FES HOME MAIL SEARCH HELP NEW
[DIGITALE BIBLIOTHEK DER FES]
TITELINFO / UEBERSICHT



TEILDOKUMENT:




Konsequent den Weg zu Ende gehen

Wer diese Grenze überschritt, mußte „seinen Weg konsequent zu Ende gehen", wie Julius Leber einmal an seine Frau Annedore geschrieben hatte. Dieser Weg erschließt sich dennoch nicht vom Ende her, sondern von jenem Punkt, an dem eine freie Entscheidung möglich war, aus der sich alles weitere entwickeln sollte: Konspiration, Verrat durch andere, Verhöre, Folter, Verurteilung, Hinrichtung. Die Nationalsozialisten hatten Reichwein schon drei Wochen vor dem 20. Juli 1944 verhaftet und nach dem Anschlag als einen der von ihnen als besonders gefährlich eingeschätzten Beteiligten am Umsturzversuch Stauffenbergs scharf [ In einem an seine Frau gerichteten Dossier heißt es am 5.10.1944: „[...] Hemd, noch im Koffer, weil es Blutspuren von Mißhandlungen hatte". Bei seiner Gerichtsverhandlung war Reichwein nicht in der Lage, mit der seinen Freunden bekannten tragenden und lauten Stimme zu sprechen. Die ihn kannten, hoben hervor, wie energisch es ihm gelang, eine auseinanderstrebende Gruppe zusammenzubinden. Reichwein klatschte in die Hände und sprach zunächst laut, um den Lärm zu übertönen, und senkte dann entsprechend dem fallenden Geräuschpegel die Stimme. So berichtete mir später, Mitte 1989, der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann.] verhört. Nicht einmal ein halbes Jahr vor Kriegsende wurde er, wenige Stunden nach seiner Verurteilung wegen seiner angeblich hoch- und landesverräterischen Beteiligung an den Attentatsvorbereitungen vom 20. Juli 1944, ermordet. [ Vgl. die einschlägigen Lebensschilderungen, die zuverlässig Amlung (vgl. Anm. 41) aufführt. Merkwürdigerweise fehlen Reichwein-Artikel in den biographischen Sammlungen von Rudolf Lill und Heinrich Oberreuter, Hg., 20. Juli: Portraits des Widerstands, Düsseldorf und Wien 1984, sowie Klemens von Klemperer u.a, Hg., „Für Deutschland": Die Männer des 20. Juli, Frankfurt/M. u.a. 1993.] Mit Reichwein starb einer der überzeugendsten deutschen Erzieher, der mehr war als ein Erziehungswissenschaftler, die im Widerstand im übrigen keineswegs häufig waren. [ Christian Salzmann, Hg., Pädagogik und Widerstand: Pädagogik und Politik im Leben von Adolf Reichwein, Osnabrück 1984.] Weil er in den Umkreis des 20. Juli 1944 gehörte, sind allerdings viele der Zeugnisse vernichtet worden, die Aufschluß über seine konspirative Tätigkeit geben könnten. Doch auch so ist vieles überliefert, was einen Blick auf seine Entwicklung und sein Wollen gestattet.

Obwohl das Gesamtwerk von Reichwein beeindruckend ist und überdies bis heute eine anerkannte Bedeutung hat [ Vgl. Adolf Reichwein, Ausgewählte Pädagogische Schriften, hg. v. Herbert E. Ruppert und Horst E. Wittig, Paderborn 1978 (= Schöninghs Sammlung pädagogischer Schriften).] , fehlt seine Biographie in der Regel in den einschlägigen Sammlungen von Lebensbildern bedeutender Pädagogen und Erzieher. [ Hans Scheuerl, Hg., Klassiker der Pädagogik II: Von Marx bis Jean Piaget, München 1979.] Ohne Zweifel gehörte er zu den bedeutenden Erziehungswissenschaftlern [ Vgl. James L. Henderson, Adolf Reichwein: Eine politisch-pädagogische Biographie, Stuttgart 1958; Wilfried Huber, Adolf Reichwein und das Erziehungsdenken im Deutschen Widerstand, in: Hamburger mittel- und ostdeutsche Forschungen, 7 (1970), S. 67-128. ] unseres Jahrhunderts, auch wenn er wegen seines Geburtsjahres vergleichsweise spät in den illustren Kreis der bis heute bekannten Pädagogen der Weimarer Republik eingetreten war. Hatten sich ältere Erziehungswissenschaftler wie Spranger, Nohl und Natorp, von der Philosophie kommend, um die Grundlegung der Pädagogik bemühen können, so oblag den Jüngeren weitgehend die Institutionalisierung der Pädagogik als neue wissenschaftliche Universitätsdisziplin in der Auseinandersetzung mit einer sich immer rascher ändernden Wirklichkeit.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Januar 1999

Previous Page TOC Next Page