S O Z I A L I S T I S C H E

M I T T E I L U N G E N

der London - Vertretung der SPD.

No. 92



Issued by the London Representative of the German Social-Democratic Party, 33, Fernside Avenue, London, NW 7 - Telephone: MIL1 Hill 3915

Nov. 1946



[Seite im Original:] - 1 -

WAHLSIEG DER SPD


"Das neue Deutschland will demokratisch sein.
Berlin zeigt das Gesicht dieses neuen Deutschland!"

Dr. Kurt Schumacher in der Berliner SPD-Konferenz
nach der Wahl am 22. Oktober 1946.

In allen Teilen Deutschlands haben in diesem Jahre Wahlen stattgefunden. Am 27. Januar waehlten die kleinen Gemeinden, am 28. April erfolgten die Kreistagswahlen und am 26. Mai die Wahlen zu den staedtischen Gemeindevertretungen in den drei Laendern Bayern, Gross-Hessen und Nord-Baden der US-Zone Deutschlands, am 30. Juni zu den Verfassunggebenden Landesversammlungen und am 3. November zu den Landtagen dieser Laender. In der Russischen Zone erfolgten die Gemeindewahlen am 1. September im Land Sachsen, und in Thueringen und der Provinz Sachsen erfolgten sie am 8. September, in Mecklenburg und Vorpommern am 15. September. In der Franzoesischen Zone wurde am 15. September zu den Gemeinden und am 13. Oktober zu den Kriegstagen gewaehlt, und in der Britischen Zone erfolgten am 15. September die Gemeindewahlen und am 13. Oktober die Stadtverordneten- und Kreistagswahlen. Am 20. Oktober erfolgten endlich als Hoehepunkt der bisherigen Wahlen in Deutschland unter Aufmerksamkeit der ganzen Welt die politisch bedeutsamen Wahlen zum Berliner Stadtparlament. Nach dem amtlichen Ergebnis der Wahlen am 20. Oktober in Berlin entfielen auf die

Sozialdemokratische Partei (SPD)

1.015.620 Stimmen

(48,7 %)

Christlich-Demokratische Union (CDU)

462.426 Stimmen

(23,2 %)

Sozialistische Einheitspartei (SED)

412.572 Stimmen

(19,7 %)

Liberal-Demokratische Partei (LDP)

194.721 Stimmen

(9,4 %)



Ungueltige Stimmen wurden in Berlin kaum 1 % abgegeben, gegenueber 10 % bei den Gemeindewahlen in Sachsen am 1. Sept., wo die SPD keine eigenen Kandidaten [zu den] Wahlen stellen konnte.

Bei den Wahlen in den kreisfreien Staedten, den Landkreisen, der Hansestadt Hamburg und im Lande Bremen, am 13. Oktober, wurde

die SPD mit 42 % aller Stimmen die staerkste Partei im Land Hannover

und wurde nicht nur in Berlin, sondern auch in den groessten und industriellen Staedten der Britischen Zone, in Hamburg, Bremen, Hannover, Bielefeld, Braunschweig, Luebeck, Gelsenkirchen, Wuppertal, Oberhausen, Wilhelmshaven, Wesermuende usw. die staerkste Partei. Es gibt im Gegensatz zu den letzten Wahlen der Weimarer Republik keine Grossstadt in der Britischen Zone, in der die Kommunisten staerker als die Sozialdemokraten sind. Die Kommunisten haben ueberall erheblich an Stimmen verloren. Selbst in der Russischen Zone, in der die Kommunisten unter der Flagge der SED kandidierten, haben sie am 20. Oktober bei den Landtagswahlen im russischen Sektor gegenueber den Gemeindewahlen im September bereits Stimmenverluste erlitten.

In 6 Wochen hat die SED in der Russenzone 365.000 Stimmen verloren.

Nach dem amtlichen Wahlergebnis ist die SPD die staerkste Partei in der Britischen Zone, obgleich die Sitzverteilung infolge eines besonderen Wahl- und Sitzverteilungssystems, das die Bedeutung der Splittergruppen herabdrueckt, der CDU grosse Vorteile in der Sitzverteilung brachte. Aehnlich wie beim englischen Wahlsystem, hat die jeweils staerkste Partei im Orte und Wahlkreis auch den Vorteil in der Sitzverteilung. Die amtlichen Ziffern sind fuer die gesamt Britische Zone:

Sozialdemokratische Partei

(SPD)

11.179.521

Stimmen

und

2.847

Sitze

Christlich-Demokratische Union

(CDU)

11.029.953

"

"

3.586

"

Kommunistische Partei

(KPD)

2.413.419

"

"

147

"

Freie Demokratische Partei

(FDP)

1.988.364

"

"

320

"

Niedersächsische Landes Partei

(NLP)

1.413.891

"

"

642

"

Zentrumspartei

 

1.138.179

"

"

211

"

Süd-Schleswig Vereinigung[1]

(SSV)

207.465

"

"

50

"

Parteilose (Unabhaengige)

 

202.753

"

"

20

"

Bremer Demokratische Volkspartei[2]

(BDV)

121.279

"

"

12

"

Konservative

 

69.820

"

"

3

"

Sozialistische Partei Flensburg[3]

(SPF)

29.729

"

"

12

"

Rheinische Volkspartei

(RVP)

27.464

"

"

1

Sitz



[Seite im Original:] - 2 -

die eine klare Absage der Berliner an die SED bedeutet und die von der Weltpresse als eine Niederlage der Russen im politischen Kampf um Deutschland bewertet wird, ist auch fuer die weitere politische Entwicklung in der Ostzone von groesster Wichtigkeit. Die SPD konnte in der Ostzone keine eigenen Kandidaten aufstellen, sie erkennt diese Wahlen nicht als demokratische und freie Wahlen an. Die sozialdemokratische "Rhein-Echo" kommentiert die Berliner Wahlen wie folgt:

"Die Reichshauptstadt Berlin, eingeteilt in die vier Besatzungszonen der alliierten Grossmaechte, liegt wie eine Insel inmitten der sowjetischen Gesamtzone. Sie ist darum eine Art Brennpunkt der auswaertigen Politik, weil die Sieger gewissermassen ihre eigenen nationalen Prinzipien in der Verwaltung Berlins zum Ausdruck bringen. Die Macht der von den westlichen Alliierten vertretenen demokratischen Grundsaetze ist nun so gross, so zwingend gewesen, dass auch im Sowjetsektor Berlins die Sozialdemokratische Partei Deutschlands arbeiten kann, obwohl sie in den Laendern und Provinzen der Russischen Zone nicht zugelassen ist. Die Stimme der Sozialdemokraten hat daher im russischen Sektor Berlins besonderes Gewicht. Es sei daran erinnert, mit welchen Methoden der Ueberredung, einer fast hypnotisch wirkenden Propaganda und mit welchem fuer den einzelnen manchmal unentrinnbaren Zwang die Verschmelzung der SPD und KPD im Fruehjahr dieses Jahres in der Sowjetzone vor sich ging. Der Zweck dieser Fusion war, den voelligen ideologischen Zusammenbruch der KPD zu verschleiern. Diese Partei hatte sich seit 1919 bedingungslos der Politik der Dritten Internationale, Sitz Moskau, verschrieben, die leninistische These von der Diktatur des Proletariats, die Herrschaft einer kleinen Minderheit ueber die grosse Mehrheit, verfochten, die Demokratie als kapitalistische Herrschaftsform diskreditiert und Sowjetrussland als das Vaterland aller Werktaetigen glaeubig-fanatisch verehrt.

Dann kam 1945 der Einmarsch der Sowjetarmeen und der totale Zusammenbruch Deutschlands. Die KPD musste unter dem Zwang der Verhaeltnisse ihre Diktaturtheorie preisgeben, sich wohl oder uebel zur Demokratie bekennen und darauf verzichten, die bolschewistischen Ideale als die ihrigen anzusehen. Die Realitaet der Verhaeltnisse im Osten, um diese als Problematik der Lage einbeziehende Formel zu gebrauchen, sprach zu deutlich. So brauchte die KPD einen Blutspender; denn ein offenkundiger Misserfolg dieser von der sowjetischen Besatzungsmacht beguenstigten Partei bei Wahlen haette als Demonstration besonderer Art aufgefasst werden koennen. Nach bewaehrtem Leninschen Rezept machte darum die KPD in 'Einheitsfront'. dass die Sozialdemokraten in der Sowjetzone ausserhalb Berlins dieser Taktik zum Opfer fielen, ist tragisch genug gewesen. Erfreulicherweise widersetzten sich die Berliner Sozialdemokraten mit sicherem politischem Blick der kommandierten Verschmelzung.

Diesen fuer die Unabhaengigkeit ihrer Partei und damit fuer die Wahrung der Demokratie kaempfenden Sozialdemokraten hat der Wahlausgang in geradezu grossartiger, sensationeller Form die Richtigkeit ihrer damaligen Haltung bestaetigt. Haben sich doch in ganz Berlin 1.015.620 Waehler fuer die SPD bekannt und nur 412.572 fuer die einheitssozialistisch getarnte KPD. Sogar im russischen Teil Berlins fuehrt die SPD. Dasselbe wuerde in allen Gebieten der Sowjetzone der Fall sein, waere nicht die SPD mit Gewalt ausgeschaltet. Das Berliner Wahlergebnis erklaert die Lage augenfaellig; in Verbindung mit den Resultaten der Wahlen in den Westzonen steht eindeutig und fuer jedermann erkennbar fest, dass der vom Volke gewollte Sozialismus ein demokratischer und kein diktatorischer sein soll. Die demokratischen Ideale des westeuropaeischen Kulturkreises, Freiheit und Toleranz, Persoenlichkeitswuerde und Gemeinschaftsgefuehl im Sinne hoechster sittlicher Wertung des Menschen sollen vorherrschend sein. So hat in Berlin auf vorgeschobenem Posten, in ein Gebiet hineinragend, das langsam aber zielbewusst einer bestimmten Beeinflussung ausgesetzt ist, die Sache der Demokratie und des deutschen Sozialismus einen glaenzenden Sieg errungen.

gibt der Sozialdemokratische KW-Korrespondent[4] am Tage nach der Wahl.
Wir entnehmen diesem Bericht:

"Am 20. Oktober waehlte Berlin. Nach den mir bis heute mittag vorliegenden Ergebnissen liegt die SPD in allen Sektoren der Stadt weit in Fuehrung, erst mit Abstand folgen CDU, SED und LDP. Fuer manchen mag die Groesse des SPD-Erfolges sensationell sein, mit der sich die '5.Zone' fuer die westliche Form des Sozialismus aussprach, fuer uns Reporter, die wir unseren Finger auf dem Puls dieser Riesenstadt halten - vom Morgen in den ueberfuellten U-Bahnen bis zum Abend im Konzertsaal -, kam er nicht ueberraschend. Und auch fuer die Parteifuehrung der Berliner Sozialdemokraten nicht, die sich immer wieder waehrend des Wahlkampfes zuversichtlich ueber einen Sieg der SPD aussprach.

Der Berliner, der bestinformierte Mann der Welt, wie ihn vor kurzem ein auslaendischer Journalist bezeichnete, hat sich von dem Massenansturm der Plakate und Versammlungen der kommunistischen Einheitspartei nicht ueberrennen lassen, sondern zog es vor, nach der alten Telephonvorschrift zu handeln: "Erst den Groschen fallen lassen - dann waehlen!"

[Seite im Original:] - 3 -

Der Groschen ist gefallen: Berlin waehlte SPD und stellte sich damit entschieden gegen die Politik der Furcht und diktatorischen Einheitsausrichtung, wie sie die SED betreibt.

Es ist eine komische Sache: Der Mensch ist tatsaechlich ein Gewohnheitstier. Sogar vor meinem Wahllokal stehen sie Schlange! Und ich bin besonders frueh aufgestanden, um ja der erste zu sein. Spaeter stellt es sich dann heraus: Wahlbeteiligung 80 bis 90%! Bei meinem Weg ueber den menschenleeren Kurfuerstendamm sah ich ein idyllisches Bild: Ganz vereinsamt waren zwei Strassenfeger dabei, die Promenade von der Legion von Flug- und Handzetteln zu befreien, die nur noch wenig Pflaster freiliessen. Die armen Kerle mussten ganz benommen sein. Es ist auch zu viel fuer zwei Mann, den SED-Flugblattsegen einer ganzen Hauptstadt zu 'verdauen'. 'Berlin - geschlossen hinter der Einheitsfront' steht da geschrieben. Aber Berlin ist wachsam - und Pieck ist kein Prophet!

