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[Seite der Druckausgabe: 5 / Fortsetzung]


2. Auswirkungen auf den Finanzmarkt Deutschland

Ein Wissenschaftler betont, daß es bei der Diskussion um die Macht der Banken zugleich um Fragen der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Finanzmarktes geht. Bekanntlich verfüge Deutschland heute über ein starkes und leistungsfähiges Bankensystem mit ertragsstarken und einflußreichen Banken, dagegen befände sich der Börsenmarkt in einem ausgesprochen schlechten Zustand. Im internationalen Vergleich spiele der deutsche Finanzmarkt lediglich eine untergeordnete Rolle. Die Defizite des deutschen Finanzmarktes würden besonders deutlich, wenn man die Kennzahlen des deutschen Börsenmarktes in Relation zu denen anderer Finanzmärkte setze. So entspreche die Kapitalisierung der deutschen Börse gerade mal der eines Entwicklungslandes. Die Börsenkapitalisierung betrage im Vergleich zum Bruttosozialprodukt in Deutschland lediglich 24,3 Prozent, dagegen liege die Börsenkapitalisierung in Großbritannien bei 122,5 Prozent, in der Schweiz bei 116 Prozent, in den USA bei 83 Prozent und in Japan bei 71 Prozent. Unter den Industrieländern

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schnitten lediglich Österreich und Italien noch schlechter ab als Deutschland. Und selbst in vielen Schwellenländern läge die Börsenkapitalisierung inzwischen weit über den Werten Deutschlands: So betrage die Börsenkapitalisierung in Chile stattliche 112,5 Prozent, in Thailand 108,9 Prozent, in Taiwan 90,7 Prozent, in Mexiko 60,3 Prozent und in Südkorea 41,1 Prozent.

Ein SPD-Politiker verweist auf die große Diskrepanz zwischen der internationalen Bedeutung des Wirtschaftsstandortes Deutschland und der des deutschen Kapitalmarktes. So liege der Anteil Deutschlands an der Weltkapitalisierung bei lediglich 4 Prozent, während der deutsche Anteil am Weltsozialprodukt immerhin 10,5 Prozent betrage. Auch in allen anderen Kennzahlen des Finanzmarktes offenbare sich diese Schwäche. So gäbe es in Deutschland nur 666 börsennotierte Gesellschaften, in Japan seien es dagegen 1.687, in Großbritannien 1.803 und in den USA 7.684 Gesellschatten, deren Aktien an der Börse gehandelt werden. Entsprechend niedrig sei die Zahl der Börsenemissionen in Deutschland. Zwischen 1986 und 1995 seien in Deutschland gerade mal 180 inländische Unternehmen an die Börse geführt worden. In den ersten zehn Monaten des Jahres 1996 waren es lediglich acht. Dagegen vermeldete die US-amerikanische Risikokapitalbörse NASDAQ im selben Zeitraum bereits mehr als 650 Börsengänge.

Der allseits kritisierte Mangel an Risikokapital und die Finanzierungsprobleme vieler, insbesondere technologie-orientierter Unternehmen, stehe in unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Situation. Das Beispiel der US-amerikanischen NASDAQ zeige, welche Bedeutung ein funktionierender Risikokapitalmarkt für die Finanzierung mittelständischer Technologieunternehmen hat. Die Unternehmen, die die Notierung an der NASDAQ suchen, seien überwiegend jung, dynamisch und innovativ. Unternehmen mit neuen Ideen und Produktionsverfahren, die den Strukturwandel vorantreiben und neue zukunftsfähige Arbeitsplätze schafften. Solche Unternehmen gibt es nach Einschätzung eines SPD-Politikers auch in Deutschland. Aber hierzulande fände man solche Unternehmen häufiger vor dem Konkursrichter als an der Börse. Da ihnen in Deutschland der Gang an die Börse weitgehend verschlossen bleibe, seien junge Technologieunternehmen zur Finanzierung notwendiger

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Investitionen und Innovationen auf Bankkredite angewiesen. Doch gerade bei diesen Unternehmen zeigten sich die Banken besonders abweisend. Daher käme es verstärkt zur Abwanderung vieler Unternehmen zu den angelsächsischen Handelsplätzen, da dort die Versorgung mit Risikokapital erheblich besser funktioniere als in Deutschland. Ein Kapitalgeber für venture capital könne in den USA davon ausgehen, daß er sein Kapital mit einer ansehnlichen Rendite versehen zurückerhält, wenn er ein entwickeltes innovatives Unternehmen erfolgreich an der Börse plaziert. In Deutschland sei dies jedoch unmöglich, da die hierfür notwendigen Börsenmärkte und die notwendigen Investoren fehlen. Jungen Technologieunternehmen sei der Weg zur Börse in Deutschland in der Regel verschlossen. Dies zeige sich auch daran, daß Unternehmen in Deutschland beim Börsengang durchschnittlich 55 Jahre alt sind, in den USA dagegen 14 und in Großbritannien sogar nur 8 Jahre alt.

