FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Transmissionsriemen. Transmission (latein. = Übertragung) ist ursprünglich ein Begriff aus dem Maschinenbau; ein T. ist dort eine Vorrichtung zur Kraftübertragung von einer Kraft- auf eine Arbeitsmaschine.
Wladimir Iljitsch Lenin (*22.4.1870-21.1.1924) bedient sich dieses Bildes 1920 und bezieht es auf die Gesellschafts- und Herrschaftsordnung nach seinem Machtantritt. Nicht das gesamte Proletariat herrsche nunmehr unmittelbar, sondern es sei so, „dass die Partei sozusagen die Avantgarde des Proletariats in sich aufsaugt und diese Avantgarde die Diktatur des Proletariats verwirklicht.“ Dies ginge aber nicht „ohne einige >Transmissionen< von der Avantgarde zur Masse der fortgeschrittenen Klasse und von dieser zur Masse der Werktätigen“. Ein bedeutender und unverzichtbarer T. seien die Gewerkschaften, die in diesem „Mechanismus“ das Proletariat möglichst umfassend organisieren sollen und „die Verbindung der Avantgarde mit den Massen herstellen“ sowie „durch ihre tägliche Arbeit die Massen überzeugen, die Massen derjenigen Klasse, die allein imstande ist, uns vom Kapitalismus zum Kommunismus zu führen.“ Diesem Bündel von Transmissionen werden später auch weitere „Massenorganisationen“ zugerechnet.
Josef Wissarionowitsch Stalin (*21.12.1879-5.3.1953), dessen Interpretation Lenins als sowj. Referenzmodell maßgeblich für den FDGB wurde, differenzierte in seinem Herrschaftssystem zwischen
- „Transmissionen“ bzw. „Hebeln“ und der
- „lenkenden Kraft“.
Zum ersten zählten
- „erstens die Gewerkschaften“ [] Sie verwirklichen die Verbindung zwischen den fortgeschrittenen und den zurückgebliebenen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse.“
- „zweitens die Sowjets“ (dt. Räte) als „der unmittelbare Ausdruck der Diktatur des Proletariats.“
- „drittens die Genossenschaften aller Art“ als „Organisation, die die Werktätigen vor allem als Konsumenten, und im Laufe der Zeit auch als Produzenten (landwirtschaftliche Genossenschaft) vereinigt.“
- „viertens der Jugendverband“, der „die jungen Reserven für alle übrigen Massenorganisationen des Proletariats (stellt).“
Die „lenkende Kraft“ aber müsse die Partei sein, die „die Besten des Proletariats aus allen seinen Massenorganisationen in sich aufnimmt“ und einzig und allein in der Lage ist, die „Rolle des Hauptführers im System der Diktatur des Proletariats zu erfüllen.“
Das Ganze ergab somit - wohl sogar entgegen Lenins Ausgangsintention - auch in der SBZ und DDR ein Führer-Gefolgschaft-System, in dem kein Spielraum für autonome gesellschaftliche Organisationen bestand.
U.G.