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Zwangsmigrationen in Europa 1938-48

Die deutsche Besatzungspolitik in Polen

 

Nach der Annexion Österreichs und der Zerstörung der Tschechoslowakei in den Jahren zuvor löste der Angriff Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 schließlich den Zweiten Weltkrieg aus. Die deutsche Herrschaft war in den folgenden fünf Jahren von Gewalt, Umsiedlungen und Völkermord gekennzeichnet. Polen wurde zum wichtigsten "Experimentierfeld" der NS-Lebensraum- und Vernichtungspolitik und zum Schauplatz von Zwangsmigrationen enormen Ausmaßes.

Polen vor dem Ersten Weltkrieg

Die Geschichte unabhängiger polnischer Fürstentümer, die bis ins Mittelalter zurückging, endete im Jahr 1795, als die europäischen Großmächte Preußen, Österreich und Russland das Territorium Polens unter sich aufteilten. Von einem kurzen Intermezzo während der Napoleonischen Herrschaft abgesehen, existierte somit bis zum Ersten Weltkrieg kein polnischer Staat.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine polnische Nationalbewegung, die in mehreren Aufständen versuchte, die staatliche Selbständigkeit aus eigener Kraft wieder zu gewinnen. Dabei sahen sich die polnischen Nationalisten insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte einer Germanisierungs- bzw. Russifizierungspolitik gegenüber.

Die Neugründung Polens (1917/18)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit Unterstützung von US-Präsident Woodrow Wilson ein neuer polnischer Nationalstaat gegründet. Erst Anfang der 1920er-Jahre wurde allerdings über die Staatsgrenzen entschieden: Im Osten eroberte Polen militärisch Teile der Sowjetunion und Litauens. Im Westen wurde teils durch Volksabstimmungen, teils in internationalen Konferenzen die Zugehörigkeit umstrittener Gebiete zum Deutschen Reich oder zu Polen festgelegt. Auch hier gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen deutschen und polnischen paramilitärischen Verbänden.

Fast ein Drittel der Bevölkerung gehörte nationalen Minderheiten an, unter anderem der ukrainischen (etwa 14 Prozent), jüdischen (etwa 9-10 Prozent) und deutschen (etwa 3 Prozent).

Das politische Klima war stark von wirtschaftlichen Problemen, politischen und sozialen Spannungen und vom Nationalismus bestimmt. Die "Polonisierungspolitik" der Regierung wirkte zu Ungunsten der Minderheiten, so zum Beispiel bei der Sprachpolitik und der Landreform. Dies bewirkte unter anderem, dass zwischen den beiden Weltkriegen etwa eine Million Angehörige der deutschen Minderheit das Land verließen. Besonders mit der Errichtung der Militärdiktatur durch Marschall Piłsudski und seine Nachfolger (seit 1926) verschlechterte sich die Lage der Minderheiten, besonders die der Ukrainer im Osten Polens.

Polen und das nationalsozialistische Deutschland

Eine Revision des Vertrags von Versailles und der darin festgelegten Grenzen auf Kosten Polens fand breite Zustimmung in den konservativen Machteliten Deutschlands schon in der Weimarer Zeit. So war der polnisch-deutsche Nichtangriffspakt von 1934 zunächst überraschend, gab dem nationalsozialistischen Deutschland aber die Möglichkeit, sich durch Aufrüstung auf die geplante Eroberung Osteuropas vorzubereiten. Noch 1938 konnte Polen im Fahrwasser Deutschlands Teile der Tschechoslowakei annektieren.

Nach dem Münchener Abkommen verschärften sich ab dem Herbst 1938 die Drohungen und Forderungen gegen Polen, die auf die Schaffung exterritorialer Korridore durch Polen, die Wiedereingliederung der Freien Stadt Danzig ins Deutsche Reich und die faktische Unterwerfung Polens als Bündnispartner Deutschlands abzielten. Die polnische Regierung lehnte ab; für Frankreich und Großbritannien kam eine Wiederholung des Münchener Abkommens (1938) und die folgende Zerschlagung der Tschechoslowakei (März 1939) nicht in Frage, so dass sie am 31. März 1939 eine Garantieerklärung für die polnische Unabhängigkeit abgaben.

