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6. Probleme der Unternehmensstruktur

Nachdem die achtziger Jahre eine Rehabilitierung der Unternehmen als Motor und zentrale Akteure des ökonomischen Strukturwandels stattgefunden hat und sich deren Rahmenbedingungen auf vielen Gebieten deutlich gebessert haben, sind in den neunziger Jahren die ungelösten qualitativen Probleme der Unternehmensstruktur sichtbar geworden.

Die Spaltung zwischen modernen und traditionellen Unternehmen und Sektoren ist ein altes, in Frankreich besonders ausgeprägtes Problem. Auch wenn es sich abgeschwächt hat, so gibt es weiterhin gegensätzliche Wettbewerbsstrategien zwischen Unternehmen, die auf Innovation, Einbeziehung und Qualifizierung der Mitarbeiter sowie sozialen Dialog setzen, und Firmen, die eine kurzfristige Lohnkostensenkung und Steigerung der Arbeitsproduktivität bevorzugen. Beklagt wird ferner das Fehlen stabiler kooperativer Strukturen zwischen Unternehmen (Zulieferer-Produzenten, Banken-Industrie, Industrie-Handel, usw.).

Im Bereich der Großunternehmen hat seit 1986 die umfangreiche, noch nicht abgeschlossene Reprivatisierung für eine Veränderung der Landschaft gesorgt. Der Privatisierungsmodus - die Bildung von jeweils aus mehreren institutionellen Anlegern bestehenden "stabilen Aktionärskernen" zur Stabilisierung der Kapitalstruktur der privatisierten Unternehmen - hat das alte Problem Frankreichs nicht wirklich ausräumen können, das von Beobachtern als "Kapitalismus ohne Kapital" bezeichnet wird: eine dünne Eigenkapitaldecke der Unternehmensgruppen, verbunden mit fehlenden dauerhaften Kapitalverflechtungen. Eine geringe Zahl institutioneller Anleger mit einer insgesamt schwachen Finanzkraft ist immer wieder - durch ein System von Überkreuz-Beteiligungen und erfinderischen Finanzmontagen - in vielen Unternehmensgruppen als Anteilseigner zu finden und sichert sich mit einem minimalen Aktienpaket maximalen Einfluß. Dies trägt zu dem Bild eines in einem engen geschlossenen Kreislauf funktionierenden Machtkartells (vom Industrieexperten Elie Cohen "capitalisme fermé" genannt) bei.

Verstärkt wird dieses Bild durch eine extreme, quasi monarchische Machtkonzentration der Unternehmensführung auf den Firmenchef (PDG, Président-directeur général), durch undurchsichtige Entscheidungsstrukturen und fehlende Kontrollsysteme durch den Aufsichtsrat. Frankreich kennt nicht das duale System einer Trennung zwischen Unternehmensleitung (Vorstand) und Aufsichtsrat; der Verwaltungsrat (Conseil d'administration) besteht häufig mehr aus vom PDG kooptierten als von der Aktionärsversammlung gewählten Mitgliedern und hat nur begrenzte Einwirkungsmöglichkeiten. Der Rekrutierungsmodus der Führungskader privater wie staatlicher Unternehmen über wenige Elitehochschulen (grandes écoles) und ihre enge Verbindung mit dem öffentlichen Dienst verstärkt seinerseits den technokratischen, relativ geschlossenen Charakter der Führungseliten in der Wirtschaft.

Eine Reihe von Fehlentwicklungen und spektakulärer Bestechungs- und Finanzaffären in wichtigen Großunternehmen haben die Problematik dieser Strukturen in aller Deutlichkeit aufgezeigt. Dies gilt auch für die verstaatlichten Unternehmen, die im Gegenteil durch (politisch bedingte) instabile Führungen gekennzeichnet sind. Hier hat eine Reihe von Affären (vor allem beim Crédit Lyonnais) die mangelnde Wahrnehmung der Kontrollfunktion seitens der staatlichen Aktionäre aufgedeckt.

