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[Seite der Druckausgabe: 51 / Fortsetzung]

2. Ein keynesianischer Ansatz




2.1 Eine hybride keynesianische These

Häufig wird auf empirische Befunde verwiesen, die belegen sollen, daß Lohnzurückhaltung zu positiven Beschäftigungseffekten führt. [Fn.29: Vgl. H. Lehment (1998), S. 72-84.] Die diesem Befund zugrundeliegende These beruht allerdings keineswegs auf der neoklassischen Theorie, sondern ist als eine Art hybrider keynesianischer Erklärung anzusprechen, weil sie nicht auf Substitution, sondern im besten Fall auf einem Geldmengeneffekt basiert.

Lohnzurückhaltung liegt nach dieser These dann vor, wenn der Zuwachs der ausbezahlten Löhne hinter dem Zuwachs der nominalen gesamtwirtschaftlichen Produktion zurückbleibt. Je

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stärker diese Lohnzurückhaltung, um so stärker steigt die Beschäftigung. Das besagt allerdings lediglich, daß nur die Erlöse der Unternehmen, die nicht für die Löhne der schon beschäftigten Arbeitnehmer bzw. für die Bedienung des schon beschäftigten Kapitals aufgewendet werden, Gewinne darstellen und prinzipiell für Neueinstellungen zur Verfügung stehen. Eine solche Aussage ist von einer Definitionsgleichung nicht weit entfernt.

Wie gering der Erklärungswert dieser Art von Lohnzurückhaltung hat, zeigt schon der empirische Befund: Trotz eines Zurückbleibens der Nominallöhne hinter der Entwicklung des nominalen Bruttoinlandsprodukts von einem halben Prozent jährlich in den Jahren 1994 bis 1997 ist in Deutschland die Beschäftigung nicht gestiegen, sondern in jedem Jahr durchschnittlich um ein Prozent gefallen. Das kann - bei gegebener gesamtwirtschaftlicher Produktionssteigerung - offenbar nur an der Gewinnentwicklung liegen. Tatsächlich sind die Gewinne keineswegs zurückhaltend gewesen, sondern kräftig gestiegen. Aus der nominalen Lohnzurückhaltung von einem halben Prozentpunkt wurde aufgrund des gleichzeitig eingetretenen Zurückbleibens der Reallöhne hinter der Produktivität und der damit verbundenen Gewinnexpansion ein negativer Beschäftigungseffekt von einem Prozent. Wären die Bruttoeinkommen der Unternehmen in dieser Zeit weniger stark gestiegen, z. B. nur genauso stark wie die Löhne, wäre nach dieser Logik mehr Beschäftigung möglich gewesen,.

Die hybride keynesianische These ist zur Erklärung der Beschäftigung nicht geeignet, weil sie zwei Größen miteinander in Beziehung setzt, die nicht unabhängig voneinander sind: Die Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft reagiert auf die Entwicklung der Gewinne ebenso wie auf die der Löhne, sie ist keine vorgegebene Größe. Insofern „belegt" ein internationaler Vergleich von „Lohnzurückhaltung" und Beschäftigung nur, daß es in einigen Ländern besser als in anderen gelungen ist, eine Nachfrage zu initiieren, deren Beschäftigungswirkungen nicht von der Lohnpolitik oder stark steigenden Gewinnen konterkariert wurde. Ob die empirisch beobachtbare Kombination von nominalem Wachstum und Nominallohnentwicklung vorwiegend das Ergebnis einer aktiv zurückhaltenden Lohnpolitik war oder eines aktiven Einsatzes ganz anderer wirtschaftspolitischer Maßnahmen, wie z.B. der EU-Transfers in Irland oder einer expansiven Fiskalpolitik in Westdeutschland zu Anfang der neunziger Jahre, kann mittels der hybrid keynesianischen These nicht entschieden werden.

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2.2 Eine monetär keynesianische These

Erst wenn man an die Stelle des nominalen Bruttoinlandsprodukts in der hybriden keynesianischen These die von der Zentralbank gesteuerte Geldmenge setzt, erhält man einen aussagekräftigen Zusammenhang in Form einer monetär keynesianischen These. Ist die Beziehung

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zwischen der Geldmenge und der Gesamtnachfrage stabil, kann die Zentralbank über die Steuerung der Geldmenge nämlich auch die Nachfrage steuern.

Nominale Lohnzurückhaltung führt in diesem Fall genau dann zu mehr Beschäftigung, wenn sie nicht durch steigende Gewinne konterkariert wird. Um das an einem Zahlenbeispiel zu verdeutlichen: In einer Wirtschaft mit einem zu erwartenden Wachstum der Produktivität von 3% und einer Zielinflationsrate von 2% bleibt die Beschäftigung gerade unverändert, wenn die Zentralbank die Geldmenge um 5% ausweitet und Nominallöhne und Gewinne ebenfalls um 5% steigen. Die reale Gesamtproduktion kann dann wie die reale Geldmenge um 3% zulegen, was exakt der Zuwachsrate der Produktivität und der realen Zunahme der Einkommen beider Produktionsfaktoren entspricht. Eine Geldpolitik, die die Geldmenge nicht stärker als das Wachstum der Arbeitsproduktivität ausweitet, läßt höhere Beschäftigung nicht zu.

