst Lemmer für die Hirsch-Dunckerschen Gew. Beide waren auch nach Gründung des FDGB in dessen Leitungsgremien vertreten. Unter den Vors. der FDGB-LV gab es lediglich in Brandenburg bis 1949 mit Theodor Brylla noch ein CDU-Mitglied als Vertreter der christlichen Gewerkschaftsbewegung. Lemmer war bis 1948 einer der drei Vorsitzenden des Bundesvorstandes. Die immer klarer zu Tage tretende Ausrichtung der angeblich parteiübergreifenden Einheitsgew. als marxist.-leninistische Massenorganisation machte eine Mitarbeit für C. im FDGB zunehmend unmöglich. Sie führte schließlich über das Scheitern der Interzonenkonferenzen zu einer Spaltung der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland (vgl. Westarbeit) und innerhalb des FDGB zu einer völligen Ausschaltung christdemokrat. Einflusses.
Seit Herbst 1947 begann sich dieser Konflikt zuzuspitzen. Auf dem 2. CDU-Parteitag im Sept. 1947 in Berlin appellierte Kaiser an seine Partei, „Wellenbrecher des dogmatischen Marxismus und seiner totalitären Tendenzen“ zu sein. Kaiser und Lemmer setzten sich gegen die beginnende Gleichschaltung der Ost-CDU zur Wehr (vgl. Blockpolitik) und lehnten insbesondere eine Beteiligung der Ost-CDU an der Volkskongressbewegung ab. Im Dez. 1947 wurde Kaiser als Vors. und Lemmer als zweiter Vors. der Ost-CDU durch die sowj. Besatzungsmacht abgesetzt. Lemmer blieb noch bis April 1949 im FDGB-Bundesvorstand (BuV), ging danach, wie zuvor schon Kaiser, in den Westen. Beide gründeten hier die Exil-CDU für die SBZ. C., wie z.B. Heinrich Kreil oder Eduard Benroth, waren auch an der Bildung der Unabhängigen Gewerkschaftsopposition (UGO) 1948 in Berlin beteiligt. Anfangs war es in der CDU noch umstritten, wie man sich als C. zur sozialdemokrat. dominierten UGO einerseits und zum kommunist. dominierten FDGB andererseits verhalten solle.
So vertrat etwa Minna Amann die Auffassung, christliche Gewerkschafter dürften sich weder ausschließlich an den kommunist. gesteuerten FDGB noch an den sozialdemokrat. dominierten UGO binden. Schließlich sei es unrealistisch, von den Mitgliedern im Ostsektor einen Austritt aus dem FDGB zu fordern. Kaiser betonte zwar, wie wichtig eine Einheitsgew. sei, stellte aber gleichzeitig klar, dass eine solche Gew. parteipolit. und weltanschaulich unabhängig sein müsse, was 1948 ganz offenkundig beim FDGB nicht mehr der Fall war. Im Aug.1948 dann stellte Eduard Benroth, der Vors. des Arbeitskreises für Gewerkschaftsfragen des Landesverbandes Berlin der CDU (der inzwischen nicht mehr zur Ost-CDU gehörte), unmissverständlich klar, dass Zugehörigkeit zum und Mitarbeit im FDGB „mit den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Unabhängigkeit und nicht zuletzt auch des christlichen Sittengesetzes einfach unvereinbar“ seien.
Obwohl die Lage in der SBZ für C. mindestens so dramatisch war wie in Berlin, war ihnen dort eine so klare Haltung wie unter dem Schutz des Viermächte-Status der Stadt nicht möglich, wollten sie nicht jeglichen Einfluss auf den FDGB und die Arbeiterschaft aufgeben und massive Repressalien seitens der SED und der SMAD riskieren. Nichtsdestoweniger leisteten auch unter den schwierigen Bedingungen in der SBZ C. dort Widerstand gegen die Ausrichtung des FDGB als kommunist. Massenorganisation und die Verdrängung der CDU aus den Betrieben. Während die Führungsfragen im FDGB und in der Ost-CDU durch massive Eingriffe der SMAD spätestens bis Ende 1949 im Sinne von SED und Besatzungsmacht geklärt waren, gab es an der Basis der Ost-CDU noch einige Zeit Versuche, in der Gewerkschaftsarbeit aktiv zu bleiben. So erklärte zwar die Ost-CDU Ende 1948 ihre Bereitschaft, sich an der vom FDGB inszenierten Aktivistenbewegung zu beteiligen und stützte somit die Bestrebungen von SED und SMAD, die Gew. von einer Interessenvertretung der Arbeitnehmer in ein Instrument der Arbeitsmobilisierung zu transformieren, zugleich gab es aber immer wieder Proteste gegen diese Umfunktionierung des FDGB. So stellte Anfang Dezember 1948 der 2. Vors. des Gewerkschaftsausschusses der Ost-CDU, Paul Nowak, ein Verbleiben der C. im FDGB in Frage, wenn dieser kommunist. Politik betreibe. Der Fraktionsgeschäftsführer der CDU-Sachsen Franz Jensch forderte seine Partei auf, die Arbeit in der Arbeitnehmerschaft zu intensivieren, um die Position der Partei zu stärken.
