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Orlopp, Josef (1888 - 1960)

Geboren am 29. August 1888 in Essen als Sohn eines Tischlers (in zweiter Ehe), katholisch, später Dissident, verheiratet. 1895 bis 1902 Besuch einer katholischen Volksschule in Essen, als guter Schüler konnte er eine Klasse überspringen. Nach der Volksschule drei Jahre Schüler einer Fortbildungsschule auf freiwilliger Basis. 1903 bis 1907 Lehre als Dreher in Essen. Arbeitete nach Beendigung der Lehrzeit kurzfristig als Geselle auf der Kunstwerkerhütte in Steele, von einem Altgesellen für die Ideen des Sozialismus gewonnen. 1907 trat Orlopp in den "Deutschen Metallarbeiter-Verband" (DMV) ein und ging im gleichen Jahr auf Wanderschaft, die ihn über Hessen, die Pfalz, Baden, Württemberg, die Schweiz und nach Österreich führte. Beendigung der Wanderschaft 1909. Im Oktober 1910 Eintritt in die 9. Mechanische Werkstatt der Kruppschen Betriebe in Essen, innerbetrieblicher Aufstieg zum Werkmeister und Kalkulator. 1910 Mitglied der SPD, 1911 Kirchenaustritt, [1912] Obmann des DMV. Delegierter auf der 13. ordentlichen Generalversammlung des DMV vom 27. bis 30. Juni 1917 in Köln. Orlopp schloß sich als Kriegsgegner 1917 der USPD an, im April 1917 Angehöriger des Streikkomitees der Munitionsarbeiter der Essener Krupp-Werke.

1918 in den Arbeiter- und Soldatenrat seiner Heimatstadt gewählt. Wiederwahl in den Essener Arbeiterrat am 30. März 1919 als "Meistergehilfe". Am 2. März 1919 Wahl in die Essener Stadtverordnetenversammlung als USPD-Vertreter (bis Januar 1925). Mitarbeit im Finanzausschuß, Kunstausschuß, Ausschuß der Gas- und Wasserwerke, Ausschuß für Badeanstalten und dem Schlacht- und Viehhof. Stieg rasch zum dominierenden Debattenredner der Unabhängigen Sozialisten auf. Machte sich im Parlament u.a. einen Namen als Verfechter der kulturpolitischen Interessen der arbeitenden Bevölkerung. Am 18. September 1920 als einziger Essener USPD-Abgeordneter von der Stadtverordnetenversammlung in den rheinischen Provinziallandtag entsandt. (Mitglied der Kommission für die Provinzial-, Heil- und Pflegeanstalten und die Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler.) Rücktritt von diesem Wahlamt im Oktober 1926. Im Juni 1919 schrieb der "Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter" in Essen die Stelle eines besoldeten Filialleiters aus. Der lokale Verbandsvorstand bedrängte den berufsfremden Orlopp das Amt anzunehmen, da die Organisation im Ruhrgebiet über einen chronischen Funktionärsmangel verfügte. Auf Anraten der örtlichen USPD-Vertreter trat der gelernte Dreher am 15. Juni 1919 in den Dienst der organisierten Gemeindearbeiter.