Lohnzurückhaltung, also etwa eine Erhöhung der Nominallöhne um lediglich 4%, kann zu mehr Beschäftigung führen, wenn bei unveränderter Zunahme der Produktivität die Unternehmen die Kostensenkung in den Preisen weitergeben und das Preisniveau nur noch um 1%, die Geldmenge aber weiter um 5% expandiert. Dann nimmt die reale Geldmenge um 4 % zu, die Zinsen sinken, und die reale Gesamtnachfrage und die Produktion werden um 4% ausgeweitet. Die Beschäftigung steigt jetzt um 1%. Die Reallöhne bleiben unverändert bei einer Zuwachsrate von 3%, so daß sich bei einer Zunahme der gesamten Arbeitseinkommen von 4 % eine konstante Lohnquote ergibt. Die Zielinflationsrate von 2 % wird jetzt allerdings - nach unten - verfehlt.

Gäben die Unternehmen die durch die geringeren Lohnzuwächse bedingte Kostensenkung nicht in den Preisen weiter, ginge der Reallohnzuwachs von 3 % auf 2 % zurück. Die Beschäftigung aber könnte trotz der (realen und nominalen) Lohnzurückhaltung und der entsprechenden Gewinnzunahme nicht expandieren, weil die reale Geldmenge und damit die reale Produktion nur in Höhe der Produktivität, also um 3 % zulegten. Die Verschiebung der Verteilung zugunsten der Unternehmen brächte also für den Arbeitsmarkt nichts.

Diese Überlegungen sind mit einer keynesianischen Theorie, die auf Wachstum durch Anregung auf der Nachfrageseite, was die monetäre Seite einschließt, setzt, ohne weiteres kompatibel. Nicht Reallohnzurückhaltung, die die private Nachfrage gefährden könnte, ist hier notwendig, sondern eine Nominallohnzurückhaltung, die verhindert, daß die Lohnstückkosten stärker steigen, als das Inflationsziel angesetzt ist. Die Reallöhne können und sollen sich im Tempo der Produktivitätszunahme entwickeln. Die Geldmengenausweitung muß über das Produktivitätswachstum hinausgehen, um mehr Beschäftigung zu ermöglichen. Das Beispiel der USA in den neunziger Jahren zeigt, daß nominale Zurückhaltung der Löhne sinnvoll und

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notwendig ist, solange die Entwicklung der Lohnstückkosten über dem Inflationsziel der Notenbank liegt. Bei einer derartig zurückhaltenden Lohnpolitik ergeben sich gleichwohl Reallohnzuwächse in der Größenordnung der Produktivitätssteigerung, während die Beschäftigungssicherung von der Zentralbank über die „quantity of money in wage units" (J.M.Keynes) aktiv betrieben wird.

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3.2 Ein keynesianisches Modell

Dem Versuch, das eher mikroökonomisch angelegte neoklassische Modell auf die Gesamtwirtschaft zu übertragen, sind, wie die Analyse gezeigt hat, enge Grenzen gesetzt.. Insbesondere wenn Überlegungen wie technischer Fortschritt in Form exogen steigender Faktorproduktivitäten zusammen mit z.B. konstantem Geldmengenwachstum eingeführt werden, wird die Analyse bei nur implizit berücksichtigter gesamtwirtschaftlicher Budgetrestriktion unübersichtlich - erst recht die Darstellung im Faktor-Faktor-Diagramm. Als Alternative bietet sich ein Modell an, das aus der Budgetrestriktion selbst und, anstelle einer Produktionsfunkti-on, aus einer Preisgleichung besteht. [Fn.30: Vgl. Layard, Nickel, Jackman (1991).] Damit ändert sich allerdings die Blickrichtung vollständig: weg von technologischen Zusammenhängen, wie sie eine Produktionsfunktion abbildet, hin zum Preismechanismus, der für den an monetären Abläufen in einer Volkswirtschaft interessierten Ökonomen zentral ist.