An den beiden Polizisten, die vor jedem Wahllokal zur Wahrung der Ordnung stehen - 'Die und Ordnung' grinsen die Berliner -, komme ich als Pressemann gut vorbei und nehme an der Verpflichtung des Wahlleiters und seiner Helfer teil. Die Urne ist plombiert, - die Wahl kann beginnen. Und Frau Fortuna war gar nicht so blind, als sie dem kleinen Berliner Waisenknaben bei der Auslosung der Listen fuer die SPD die Nr. 1 in die Hand spielte. Man hoert es schon bei den Gespraechen auf der Strasse: SPD ist Trumpf.

Mit ihrer 'Einlaufwette' hatte Frau Fortuna allerdings etwas Pech, denn nicht die SED, wie man eigentlich erwartet [hatte und die Liste 2], sondern die CDU wurde zweite in diesem Rennen. 'Dieser Erfolg kommt uns selbst unerwartet', sagte Ernst Lemmer, der 2. Vorsitzende der CDU.

Ich gehe gen Osten. Am Alex grosser Flaggenrummel, rote Fahnen in Massen, dazwischen sogar welche mit Hammer und Sichel: Dazu denn noch Plakate ueber Plakate. dass sie alle von der SED sind, braucht man gar nicht mehr zu sagen. Wenn man bedenkt, was dieser Wahlkampf fuer Papier gekostet hat und was man davon fuer Schul- und Lehrbuecher haette drucken koennen - man koennte elegisch werden.

Auf den Strassen kommen mir die altbekannten Prozessionen entgegen: Maenner, die sich Wahlplakate umgehaengt haben. Die Kinder halten rote Papierfaehnchen in den Haenden. Aufschrift: "Waehlt SED!" Aber sogar hier im Osten, im russischen Sektor, konnte sich die SED nicht durchsetzen. Die Arbeitermassen der Metropole waehlten die Partei, von deren lauterem Charakter sie ueberzeugt waren: die SPD.

Die Ueberzeugungskraft siegt, nicht das groessere Papierkontingent. Das 'Rote Berlin' zaehlte bei den Novemberwahlen 1932 ueber 800.000 kommunistische Stimmen, gegenueber 600.000 sozialdemokratischen. Welch eine katastrophale Lage fuer die SED, wenn man dieses Ergebnis mit dem jetzigen vergleicht: Noch nicht einmal die Kommunisten sind ihr treu geblieben.

Mit der S-Bahn fahre ich nach Westen. Unterwegs erzaehlt mir ein Kollege, dass ein Wahlleiter in Friedrichshain verhaftet worden ist. Die alliierte Kontrolle ueberraschte diesen SED-Angehoerigen dabei, als er gerade einen Schlepperdienst fuer seine Partei einrichten wollte. Wie ich mich einem Wahllokal des britischen Sektors naehere, hoere ich schon von weitem, dass etwas Besonderes los ist: Rufe, Klatschen. Naehergekommen, erkenne ich Dr. Schumacher, der sich hier an Ort und Stelle von der Stimmung der Berliner Waehler ueberzeugen kann.

Weiter suedlich vor einem Wahllokal taucht ploetzlich ein Militaerwagen auf. Vier Offiziere der verschiedenen Besatzungsmaechte steigen aus - einer der zehn Kontrolltrupps der Alliierten Kommandantur, die sich von der ordnungsmaessigen Durchfuehrung der Wahl durch staendige Stichproben ueberzeugen. Nachdem sie den Wahlvorgang beobachtet und das Siegel an der Urne ueberprueft haben, fahren sie weiter. Diese Vertreter der vier Nationen verstaendigen sich ohne Dolmetscher, sie sprechen einfach alle - deutsch!

Der Wahltag ging in voller Ruhe zu Ende. Nirgends gab es Schlaegereien oder Ausschreitungen. Der Wert dieser Berliner Wahl liegt vor allem auf aussenpolitischem Gebiet, und die Weltmaechte werden, wie Dr. Schumacher nach den Wahlen erklaerte, daraus ihre Schluesse zu ziehen haben: "Das neue Deutschland will demokratisch sein. Berlin zeigt das Gesicht dieses neuen Deutschland."

setzen sich nach der Wahl wie folgt zusammen: SPD 63 Stadtverordnete (398 Bezirksverordnete); CDU 29 (181); SED 26 (154); LDP 12 (72). Auf die einzelnen Bezirke verteilen sich die Stadtverordnetenmandate der SPD wie folgt: Mitte 2, Tiergarten 2, Wedding 5, Prenz[lauer] Berg 5, Friedr[ichs]hain 4, Kreuzberg 5, Charlottenb[ur]g 4, Spandau 4, Wilmersd[or]f 2, Zehlendorf 1, Schöneberg 4, Steglitz 2, Tempelhof 2, Neukölln 6, Treptow 2, Köpenick 2, Lichtenberg 3, Weissensee 1, Pankow 3, Reinickendorf 4. (Die unterstrich[enen] Bezirke liegen im russischen Sektor, Wedding und Reinickendorf im franz[ösischen], Spandau, Charlottenb[ur]g, Tiergarten und Wilmersdorf im englischen, die anderen im amerikanischen Sektor).

[Seite im Original:] - 4 -

Das Ergebnis der Wahlen am 13. Oktober 1946, das im wesentlichen eine Auseinandersetzung zwischen SPD und CDU war, ist im folgenden nach den Laendern geordnet:

Als Endergebnis fuer das Land Hannover wurden folgende Zahlen bekanntgegeben:

SPD

2.793.497

(1044)

Danach vereinigt die SPD 42 % aller Stimmen und ist damit die staerkste Partei des Landes Hannover geworden. Es folgt die NLP, fuer die sich 25 % aller Waehler entschieden. An dritter Stelle liegt die CDU mit 19 % vor der FDP mit 6 %, der die KPD mit 5 %, das Zentrum mit 2 % und die Parteilosen mit 1 % folgen.

CDU

1.185.594

(381)

KPD

343.286

(30)

FDP

439.957

(157)

NLP

1.251.677

(639)

Zentrum

148.955

(79)

Parteilose

53.427

(7)


Land Oldenburg

 

Land Braunschweig

CDU

273.959

Stimmen:

148

Sitze

Stimmberechtigte: 445.000

SPD

229.700

"

115

"

Wahlbeteiligung rund 70 %

FDP

141.179

"

66

"

SPD

439.873

Stimmen:

230

Sitze

KPD

30.185

"

4

"

CDU

299.798

"

80

"

Unabh.

6.975

"

 

"

KPD

54.411

"

5

"

 

FDP

51.057

"

9

"

NLP

19.755

"

2

"

Unabh.

5.113

"

1

Sitz





Land Schleswig-Holstein

   

SPD

1.168.863

Stimmen:

356

Sitze

CDU

1.062.225

"

425

"

Region Hannover
Gesamtzahl der Vertreter in Laendern Hannover, Braunschweig, Oldenburg ohne Stadt Hannover

SSV

207.465

"

50

"

FDP

172.102

"

32

"

KPD

145.753

"

18

"

SPD

1.354

FDP

228

SPF

29.729

"

12

"

NLP

636

Zentrum

79

Kons.

38.318

"

2

"

CDU

606

KPD

38

Unabh.

22.841

"

   

Unabh.

8

Zentrum

1.515

"

 




Land Bremen


Hansestadt Hamburg

Für das Land Bremen einschl. Wesermuende wurde das folgende amtliche Endergebnis ermittelt:

Das amtliche Ergebnis der Buergerschaftswahl der Hansestadt Hamburg lautet:

SPD

370.244

Stimmen

84

Sitze

SPD

1.210.010

Stimmen:

83

Sitze

CDU

148.418

"

15

"

CDU

749.153

"

16

"

Brem.
Demokr.
Volksp.

121.279

"

12

"

FDP

509.632

"

7

"

KPD

291.701

"

4

"

KPD

88.458

"

4

"

RSFP[5]

20.034

"

   

Unabh.

24.876

"

2

"

Unabh.

13.881

"

   

FDP

9.136

"

1

Sitz

Kons.

9.625

"

   

NLP

8.415

"

1

"

RPD[6]

3.769

"

   




Nordrhein - Westfalen

Wahlberechtigt 7.164.158,
gewaehlt haben 5.328.400,
Wahlbeteiligung 74,4%

 

Die 3.810 ausgeschriebenen Sitze verteilen sich auf die einzelnen Parteien wie folgt:

SPD

5.393.862 ......

33,5 %

SPD

1.003

Sitze =

26,30 %

CDU

7.397.199 ......

45,9 %

CDU

2.528

"

66,40 %

KPD

1.518.231 ......

9,4%

KPD

85

"

2,20 %

FDP

695.060 ......

4,3 %

FDP

49

"

1,30 %

Zentrum

996.708 ......

6,2 %

Zentrum

133

"

3,50 %

RVP

27.139 ......

0,2 %

RVP

1

Sitz =

0,02 %

DKP[7]

21.877 ......

0,1 %

DKP

1

"

0,02 %

Unabh.

69.390 ......

0,4 %

Unabh.

10

Sitze =

0,26 %





Regierungsbezirk Duesseldorf

 

Regierungsbezirk Koeln

Wahlberechtigt: 2.399.814, Wahlbet. 76,2%

Wahlberechtigt: 971.867, es waehlten: 685.363

SPD

1.762.826

Stimmen

825

Sitze

CDU

1.002.059

Stimmen:

310

Sitze

CDU

2.358.400

"

616

"

SPD

631.157

"

46

"

KPD

629.363

"

30

"

KPD

123.697

"

6

"

Zentrum

406.680

"

23

"

Zentrum

97.155

"

12

"

FDP

342.780

"

27

"

FDP

54.280

"

3

"

 

Unabh.

19.341

"

   

Rh.VP

2.297

"

   


Infolge des neuartigen Wahlsystems in der Britischen Zone hat ein Waehler die Moeglichkeit, drei Kandidaten zu waehlen. Aus diesem Grunde erscheint die Zahl der Stimmen wesentlich hoeher als die Zahl der Stimmberechtigten.

[Seite im Original:] - 5 -



Regierungsbezirk Aachen

 

Westfalen

Wahlberechtigte: 411.058.
Gewaehlt haben: 277.421 = 68,7 %

Wahlberechtigt: 3.422.003.
Gewaehlt haben: 2.679.832

CDU

469.079

Stimmen:

283

Sitze

CDU

3.567.220

Stimmen

1.304

Sitze

SPD

167.276

"

25

"

SPD

2.912.953

"

695

"

KPD

43.063

"

5

"

KPD

716.907

"

42

"

Rh.VP.

11.223

"

1

Sitz

Zentrum

474.684

"

92

"

Unabh.

8.621

"

2

Sitze

FDP

292.277

"

19

"

Zentrum

1.105

"

5

"

Unabh.