Auf der Generalversammlung im Januar 1920 übernahm er zusätzlich das Amt des Kassierers der Ortsverwaltung. Während des Kapp-Putsches 1920 organisierte er als 2. Vorsitzender des Vollzugsrates in Essen die Aktionen der streikenden Arbeiter mit. 1921 obsiegte in einer Kampfabstimmung in Essen die freigewerkschaftliche "Liste Orlopp" des Gemeindearbeiterverbandes gegen die kommunistische Opposition mit 430 : 183 Stimmen. Mit der "Rest-USPD" kehrte Orlopp 1922 zur SPD zurück. Im gleichen Jahr Wahl als Ersatzmann in den neugeschaffenen Verbandsbeirat des "Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter". Bestätigung der Wahl als Ersatzmann im Herbst 1925. Orlopp initiierte in der Essener Filiale in Zusammenarbeit mit der örtlichen Volkshochschule und der Stadtbibliothek ein Bildungsprogramm (mit dem Schwerpunkt Betriebs- und Volkswirtschaft), das im Verband als vorbildlich galt. 1924 Wahl zum 1. Vorsitzenden des ADGB in Essen. Im September 1925 wurde Orlopp als besoldeter Funktionär in die Zentrale nach Berlin berufen. Am 15. November 1925 gründete der Verbandsvorstand, gestützt auf die Beschlüsse des Frankfurter Verbandstages vom August 1925, eine besondere Fachgruppe für die Arbeitnehmer der Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerkarbeiter ("GEW-Arbeiter"), deren Leitung Orlopp anvertraut wurde. Damit bekam der gelernte Metallarbeiter die Betreuung der wichtigsten Arbeitergruppe innerhalb der Organisation übertragen. (Die Sektion umfaßte 1928 58.275 Mitglieder, d.h. 73,4% aller in den GEW-Werken beschäftigten Arbeiter.) Ein Arbeitsschwerpunkt bildete der Kampf gegen die Entkommunalisierung der Versorgungsbetriebe in den deutschen Großstädten. ("Das private Kapital will den Städten gern die Zuschußbetriebe überlassen. Die gewinnbringenden Unternehmungen der öffentlichen Hand dagegen sollen der privatkapitalistischen Ausbeutung überlassen werden.") Mitinitiator der Reichskonferenz der Betriebsräte des "Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter" am 28. und 29. November 1927 in der Stadthalle zu Mainz. Der 11. Verbandstag 1928 in Köln wählte den Rheinländer als Sekretär in den Verbandsvorstand. Neben der Leitung der Reichssektion der Gas-, Wasser- und Elektrizitätsarbeiter hatte Orlopp die Führung der Betriebsräteabteilung inne, außerdem vertrat er den Verband im Aufsichtsrat des Gaskokssyndikates. 1929 trat er auf Veranlassung der Organisation in den Aufsichtsrat der Wirtschaftlichen Vereinigung deutscher Gaswerke und in den Ausschuß des Gesamtverbandes der deutschen Gaswirtschaft ein; im gleichen Jahr brachte der Verband für die Reichssektion die Fachzeitschrift "Wirtschaft und Technik" heraus, in der Orlopp zentrale Beiträge beisteuerte. Auf dem Gründungskongreß des Gesamtverbandes der "Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs" im Oktober 1929 zum stellvertretenden Reichsabteilungsleiter der neuen Reichsabteilung A gewählt (Gemeindebetriebe und Gemeindeverwaltungen mit 225.000 Mitgliedern). Mitarbeiter am "Handbuch der öffentlichen Wirtschaft". Berlin 1930, dem zentralen Nachschlagewerk des Gesamtverbandes. Referat "Die internationale GEW-Wirtschaft"auf der 1. Internationalen Konferenz des Personals der Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerke (1. Internationale Energiearbeiter-Konferenz) in Kiel vom 29. bis 30. August 1930. Innerhalb des Bundesausschusses des ADGB verlangte Orlopp im Juni 1931 ein schärferes Vorgehen gegen die geplanten Lohnkürzungen von fast einem Drittel der Bezüge. ("Die Rückwirkung auf die Organisation ist noch nicht abzusehen, sie würde aber die Sprengung der Gewerkschaften bedeuten.") Der neu gewonnenen Bedeutung als ökonomischer Experte entsprach die Delegation in den Vorläufigen Reichswirtschaftsrat vom 23. August 1932 an. Der Verbandsbeirat wählte während seiner 5. Tagung vom 18. bis 20. November 1932, die erhebliche organisatorische Einschnitte brachte, Orlopp zu einem der beiden Reichsabteilungsleiter der Gemeindebetriebe und -verwaltungen.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung plädierte Orlopp für Widerstandsaktionen; arbeitete allerdings bis Juni 1933 aktiv in der "Gewerkschaft" - dem gleichgeschalteten ehemaligen Verbandsorgan - mit. Ende Juni 1933 Entlassung aus den Amt. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus suchte er zunächst Arbeit außerhalb der Reichshauptstadt, um sich vor Verfolgungen zu schützen: 1933 bis 1934 unterhielt er ein Elektrogeschäft in Hannover, bearbeitete von 1934 bis 1935 eine eigene Obstfarm in Bad Harzburg. 1935 Rückkehr nach Berlin, Inhaber eines Buttergeschäftes in Berlin-Wedding. Nach Kriegsende Eintritt in die SPD; im Juni 1945 Mitglied des Zentralausschusses der SPD. Unterzeichnete den programmatischen Aufruf vom 15. Juni 1945. Orlopp gehörte zu den Kräften, die innerhalb der Sozialdemokratie Kurs auf eine Verschmelzung mit den Kommunisten nahmen. Erstes Zusammentreffen mit Walter Ulbricht bereits am 30. April 1945. Vom 2. Mai 1945 bis Oktober 1946 Mitglied des Magistrats und Stadtrat für Handel und Handwerk. Orlopp erklomm in Berlin rasch eine Karriereleiter: seit März 1946 Stellvertreter des Oberbürgermeisters, außerdem 1946 bis 1948 Stadtverordneter in Berlin.