Ein SPD-Politiker bezeichnet es als alarmierend, daß die Eigenkapitalquoten deutscher Unternehmen auf unter 18 Prozent abgerutscht sind. Kleine und mittlere Unternehmen, vor allem innovative und technologieorientierte Unternehmen, die für den Strukturwandel und die Schaffung neuer Arbeitsplätze von besonderer Bedeutung seien, lägen oftmals noch deutlich unter dieser Zahl. Parallel zum Absinken der Eigenkapitalquoten nähme die Pleitenwelle von Jahr zu Jahr zu. Seit 1982 habe sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen pro Jahr mehr als verdoppelt. Nach Schätzungen des Verbandes der Vereine Creditreform werde die Zahl der Insolvenzen 1996 um 13 Prozent auf 32.500 Pleiten ansteigen. 400.000 Arbeitsplätze würden alleine durch diese Unternehmenspleiten verloren gehen. Nach Auffassung eines SPD-Politikers könne das Problem der Risikokapitalversorgung für deutsche Unternehmen nur gelöst werden, wenn die Funktionsfähigkeit des deutschen Kapitalmarktes erheblich verbessert werde. Ein FDP-Politiker unterstreicht, daß sich das Fehlen von Risikokapital in Deutschland zunehmend zu einem großen Problem entwickelt habe. In der Tat gäbe es dieses Problem in Finanzmärkten wie beispielsweise dem der USA nicht in diesem Maße. Die Bundesregierung werde zur Verbesserung dieser Situation im Rahmen des 3. Finanzmarktförderungsgesetzes einige Weichenstellungen vornehmen.

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Nach Einschätzung eines Wissenschaftlers steht der desolate Zustand des deutschen Finanzmarktes in engem Zusammenhang mit der dominierenden Rolle der Banken. Dies zeige sich auch an der im internationalen Vergleich ungewöhnlichen Situation, daß die deutschen Großbanken zugleich die beherrschenden Gesellschafter der Deutschen Börse sind. Bezeichnenderweise sei zur Zeit ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse. In anderen Ländern hingegen würden die Börsen als Non-Profit-Unternehmen betrieben, die der gleichen und fairen Behandlung aller Börsenbeteiligten besondere Aufmerksamkeit widmen. Ausländische Investoren würden die in Deutschland anzutreffende Verflechtung der Großbanken mit der Börse daher mit großem Argwohn beobachten, da bei den bestehenden Abhängigkeiten und Verflechtungen eine entsprechend faire Behandlung keineswegs in gleichem Maße sichergestellt sei. Eine Anpassung der Eigentümerstruktur der Deutschen Börse erscheine insofern als eine weitere vertrauensbildende Maßnahme für den Kapitalmarktstandort Deutschland geeignet zu sein.

Ein SPD-Politiker unterstreicht die große Bedeutung, die die Banken bei der Risikokapitalversorgung deutscher Unternehmen einnehmen. Dies habe auch Johann Wilhelm Gaddum, der Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, vor dem Aktienforum der Deutschen Telekom am 25. September 1996 eingeräumt. Gaddum sagte, daß "der enge Verbund zwischen Banken und Unternehmen - nicht nur bei Aktiengesellschaften, in denen die Banken zuweilen zugleich Anteilseigner, Kreditgeber und Aufseher sind - auch seine negativen Seiten" habe. "Er konserviert vorhandene Strukturen und ist - wegen des relativ leichten Zugangs zu Krediten - geeignet, Unternehmen vom Börsengang abzuhalten". Gaddum hielt es daher für wünschenswert, "wenn die Banken häufiger als dies in der Vergangenheit geschehen ist, geeignete Unternehmen an die Börse bringen würden, auch wenn dabei der gewinnträchtige Bankkredit zurückgezahlt und durch Eigenkapital ersetzt würde".