32.046

"

3

"

Ergebnisse einiger kreisfreier Staedte der Britischen Zone:



Stadt

SPD

CDU

KPD

FDP

Zentrum

Aachen

24.559

49.591

7.160

   

Düsseldorf

170.859

259.887

67.659

12.015

32.358

Duisburg

213.885

242.412

87.325

32.087

38.052

Essen

252.409

287.540

89.239

26.409

 

Krefeld

67.958

86.477

13.582

15.607

14.499

Mülheim-Ruhr

70.567

44.015

19.110

24.222

 

M.-Gladbach

54.988

106.854

14.710

14.774

25.622

Neuss

18.472

36.402

6.283

1.341

3.385

Oberhausen

80.558

73.796

24.255

 

51.787

Wuppertal

170.379

142.238

64.964

55.723

37.765

Remscheid

41.378

39.519

32.230

30.158

4.893

Viersen

12.678

20.002

2.347

 

7.005

Rheydt

16.903

35.113

6.733

7.440

11.548

Solingen

58.022

59.265

47.414

38.613

3.031

Koeln

60.326

90.307

15.590

1.080

 

Bonn

101.833

96.979

12.790

22.805

 

Münster

25.008

43.892

4.398

5.490

22.563

Bocholt

11.744

14.936

3.444

 

7.609

Bottrop

42.904

43.650

27.091

 

18.490

Gelsenkirchen

145.612

104.992

68.669

20.645

44.110

Gladbeck

38.236

32.288

13.444

   

Bielefeld

90.543

71.001

10.775

7.868

 

Herford

29.519

23.103

2.728

 

4.668

Bochum

153.807

153.286

52.619

1.120

6.742

Castrop-Rauxel

34.614

34.829

12.558

   

Dortmund

311.516

253.855

84.782

24.211

16.133

Hagen

131.748

147.196

54.516

58.916

 

Herne

52.453

55.187

23.927

6.949

 

Hamm

24.502

23.723

3.556

1.705

3.353

Iserlohn

23.303

15.016

2.315

6.443

8.017

Lüdenscheid

6.747

34.995

6.322

   

Lünen

34.538

29.403

10.721

   

Siegen

20.354

27.302

4.396

8.862

 

Wanne-Eickel

40.047

44.338

22.049

   

Wattenscheid

37.071

38.103

13.844

   

Witten

53.129

39.969

10.735

   

Hannover

404.327

124.910

50.272

95.977

 

Göttingen

32.295

19.275

3.820

24.133

 

Lüneburg

22.328

16.462

4.679

2.542

 

Cuxhaven

20.809

6.192

2.455

16.107

 

Wesermünde

53.707

23.112

12.047

9.539

 

Osnabrück

41.881

34.464

5.581

1.514

18.446

Emden

29.693

 

10.094

23.089

 

Oldenburg

30.776

36.834

7.070

33.104

 

Wilhelmshaven

45.699

33.142

10.139

7.766

 

Braunschweig

 

21.006

 

18.392

 

Delmenhorst

24.496

17.562

3.879

5.858

 

Goslar

15.948

21.697

1.931

741

 

Watenstedt-
Salzgitter


36.945


25.410


7.346

   

Kiel

 

96.508

18.889

   

Flensburg

18.197

18.891

3.655

   

Luebeck

128.695

87.603

19.749

3.981

21.029

Neumünster

34.351

33.767

4.547

   





[Hinweis]

Freiwillige Beitraege zur Deckung der Unkosten der Herstellung und des Versandes unserer Mitteilungen und Veroeffentlichungen erbeten an:
Wilh. Sander, 33, Fernside Avenue, London, N.W.7.

[Seite im Original:] - 6 -

Die Kreistagswahlen in der Franzoesischen Zone am 13. Oktober 1946

Das Gesamtergebnis in der französischen Zone ist aus den folgenden Ziffern ersichtlich, wobei wir die Ergebnisse der Gemeindewahlen vom 15. September 1946 zum Vergleich in Klammern bringen:

CDU

1.159.864

(1.069.561)

 

Demokr.[8]

137.911

(71.864)

SPD

527.349

(469.052)

SV [9]

57.789

(13.949)

KPD

161.561

(142.926)

     




Rheinland, Hessen Nassau

 

Sued-Wuerttemberg

Wahlberechtigt: 890.344.
Abgegebene Stimmen:

Wahlbeteiligung 71% (86,6%)

 

654.094

(79,5%)

   

CDU

254.870

=61%

(195.462

=39,1%)

CDU

375.151

(65,6%)

=329

Sitze

SPD

80.806

20%

(68.663

13,7%)

SPD

155.889

(25,9%)

119

"

KPD

30.752

7%

(24.049

4,8 %)

KPD

31.332

(5,2 %)

13

"

Demokr.

45.747

12%

(27.119

5,4 %)

Demokr.

20.977

(3,3 %)

12

"

Die Splitterparteien, die diesmal nicht aufgetreten sind, hatten bei der Gemeindewahl 185.042 Stimmen = 37%.





Hessen-Pfalz

Wahlberechtigt: 754.238.
Abgegebene Stimmen: 588.900.
Gültige Stimmen: 575.881

CDU

245.808

Stimmen:

185

Sitze

SPD

209.914

"

137

"

KPD

65.854

"

34

"

LDP[10]

8.766

"

4

"

SV

67.789

"

41

"





Eine Tabellenzusammenstellung ergibt folgende Uebersicht:


Wahlgebiete

CDU

SPD

KPD

DPD[11]

Baden

265.045

77.140

33.633

63.121

Hessen-Pfalz

245.808

209.914

65.854

 

Sued-Wuerttemberg

254.870

84.806

30.752

45.747

Rheinl.Hessen-Nassau

375.151

155.889

31.333

20.977

Altenkirchen (Kreis)

23.475

15.877

1.944

 

Andernach (Kreis)

3.404

2.405

493

 

Baden-Baden (Kreis)

6.012

1.959

614

2.432

Biberach (Kreis)

4.037

1.004

230

 

Bitburg (Kreis)

21.555

10.722

2.691

 

Buehl (Kreis)

18.911

2.802

1.370

1.454

Daun (Kreis)

2.965

225

58

 

Emmendingen (Kreis)

18.299

1.837

1.644

 

Freiburg (Stadt)

19.964

8.280

3.481

6.583

Freiburg (Land)

13.750

2.216

676

 

Donaueschingen

10.321

2.492

1.241

2.523

Forbach (Kreis)

839

190

93

26

St. Goar

3.069

5.771

 

1.268

St. Goarshausen (Kreis)

4.208

1.844

189

 

Germersheim

9.637

4.129

711

 

Gaggenau (Kreis)

1.414

723

207

265

Gensbach (Kreis)

698

372

92

260

Kirn a.d. Nahe (Kreis)

1.653

1.077

533

 

Koblenz (Stadt)

13.747

7.565

1.867

 

Konstanz (Stadt/Land)

25.084

6.815

3.381

5.885

Loerrach (Stadt)

13.543

8.765

4.286

7.073

Lahn (Kreis)

14.452

3.959

1.857

5.586

Muelheim (Kreis)

6.910

2.280

716

2.360

Neustadt (Kreis)

9.489

2.085

745

2.040

Offenbach (Kreis)

9.512

3.500

2.045

3.276

Ravensburg

5.498

1.295

755

1.568

Rastatt (Kreis)

15.634

8.102

3.154

5.777

Rastatt (Stadt)

2.599

970

774

1.317

Sigmaringen

10.225

1.700

511

448

Simmern (Kreis)

8.644

1.976

329

2.616

Trier

14.043

7.916

1.366

2.537

T[üb]ingen [(Stadt)]

3.556

3.414

881

927

Tuebingen (Kreis)

19.216

5.457

3.184

4.257

Tuttlingen (Kreis)

17.100

7.098

1.709

3.528

Wittlich (Kreis)

8.642

639

301

359

W[alds]hut (Kreis)

11.726

1.976

1.622

1.986

Wollfahrt (Kreis)

10.568

3.902

928

1.444



[Seite im Original:] - 7 -

Die Wahlen in der Sowjetzone am 20. Oktober 1946

Eine Zusammenstellung der Ergebnisse in den einzelnen Laendern der Sowjetzone ergibt folgendes Bild:

SED

4.658.925

 

Frauenausschuss[12]

17.861

LPD

2.410.146

Kulturbund[13]

18.565

CDU

2.398.095

 


Bei den Gemeindewahlen, die am 1. September im Bundesland Sachsen, am 18. September in Thueringen und der Provinz Sachsen, am 15. September in der Mark Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stattfanden, hatten die einzelnen Parteien folgende Staerke:

SED

5.024.067

 

Bauernhilfe[14]

152.085

LPD

1.874.967

Frauenausschuss

96.117

CDU

1.663.306

 


Die Wahlen in den Laendern

Bundesland Sachsen: Nach dem vorlaeufigen Gesamtergebnis verteilen sich die 180 Sitze fuer die Landtagswahlen auf die einzelnen Parteien wie folgt:

SED

1.595.723

(49,80%)

=

59

Sitze

 

Bauernhilfe

57.229

(1,76%)

=

-

Sitze

LDP

806.163

(24,79%)

=

30

"

Frauenausschuss

17.861

(0,55%)

=

-

"

CDU

756.740

(23,27%)

=

20

"

Kulturbund

18.585

(0,57%)

=

-

"

Die Bauernhilfe, der Frauenausschuss und der Kulturbund erhielten zusammen drei Sitze.


Provinz Sachsen: Wahlbe[berechtigte] 2.695.665, abgegebene Stimmen 2.467.964,
Wahlbet. 91%

SED

1.063.889

(45,8 %)

 

CDU

507.000

(21,9 %)

LDP

695.685

(29,9 %)

Bauernh.

56.630

(2,4 %)



Land Thueringen: Wahlberechtigte 1.911.682 Stimmen, abgegebene Stimmen 1.735.197,
gueltige Stimmen 1.657.196.

SED

816.865

(49,3 %)

 

CDU

313.824

(18,9 %)

LDP

471.415

(28,4 %)

Bauernh.

55.093

(3,3 %)



Provinz Brandenburg:

SED

634.786

(44,8 %)

 

LDP

298.311

(20,6 %)

CDU

422.206

(30,8 %)

Bauernh.

70.728

(4,8 %)



Mecklenburg-Vorpommern:

SED

547.663

(50 %)

 

LDP

138.572

(12 %)

CDU

377.868

(34 %)

 

Bauernh.

43.260

(4 %)



Wahlergebnisse einiger Staedte der Russenzone

Stadt

SED

LDP

CDU

Bauernhilfe

Frauenliste

Kulturbund

Meissen

15.105

6.135

6.435

119

451

 

Dresden

147.895

107.284

49.939

   

Magdeburg

70.489

45.053

26.008

366

Goerlitz

24.722

17.611

8.364

134

172

197

Chemnitz

89.403

29.258

39.655

341

7.217

1.364

Plauen

26.072

23.131

4.782

434

63

239

Rostock

29.839

16.746

17.159

529

   

Frankfurt

15.374

8.508

4.910

156

Cottbus

13.084

4.860

13.084

117

Halle

55.315

58.710

23.549

436

Merseburg

70.469

45.053

26.008

366

Dessau

27.121

17.650

8.454

283

Erfurt

42.132

44.974

17.374

170

Gera

30.522

19.743

8.081

219

Jena

23.697

19.514

5.737

228



Wilhelm Knothe, einer der Vorsitzenden der SPD und Landesvorsitzender der SPD Gross-Hessen, sagte in einer Erklaerung u.a.: "... In Berlin hat eine Million Waehler sich zur deutschen Sozialdemokratie bekannt, waehrend in den Staedten und Doerfern rund um Berlin und in der Sowjetzone den demokratisch-sozialistisch gesinnten Waehlern eine Bekundung ihres politischen Willens unmoeglich gemacht wird. Wenn in der Sowjetzone bei den Wahlen vom letzten Sonntag in fast allen Staedten sogenannte buergerliche Mehrheiten zustandekamen, so nur deshalb, weil ein grosser Teil der Waehlerschaft gegen seine eigentliche Ueberzeugung diesen Parteien die Stimme gab, um so gegen den einseitigen Machtanspruch der SED seinen Willen zu bekunden. Wir fordern deshalb fuer die Sowjetzone die Zulassung der SPD ..."

[Seite im Original:] - 8 -


entnehmen wir einem Bericht des in Hannover erscheinenden Sopade-Informationsdienstes Nummer 6 vom 19. Oktober 1946[15]:

"Fuer denjenigen, der die Gesamtheit der Erscheinungen beobachtet, scheint mit Anfang September 1946 ein voelliger Umschwung eingetreten zu sein. Das Kennzeichen ist der gleichzeitige Ausbruch von Krisen, die bisher latent waren und nun auf einmal das Gesamtbild beherrschen.

Das Verkehrswesen, in dem bisher eine stetige Aufwaertsentwicklung bestand, hat einen starken Rueckschlag erlitten. In der Landwirtschaft ist mit der Getreideernte die Entscheidung zunaechst in unguenstigem Sinne gefallen. Die Krise des Bergbaus ist an verschiedenen Stellen krass zum Durchbruch gekommen.

Das hindert nicht, dass die grosse Vitalitaet, die, wenn auch manchmal ins Krankhafte gesteigert, das Bild der Ostzone beherrschte, weiter besteht. Trotzdem muss bedenklich stimmen, dass die Verkehrskrise entsteht, ehe die eigentliche Belastung durch Rueben- und Kartoffelernte eintritt, und dass die Bergbaukrise gerade am Ende der guenstigen Jahreszeit, in der der Bergbau sich eigentlich erholen sollte, eine solche Zuspitzung erfaehrt.

Der Personenverkehr ist seit etwa einem Monat um etwa ein Drittel reduziert, und die Zuege fahren unpuenktlicher als vorher. Auf Anschlusszuege kann man ueberhaupt nicht mehr rechnen, da man sie entweder nicht erreicht oder sie ausgefallen zu sein pflegen. Obwohl fuer jede Fahrt Genehmigungszwang besteht, ist auf den Trittbrettern oft der letzte Platz besetzt.