Der Organisationsfachmann war Delegierter des Berliner Parteitages der SPD, der 1946 den Zusammenschluß mit der KPD sanktionierte. Delegierter des sog. "Vereinigungsparteitages" am 21. April 1946, sowie Delegierter des 2. bis 4. Parteitages der SED. Nach der "Vereinigung" 1946 Mitglied der Landes- bzw. Bezirksleitung der SED von Groß-Berlin. Bis Januar 1949 war er auch Mitglied des Kreisvorstandes der SED Berlin-Reinickendorf. Von Mai bis Juli 1947 hatte Orlopp das Amt des Vizepräsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Handel und Versorgung in der Sowjetischen Besatzungszone inne, seit Juli präsidierte er der Deutschen Zentralverwaltung für Interzonen- und Außenhandel und seit 1948 der Hauptverwaltung für Interzonen- und Außenhandel bei der Deutschen Wirtschaftskommission. Am 25. November 1947 unterzeichnete er für die Sowjetische Besatzungszone das erste Berliner Interzonenabkommen, das "Warenlisten" in Höhe von 312 Millionen Mark vorsah. Mitglied des Deutschen Volksrates seit 1948, seit 1949 Angehöriger der Provisorischen Volkskammer der DDR. Vom 7. Oktober 1949 - dem Tag der Gründung der DDR - bis 1951 arbeitete er als Hauptabteilungsleiter im Ministerium für Innerdeutschen Handel, Außenhandel und Materialversorgung der DDR. Der westdeutschen Wirtschaft prognostizierte er Versumpfung und Stagnation und gab der Arbeiterschaft im Westen keine Perspektive, aus einer dauerhaften Arbeitslosigkeit herauszukommen. Drohte mehrfach, den Interzonenhandel einzustellen. Kündigte im April 1951 in Ost-Berlin die Ablösung der antimilitaristischen "Ohne uns-Bewegung" durch aktiven Widerstand an. 1951 bis 1953 Regierungsbevollmächtigter für Innerdeutschen Handel. Geriet in dieser Funktion mehrfach in die parteiinterne Schußlinie, da er es nicht geschafft habe, für die Abwicklung des innerdeutschen Handels die notwendige Organisation zu schaffen, ohne daß diese Kritik nach außen transparent wurde. Intensivierte maßgeblich den Handel mit den kommunistischen Staaten. Im August 1953 schied Orlopp aus "gesundheitlichen Gründen" aus dem Ministerium aus behielt jedoch repräsentative Funktionen: ehrenamtliches Mitglied des Kollegiums im Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel sowie des wissenschaftlichen Beirats für Außenhandel.

Seit dem 16. September 1957 Mitglied des Präsidiums und Sekretär des Bundesvorstandes des FDGB sowie Mitglied des Nationalrates der Nationalen Front. Orlopp gehörte seit 1953 wieder der Volkskammer der DDR an, war Vizepräsident des Deutschen Friedensrats und Mitglied des Weltfriedensrats. Orlopp publizierte rege in diversen Tageszeitungen und verfaßte einige Monographien; "Zusammenbruch und Aufbruch Berlin 1945/46". Berlin 1947, "Eine Nation handelt über Zonengrenzen. Streifzug durch die Geschichte des innerdeutschen Handels". Berlin 1947, "Besser leben durch Export und Import". Berlin 1948, "Ost und West im deutschen Außenhandel". Berlin 1948, "Der Handel zwischen der sowjetischen Besatzungszone und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands". Berlin 1949, "Der Weg zum freien Handel zwischen Ost und West". Berlin 1955, "Eine Nation handelt über Zonengrenzen. Streifzug durch die Geschichte des innerdeutschen Handels". Berlin 1957. Seine Lebenserinnerungen "Für den Sieg der Arbeiterklasse", die er kurz vor seinem Tode verfaßte (eine orthodoxe Interpretation der Arbeiterbewegung aus leninistischer Sicht), wurde jedoch nicht mehr veröffentlicht. Am 27. November 1951 eröffnete er die Fachhochschule für Außenhandel in Berlin, die künftig seinen Namen trug. Der SED-Staat dekorierte den ehemaligen Metallarbeiter hoch: 1954 erhielt er den "Vaterländischen Verdienstorden" in Silber, anläßlich seines 70. Geburtstages wurde ihm der "Karl-Marx-Orden" verliehen. Er war außerdem Inhaber der "Ernst-Moritz-Arndt-Medaille", der "Deutschen Friedensmedaille" und der "Medaille für Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen der deutschen Arbeiterklasse in den Jahren 1918 bis 1923". Im September 1959 leitete er die selbsternannte FDGB-Delegation des Bundesvorstandes nach Stuttgart, der jedoch auf dem 5. DGB-Kongreß der Zutritt verwehrt wurde. Josef Orlopp starb am 7. April 1960 in Berlin an einem Herzschlag.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | September 1998

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