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5. Urteile vorher und nachher

Wirtschaft und Öffentlichkeit zollten in den Jahren vor den spekulativen Attacken den „aufstrebenden" asiatischen Staaten volles Lob. Sie seien Auslandsinvestitionen gegenüber aufgeschlossen, folgten einem liberalen Konzept und hätten Stabilität in ihren Ländern gewahrt. „Von Seiten des DIHT wurde die außerordentliche Wirtschaftsentwicklung des asiatischen Landes [Thailands] gelobt. Es habe eine erfolgreiche Wandlung von einem Agrar- zu einem Industriestaat stattgefunden; die Infrastrukturpolitik zeige bemerkenswerte Ergebnisse ...". [ „CHUAN Leekpai in der BRD", Archiv der Gegenwart, Bd. 1995, S. 39847, A4]

Als die spekulativen Wellen ihren Höhepunkt erreichten, urteilten viele, daß das Debakel auf einer hausgemachten unsoliden Wirtschaftspolitik der asiatischen Staaten beruhe, das vorhersehbar gewesen sei. „Die Währungskrise in der Region der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean ist weder Hexenwerk noch das Ergebnis hinterhältiger, gesichtsloser Spekulanten. Sie ist vielmehr weitgehend hausgemacht, das Resultat schwerwiegender struktureller Mängel. Die politisch Verantwortlichen haben viel zulange gezögert, diese Mängel zu beheben. Hohe auf Dauer untragbare Handels- und Haushaltsdefizite, kranke, unsolide wirtschaftende Finanzinstitutionen, eine laxe Bankenaufsicht, ein spekulativer Immobilienboom, unzureichende Investitionen zugunsten Infrastruktur und im Erziehungswesen, Korruption sowie schwerwiegende Fehler in der Wechselkurspolitik haben zusammengewirkt und die Krise vorbereitet". [ Kaps, Carola „Asiatische Turbulenzen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.9.1997, S. 6] Es wäre gut gewesen, wenn man diese Erkenntnisse vor der Krise dargelegt hätte. Aber die Wirklichkeit sieht ja wohl auch anders aus. „In der Tat konnte bis zum Zerfall der Finanzwerte von konjunkturellen Problemen kaum die Rede sein. Zwar waren die ostasiatischen Länder auf einen langsameren Wachstumskurs eingeschwenkt, aber im Schnitt legten sie noch immer ein mehr als doppelt so hohes Tempo vor wie die Industrieländer. Eine nennenswerte Teuerung oder gar sich beschleunigende Inflationsraten waren nicht auszumachen. Die Haushaltsrechnungen schnitten ausnahmslos mit Überschüssen ab, und die meisten Länder hatten vergleichsweise hohe Devisenreserven angehäuft." [ „Ostasien im wirtschaftspolitischen Dilemma", Neue Zürcher Zeitung, 13.11.1997, S. 9]

Vor allem die festen Wechselkurse vieler Entwicklungs- und Schwellenländer und nicht die Spekulation werden immer wieder zum Sündenbock für das Währungsdesaster dieser Länder gemacht. „Die Notenbanken wollen eine überbewertete Währung vor dem Hintergrund einer expansiven Geldpolitik verteidigen. ... Die offenkundig widersinnige Geld- und Währungspolitik führt zu Kapitalflucht, wobei die Notenbanken am Ende vor der Flut des abfließenden Kapitals doch kapitulieren und die Kursbestimmung der Währung dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen müssen („floating"). [ „Wie hart bleibt Hongkongs Währungsbehörde?", Neue Zürcher Zeitung, 11.11.1997, S. 22] Aber kaum hat man die Wechselkurse diesem freien Spiel der Kräfte überlassen, die die Währungen um zweistellige Raten entwerten, kommen die Bedenken. „Die Währungskrisen in Asien könnten das Wirtschaftswachstum in der ganzen Welt dämpfen. Die Volkswirtschaften in Amerika und Europa müssen sich auf eine Exportoffensive asiatischer Unternehmen über den Preis einstellen, die durch die massiven Währungsabwertungen gefördert wird. Weiter wachsende Leistungsbilanzüberschüsse der asiatischen Länder könnten sich zu einem erneuten Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten auswachsen." [ „An den Märkten geht die Furcht vor deflationären Tendenzen um, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.1997, S. 38]