Die Gruende bestehen in der Eingleisigkeit der Strecken und dem Mangel an Maschinen. Beides verhindert, dass den gesteigerten Herbstanforderungen Genuege geleistet wird. Die Schwierigkeiten werden sich steigern, wenn die Rueben- und Kartoffelernte erst in vollem Gange sind. Es muss der Standpunkt eingenommen werden, dass die Eisenbahn nie den Anforderungen einer normalen Wirtschaftstaetigkeit genuegen kann, solange die Eingleisigkeit besteht. Die Wiederanlage der zweiten Gleise ist Grundbedingung einer normalen Wirtschaftsfunktion.

Der Autoverkehr soll auf ein Viertel reduziert werden, angeblich wegen Reifenknappheit.

Nationalrussische Konfiskation: Bereits vor zwei Monaten zeigten sich die ersten Anzeichen, dass der massgebliche Teil der Industrie in neuen russischen Organisationen zusammengefasst werden soll. Diese neuen Gebilde sind zum Teil heute schon arbeitsfaehig und firmieren teils als Kombinate, teils als russische Aktien-Gesellschaften. Von den alten Gesellschaften uebernehmen sie nur nach dem 1. August entstandene Verpflichtungen, so dass der 1. August als der Geburtstag angesehen werden kann.

Es sind gewaltige, konzernaehnliche Zusammenfassungen. Nach kapitalistischem Mass gemessen repraesentiert jedes Kombinat ein Kapital von mehreren 100 Millionen Reichsmark. An der Spitze steht jeweils ein russischer General und Generalingenieur, dem eine deutsche Generaldirektion untergeordnet ist. Die deutschen Generaldirektoren sind im allgemeinen bekannte Persoenlichkeiten aus den frueheren Konzernen. Die Betriebe selbst werden zunehmend mit russischem Personal durchsetzt. Bisher sind Kombinate bekannt fuer: Metallurgie, Chemie, Brennstoffe, Stromerzeugung, Stromverteilung, Maschinenbau, Textilien.

Die Betriebe, die zu den Kombinaten gehoeren, versprechen sich insofern gewisse Vorteile, als sie hoffen, dass ihre Beduerfnisse nunmehr besser beruecksichtigt worden. Vielleicht fuehrt das auch zu einer Steigerung des Interzonenverkehrs.

Es ist zu beachten, dass durch die Bildung der Kombinate ein Strich durch die bisherige Sozialisierung gezogen wird. Sie wird gewissermassen ersetzt durch

eine nationalrussische Konfiskation.

Fuer die Kohle war die Sozialisierung provinziell durchgefuehrt gewesen. In der Provinz Sachsen war es die Treuhandstelle fuer den Bergbau, im Land Sachsen die Arbeitsgemeinschaft Bergbau. Auch hier sind die Leiter bekannte Exponenten frueherer Konzerne. Dadurch, dass nun die besten Werke in den Kombinaten zusammengefasst werden, ist der Sozialisierung bisheriger Art praktisch der Boden entzogen. Es kommt hinzu, dass die Kombinate bessere Loehne und Gehaelter versprechen und offenbar auch Preise und Lieferbedingungen diktieren werden, die fuer die unguenstigen Verhaeltnisse der Provinzbetriebe untragbare Arbeitsbedingungen schaffen.

Die Braunkohlenproduktion ist wegen Fehlens von Ersatzteilen schon monatelang zum Zerreissen angespannt. Wenn man an einem Werk vorbeifaehrt, pflegt stets die eine oder andere Anlage wegen Stoerungen stillzuliegen, die unter frueheren Verhaeltnissen nie vorgekommen waeren. Z.B. liegt eine Anlage mit 6000t Kohle Tagesleistung schon wochenlang still, weil es unmoeglich ist, ein Ersatzfoerderband zu finden, obwohl die ganze Zone in Bewegung gesetzt wurde zu helfen.

Die Beschaffung von Ersatzteilen ist auch organisatorisch schwieriger geworden. Seit Bildung der Kombinate ist zum Bezuge ausser der Genehmigung des Landeswirtschaftsamtes auch die des zustaendigen Kombinates noetig. Hinzu kommt der gegenseitige Abschluss der Provinzen. Der Lieferant von Elektroden in der Nachbarprovinz verlangte die Gegenlieferung von Werkzeugmaschinen!

[Seite im Original:] - 9 -

Die Ersatzteilmengen, die bisher aus dem Westen hereinkamen, sind unbedeutend, Bruchteile eines Prozents vom Jahresbedarf. Neu-Anlagen fallen bisher vollstaendig fort. Neuerdings zeigt sich freilich ein zunehmendes Interesse fuer die Fertigstellung angefangener Geraete, moeglicherweise unter dem Einfluss des neuen Kombinates.

Die leitenden Stellen zeigen wegen der abfallenden Leistungen zunehmende Nervositaet. Mir[16] wird gesagt, dass bereits russische Kontroller zur Berichterstattung nach Moskau befohlen wurden ('ich werde verurteilt werden').

Andere Industrien erleiden angeblich weitere Einschaltung in das russische Ruestungsprogramm. Die zivile Industrie laeuft offenbar ausschliesslich fuer russischen Bedarf. Von der Gubener Hutindustrie wird berichtet, dass sie bis auf eine Fabrik ausgebaut wurde. Die Arbeiter sind angeblich erst zum Bahnbau dienstverpflichtet, dann nach Russland abtransportiert worden. Die Wirtschaft scheint weit von einer gesunden Funktion entfernt zu sein. Beziehungen und Gelegenheitsgeschaefte scheinen Trumpf.

In der Landwirtschaft haben die Dreschergebnisse ziemlich allgemein ergeben, dass nicht einmal das Abgabesoll erreicht wird, das allerdings hoeher eingesetzt war als im Vorjahr. Schuld wird vor allem dem Duengermangel, aber auch zu spaeter Aussaat gegeben. Interessant ist die seelische Einstellung der Bauern. Auf die nervoese Spannung, die waehrend der Ernte herrschte, ist nach festliegendem Ergebnis Gleichgueltigkeit und Apathie erfolgt. Es herrscht die Neigung, Pachtland abzugeben, da bei dem unerreichbaren Abgabezoll eine Bewirtschaftung zwecklos erscheint.

Das Ergebnis der Gemeindewahlen wird allgemein als Absage an die SED aufgefasst, auch von ihren Angehoerigen selber. Ausserdem herrscht die Ueberzeugung, dass es durch die bekannten Vorschriften ueber die Aufstellung von Wahllisten und durch die sonstige Beguenstigung der SED irregulaer sei. Offenbar gibt das Ergebnis aber insofern ein richtiges Bild, als der Schwerpunkt der SED sich - widersinnig genug - nach dem Lande verlagert hat: Der Neusiedler ist der Einzige, der nur Vorteile von der Neuordnung gehabt hat, und waehlt darum SED. In sonstigen Kreisen ist es aber zu klar, dass Sozialismus bei der SED nur gilt, wo es der Propaganda nuetzlich ist, und Sozialisierung nur, wo es eine nationalrussische ist.

Die Disziplin der russischen Besatzung ist in der Oeffentlichkeit weiter gut, vergleichsweise besser als die amerikanische. Diesem persoenlichen Eindruck wurde allerdings von Ortsansaessigen strikte widersprochen, die behaupten, dass z.B. auf der Autobahn oder des Nachts der Raub der Autobereifung oder ganzer Wagen durch russische Soldaten an der Tagesordnung sei ..."

In ihrer ersten Funktionaersversammlung nach den Wahlen sprachen Franz Neumann und Dr. Kurt Schumacher zu den Berliner SPD-Funktionaeren[17]. Es kam in der Versammlung eine Protest-Entschliessung zur Verlesung, in der es heisst:

"Am Tage nach den Wahlen sind im sowjetischen Sektor Facharbeiter mit Familie und Hausrat aus ihren Wohnungen abgeholt worden, um gegen ihren Willen nach auswaerts dienstverpflichtet zu werden. Die SPD erblickt in diesen Massnahmen eine Verletzung der Menschenrechte und Grundsaetze des Voelkerrechts. Wir erheben daher gegen diese Handlung vor der Welt feierlich Protest. Solche Macht- und Gewaltmittel betrachten wir als einen Schlag gegen die Demokratie. Die Berliner Bevoelkerung empfindet das um so mehr, als sie sich einen Tag vorher mit ueberwaeltigender Mehrheit fuer Freiheit, Menschenrechte und internationale Zusammenarbeit entschieden hat. Die Vertretung der Interessen der Arbeiter in solchen Faellen ist in erster Linie Aufgabe der Gewerkschaft. Wir stellen fest, dass der FDGB bisher zu diesem Vorgang geschwiegen hat. Das Verhalten der Leistung in dieser Frage wird aber fuer die Berliner Arbeiter der Pruefstein sein, ob sie weiterhin Vertrauen zu diesem haben koennen. Die SPD wird nicht untaetig beiseite stehen, wenn [in] Deutschland Massnahmen ergriffen werden, die eben durch das Nuernberger Urteil vor aller Welt gebrandmarkt worden sind. Sie wird alle Kampfmittel der Arbeiterklasse anwenden, um die Rechte der Arbeiter zu verteidigen. Die Berliner SPD hofft, dass die Arbeiter und Sozialisten in der ganzen Welt diesen Kampf um die Menschenrechte unterstuetzen werden. Arbeiter Berlins! Auf Eure Standhaftigkeit und auf Euren Mut kommt es an. Erweist Euch als wuerdige Kaempfer fuer die Freiheit."

Franz Neumann bezeichnete das Berliner Wahlergebnis als einen "Sieg der Freiheit ueber die Furcht". Die SED habe ihre Existenzberechtigung verloren. Die Schattenregierung des jetzigen Berliner Magistrates[18] muss beseitigt werden. Berlin braucht eine saubere Verwaltung. Die SPD sei zur Uebernahme der Fuehrung und der Zusammenarbeit mit allen anstaendigen und aufbauwilligen Kraeften bereit. Weiter forderte Franz Neumann die Aufhebung der Sektor[en]grenzen in Berlin. Die SPD werde bei der neuen Zusammensetzung des Berliner Magistrates keine Ruecksicht auf Personen oder Sektoren nehmen, sondern ihren alten Grundsatz vertreten: den richtigen Mann an die richtige Stelle.

Der Redner wandte sich auch gegen die bisherigen Methoden der einseitigen Bevorzugung der SED durch den Berliner Rundfunk und kuendigte an, dass die SPD die Vertreter des Berliner Rundfunkes nicht mehr zu Veranstaltungen der SPD hinzuziehe, wenn er wie bisher die Uebertragungen nur einseitig vornehme. Schliesslich forderte Neumann den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund auf, sofortige Neuwahlen vorzunehmen, die jetzige Leitung entspreche in keiner Weise der wirklichen Stimmung der Berliner Arbeiter.

[Seite im Original:] - 10 -

Eine Internationale Sozialistenkonferenz wird vom 8. bis 10. November in Bournemouth zusammentreten, auch diesmal ohne deutsche Vertreter wie bereits im Mai in Clacton on Sea. Die Frage der Wiederherstellung bruederlicher und organisatorischer Beziehungen mit den deutschen Sozialdemokraten soll einer der Hauptpunkte der Tagesordnung sein. Es liegen positive Vorschlaege der schwedischen und daenischen Genossen auf Hinzuziehung der deutschen Genossen an den Arbeiten der Internationale vor. Bekanntlich wurden aehnliche Vorschlaege unserer nordischen Freunde in Clacton mit Ruecksicht auf die starke Opposition tschechischer Sozialisten vertagt. Das Problem der internationalen Zusammenarbeit und der Wiederaufnahme organisatorischer Beziehungen zu den deutschen Sozialdemokraten sollte in der Zwischenzeit studiert werden. Es haben Beratungen zwischen der Labour Party und den franzoesischen Sozialisten stattgefunden, und die deutschen Sozialdemokraten haben in der Zwischenzeit eine starke und kampfbereite Organisation aufgebaut, die ihren Siegeswillen in den letzten Wahlkaempfen bewiesen hat. Voraussichtlich wird in einem Bericht ueber den Stand der europaeischen Arbeiterbewegung an die Konferenz auch ein Bericht ueber die wiedererstandene Sozialdemokratische Partei Deutschlands, ihre Organisation, ihre Staerke und ihre Politik erstattet werden.


