FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Weltgewerkschaftsbund (WGB). Die Initiative für eine neue internationale einheitsgewerkschaftliche Weltorganisation der Arbeitnehmer wurde noch während des Krieges von den Gewerkschaftsbünden Großbritanniens, der Sowjetunion und den USA, also der drei Hauptalliierten gegen Hitler-Deutschland, ergriffen. Der WGB (engl. World Federation of Trade Unions, WFTU) wurde schließlich am 3.10.1945 in Paris gegründet. An der dortigen Weltkonferenz nahmen Delegierte von Gewerkschaftsbünden aus 56 Nationen teil. Die wachsende internationale Konfrontation zwischen der UdSSR und den USA wirkte sich auf die Entwicklung des WGB direkt aus. Die Differenzen in der Frage der Unterstützung nationaler Befreiungskämpfe in verschiedenen Ländern und die unterschiedliche Haltung zum amerikan. Wiederaufbauprogramm in Europa (Marshallplan) führte 1949 zur Abspaltung demokrat. Gewerkschaften und zur Gründung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften (IBFG). Kommunist. westliche Gewerkschaftsbünde blieben im WGB. Im WGB dominierte ab diesem Zeitpunkt die Sowjetunion und als Organisationsprinzip der „demokrat. Zentralismus“. Waren Propaganda und Schulung in der unmittelbaren Nachkriegsära von einer antifaschist. Grundrichtung geprägt, so richteten sie sich ab 1949 vor allem gegen die nicht-kommunist. Gewerkschaftsinternationalen, insbesondere gegen den IBFG. Zum Zwecke der „internationalen Solidarität“ schuf der WGB einen internationalen Solidaritätsfonds, aus dem die Unterstützung für nationale Befreiungsbewegungen finanziert wurde. Die Weltgewerkschaftskongresse des WGB fanden im Vierjahresrhythmus statt und befassten sich hauptsächlich mit Fragen des Weltfriedens, der Rassendiskriminierung und der internationalen Gewerkschaftsrechte. 1950 unterstützte der WGB die Gründung des kommunist. gesteuerten Weltfriedensrates und wurde Präsidiumsmitglied. Ab Mitte der 60er Jahre gab es drei Schwerpunkte der Arbeit des WGB: 1) die Mitarbeit in der IAO, die das Zentrum seiner Agitation bildete, 2) die Kooperation mit Afrika, Asien und Südamerika und 3) ab 1970 die Zusammenarbeit mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB). Das Hauptziel dieser Tätigkeiten war die Schaffung einer einheitlichen kommunist. dominierten Weltgewerkschaftsorganisation. Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 führte zu Auseinandersetzungen zwischen der Prager WGB-Zentrale und dem sowj. Gewerkschaftsverband. Der Präsident des WGB, Renato Bitossi (CGIL; *31.3.1899-6.10.1969), und der Generalsekretär, Louis Saillant (CGT; *27.11.1910-28.10.1974), verurteilten gegenüber den Gewerkschaften der Warschauer Pakt Staaten die militär. Intervention. Auch die sowj. Besetzung Afghanistans Ende 1979 und die Niederschlagung der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen durch die Verhängung des Kriegsrechts im Dez. 1981 trugen zum Einflussverlust des WGB bei.
Organisation des WGB: Weltgewerkschaftskongress (Wahl des Generalrats und des Generalsekretärs), Generalrat (Leitungsorgan), Exekutivbüro (seit 1969 wichtigstes Entscheidungsgremium des WGB, auch für Stellungnahmen zuständig) und Sekretariat (Verwaltung, Presse und Information, UN-Kommissionen etc.) 1986 gehörten zum WGB 84 nationale Organisationen aus 74 Ländern und elf IVG. Er arbeitete eng mit zahlreichen anderen kommunist. dominierten bzw. gesteuerten internationalen Organisationen zusammen und hatte einen beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, bei der IAO und weiteren UN-Organisationen.
Der FDGB war Mitglied im WGB vom 28.1.1949 bis zu seiner Selbstauflösung zum 30.9.1990 infolge der friedlichen Revolution 1989. Der FDGB-Vors. Herbert Warnke war von 1953-69 einer der Vizepräsidenten des WGB. Sein Nachfolger als FDGB-Vors., Harry Tisch, war ab 1975 Mitglied im Generalrat des WGB. Der WGB bildete den hauptsächlichen Rahmen für die internationale Arbeit des FDGB.
Der WGB überlebte - wenn auch unter weitgehendem Verlust seines Einflusses - den Zusammenbruch des Sowjetkommunismus und reorganisiert sich v.a. seit Mitte der 90er Jahre mit Schwerpunkten in Asien und Afrika. Im April 2001 hat er in Athen ein europäisches Regionalbüro eröffnet.
Al.H.