Ausgangspunkt der Preisgleichung ist folgende Überlegung: Mit einem multiplikativen Gewinnzuschlag U (sog. mark up) auf die Stückkosten läßt sich der Stückpreis P darstellen als
P = (W * E * U) / Y, wobei U > l definiert ist und W * E, die Lohnkosten (Lohnsatz mal Beschäftigung), die einzige bei der Produktion von Y anfallende Kostenart sei. Die Vernachlässigung von Vorleistungskosten ist auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gerechtfertigt, da letztlich alle Vorprodukte mittels des Faktors Arbeit hergestellt sind, wenn auch möglicherweise in einer früheren Periode. Man macht also lediglich hinsichtlich der zeitlichen Zuordnung von Vorleistungskosten einen Fehler. [Fn.31: Er ließe sich dadurch vermeiden, daß ein Teil des Arbeitseinsatzes E zu einem früheren als dem aktuellen Lohnsatz W bewertet in den Zähler einginge. Für den grundsätzlichen Zusammenhang auf diesem Abstraktionsniveau bedeutete der Einbau einer solchen Lagstruktur eine formale Komplizierung ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn, weshalb er hier nicht vorgenommen wird.] Der Stückgewinn beträgt also (U-1) * (W * E) / Y, der

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Gewinn insgesamt (U-1) * W * E. In Wachstumsraten ausgedrückt ergibt sich die Preisgleichung: [Fn.32: Die Additivität der Wachstumsraten gilt nur bei stetig differenzierbaren Funktionen.]

p = u + w - (y - e).

Die Preise verändern sich mit einer Rate (p), die sich aus der Summe der Wachstumsraten des Gewinnzuschlags (u) und der Nominallöhne (w) zusammensetzt abzüglich dem Wachstum der Arbeitsproduktivität (y-e), also der Differenz aus Produktionswachstum (y) und Beschäftigungszunahme (e). Diese 'Aneinanderreihung' verschiedener Preiskomponenten dürfte das tatsächliche Preissetzungsverhalten, wie es in entwickelten Volkswirtschaften stattfindet, widerspiegeln. Denn daß der Walrasianische Auktionator, der Transaktionen erst zuläßt, wenn der von ihm ermittelte Preisvektor zu vollständiger Räumung auf allen Märkten führt, eine (in der Theorie interessante) Fiktion ist, dürfte unbestritten sein.

Herrscht vollständige Konkurrenz, können die Unternehmer ihren 'mark up' nicht erhöhen
(U = konstant bzw. u = 0), die dann anfallenden Gewinne entsprechen gedanklich der Kapitalverzinsung im neoklassischen Modell. Unter monopolistischer Konkurrenz bzw. bei Annahme Schumpeterscher Unternehmer kann sich u verändern, z.B. positiv sein. Die Nominallöhne werden zwischen den Tarifparteien ausgehandelt und sind insofern ein exogener Parameter in der Preisgleichung. Die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität wird ebenfalls exogen gesetzt. Das kennzeichnet den wesentlichen Unterschied zum neoklassischen Modell: Hier interessiert nicht, wie die Arbeitsproduktivität technologisch zustande kommt, welches Faktoreinsatzverhältnis sich hinter ihr verbirgt. Statt dessen steht im Vordergrund, wie sie auf die Inflationsrate und damit auf die reale Geldmenge und das Realeinkommen, d.h. die realen Expansionsmöglichkeiten der Wirtschaft, wirkt.

Steigen die Nominallöhne mit der Rate des Produktivitätswachstums, verändern sich die Preise im selben Ausmaß wie der Gewinnzuschlag; sie bleiben also konstant (p = 0), wenn der Stückgewinn konstant bleibt (u = 0), d.h. die Gewinne nur im Ausmaß der Produktion, also mit der Rate y, wachsen. Bleiben die Nominallöhne hinter der Produktivität zurück (w - (y - e) < 0) und wächst der Gewinnzuschlag nicht (u = 0), sinken die Preise: p < 0. Wächst der Gewinnzuschlag mit der gleichen Rate wie vor dem Zurückbleiben der Nominallöhne hinter der Produktivität, sinken zwar nicht die Preise, aber die Inflationsrate.

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Wie oben bereits erwähnt, lautet die gesamtwirtschaftliche Budgetrestriktion in dynamischer Betrachtung bei Annahme konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes: [Fn.33: Diese Annahme kann insofern gelockert werden, als unterstellt wird, daß die Geldpolitik alle vorhersehbaren Änderungen der Umlaufgeschwindigkeit abfängt. Dann reduziert sich die Vernachlässigung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Modell darauf, daß keine unsystematischen Änderungen zugelassen werden.]

m = y + p, d.h. dem nominalen Geldmengenwachstum entspricht das reale Produktionswachstum plus die Preissteigerungsrate. Formt man diese Gleichung nach y um und setzt sie in die o.g. Preisgleichung ein, erhält man

p = u + w - (m - p - e)

bzw e = m - (u + w).