In die Heimat zurueckgekehrt sind seit unserer letzten Mitteilung an dieser Stelle: Gerhard Kreyssig und Frau[19], Peter Ollenhauer und Frau[20] nach Muenchen, Emmy Gleinig[21] und Martha Friedlaender[22] als Lehrerinnen, Helene Schoettle und Tochter[23] nach Stuttgart, Frieda Walter nach Frankfurt a.M., Amy Brost und Kind[24] nach Essen, die sudetendeutschen Genossen G. Exler[25] nach Essen und Ali Reitzner[26] nach Hannover, Gustav Tille und Frau[27] nach Weissenfels, Gustav Heckmann[28] als Lehrer, Charlotte Heckmann als Jugendfuersorgerin, Elisabeth Innis[29] und Hedwig Urban[30] nach Koeln, Arthur Levi[31] nach Goettingen, Ingrid Sieder[32] nach Bielefeld, Siegfried Ortloff[33] und Erich Lindstadt[34] (beide aus Schweden) nach Hannover, Heinz Putzrath und Marga Ploeger[35] nach Hannover, Ludwig Rosenberg und Frau[36] ins Zonensekretariat der Gewerkschaften nach Bielefeld[37], Walter Benninghaus[38] als Bezirksleiter der Eisenbahner nach Bielefeld, Genossin Bennemann[39] nach Braunschweig, die Genossinnen Ada Lessing[40] und Marianne Nelke[41] nach Hannover, Willi Vogel[42] (aus Stockholm) nach Muenchen, Rudolf Krautter[43], Karl Dudeck[44] und Rudolf Moeller-Dostali nach Hannover, Ruth Hall[45] nach Hannover, Walter Auerbach und Familie nach Lemgo zur Uebernahme einer leitenden Funktion im Zentralamt fuer Arbeit[46], Fritz Tarnow[47] (aus Schweden) zur Uebernahme gewerkschaftlicher Funktionen nach Hamburg, Hans Geiser[48] und Familie nach Hannover und die ehemaligen Reichstagsabg[eordneten] Arthur Arzt[49] und Karl Huenlich[50] (aus Schweden) in die Britische Zone.

Ferner reisen in den kommenden Tagen in die Britische Zone: Karl Hebenstreit[51] und Frau, Gerda Krautter[52] und die sudetendeutschen Genossen Franz Hellmich[53] und Familie (aus Schweden), Fritz und Ritschie Ludwig[54].

Die Genossen Ernst Paul (aus Stockholm) und Richard Reitzner - London - befinden sich gegenwaertig auf einer Studienreise durch Deutschland, um mit Organisationen und Behoerden ueber die Rueckkehr sudetendeutscher Sozialdemokraten zu verhandeln.

Genosse Ernst Reuter und Frau[55] befinden sich auf der Reise von Ankara ueber Marseille nach Deutschland. Genosse Victor Schiff ist als Korrespondent des "DAILY HERALD" mit seiner Familie von London nach Rom uebersiedelt.


Die Gruendung eines neuen Partei-Archivs hat der Parteivorstand in Hannover in Angriff genommen. An alle Mitglieder und Freunde der SPD in allen Laendern ergeht deshalb der Aufruf um Hilfe. Gebraucht werden auch alle Aufrufe, Zeitungen, Zeitschriften, Broschueren und Buecher der gesamten deutschen, oesterreichischen und sudetendeutschen Emigration, soweit sie politischen Charakter haben. Ferner alle sozialistischen Publikationen der Vorhitlerzeit. Wer kann uns die "INPREKOR"[56] zur Verfuegung stellen? Wer kann uns ganze Jahrgaenge oder einzelne Nummern folgender Publikationen zustellen oder vermitteln:

"Neuer Vorwaerts"[57], "Deutschland-Berichte"[58] der SOPADE, die Veroeffentlichungen des GRAPHIA-VERLAGES[59] in Karlsbad, des "Pariser Tageblatt"[60], der "Pariser Tageszeitung"[61], der "Zukunft"[62] (von Willi Muenzenberg), der "Neuen Weltbühne"[63], der "Europaeischen Hefte"[64], des "Neuen Tage-Buch"[65], der "Neuen Deutschen Blätter"[66], des "Wort"[67], der "Internationalen Literatur"[68], der "Sammlung"[69], von "Mass und Wert"[70] des "Aufbau" (New York), des "Freien Deutschland" (Mexiko), der "Zeitung" (London), der "Sozialistischen Nachrichten", der "Sozialistischen Mitteilungen", des "Sozialdemokrat" (London), der "Einheit"[71] (London), der "Freien Tribuene"[72], "Das Andere Deutschland" (Argentinien), "Deutsche Blätter" (Chile), sonstiger in einzelnen Laendern herausgegebener Schriften.

Alle Sendungen werden erbeten an: Fritz Heine, Odeonstrasse 15/16, Hannover, soweit dies nicht moeglich an: Wilh. Sander, London, N.W.7., 33, Fernside Avenue.


[Veroeffentlichungshinweis]

"Das politische Deutschland vor Hitler". Unter diesem Titel hat Genosse Wilhelm Dittmann im "EUROPA-VERLAG" Zuerich (Oprecht-Zuerich) einen politischen Atlas im Gross-Format erscheinen lassen, der jetzt auch ins Ausland verschickt werden kann und nach den Wahlen in Deutschland besonders aktuell ist. Ausser einem Tableau saemtlicher Regierungen und Ministerien von 1918 bis 1933 bringt der Atlas eine farbige Tafel aller Reichstagswahlen und Parteien von ganz Deutschland und allen 35 Reichstagswahlkreisen. Preis 10/-




[Beilage, Seite: - 1 - ]

[Beilage zu SM, Nr. 92, 1946]

Arbeiterwohlfahrt Gross-Britannien
33, Fernside Avenue,
London N.W.7.



November, 1946



Aus Berichten und Briefen, aus Schilderungen von Freunden, die sich wochenlang in Deutschland aufhielten, geht mit aller Deutlichkeit hervor, dass die soziale Situation in nord- und westdeutschen Bezirken unvergleichlich schwieriger ist als in Sueddeutschland. Ein verantwortlicher und massgeblicher Funktionaer der SPD berichtet:

"Die Freunde vernehmen mit grosser Genugtuung von den Anstrengungen, die drueben in privater Wohltaetigkeit gemacht werden. Sie sind bitter noetig, vor allem fuer die Menschen im Ruhrgebiet und in einigen grossen Staedten. Sie sind mehr als noetig besonders fuer die vielen hundert und tausend Funktionaere, die ihre politische Arbeit verrichten und die karge Freizeit nicht wie andere fuer Schwarzmarkt-Fahrten, sondern der Arbeit fuer die Bewegung widmen. Wie lange das noch geht, ist sehr fraglich. Es geschieht immer haeufiger, dass Funktionaere in Versammlungen zusammenbrechen, dass Rednerinnen waehrend des Vortrages ohnmaechtig werden. Deutschland kann bald das Land der Tuberkulose genannt werden. Die Krankenzahlen steigen rapide, und so gehen die Sterbeziffern in die Hoehe. In Hamburg sind in einer Woche 12 Maenner in den Krankenhaeusern am Hungertod gestorben, da sie schon in einem zu fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung eingeliefert wurden. Ueber 1.100 aehnliche Faelle liegen gegenwaertig noch allein in der Stadt Hamburg. Aufreizend ist nicht so sehr, dass die Hilfeleistung aus aller Welt ungenuegend ist; schliesslich begann Deutschland den Krieg und kann sich nicht wundern, wenn nicht aus dem (nicht vorhandenen) Vollen geholfen wird, wobei zu sagen ist, dass man sich in Deutschland ueber das Ausmass der Hilfe durch England und Amerika gar keine Vorstellung macht; das Aufreizendste fuer mich ist die Hartherzigkeit jenes Teiles der deutschen Menschen selbst, die die Mitmenschen um sich herum gefuehllosen Herzens verhungern sehen. Es gibt 40 bis 50 Millionen Deutsche, die nichts zu essen haben, und es gibt 5 bis 10 Millionen Deutsche, die die schmutzigsten Kriegsgewinnler dieser Zeit sind. 60% aller Deutschen verdienen unter 100 Mark; Zehntausende sind heute nicht mehr in der Lage, auch nur die kaerglichen Rationen zu bezahlen, die ihnen zustehen, weil ihr Lohn nicht ausreicht. Die Klassengegensaetze waren noch nie so gross wie heute und vergroessern sich von Tag zu Tag."


Hamburger Ausschuss fuer soziale Fuersorge "Arbeiterwohlfahrt". Kein Raum, kein Inventar, kein Material. Mit einem Bleistift, mit einem Stueck Papier fingen wir wieder an. Heute entsteht die AW als eine Spitzenorganisation an erster Stelle. Das fruehere Kinderheim in Westerland steht wieder im alten Glanze. 80 Kinder werden 6 Wochen lang betreut. Etwa 13.000 Verpflegungstage konnten schon geleistet werden. Mit grosser Muehe ist es gelungen, die Tageskolonie Koehlbrand fuer etwa 500 Kinder aufnahmefaehig zu machen. Wir moechten uns auch weiterhin gern selbst helfen. Sie koennen es verstehen, dass es fuer uns Mitglieder der AW beschaemend ist, um Hilfe zu bitten, aber die Not ist zu gross.


Arbeiterwohlfahrt Braunschweig. Die Organisation ist besonders in den Staedten und Kreisen, die an der Russischen Zone liegen, sehr stark zur Betreuung der Ausgewiesenen angespannt. Es ist unmoeglich, das Elend dieser Menschen zu schildern, die noch zu Tausenden in Bunkern liegen. Es gibt Familien mit 18 Kindern, die einfach nicht unterzubringen sind. 500 Wohnungen werden bis Mitte Oktober fuer englische Familien beschlagnahmt; die Kasernen sind noch von auslaendischem Militaer besetzt. Wir koennen auf das Jahr, das hinter uns liegt, stolz sein. Wir haben ein Hotel in Bad Harzburg gepachtet und geben etwa 30 Kindern einen vierwoechigen Erholungsaufenthalt. Das englische Rote Kreuz gibt uns jeden Monat eine Lebensmittelzuteilung. Ein frueheres Ausflugslokal, das bisher von der Militaerregierung beschlagnahmt war, soll in ein Jugendheim umgebaut werden, in dem Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren untergebracht werden, die elternlos herumvagabundieren. Leider besteht noch keine Moeglichkeit, die Jungens aufzunehmen, denn das Haus muss nach der Freigabe voellig instandgesetzt werden, da es von den Polen innen sehr zerstoert wurde. Dieses Heim ist uns vom Ministerium uebertragen worden, aber um jeden Nagel muss gekaempft werden.


Hilfe fuer die Amerikanische Zone. Das International Rescue and Relief Committee hat, wie das Zonensekretariat Stuttgart mitteilt, der AW etwa Mitte vorigen Monats rund 100 t Kleider und Lebensmittel zur Verfuegung gestellt. Etwa 30.000 Kinder konnten durch diese Hilfeleistung in einer vierwoechigen Erholungsfuersorge betreut werden. Die Kinder kamen oft, ohne ein Stueck Brot gegessen zu haben, in die Schule und brachen nach 2 Stunden zusammen. Durch die amerikanische Hilfe, die fortgesetzt wird, ist den Kindern eine so gute Erholung zuteilgeworden, dass sich eine Gewichtszunahme bis zu 5 Pfund feststellen liess.


Helene Schoettle, die fruehere Mitarbeiterin im Ausschuss der AW-London, schreibt aus Stuttgart, dass die Ernaehrungslage in der Amerikanischen Zone besser als in der Franzoesischen und Englischen ist, obwohl es sehr knapp zugeht und der Hunger sich sehr oft

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meldet. Wie ueberall in der Amerikanischen Zone haben die Stuttgarter waehrend des Sommers sehr fleissig gearbeitet; das sichtbarste Zeichen war die Durchfuehrung der Ferienkolonien in den Waldheimen. In 11 Heimen waren rund 3.500 Kinder fuer 4 Wochen untergebracht. Das Kindererholungswerk geht seinem Ende zu. Seit April waren im Schwarzwald 500 Kinder untergebracht, die besonders anfaellig waren. Die Tuberkulose nimmt unter den Schulkindern in erschreckendem Masse zu.


