FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Sprecherrat. Der S. bildete sich ad hoc am 9.5.1990 im Zuge eines Machtkampfes innerhalb des Geschäftsführenden Vorstandes des FDGB als ausdrücklich provisor. deklariertes, neues Führungsgremium. Ausgelöst wurde das Geschehen durch den von den Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften abgelehnten Konfrontationskurs der gewählten GV-Mitglieder gegenüber der neuen von Lothar de Maiziére (*2.3.1940) geführten Regierung, vor allem in puncto Verhandlungen mit der BRD über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion (wobei anzumerken ist, dass fast alle Gewerkschaftsvorsitzenden diesen Kurs wenige Tage zuvor noch unterstützt hatten), des Weiteren durch den sich verschärfenden Streit zwischen dem gewählten Vorstand und den Einzelgewerkschaften um die Verteilung des Vermögens bzw. den Zugriff darauf und schließlich durch den Umstand, dass die gewählten FDGB-Repräsentanten bei ihren Versuchen einer Annäherung an den DGB, von diesem abgewiesen wurden, und es somit auf Seiten des FDGB an einem entsprechenden Ansprechpartner mangelte. Nachdem mehrere Personalvorschläge für die Übernahme der Funktion eines „Sprechers“ (Hartwig Bugiel, Hartmut Löschner, Werner Peplowski), gescheitert waren, erklärte sich schließlich der Vorsitzende der Eisenbahnergewerkschaft Peter Rothe, einer der Wortführer der Opposition gegen den gewählten Vorstand, bereit, die Aufgabe zu übernehmen, bat aber darum, zwei gleichberechtigte Kollegen an die Seite gestellt zu bekommen. Die Wahl fiel auf Peter Praikow, Vorsitzender der Postgewerkschaft, und Marianne Sandig, Vorsitzende der Gew. Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft.
Als Hauptaufgaben des S. wurden festgelegt: die Vertretung der DDR-Gewerkschaften gegenüber dem DGB einerseits sowie der DDR-Regierung und den polit. Parteien andererseits, der schnellstmögliche Abbau des FDGB-Apparates auf allen Ebenen und die Vorbereitung und Durchführung eines FDGB-Auflösungskongresses noch im laufenden Jahr. Zur Unterstützung des S. stellte der DGB-Vorsitzende die Mitglieder einer wenige Tage zuvor in West-Berlin eingerichteten Kontaktstelle als Beraterstab zur Verfügung. Die Leitung der Kontaktstelle hatte DGB-Chef Ernst Breit (*20.8.1924) seinem persönlichen Referenten Werner Milert anvertraut. Die Mitglieder der Kontaktstelle bezogen ein Büro im FDGB-Haus am Märkischen Ufer und firmierten fortan als „DGB-Verbindungsstelle Berlin“. Milert oder einer seiner Kollegen nahm regelmäßig an den S.-Sitzungen teil. Zwar hatten sie kein Stimmrecht, gaben aber auf Wunsch Empfehlungen ab, denen meistens gefolgt wurde. Eine massive Einflussnahme des DGB hat es nach Einschätzung der meisten Akteure nicht gegeben. Allerdings stimmten sich sowohl Ernst Breit wie auch sein Nachfolger Heinz-Werner Meyer (*24.8.1932-9.5.1994) bei Bedarf schon im Vorfeld anstehender Entscheidungen mit Peter Rothe und seinen Sprecherkollegen informell ab.
F.-O.G.