Hinzu kommt, daß die Ertragssituation der Unternehmen zu wünschen übrig läßt. Ein internationaler Vergleich der börsennotierten Unternehmen ergibt, daß Frankreich in der Gewinnentwicklung seit 1990 Schlußlicht unter den wichtigsten Industriestaaten ist. Symptomatisch ist der problematische Zustand des Bankensektors, nicht nur wegen des Desasters der staatlichen Großbank Crédit Lyonnais. Trotz zahlreicher Modernisierungsanstrengungen haben die Banken die notwendigen Anpassungen nach der Deregulierung der Finanzmärkte 1986 zu langsam vollzogen; ihre frühere durch staatliche Reglementierungen und Verwaltungsdenken gekennzeichnete Unternehmenskultur hat sich nur mühsam im Sinne einer konsequenten Wettbewerbs- und Marktorientierung fortentwickelt. Ihre Rentabilität im internationalen Vergleich ist die geringste der großen Industriestaaten (mit Ausnahme Japans).

Mit der - durch die Privatisierungspolitik ab 1986 angestoßenen - wachsenden Bedeutung ausländischer institutioneller Anleger, vor allem der US-Rentenfonds, auf den Finanzmärkten sind diese problematischen Erscheinungsformen der französischen Unternehmens- und Kapitalstruktur thematisiert worden. Die Notwendigkeit, diese Anleger an sich zu binden, hat einen erheblichen Anpassungsdruck verursacht. So hat die in der angelsächsischen "Corporate governance"-Debatte angesprochene Machtverteilung zwischen Unternehmensführung und Anteilseignern, insbesondere die Frage stärkerer Kontroll- und Einflußmöglichkeiten der Aktionäre, seit 1995 in Wirtschaftskreisen eine heftige Diskussion ausgelöst, die noch andauert. Mehrere Berichte, unter anderem der des Société générale-Chefs Marc Viénot im Auftrag des Unternehmerverbandes CNPF, haben erste vorsichtige Vorschläge zur Fortentwicklung der Unternehmensstruktur im Sinne einer größeren Transparenz, verstärkter Finanzkontrollen und verstärkter Rechte der Aktionäre hervorgebracht. Während sich der Gesetzgeber noch zurückhält, ist die Reaktion in den Unternehmen unterschiedlich, und es kursieren unterschiedliche Modelle künftiger Führungs- und Kontrollstrukturen. Der Druck zur Veränderung aber scheint unausweichlich - und kommt einer kleinen Revolution der Unternehmens- und Managementkultur à la française gleich.

Probleme ganz anderer Art hat die mittelständische Wirtschaft Frankreichs. Jahrzehntelang war sie durch die auf Großunternehmen fixierte Industriepolitik benachteiligt; nicht von ungefähr wies die französische Industriestruktur gerade in mittelständischen Branchen (Maschinenbau, Werkzeugmaschinen) erhebliche Schwächen auf. Erst seit den achtziger Jahren hat sich eine spezifische Mittelstandspolitik entwickelt. Seither verzeichnet man eine steigende Zahl von Unternehmensgründungen, aber auch - seit 1986 - der Konkurse. Ein Vergleich des französischen und des deutschen Mittelstandes ergibt, daß die 6150 französischen Unternehmen mit 100 - 2000 Beschäftigten (Deutschland: 9950) ein geringeres Durchschnittsalter aufweisen; ein großer Teil (28%, Deutschland: 7%) besteht erst seit 1973. Bei den mittelgroßen Firmen und in der Investitionsgüterbranche ist die Schwäche des französischen Unternehmensnetzes besonders spürbar. Vor allem aber sind die französischen Unternehmen überwiegend Teil einer Unternehmensgruppe (51% gegenüber 31% in Deutschland), während in Deutschland die unabhängigen KMUs überwiegen (69% gegenüber 49% in Frankreich). Ihre Finanzierungsstruktur ist verletzlicher, ihr Zugang zu Bankkrediten schwieriger, ihr Verschuldungsgrad höher als in Deutschland. Dazu kommen steuerliche Probleme, die die Übertragung des Unternehmens auf Nachfolger erheblich erschweren.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | April 1999

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