Die Arbeiterwohlfahrt New York, der eine grosse Anzahl bekannter amerikanischer Organisationen und Persoenlichkeiten angehoeren, hat der AW in der Amerikanischen Zone 3.000 Pfd. Nahrungsmittel und Kleidung zur Verfuegung gestellt. Die New Yorker Organisation der AW gibt ein eigenes "Bulletin"[73] heraus. Im Praesidium arbeitet Marie Juchacz, die fruehere Vorsitzende des Hauptausschusses fuer Arbeiterwohlfahrt. - Die "Labor-League-News"[74], das Blatt der American Federation of Labor, veroeffentlichte einen langen Aufruf, in dem sie fuer die Taetigkeit der AW New York Propaganda macht.


Notruf an die englischen Frauen. Die Leiterin des Frauenbueros im Vorstand der Sozialdemokratischen Partei, Herta Gotthelf, die fruehere Sekretaerin der Arbeiterwohlfahrt-London, hat in ihrem Nachrichtenblatt[75], das in regelmaessigen Abstaenden englischen Organisationen und Persoenlichkeiten zugeht, von erschuetternden Zustaenden in der Britischen Zone berichtet. Hannover, eine der zerbombtesten Staedte in Norddeutschland, musste 10.000 Ostfluechtlinge aufnehmen, obwohl die Militaerverwaltung versprochen hat, keine Transporte mehr dorthin zu senden. Die Fluechtlinge sind in luft- und fensterlosen Luftschutzkellern untergebracht, die oft nicht einmal Tueren haben. Es war unmoeglich, all die Menschen auch nur mit Stroh als Schlafgelegenheit zu versorgen, obwohl es sich meistens um Frauen und Kinder und um alte und kranke Menschen handelt. Trotz dieser Zustaende sollen noch weitere 26.000 Ausgewiesene in Hannover untergebracht werden. Die Kinder waren barfuss und nur ausserordentlich mangelhaft bekleidet. Berichte, die dem Frauenbuero von verschiedenen Fluechtlingslagern zugehen, sagen u.a., dass fuer die Babys anstelle von Windeln Zeitungspapier verwendet werden muss. Diese unglaublichen Lebensbedingungen sind nicht nur in der Stadt und Provinz Hannover, sondern auch in allen anderen Bezirken Deutschlands zu finden. Hinzu kommt, dass die Nahrungsmittelsituation verzweifelt ist und dass die Erhoehung der Kalorien lediglich aus trockenem Brot besteht. Die Fettration fuer den ganzen Monat betraegt 7 Unzen, die Fleischration 15,8 Unzen. - Die Tuberkulose ist, ebenso wie alle anderen Mangelkrankheiten, ausserordentlich ansteigend. Medikamente und Betten in Krankenhaeusern sind ganz unzureichend. Eine Aerztin teilte mit, dass die Krankenhaeuser so ueberfuellt sind, dass die Frauen Kinder in den Gaengen und auf Treppen bekaemen. Die Leiterin des Frauenbueros appelliert an die englische Oeffentlichkeit um durchgreifende Hilfe.


Die kirchlichen Hilfsorganisationen in Deutschland erhalten, wie uns von fast allen Sekretariaten der AW mitgeteilt wird, den Hauptanteil der Lebensmittel- und Kleiderspenden aus dem Ausland. Ein zonales Sekretariat hat den Verteilungsschluessel in seinem Bezirk folgendermassen berechnet: 50% erhaelt das Hilfswerk der Evangelischen Kirche, 25% der katholische Caritas-Verband, 5% die Arbeiterwohlfahrt; der Rest verteilt sich auf kleinere Organisationen, zumeist lokalen Charakters, die aber wiederum in enger Arbeitsgemeinschaft mit den kirchlichen Verbaenden stehen.


Lotte Lemke, die Leiterin des Hauptausschusses fuer AW in Deutschland, wird auf Einladung des Komitees "Save Europe Now"[76] in den naechsten Wochen fuer kurze Zeit nach London kommen.


Arbeiterwohlfahrt-London, Vors. Jenny Fliess[77], 33 Green Lane, N.W.4. Durch die freundliche Bereitwilligkeit der Quaeker ist es moeglich gewesen, den Tonfilm "While Germany waits"[78] vorzufuehren, der in Deutschland aufgenommen wurde und in England einen solchen Erfolg hatte, dass es fast unmoeglich war, ihn fuer die Arbeiterwohlfahrt bereitzustellen. A. E. Bratu[79], der kuerzlich aus Deutschland zurueckkehrte, hielt das einleitende Referat. Jenny Fliess richtete einen warmherzigen Appell an die zahlreich Versammelten. Die Veranstaltung fand am 14. November in "The Friends Meeting Hall", 123 Heath Street, um 7.30 U[hr] statt.


Gemeinsam mit der "Treugemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten" veranstaltet die Arbeiterwohlfahrt auch in diesem Jahre eine Weihnachtsmesse in der "VEGA". Die Weihnachtsmesse findet am 15. Dezember von 12 Uhr bis 6 Uhr statt. - Mitglieder, Foerderer und Freunde der Arbeiterwohlfahrt werden gebeten, die kuenstlerisch ausgefuehrte Weihnachts- und Neujahrskarte schon jetzt zu bestellen. Die Karte wurde von dem bekannten sudetendeutschen Graphiker G. H. Trapp[80] (jetzt in Schweden) entworfen. Er hat das Motto: "Drei Generationen" in kuenstlerisch vollendeter Weise mit starker Wirkung dargestellt. - Fuer die Sammlung von Kleidungsgegenstaenden ist ein Flugblatt herausgegeben worden, das durch die Geschaeftsstelle: 33 Green Lane, London N.W.4. (Tel: HINdon 6819) zu beziehen ist.


Hilfsaktionen fuer die AWo in Deutschland !
Tretet wegen aller Auslandshilfe mit der Zentrale fuer Arbeiterwohlfahrt,
Lotte Lemke, (10) Hannover, Friedrichstr. 15, in Verbindung.






Editorische Anmerkungen


1 - Eigentlich Südschleswigsche Vereinigung (SSV), die Vertretung der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein, aus der 1948 der Südschleswigsche Wählerverband hervorging.

2 - Die 1945 gegründete Bremer Demokratische Volkspartei (BDV) war bis zu ihrem Anschluss an die FDP (1951/52) eine eigenständige Partei.

3 - Gemeint ist die Sozialdemokratische Partei Flensburgs (SPF), die 1946 aus Teilen des SPD-Kreisvereins Flensburg entstand. Über die Frage der Zugehörigkeit Flensburgs zu Dänemark war es in der Flensburger SPD zu einem Konflikt gekommen. Der Parteivorsitzende Kurt Schumacher ("Südschleswig ist deutsch") hatte den SPD-Kreisverband kurzerhand aufgelöst. 1954 kehrte die SPF in die SPD zurück.

4 - Das Kürzel konnte nicht entschlüsselt werden.

5 - Radikal-Soziale Freiheitspartei, die im Januar 1946 für die Britische Zone gegründet worden war. 1950 schloss die RSF sich mit anderen zur Frei-Sozialen Union zusammen. Ziel: "Die Erkenntnisse Silvio Gesells durch eine unabhängige politische Organisation zu verwirklichen". S. Gesell (1862 - 1930), während der bayrischen Räteregierung 1919 acht Tage lang Volksbeauftragter für Finanzen, hatte als Autodidakt etwas eigenwillige Wirtschaftstheorien entwickelt ("Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld").

6 - Republikanische Partei Deutschlands. Die RPD, eine 1945 entstandene mittelständische Kleinpartei, strebte in der Anfangszeit eine Synthese zwischen Ost und West an. Ihr Wirken blieb auf Hamburg und Berlin beschränkt (1945-1953).

7 - Deutsche Konservative Partei. Die 1945 gegründete DKP versuchte, an die Traditionen der Deutschnationalen Volkspartei der Weimarer Republik anzuknüpfen. Sie blieb bedeutungslos.

8 - Demokratische Volkspartei (später FDP).

9 - Sozialer Volksbund. Der SV entstand 1946 (später FDP).

10 - Liberal-Demokratische Partei, die sich in Hessen als antisozialistische bürgerliche Sammlungsbewegung verstand (später FDP).

11 - Demokratische Partei Deutschlands (später FDP).

12 - Es handelt sich um die 1945 gegründeten antifaschistischen Frauenausschüsse, aus denen 1946/ 1947 der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) hervorging.

13 - Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands (KB). Der KB entstand 1945 auf Initiative der sowjetischen Militärbehörden (SMAD). Er sollte als interzonale überparteiliche Organisation der Kulturschaffenden arbeiten.

14 - Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB), deren Gründung 1945 im Zusammenhang mit der eingeleiteten Bodenreform erfolgte. Die VdgB sollte die Neubauern (umgesiedelte ehemalige Landarbeiter und Kleinbauern) für die Bündnispolitik der SED gewinnen. Aus der Bauernhilfe ging 1948 die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD) hervor.

15 - Der vom SPD-PV in Hannover hrsg. "Sopade-Informationsdienst" erschien 1946, zuerst hektographiert, später gedruckt, ab Dezember 1946 aufgegangen in "Sopade. Querschnitt durch Politik und Wirtschaft", der wiederum bis 1954 erschien.

16 - Autor auch im "Sopade-Informationsdienst" nicht namentlich genannt.

17 - Am 21.10.1946.

18 - Die Zusammensetzung des Berliner Magistrats, der bis November 1946 amtierte, war von den Besatzungsbehörden bestimmt worden. Die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung schuf die Möglichkeit einer demokratischen Zusammensetzung der Berliner Stadtregierung.

19 - Elsbeth Kreyssig, geb. Lambrecht (1899 - 1972)

20 - Peter Ollenhauer (geb. 1923), zusammen mit seinem Vater Erich Ollenhauer im Exil (CSR, Frankreich und Großbritannien), 1937 ausgebürgert.
Inge Ollenhauer, geb. Kreyssig (geb. 1925), die P. O. im Exil kennen gelernt hatte, 1938 ausgebürgert.

21 - Emmy Gleinig (geb. 1908), Arbeiterin, vor 1933 Mitglied des ISK, seit 1938 Exil in Großbritannien.

22 - Martha Friedländer (geb. 1896), Lehrerin, vor 1933 ISK-Mitglied, 1936 nach Dänemark emigriert, 1937 nach Großbritannien.

23 - Helene Schoettle, geb. Oswald (geb. 1903) und Doris Schoettle (geb. 1928), beide ab 1934 Exil in der Schweiz. Helene Schoettle war die Frau von Erwin Schoettle.

24 - Margarete Brost, geb. Ortmann (1904 - 1966), und Martin Brost (geb. 1946). Margarete Brost war die Ehefrau von Erich Brost (siehe: SM 45, Anf. Jan. 1943, Anm. 21).

25 - "G. Exler": Höchstwahrscheinlich Albert Exler (geb. 1910), Arbeiter in einer Papierfabrik, dann Journalist, seit 1926 Mitglied einer Gewerkschaft, der SJ und der DSAP, Dezember 1938 Emigration aus der CSR nach Finnland, Dezember 1939 Freiwilliger in der finnischen Armee, 1941 Flucht nach Schweden, 1942 Exil in Großbritannien, Mai 1944 mit dem Fallschirm über Böhmen abgesetzt, um Kontakte zur sudetendeutschen Widerstandsbewegung aufzunehmen, März 1945 nach Wien, dort verhaftet, durch die anrückenden Alliierten vor angeordneter Hinrichtung gerettet. 1946 nach kurzem Aufenthalt in Großbritannien in die Britische Besatzungszone, 1946 SPD-Mitglied und ab diesem Jahr Redakteur an verschiedenen sozialdemokratischen Tageszeitungen, 1951-1973 in der Redaktion des "SPD-Pressedienstes" (Bonn).

26 - Alkmar Reitzner (geb. 1923), Sohn von Richard Reitzner (siehe SM 22, 1. Febr. 1941, Anm. 12), Journalist, seit 1938 Exil in Großbritannien. SPD-Mitglied, 1958-1961 Pressechef der SPD Bayern, ab 1962 Mitglied des SPD-Landesausschusses.

27 - Gustav Tille (geb. 1880), Kaufmann und Angestellter, seit 1900 Mitglied der SPD, ab 1933 Exil in der CSR, ab 1939 in Großbritannien, 1939/40 dort interniert.
Margit Tille (geb. 1894), Sängerin, seit 1918 SPD-Mitglied, ab 1937 Exil in Italien, ab 1939 in Großbritannien, 1940/41 dort interniert.