Unterdessen spielte die NS-Propaganda für die internationale Öffentlichkeit die Situation der deutschen Minderheit hoch. Allerdings war dies bei weitem nicht so wirksam wie im Fall der Tschechoslowakei, da ihr Bevölkerungsanteil in Polen viel geringer war. Sie lebte verstreut, war relativ heterogen und weniger empfänglich für NS-Ideologie.

Im sogenannten Hitler-Stalin-Pakt (23. August 1939) war die Aufteilung Polens vereinbart. Am 1. September begann schließlich der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen. Der politische und militärische Zusammenbruch Polens kam nach nur wenigen Wochen. Der polnische Osten wurde von der sowjetischen Armee besetzt.

Teile von Polen wurden an das Deutsche Reich angegliedert; der Rest bildete das sogenannte "Generalgouvernement".

Die Jahre der deutschen Besatzung

Der deutsche Krieg gegen Polen war von Anfang an nicht als traditioneller Eroberungskrieg angelegt, sondern zielte auf "völkische Flurbereinigung", "Gewinnung von Lebensraum" und Völkermord abzielte. Er war Teil der deutschen "Volkstumspolitik", die in der Zurückdrängung, Bekämpfung und Tötung anderer Völker bestand. Die Tötung von großen Zahlen polnischer Zivilisten wurde von Hitler von Anfang an ins Auge gefasst (siehe seine geheime Ansprache am 22. August 1939).

Entsprechend bestand die deutsche "Besatzungspolitik" vor allem aus Terror und einer Generalvollmacht für die Verfolgung und Tötung der Bevölkerung. Besonders die polnische Führungselite war im Visier der Besatzer. Polen sollte es höchstens noch als ungebildete Arbeitskräfte geben.

Die besetzten Gebiete wurden finanziell und wirtschaftlich ausgeplündert (Rüstungs- und Nahrungsmittelproduktion).

Die von den Alliierten anerkannte polnische Regierung befand sich im Exil in London. Im polnischen Untergrund existierte ein gut organisierter Widerstand, basierend vor allem auf den ehemaligen politischen Parteien und vielen gesellschaftlichen Organisationen, Mitgliedern des Staatsapparats und ehemaligen Offizieren. Konflikte gab es insbesondere zwischen der regierungstreuen "Heimatarmee" (AK) und den Kommunisten wegen des Verhältnisses zur Sowjetunion, die bis 1941 nicht Verbündeter, sondern Besatzungsmacht war und später die Abtretung der polnischen Ostgebiete durchsetzte.

Zwangsmigrationen in der Besatzungszeit

Aus Sicht der NS-Ideologen bedeutete der Krieg weniger eine Eroberung als eine "Wiedereingliederung" des polnischen Territoriums in das Deutsche Reich. Es sollte eine Germanisierung dieser Gebiete stattfinden, die sich beispielsweise in der Eindeutschung von Orts- und Straßennamen oder in der Kultur- und Bildungspolitik zeigte.

Von Anfang an gab es im besetzten Polen Zwangsmigrationen mit hunderttausenden von Betroffenen. Bis 1941 wurden mindestens 365.000 Menschen (Juden und Polen) unter vielfach unmenschlichen Bedingungen von den nun an Deutschland angegliederten Gebieten ins Generalgouvernement umgesiedelt.

Bei den gewaltsamen Umsiedlungen galt das besondere Interesse der deutschen Besatzer der Beschlagnahmung und Räumung von wertvollem Besitz. Dieser wurde oft an deutsche Umsiedler weitergegeben, die beispielsweise im Rahmen des "Heim ins Reich"-Programms ins besetzte Polen gebracht wurden>

Etwa 1-1,2 Millionen Menschen wurden aus Polen zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt.

Auch von der sowjetischen Besatzungsmacht wurde bis 1941 eine große Zahl von Menschen deportiert; Schätzungen variieren zwischen einer halben und 1,5 Millionen Personen.

Der Holocaust in Polen

Polen war vor dem Krieg das Land in Europa, in dem der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung bei weitem am höchsten war. Im Jahr 1931 ergab eine Volkszählung eine Zahl von über 3 Millionen Juden in Polen.

Schon nach dem Einmarsch der deutschen Truppen begann der Terror gegen Juden. Gewalt und Mord, Umsiedlungen in Ghettos, Lagerhaft und Zwangsarbeit folgten.

