FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Interzonenkonferenzen. Zwischen Juli 1946 und August 1948 fanden zehn Konferenzen gewerkschaftlicher Dachverbände aus allen Zonen Deutschlands unter Beteiligung von Delegierten des FDGB jeweils für Berlin sowie die sowj. Besatzungszone statt. Vorausgegangen waren diesen intensive Debatten sowohl unter den Besatzungsmächten als auch unter den deutschen Gewerkschaftern: Der Alliierte Kontrollrat hatte seit dem Sommer 1945 über die Zulassung gesamtdeutscher Gewerkschaftsorganisationen wie auch im weiteren Sinne über Parteien verhandelt, ohne indes zu konkreten Ergebnissen zu gelangen. Als Minimalkonsens erließ sein Arbeitsdirektorat am 3.6.1946 eine Direktive, die Mindestanforderungen an den Organisationsaufbau der Gewerkschaften regelte, aber auch überzonale Zusammenschlüsse zuließ.
Parallel dazu versuchten Gewerkschafter über die Zonengrenzen hinweg eine Zusammenarbeit anzubahnen, so vor allem von Berlin aus durch Hermann Schlimme und Hamburg durch Franz Spliedt (*18.1.1877-18.10.1963). Zum Gründungskongress des FDGB im Februar 1946 hatten führende FDGB-Funktionäre Vertreter aller Zonen eingeladen. Mit der ersten Vier-Zonen-Zusammenkunft im Juli 1946 in Frankfurt am Main, zu der der hessische Metallgewerkschafter Willi Richter (*1.10.1894-27.11.1972) eingeladen hatte, war auch der Begriff „gewerkschaftliche I.“ geboren, die spätere Zählung jedoch noch nicht. Schon hier standen die Themen auf der Tagesordnung, die später immer wieder aufgegriffen wurden: Der Gewerkschaftsaufbau einschließlich einer „Zentralstelle für sämtliche Zonen“, Sozialversicherung, Tarifpolitik und -verträge (s.a. Tarifautonomie), Betriebsräte und Mitbestimmung, die Organisationsfragen der Angestellten, der Frauen und der Jugendlichen, aber auch die „Neuordnung der Wirtschaft“ und selbstverständlich die Entnazifizierung.
Die erste I. (so in der späteren Zählung) fand im November 1946 unter der nominellen Leitung des WGB in Mainz statt. Sie vereinbarte, in zweimonatlichem Turnus zu tagen. Jede Zone sollte vier Delegierte entsenden; Berlin weitere zwei. Die Folgetagung in Hannover verabschiedete bereits eine „Grundordnung“, die Zusammensetzung, Zweck und Aufgaben regelte. Darüber hinaus konnten Sachverständige hinzugezogen und Kommissionen eingesetzt werden. Abstimmungen oder Mehrheitsbildungen waren nicht vorgesehen.
Die fünfte I. im August 1947 in Badenweiler diskutierte - von einem Arbeitsausschuss vorbereitet - die Einberufung eines deutschen Gewerkschaftskongresses und damit über die Bildung eines gesamtdeutschen Dachverbandes. Die unterschiedlichen Vorstellungen aus den vier Zonen waren bereits vom allmählich sichtbaren Ost-West-Konflikt geprägt (s.a. Westarbeit).
Die polit. Gegensätze, die sich einerseits aus der engen Bindung des FDGB an die SED und dem Beharren der westdeutschen Gewerkschafter auf traditionellen Positionen ergaben, führten dazu, dass die sechste I. im Oktober 1947 in Bad Pyrmont nur noch über eine knappe Organisations-Plattform debattieren konnte. Über zentrale polit. Ziele (so zur Neuordnung der Wirtschaft) und Strukturfragen eines Dachverbandes hatte man sich nicht einigen können. Mit knapper Mehrheit wurde gleichwohl die Einberufung eines Kongresses beschlossen. Die siebente I. in Dresden im Februar 1948 brachte aber weder eine Einigung über die Wahlordnung noch über die Tagungs-Modalitäten. Damit waren letztlich zwischen den Gewerkschaftern aus Ost und West nur noch Formelkompromisse möglich. Die achte Konferenz im Mai 1948 in Heidelberg vermied durch verbale Konzessionen des FDGB den offenen Bruch, obwohl die Grunddifferenzen deutlich waren: Willi Richter berichtete über die Londoner Konferenz der Marshall-Plan-Länder, Bernhard Göring (Berlin) über die Tagung des inzwischen eindeutig kommunist. dominierten WGB in Rom.
Damit war das Scheitern präjudiziert: Die Positionen von Marshallplan versus Planwirtschaft ließen keinen Kompromiss zu. Den Anlass für den förmlichen Bruch gab die gesonderte Vertretung der Gewerkschaft Berlins: seit 1947 hatte sich dort eine wachsende Opposition gegen den offen SED-hörigen Kurs der FDGB-Führung gebildet, die sich 1948 als Unabhängige Gewerkschafts-Opposition (UGO) konstituierte. Der Streit um die Zulassung der UGO, die sich 1950 als Landesverband Berlin dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) anschloss, brachte die neunte I. im August 1948 in Enzisweiler bei Lindau schon vor Eintritt in die Tagesordnung zum Scheitern.
Die I. zeigen die deutschen Gewerkschaften als diejenige gesellschaftliche Bewegung neben den Kirchen, die sich nach 1945 am intensivsten für eine gesamtdeutsche Interessenvertretung engagierten. Aus den Polarisierungen des aufkommenden „Kalten Krieges“ konnten sie sich naturgemäß nicht befreien, zumal Vertreter aller früheren Richtungsgewerkschaften involviert waren und im FDGB erstmals in einem Dachverband Kommunisten dominierten.
Neben Vertretern der Gewerkschaftsbünde tagten im gleichen Zeitraum etwa 100 Konferenzen der Einzelgewerkschaften. Die Bergbau-Verbände waren dort sehr aktiv; die Gewerkschaften der Chemieindustrie oder des öffentlichen Dienstes hingegen nutzten dieses Forum kaum oder gar nicht.
W.M.