28 - Gustav Heckmann (geb. 1898), Lehrer, später Hochschullehrer, seit 1926 ISK-Mitglied und Mitarbeiter an verschiedenen ISK-Publikationen, Oktober 1933 Emigration nach Dänemark, Verbindungen mit der illegalen Organisation im Reich, 1938 nach Großbritannien, 1940 ausgebürgert, 1940/41 interniert, 1942-1946 in der Minenabwehr für die britische Admiralität tätig, 1945/46 Referent in Kriegsgefangenenlagern. Ab 1946 Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Hannover, ab 1945 SPD-Mitglied.
Johanna Charlotte Heckmann, geb. Jacob (geb. 1909), Tänzerin, später Jugenderzieherin, seit 1945 Mitglied der SPD.

29 - Elisabeth Innis (geb. 1903), Büroangestellte, seit 1930 ISK-Mitglied, 1937 Emigration (Schweiz und Frankreich, 1939 Großbritannien), ab 1945 SPD-Mitglied.

30 - Hedwig Urban (geb. 1896), Fabrikarbeiterin, vor 1933 USPD-, SPD-, ISK-Mitglied, ab 1933 Exil in Frankreich, 1937 nach Großbritannien, ab 1945 SPD-Mitglied.

31 - Arthur Levi (geb. 1922), kaufmännische Lehre, 1937 Emigration nach Großbritannien, dort ISK-Mitglied. Ab 1945 SPD-Mitglied, 1956-1973 Mitglied des Stadtrats von Göttingen, 1973-1981 und 1986-1991 SPD-Oberbürgermeister von Göttingen.

32 - Ingrid Sieder (geb. 1912), kaufmännische Angestellte, vor 1933 ISK-Mitglied, 1938 Exil in der Schweiz, ab 1939 Großbritannien, 1941 dort interniert, ab 1945 SPD-Mitglied.

33 - Siegfried Ortloff (geb. 1915), Angestellter, SAJ- und SPD-Mitglied, 1935-1937 wegen illegaler Tätigkeit inhaftiert, 1937 Flucht in die CSR und über Dänemark nach Schweden. Nach dem Krieg Mitarbeiter des SPD-PV, später Redakteur des Deutschlandfunks in Köln.

34 - Erich Lindstaedt (1906 - 1952), nach kaufmännischer Lehre Telefonist und Filmvorführer, seit 1920 SAJ-, später SPD-Mitglied, zeitweise Referent beim Hauptvorstand der Arbeiterjugendvereine Berlin, danach SAJ-Sekretär in Hamburg, 1933 inhaftiert, danach Flucht in die CSR, Zusammenarbeit mit der Sopade und der SJI, 1939 Flucht nach Schweden, dort als Arbeiter tätig, Mitglied der schwedischen Sopade-Gruppe, 1940 ausgebürgert. Ab 1946 Leiter des Sekretariats der Sozialistischen Jugend Deutschlands (SJD) - die Falken, ab 1947 deren Vorsitzender, Mitgründer des Deutschen Bundesjugendringes.

35 - Marga Plöger (geb. 1910), Kontoristin, vor 1933 Gewerkschaftsmitglied, 1939 nach Großbritannien, dort Mitglied des ISK, ab 1945 SPD-Mitglied.

36 - Ludwig Rosenberg (1903 - 1977), kaufmännischer Angestellter, 1924 Mitglied der SPD, ab 1928 hauptamtlicher Funktionär der Gewerkschaft der Angestellten (GDA), 1933 Flucht vor Verhaftung nach Großbritannien, freiberufliche Tätigkeit als Journalist und Lektor, 1940 interniert, Mitglied der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien und Londoner Sopade-Gruppe. Ab 1949 Mitglied des Bundesvorstandes des DGB, 1962-1969 DGB-Vorsitzender.
Ehefrau: Margot Rosenberg, geb. Mützelburg (geb. 1905).

37 - Im März 1946 war auf einer Konferenz in Hannover beschlossen worden, für die Britische Zone ein Zonensekretariat und einen Zonenausschuss zu errichten, welche die Gewerkschaftsarbeit koordinieren und Fragen der künftigen Organisationsform diskutieren sollten. Eine erste Konferenz hatte im August 1946 in Bielefeld stattgefunden.

38 - Walter Benninghaus (1898 - 1947), Werkzeug- und Maschinenschlosser, seit 1916 Gewerkschafts- und seit 1917 SPD-Mitglied, 1924-1930 kommunale Funktionen in Gummersbach, 1931-1933 Sekretär des Einheitsverbands der Eisenbahner Deutschlands in Düsseldorf, 1937 Flucht vor drohender Verhaftung in die Niederlande, nach Belgien abgeschoben, Mitarbeit bei der ITF-Gruppe Antwerpen, 1939 ausgebürgert, 1944 nach Großbritannien, dort Mitarbeit bei der ITF-Zentrale. Nach dem Krieg ÖTV-Sekretär in Krefeld; tödlicher Verkehrsunfall.

39 - Franziska Bennemann, geb. Stellmacher (1905 - 1986), Arbeiterin, seit 1919 Gewerkschafts- und seit 1922 SPD-Mitglied, ISK-Mitglied seit 1926, nach 1933 illegale Tätigkeit, 1939 nach Großbritannien. Seit 1946 wieder SPD-Mitglied, 1953-1961 SPD-MdB. Ehefrau von Otto Bennemann.
Otto Bennemann (geb.1903), vor 1945 ebenfalls ISK-Mitglied, 1938 bis 1946 im Exil in Großbritannien, später u.a. SPD-Oberbürgermeister in Braunschweig und 1959-1967 niedersächsischer Innenminister.

40 - Ada (eigentlich Adele) Lessing, geb. Grote-Abbenthern (1883 - 1953), Pädagogin, seit 1918 SPD-Mitglied, seit 1933 Exil in der CSR, 1938 nach Großbritannien. Frau des Philosophen und Schriftstellers Theodor Lessing (1872-1933), ebenfalls SPD-Mitglied, der im tschechischen Exil von Nationalsozialisten ermordet wurde.

41 - Marianne Nelke, geb. Bauer (geb. 1915), Lehrerin, 1938 als Österreicherin nach Großbritannien emigriert, seit 1946 mit dem deutschen Sozialdemokraten Günter Nelke (ebenfalls im Exil in Großbritannien) verheiratet.

42 - Willi Vogel (1910 - 1989), Sohn des SPD-Vorsitzenden Hans Vogel, Buchdrucker, seit 1927 SPD-Mitglied, 1933 Exil in der CSR, 1935 nach Schweden, Mitglied der Sopade-Gruppe in Stockholm, 1937 ausgebürgert. Nach dem Krieg Tätigkeit in der süddeutschen sozialdemokratischen Presse.

43 - Rudolf Krautter (geb. 1908), Metallschleifer, 1924-1927 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD), 1927-1938 KPD-Mitglied, 1933 verhaftet und für 27 Monate inhaftiert, 1936 Flucht in die CSR, 1939 nach Großbritannien, 1940-1941 interniert, seit 1945 SPD-Mitglied. Verheiratet mit Gerda K. (Anm. 52 ).

44 - "Karl Dudeck": wahrscheinlich Kurt Dudeck (geb. 1908), Metallschleifer, 1926-1939 KPD-Mitglied, wegen illegaler Tätigkeit 1933-1935 im Zuchthaus, 1935 Flucht in die CSR, 1939 nach Großbritannien, 1940-1942 interniert, seit 1945 SPD-Mitglied.

45 - Ruth Hall, geb. Eichwald, (geb. 1912), Kindergärtnerin, seit 1936 in Großbritannien, dort ISK-Mitglied, verheiratet mit einem Engländer, seit 1945 SPD-Mitglied; 1950 Heirat mit Gerhard Gleissberg (s. d.).

46 - Walter Auerbach (1905 - 1975), Zeitungswissenschaftler, seit 1923 SPD-Mitglied, 1930-1933 Funktionär des Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs in Berlin, Mai 1933 kurzfristig verhaftet, dann Flucht in die Niederlande, bis 1946 Mitarbeiter des Generalsekretariats der ITF (Deckname Walter Dirksen), Hrsg. des ITF-Informationsdienstes "Faschismus", 1939 mit der ITF-Zentrale von Amsterdam nach Großbritannien, enge Kontakte zur Labour Party, Mitgründer der German Educational Reconstruction, Rundfunktätigkeit. Ab November 1946 Vizepräsident des Zentralamts für Arbeit in der Britischen Besatzungszone, 1948-1955 und 1957-1969 Staatssekretär im niedersächsischen Arbeitsministerium, 1969-1971 Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung.
Seine Frau: Käte Auerbach, geb. Paulsen (geb. 1903), Philologin, SPD-Mitglied, Exil in Großbritannien. Sowohl Walter wie Käte Auerbach wurden 1939 ausgebürgert.
Das Zentralamt für Arbeit in Lemgo hatte - unter Kontrolle der Besatzungsmacht - in mancher Hinsicht die Funktionen eines "Arbeitsministeriums" für die Britische Besatzungszone

47 - Fritz Tarnow (1880 - 1951), Tischler, seit 1900 Mitglied des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes und der SPD, ab 1906 Gewerkschaftsfunktionär, ab 1920 Vorsitzender des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes, 1928-1933 SPD-MdR und Mitglied des ADGB-Vorstandes, Theoretiker der Wirtschaftsdemokratie, Mitautor eines bekannt gewordenen Plans zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, im Mai 1933 nach kurzfristiger Haft emigriert. Stationen: Prag, Paris, Amsterdam, London, Kopenhagen (1933-1940), 1939 ausgebürgert, 1940 Flucht nach Stockholm, Mitarbeit in der Internationalen Gruppe demokratischer Sozialisten ("Kleine Internationale"), Verbindungen zu Widerstandskreisen in Deutschland. Nach Rückkehr nach Deutschland Funktionen bei den Gewerkschaften in der US-Zone, 1948/49 SPD-Mitglied des Parlamentarischen Rats.

48 - Hans Geiser (1884 - 1961), Mechaniker und Techniker, seit 1902 Mitglied der SPD und der Gewerkschaft, ab 1912 Gauleiter des Butab (Bund der technischen Angestellten und Beamten), SPD-MdL Sachsen, April 1933 Flucht in die CSR, 1938 nach Großbritannien emigriert, dort Mitarbeit bei der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter. Nach Rückkehr Mitglied des Vorstandes der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) und Vorsitzender des DAG-Landesverbandes Niedersachsen.
Ehefrau: Elsa Geiser, geb. Lehmann (geb. 1887), seit 1914 SPD-Mitglied. Hans und Elsa Geiser wurden 1937 ausgebürgert, ebenso ihre Kinder Hans, Kurt, Helmut, Arno und Gertrud.

49 - Arthur Arzt (1880 - 1953), Lehrer, seit 1918 Mitglied der SPD, 1919 - 1928 MdL Sachsen, 1923 - 1927 Bezirksschulrat in Dresden, 1928 - 1933 SPD-MdR, zur Zeit der NS-Machtübernahme zur Kur in Davos, Verhaftung seiner Frau Emma (1874 - 1935) und anderer Familienangehöriger als Geiseln, nach internationaler Pressekampagne freigelassen, Emigration in die CSR, 1936 ausgebürgert (seine Frau wurde - obwohl schon 1935 an den Folgen der Haft verstorben - 1938 [!] ausgebürgert), in der CSR zusammen mit u. a. Hans Jaeger Gründer der Volkssozialistischen Bewegung, die unter anderem enge Kontakte zu Otto Strasser unterhielt, 1939 Flucht über Polen nach Großbritannien, 1939-1940 interniert. Ab 1946 für die SPD in Westfalen und Hessen tätig.
Sein Sohn Fritjof Helmut (1908 - 1938), im August 1937 ausgebürgert, stürzte im August 1938 als Kurier für die Volkssozialistische Bewegung über Deutschland mit dem Flugzeug ab.

50 - "Karl Hünlich": Es handelt sich um Oskar Hünlich (1887 - 1963), Buchdrucker, später Redakteur bei SPD-Zeitungen, 1920-1933 SPD-MdR, 1933 in die CSR emigriert, dann nach Dänemark und 1939 nach Schweden, im selben Jahr ausgebürgert, Anhänger der Gruppe um Kurt Heinig. Nach dem Krieg Lizenzträger und Chefredakteur der sozialdemokratischen "Nordwestdeutschen Rundschau" (Wilhelmshaven) und SPD-Bezirkssekretär.