Ein Wissenschaftler verweist auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem angelsächsischen Finanzsystem. Im Gegensatz zum deutschen Universalbankensystem arbeite das Finanzsystem der USA mit offenen Finanzmärkten. Universalbanken

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bieten ihren Kunden die komplette Palette von Bankgeschäften vom Einlagen- und Kreditgeschäft bis zum Wertpapier- oder dem Girogeschäft. In den angelsächsischen Ländern gibt es dagegen ein Trennbankensystem. Dort dürfen Banken jeweils nur einen bestimmten Bereich der Bankgeschäfte ausüben. So sind im amerikanischen Trennbankensystem die Commercial Banks auf den Zahlungsverkehr, das Einlagen- und das Kreditgeschäft beschränkt, während die Investment Banks das Effektengeschäft betreiben. Über eine Lockerung dieser seit den dreißiger Jahren als Folge der Weltwirtschaftskrise durch den Class-Steagall-Act festgeschriebenen Trennung wird in den USA derzeit intensiv diskutiert. Dabei gehe es zwar darum, das rigide Trennbankensystem in Richtung Universalbankensystem zu verändern, wobei jedoch niemand in den USA ernsthaft das deutsche Universalbankensystem zum Vorbild dieser Neuregelung machen wolle. Bei einer Bewertung des deutschen Systems werden in den USA vor allem die erheblichen Interessenkonflikte und die wettbewerbswidrigen Verflechtungen des deutschen Allfinanzkonzernsystem als problematisch angesehen. Besonders das Netz der wechselseitigen Beteiligungen und die faktische Selbstkontrolle der Banken mit Hilfe von Kapitalanlagegesellschaften werden in den USA seit Jahren scharf kritisiert. Diese Kritik werde auch von Finanzmarktexperten anderer Ländern geteilt. Die von interessierter Seite wiederholt vorgebrachte These, es gäbe einen internationalen Trend zum Universalbankensystem deutscher Prägung, sei nicht zutreffend.

Stattdessen entwickelten sich die Schwäche des deutschen Börsenmarktes und der deutschen Finanzdienstleistungssysteme angesichts wachsender Globalisierung und einem verstärkten internationalen Wettbewerb zunehmend zu einem Defizit des deutschen Wirtschaftssystems. Vor diesem Hintergrund befinde sich das deutsche Finanzsystem derzeit in einer von mehreren Seiten angestoßenen evolutionären Entwicklung hin zu einem stärker kapitalmarktorientierten System. International tätige Großkonzerne wie BMW gehen verstärkt dazu über, viele Finanzgeschäfte anderweitig oder teilweise hausintern zu bewältigen, wie etwa die Begebung von Anleihen, die Auflage von Commercial Paper Programmen, die Begebung mittelfristiger Anleihen durch Privatplazierung bei Versicherungen oder Investmentgesellschaften sowie den Verkauf von Forderungen

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nach dem Asset Backed Securities System. Lediglich das Konsortialgeschäft werde noch von einem historisch gewachsenen Kreis von deutschen Banken betreut. Beim Investmentbanking, beim Asset Backed Securities System und der Marktanalyse werden die angelsächsischen Institute üblicherweise als besser eingeschätzt.

Ein FDP-Politiker bestätigt, daß deutsche Banken in den letzten Jahren in der Tat große Probleme gehabt haben, im Investmentbanking gegen die angelsächsischen Konkurrenz zu bestehen. Dabei habe sich insgesamt gezeigt, daß die Bankenkultur an einigen Finanzplätzen, beispielsweise in London, besser entwickelt sei als in Deutschland. Ein Wissenschaftler sieht dies durch den Aufkauf angelsächsischer Investmentbanken durch deutsche Großbanken und die Verlegung ganzer Abteilungen nach London oder andere Finanzplätze bestätigt. Es sei deshalb keineswegs ausgeschlossen, daß der internationale Wettbewerb das deutsche System der Universalbanken als nicht wettbewerbsfähig entlarven werde. Universalbanken könnten sich zwar gewisser Größenvorteile und Verbundvorteile erfreuen. Diesen potentiellen Vorteilen stehen jedoch die Nachteile entgegen, die sich aus der Schwierigkeit ergeben, ein komplexes Finanzkonglomerat zu führen. Hierdurch treten, wie beim Wettbewerb "Supermarkt gegen Fachgeschäft", Qualitätsprobleme für die Universalbankensysteme auf. Lediglich bei einfachen Finanzdienstleistungen sei die Bequemlichkeit des Universalbankensystems noch von größerem Gewicht.

Ein FDP-Politiker unterstreicht den Nachholbedarf des deutschen Finanzmarktes. Zwar bestehe keine Notwendigkeit, daß deutsche Universalbankensystem in Richtung des angelsächsischen Trennbankensystems zu verändern, aber in Deutschland fehle es immer noch an den grundlegenden Rahmenbedingungen eines funktionierenden Marktsystems. In der Tat könne die deutsche Bankenstruktur mit ihren unbestreitbaren Interessenkonflikten und der Einflußkumulation bei den Banken hier hemmend wirken.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Januar 2001

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