Aber selbst Banken haben wohl nicht solche hausgemachten Probleme gesehen, sonst hätten sie doch wohl kaum Kaufempfehlungen für die Märkte dieser asiatischen Länder gegeben. Offenbar haben sie an immer weiter steigende Kurse an den Aktienmärkten geglaubt. "In Hongkong fiel jetzt das Kartenhaus zusammen, das durch hemmungslose Spekulationen [und] euphorische Kaufempfehlungen internationaler Investmentbanken ... immer höher geworden war. Am Ende schienen die Hongkonger Kurse, wie ein Chefökonom einer bekannten Bank formulierte, nur noch von der Erwartung zu leben, daß es am Ende einen noch Dümmeren geben werde, der die schon überteuerten Werte zu noch höheren Preisen kaufen werde. Weltbekannte amerikanische und französische Banken sagten schon eine Kursentwicklung auf mehr als 18000 Punkte im Hang Seng voraus." [ „Panik an den asiatischen Börsen - Kursstürze innerhalb von Minuten", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.1997, S. 3]

Die Betroffenen allerdings sahen das Geschehen völlig anders. Der malaysische Ministerpräsident Mahatir Mohamad warf den westlichen Ländern ein unredliches Spiel vor. „Asien habe seine Märkte gutgläubig geöffnet und multinationale Unternehmen hereingelassen; nun komme die Spekulation und prelle die Asiaten um die Früchte des hart erarbeiteten Erfolges." [ „Gehen die Uhren in Ostasien anders?", Neue Zürcher Zeitung, 22.9.1997, S. 9]

Ein solches Urteil wider die Spekulation verstößt bei vielen offenbar gegen den Geist einer freien Marktwirtschaft. „Seine Äußerungen im Zusammenhang mit den Börsen- und Währungsturbulenzen, die über Südostasien hereingebrochen sind, lassen Beobachter nun allerdings Zweifel an seinem ökonomischen Sachverstand hegen". [ Sidler, Peter „Wie sicher sitzt Mahathir in Malaysia im Sattel?", Neue Zürcher Zeitung, 8./9.11.1997, S. 7] Aber offenbar sind die Äußerungen des malaysischen Ministerpräsidenten nicht so abwegig, denn in derselben Analyse ist zu lesen: „Dies ist insofern richtig, als das Land in den 16 Jahren, in denen Mahathir nun das oberste Regierungsamt innehat, auf dem beschwerlichen Weg vom rohstoffproduzierenden Drittweltstaat zur modernen Industrienation schon ein großes Stück zurückgelegt hat. ... Ausländische Investoren schätzten bisher Mahathirs ökonomischen Sachverstand, den er bei seinem Tun an den Tag legte." Auch der Grund für die harsche Kritik des malaysischen Ministerpräsidenten wird genannt: „Mahathirs jüngste Tiraden gegen westliche Devisenhändler und Portfolioverwalter dürften zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, daß er diesen Kreisen zum Vorwurf macht, mit ihren spekulativen Angriffen auf die malaysische Währung und dem Abzug von Anlagegeldern in jenem Moment sein Lebenswerk zerstört zu haben, als er sein Ziel - sein Land bis 2020 in den Verein der vollindustrialisierten Nationen einzubringen - bereits in Sicht hatte".

Die Wahrheit wird wohl kaum durch Urteile, wie: „Die Blase ist geplatzt" oder „Die Spekulation hat alles zerstört" widergespiegelt. Sie liegt, wie stets, zwischen den extremen Urteilen.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Juni 1999

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