Nachdem nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Sommer 1941 ganz Polen unter deutscher Kontrolle war, erreichte das Morden seinen Höhepunkt. Aus den Ghettos wurden ab 1942 die Bewohner weiter in Konzentrationslager transportiert, wodurch schließlich der verzweifelte Aufstand im Warschauer Ghetto (April bis Mai 1943) ausgelöst wurde. In Vernichtungslagern wie Treblinka, Auschwitz, Sobibór, Bełzec oder Madjanek wurden Juden aus allen Ländern, die unter deutscher Herrschaft waren, mit industriellen Methoden getötet.

Die Rolle der polnischen Bevölkerung bei der Judenverfolgung ist bis heute ein viel diskutiertes, sehr kontroverses Thema geblieben. Zweifellos war Antisemitismus bei der polnischen nationalistischen Rechten und der Landbevölkerung seit langem verbreitet. Es gab Kollaboration und Gewalt von Polen gegen Juden, die von den Besatzern ermutigt und initiiert wurde. Andererseits gab es auch organisierte und individuelle Hilfe für die Verfolgten, die in einem von Willkür, Gewalt und Rechtlosigkeit geprägten Umfeld unter größter Gefahr für das eigene Leben geleistet wurde.

Fazit: Die deutsche Besatzung in Polen

Wohl kein Land hatte unter deutscher Besatzung mehr zu leiden als Polen. Nach groben Schätzungen gab es allein hier zwischen vier und sechs Millionen Todesopfer (bis zu 20 Prozent der Bevölkerung). Die rassistisch-völkische NS-Lebensraumpolitik wurde mit extremer Härte durchgeführt; Polen sollte aufhören, als Nation zu existieren. Alle Dimensionen sprengte der Holocaust, dessen Hauptschauplätze in Polen lagen und den nur wenige polnische Juden überlebten.

Die Unterordnung Polens unter die stalinistische Sowjetunion nach dem Ende der deutschen Herrschaft wurde nur von den Kommunisten unterstützt. Symbol dafür war der von den deutschen Besatzern brutal niedergeschlagene Aufstand von Warschau (1944), durch den der nicht-kommunistische Widerstand vergeblich eine Befreiung aus eigener Kraft und damit ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung zu erreichen versuchte.

Gerrit Schäfer

 

Literaturhinweise:

Genesis des Genozids : Polen 1939 - 1941 / Klaus-Michael Mallmann ... (Hrsg.). - Darmstadt : Wiss. Buchges., 2004. - 240 S.. - (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart ; 3)
ISBN 3-534-18096-8
Signatur(en): A 04-4213

Sammlung von Aufsätzen polnischer und deutscher Autoren zu vielen Aspekten der ersten beiden Jahre der deutschen Besatzung.

 

Harten, Hans-Christian
De-Kulturation und Germanisierung. Die nationalsozialistische Rassen- und Erziehungspolitik in Polen 1939-1946 / Hans-Christian Harten. – Frankfurt/Main; New York: Campus, 1996. ISBN 3-593-35508-6

Ausführliche Studie zur NS-Germanisierungspolitik in Polen, insbesondere auf dem Gebiet von Bildung, Wissenschaft und Kultur.

 

"Reichsgau Wartheland" 1939 – 1945 : vom "Exerzierplatz" zum "Mustergau des Nationalsozialismus"? / [Red. d. Heftes: Brigitte Berlekamp …]. - Berlin : Ed. Organon, 2002. - 152 S.. - (Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung ; 18)
Literaturangaben
Signatur(en): X 8084/18

Sammlung von Rezensionen und Aufsätzen zum Thema der deutschen Besatzungspolitik in Polen, unter anderem zur wirtschaftlichen Ausbeutung und zur Bevölkerungspolitik.

 

September 1939 : Krieg, Besatzung, Widerstand in Polen ; 8 Beitr / Hrsg. von Christoph Kleßmann. - Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 1989. - 180 S.. - (Kleine Vandenhoeck-Reihe ; 1546) ISBN 3-525-33559-8 Signatur(en): A 89-1536

Der Band, der zum 50. Jahrestag des Kriegsausbruchs erschien, bietet eine Sammlung von kurzen Texten deutscher und polnischer Autoren, in gute Einführungen in verschiedene Aspekte der Besatzung Polens bieten.

 

Literatur aus der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

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(Text in polnischer Sprache/ Tekst w języku polskim)