Ende Januar 1949 fand eine Zonentagung der Gewerkschaftsreferenten der Ost-CDU in Halle statt, um das Verhältnis der CDU zur Aktivistenbewegung und die Mitarbeit der C. im FDGB zu beraten. Der Zonengewerkschaftsausschuss betonte die Bereitschaft der C. zur konstruktiven Mitarbeit im FDGB, übte jedoch deutliche Kritik an dem „neuerdings vom FDGB beschrittenen Weg des kompromisslosen Klassenkampfes“. Die Gewerkschaftsreferenten forderten eine Aussprache mit dem FDGB-BuV und der SED-Führung und erklärten, zur Zeit könne kein C. mehr mit gutem Gewissen im FDGB mitarbeiten.
Im Sommer 1948 wurde von der SMAD die Bildung von Betriebsgruppen der Ost-CDU zugelassen. Der Zonengewerkschaftsreferent der Ost-CDU, Carl-Leo Butke, forderte die CDU-Betriebsgruppen anschließend wiederholt auf, sich gegen „den marxist. Ansturm zu wehren“. In zahlreichen Betrieben widersetzte sich die CDU-Basis dem Führungsanspruch der SED. Kaum von der SMAD zugelassen, wurden die Betriebsgruppen der Ost-CDU daher massiv von der SED bekämpft, z.B. durch Entlassungen von aktiven C. aus den VEB oder dem öffentlichen Dienst. Um ihre Arbeit besser koordinieren zu können, begannen die Betriebsgruppen, sich auf Orts- oder Kreisebene zusammenzuschließen, was von der SMAD im Feb. 1949 untersagt wurde.
Eine wichtige Basis der CDU-Arbeit unter den Arbeitnehmern waren die Betriebsräte. Sie standen oft nicht unter kommunist. Kontrolle, nicht selten gab es in ihnen eine Mehrheit aus CDU und LDP. Mit den Bitterfelder Beschlüssen vom Nov. 1948 setzten die Kommunisten die Ausschaltung der Betriebsräte zugunsten der Betriebsgewerkschaftsleitungen (BGL) durch, die ihrerseits wieder von den Betriebsparteiorganisationen der SED (BPO) kontrolliert wurden. Im Mai 1949 protestierte der sächsische Gewerkschaftsreferent der CDU Karl Gierke, der zugleich Mitglied des FDGB-BuV war, „im Namen der 90.000 Arbeiter und Angestellten der CDU“ vergeblich gegen „die Unterordnung gewerkschaftlicher Arbeit unter die SED-Betriebsgruppe.“
Bereits seit 1948 gab es unter den Gewerkschaftern der Ost-CDU ernsthafte Überlegungen, ob es nicht sinnvoller sei, eine eigene christliche Gew. zu gründen. Seit Anfang 1950 wurden in den Betriebsgruppen der Partei dann intensiv die Möglichkeiten der Gründung einer unabhängigen christlichen Gew. beraten. Die neue CDU-Führung unter Otto Nuschke (* 23.2.1883 - †27.12.1957) war aber inzwischen auf einen „fortschrittlichen“ Kurs eingeschwenkt und ordnete sich mehr oder weniger vollkommen der SED unter. Sie forderte ihre Mitglieder dazu auf, alle entsprechenden Aktivitäten einzustellen und verfügte im Juli 1950 über alle C., die die Bildung einer christlichen Gew. unterstützt hatten, den Parteiausschluss. Doch noch auf dem 3. FDGB-Kongress im Sommer 1950 gab es erregte Debatten über die Frage der Gründung christlicher Gew. Angesichts der Machtverhältnisse war dies jedoch inzwischen völlig unrealistisch.
Ungeachtet aller Benachteiligungen und wohl auch gerade, weil sie sich weiter dem Alleinvertretungsanspruch der SED in den Betrieben widersetzten, nahmen Mitgliederzahl und Aktivitäten der CDU-Betriebsgruppen noch zu. Die SED wiederum versuchte Arbeiter, die Mitglied der Ost-CDU waren, mit dem Hinweis, sie seien in der falschen Partei, zu einem Übertritt zur SED zu bewegen. Zu erfolgreiche Betriebsgruppen wurden sogar auf Anweisung der SED aufgelöst. Gegen Neugründungen wurde hart vorgegangen, Aktivisten verhaftet. Seit dem Frühjahr 1952 drängte die SED massiv auf die Auflösung aller noch bestehender CDU-Betriebsgruppen. Eine eigenständige gewerkschaftliche Arbeit von C. gab es von nun weder im FDGB noch auf Parteiebene in den Betrieben. C. im FDGB hatten nur noch die Wahl zwischen totaler Anpassung an die SED-Linie, Rückzug aus der gew. und polit. Arbeit oder Flucht in den Westen.
S.K.