51 - Karl Hebenstreit (geb. 1909), Dachdecker, 1925-1940 KPD-Mitglied, ab 1935 Exil in der CSR, 1939 nach Großbritannien, 1946 Mitglied der SPD.

52 - Gerda Krautter (geb. 1910), Erzieherin, dann Journalistin, 1924 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend Österreichs, ab 1929 Mitglied der SPÖ, Mitarbeiterin der "Arbeiter-Zeitung" (Wien), 1938 inhaftiert, Ende des Jahres Flucht in die CSR; 1939 nach Großbritannien, seit 1946 SPD-Mitglied. Verheiratet mit Rudolf Krautter, siehe Anm. 43.

53 - Es könnte sich um Josef Hellmich (1897 - 1972) handeln, der von 1920-1938 DSAP-Schatzmeister in Prag war und 1939 nach Schweden emigrierte. Nach 1946 zeitweise beim sozialdemokratischen "Telegraf" in Berlin tätig.

54 - Fritz Ludwig (geb. 1902) und Ritschie Ludwig hatten Wenzel Jaksch 1939 von Prag nach London begleitet.

55 - Ernst Reuter (1889 - 1953), Studium von Germanistik, Geschichte, Geographie und Volkswirtschaft, 1912 SPD-Mitglied, bis 1914 als Wanderredner für die Partei tätig, 1914-1915 Geschäftsführer des pazifistischen Bundes neues Vaterland, ab 1915 Kriegsteilnehmer, 1916 in russischer Gefangenschaft, ab Mai 1918 Volkskommissar für Wolgadeutsche Angelegenheiten, Ende Dezember 1918 Mitgründer der KPD, 1920-1921 Mitglied der Parteileitung (Deckname: Friesland), Januar 1922 Parteiausschluss nachdem E. R. zur USPD übergewechselt war, ab 1922 wieder SPD, Redaktionstätigkeit beim "Vorwärts", Funktionen in der kommunalen Verwaltung Berlins, 1931-1933 sozialdemokratischer Oberbürgermeister von Magdeburg, 1932-1933 MdR, 1933 und 1934 inhaftiert, 1935 Emigration über Großbritannien in die Türkei, dort ab 1938 Professor für Städtebau und Stadtplanung, beratende Tätigkeit im türkischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium, Kritiker der Sopade. 1946 Stadtrat für Verkehr in Berlin, 1947 Oberbürgermeister von Berlin, Antritt dieses Amtes erst nach Teilung der Hauptstadt 1948, Mitarbeit im Parlamentarischen Rat, Mitglied des SPD-Parteivorstandes.
Ehefrau: Johanna Reuter, geb. Kleinert (1899 - 1974), hatte E. R. ins türkische Exil begleitet.

56 - "INPREKORR" = "Internationale Presse-Korrespondenz", ein Organ der Kommunistischen Internationale (Komintern), das von 1921 bis 1923 in Berlin, von 1923 bis 1927 in Wien und von 1927 bis 1933 wieder in Berlin erschien. Nach der NS-Machtübernahme erschienen von 1934 bis 1937 illegale Ausgaben der "INPREKORR" in Basel, bis schließlich die seit 1932 in Basel erscheinende "Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung" auch offiziell die Nachfolge der "INPREKORR" antrat.

57 - Der "Neue Vorwärts", eine Zeitung des Exilparteivorstandes der SPD, sollte die Fortsetzung des früheren Zentralorgans der SPD in Berlin "Vorwärts" (1876-1933) darstellen. Das "Sozialdemokratische Wochenblatt" (Untertitel) erschien von 1933 bis 1937 in Karlsbad (CSR) und von 1938 bis 1940 in Paris. Das Blatt "Vorwärts" zu nennen, war aus presserechtlichen Gründen nicht möglich, da unter diesem Titel eine kleine kommunistische Zeitschrift in der CSR erschien.

58 - Die "Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade)" erschienen von 1934 bis 1938 in Prag und von 1938 bis 1940 in Paris in hektographierter Fassung (Auflage ca 450). Sie berichteten über die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im NS-Deutschland und basierten - wenigstens zu Anfang - auf Meldungen von SPD-Mitgliedern aus dem Reich und einer analytischen Lektüre der gesamten NS-Presse.

59 - Die Verlagsanstalt Graphia (kurz Graphia-Verlag) in Karlsbad war im Mai 1933 errichtet worden, um die Schriften des Exilparteivorstandes der SPD (Sopade) zu veröffentlichen und zu vertreiben. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten (DSAP) hatten den Graphia-Verlag, die Druckerei ihrer Zeitung "Volkswille" (1893-1938), zur Verfügung gestellt.

60 - Das "Pariser Tageblatt" erschien von 1933 bis 1936. Die Zeitung wollte, so ihr Chefredakteur Georg Bernhard (s. d.), kein Emigrantenblatt sein, sondern eine normale Tageszeitung für die Deutschen, "die außerhalb der Kommandogewalt des Dritten Reiches leben und auf das Recht nicht verzichten wollen, das zu denken, was ihnen beliebt".

61 - Die "Pariser Tageszeitung" (1936-1940) gilt als Fortsetzung des "Pariser Tageblatts" unter der Leitung von Georg Bernhard, der sich mit dem "Tageblatt"-Verleger überworfen hatte.
Bernhards Nachfolger als Chefredakteur war ab 1938 Carl Misch (siehe SM 32, 1. Dez. 1941, Anm. 18). Nach eigenem Selbstverständnis war die "Tageszeitung" eine reine Exilpublikation.

62 - Die "Zukunft" erschien von 1938 bis 1940 in Paris und wurde von Willi Münzenberg (s. d.) herausgegeben. Münzenberg benutzte die Zeitschrift (Aufdruck: "Ein neues Deutschland: Ein neues Europa!") als Plattform für einen freiheitlichen Sozialismus.

63 - "Die neue Weltbühne" verstand sich als Nachfolgeorgan der Berliner "Weltbühne" (1905-1933) und der "Wiener Weltbühne" (1932-1933). Sie erschien von 1933 bis 1939. Als Verlagsorte sind angegeben: Prag, Wien, Zürich, Paris, London. Tendenz: antifaschistisch, linksliberal, zuweilen trotzkistisch.

64 - Die "Europäischen Hefte" erschienen von 1934 bis 1935 zuerst wöchentlich, dann monatlich in Prag. Ihr Chefredakteur war Willi (später William) Schlamm (1904 - 1978), der als ehemaliger österreichischer Kommunist und Emigrant heftige Kritik an der sozialistischen und orthodox-kommunistischen Bewegung übte.

65 - "Das Neue Tage-Buch" erschien 1933-1940 in Paris. Herausgeber: Leopold Schwarzschild (s. d.). Die Wochenschrift verstand sich als die Fortsetzung von "Das Tage-Buch" (Berlin, München, 1920-1933) und richtete sich - "exilsprengend" - an das europäische Bürgertum.

66 - "Neue Deutsche Blätter" erschienen von 1933 bis 1934 in Prag. Die NDB waren eine marxistische Literaturzeitschrift, die es als Aufgabe des antifaschistischen Schriftstellers ansah, zusammen mit dem Proletariat gegen das Hitlerregime zu kämpfen.

67 - Gemeint ist wahrscheinlich "Das Wort", eine literarische Monatsschrift, die von 1936 bis 1939 in Moskau erschien. Es gab aber auch ein deutschsprachiges Exil-Blatt (hektogr.) "Das Wort", das von 1937 bis 1940 und von 1945 bis 1946 in Stockholm publiziert wurde. Es sollte dem Gedankenaustausch unter Sozialdemokraten dienen.

68 - Die "Internationale Literatur" (ab 1937 "Internationale Literatur. Deutsche Blätter") erschien von 1931 bis 1945 in Moskau. Herausgeber bis 1935 war die Internationale Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller.

69 - "Die Sammlung" erschien als "Literarische Monatsschrift" (Untertitel) von 1933 bis 1935 in Amsterdam. Ihr Herausgeber war der 1934 ausgebürgerte deutsche Emigrant und Schriftsteller Klaus Mann (1906-1949), Sohn von Thomas Mann.

70 - "Maß und Wert" erschien als "Zweimonatsschrift für freie deutsche Kultur" (so der anfängliche Untertitel) von 1937 bis 1940 in Zürich. Herausgeber war u. a. Thomas Mann (s. d.).

71 - Die "Einheit" erschien als gedruckte Halbmonatsschrift (Untertitel: Sudeten German Anti-fascist Fortnightly) von 1942 bis 1945 in London. Das Organ, das sich aus der Zeitschrift "Young Czechoslovakia" (1940 ff.) entwickelt hatte, propagierte die "Einheitsfront" von linken sudetendeutschen Sozialdemokraten und Kommunisten.

72 - Die "Freie Tribüne" erschien von 1943 bis 1946 in London und war das Nachfolgeorgan von "Freie Deutsche Jugend" (London, 1939 - 1942); stark kommunistisch beeinflusst.

73 - Das "Arbeiter-Wohlfahrt Bulletin" (Untertitel: Relief for the German Victims of Nacism) erschien von 1945 bis 1947 (?) in New York.

74 - Die "Labor-League-News" konnten als eigenständige Zeitung der AFL nicht nachgewiesen werden. Vielleicht handelt es sich um eine Beilage zu einer Gewerkschaftszeitung.

75 - Es handelt sich um Rundschreiben in englischer Sprache, die nicht nur nach Großbritannien, sondern auch nach Kanada, USA und Australien gingen. Vgl. SPD-Jahrbuch 1947, Göttingen 1948, S. 55.

76 - Die Komitee "Save Europe Now!" war im Herbst 1945 auf Initiative von Victor Gollancz (s.d.) entstanden, um u. a. auf die katastrophale Lage der deutschen Bevölkerung aufmerksam zu machen, oder - wie Gollancz selbst sagte - das Gewissen der öffentlichen Meinung aufzuwühlen. "Save Europe now!" stand der Politik der Besatzungsmächte in Deutschland sehr kritisch gegenüber. Gollancz selbst verurteilte die Zerstückelung Deutschlands und die Abtrennung von Gebieten - im Osten wie im Westen. Das Gollancz-Komitee sammelte auch Lebensmittelpakete für die notleidende und hungernde deutsche Bevölkerung.

77 - Jenny Fliess, geb. Marwillsky (1901 - 1969), siehe SM 79/80, Okt./Nov. 1945, Anm. 82.
Ehemann: Walter Fliess (1901 - 1985), Ingenieur, führendes ISK-Mitglied, 1933 Flucht in die Niederlande, ab 1934 Exil in Großbritannien, 1939 ausgebürgert, 1940/41 in Australien interniert, 1943 Rundfunktätigkeit in Großbritannien, 1945 SPD-Mitglied und Heirat mit Jenny. 1947-1948 Leiter der Abteilung German Organisation bei der britischen Militärverwaltung in Minden (Westfalen), 1948-1950 Berater für das Foreign Office in Frankfurt a. M., 1963-1970 Vorstandsmitglied der Labour Party.

78 - Der Tonfilm "While Germany waits" lagert im Londoner National Film Archive, Div. Briish Film Institute. Er wurde 1946 von der Society of Friends / Friends Relief Service ("Friends" ist der engl. Name der als "Quaker" bekannten Glaubensgruppierung) in der britischen Besatzungszone in Deutschland produziert und zeigt Kriegsnot und Bombenschäden sowie die entwurzelten Menschen und ihr Leid im Nachkriegsdeutschland.

79 - Artur Egon Bratu (geb. 1910), Lehrer, 1927 SAJ-, 1929 SPD-Mitglied, Landesredner der SPD in Hessen, 1933 als Lehrer entlassen und Flucht nach Brüssel, dort Mitarbeit im Verband deutscher Lehreremigranten und in der Lehrer-Internationale, 1938 ausgebürgert, 1940 Flucht nach Großbritannien, dort kurzfristig interniert, Kontakte zur DFP. 1947 endgültig nach Deutschland zurückgekehrt, ab 1949 Schulrat, 1950-1956 Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Darmstadt.

80 - Georg Hans Trapp (1900 - 1977), Maler und Graphiker, Mitarbeit in der sudetendeutschen Arbeiterbewegung, 1938/39 nach Norwegen emigriert, von dort zusammen mit seiner Frau 1940 in ein KZ in Deutschland verbracht, nach der Befreiung 1945 nach Schweden.



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