Ob nominales Nachfragewachstum (m > 0) in die Preise (p = m) oder in die Mengen (y = m) geht, hängt in diesem Modell vom Preissetzungsverhalten der Gewerkschaften und der Unternehmen ab. Die Beschäftigung nimmt demnach dann zu, wenn die Geldmenge schneller wächst als Löhne und Gewinnzuschlag zusammen. Hier wird der bereits im oben diskutierten gesamtwirtschaftlich interpretierten neoklassischen Modell (Abschnitt 1.3) beschriebene trade off zwischen Umverteilung und Wachstum explizit: Wird das Geldmengenwachstum entweder durch Lohnerhöhungen oder durch Gewinnsteigerungen „abgeschöpft", bleibt nichts für eine Ausweitung der Beschäftigung übrig. Daß Umverteilung zugunsten der Lohnempfänger keine Beschäftigung schafft, ist allgemein bekannt, daß sie zugunsten der Gewinneinkommensbezieher ebenso unwirksam ist, weit weniger.

Löst man die Preisgleichung nach u auf: u = (y - e) - (w - p), erhält man einen Ausdruck, den man als Reallohnzurückhaltung bezeichnen kann, weil er die Differenz zwischen Arbeitspro-duktivitäts- und Reallohnwachstum wiedergibt. Reallohnzurückhaltung wirkt ceteris paribus nicht beschäftigungsfördernd. Vordergründig drängt sich die Vorstellung auf, durch höhere Gewinne würden Investitionen angeregt und mit ihnen entstünden neue Arbeitsplätze (Gewinnthese). Gewinnsteigerungen bedeuten aber entweder reine Preissteigerungen, die den von der Geldpolitik gesetzten Wachstumsspielraum einengen (in Veränderungen der Wachstumsraten ausgedrückt: Du = Dp = -Dy > 0), oder reine Umverteilung, wenn das Nominallohnwachstum entsprechend gegenläufig ist (Du = -Dw), oder eine Mischung aus beidem. Nur wenn die Geldpolitik die Umverteilung akkomodiert, d.h. die Geldmenge noch stärker wachsen läßt, als die Preise aufgrund der Umverteilung steigen, oder wenn die Lohnpolitik noch stärker hinter der Produktivitätsentwicklung zurückbleibt, können Gewinn- und Beschäfti-

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gungswachstum gleichzeitig auftreten. Das Wachstum insgesamt und damit auch das der Beschäftigung bleiben dann aber hinter dem zurück, was ohne Umverteilung zugunsten der Gewinne möglich gewesen wäre.

Dieses Modell veranschaulicht auch, daß Produktivitätssteigerungen, z.B. aufgrund technischen Fortschritts oder durch andere allokative Effizienzverbesserungen, keine Beschäftigungswirkungen haben. Sie steigern zweifellos das reale Einkommen, wenn sie in den Preisen weitergegeben werden (denn dann wächst die reale Geldmenge entsprechend). [Fn.34: Auf diese Weise mögen Effizienzsteigerungen Umverteilungsspielräume zugunsten z.B. der finanziellen Unterstützung von Arbeitslosen erweitern.] Doch nicht einmal diese Funktion können Produktivitätssteigerungen übernehmen, wenn sie nicht in den Preisen weitergegeben werden, sondern der Erhöhung des Gewinnwachstums dienen (D(y - e) =Du). Dann sinkt die Beschäftigung sogar, da das Einkommen konstant bleibt, aber eben mit weniger Arbeitskräften hergestellt wird (De == - Du und Dy = Dp = 0). [Fn.35: Das ist, wie bereits oben im Zusammenhang mit dem neoklassischen Modell erwähnt, dann nicht negativ zu beurteilen, wenn Freizeit als Gut angesehen wird und dessen 'Produktion' Vorrang hat vor der Einkommensausdehnung. Herrscht Massenarbeitslosigkeit, ist diese Variante aber wohl kaum anzustreben.]

Die Beschäftigungsgleichung zeigt auch, daß die Verantwortung für die Entwicklung der Beschäftigung nicht allein in der Hand der Tarifpartner liegt, sondern auf die Mitwirkung der Geldpolitik angewiesen ist. Umgekehrt zeigt die Preisgleichung, daß die Geldpolitik ihr Inflationsziel bei gegebenem Produktivitätswachstum nicht ohne Störung des realen Einkommenswachstums erreichen kann, wenn sich die Tarifpartner nicht inflationszielkonform verhalten.

Wie ist unter den Bedingungen dieses Modells eine monetaristische Geldmengenregel zu beurteilen, die auf die Formel 'Produktionspotentialwachstum + Inflationsziel' hinausläuft? Sofern sich auf Dauer das Wachstum des Produktionspotentials und der tatsächlichen Produktivität entsprechen, gilt bei einer solchen Regel: m = p* + (y - e) mit p* als Zielinflationsrate. Setzt sich die Geldpolitik durch, d.h. p = p*, geht die gesamtwirtschaftliche Budgetrestriktion nur auf, wenn das Beschäftigungswachstum Null ist:

p* + (y - e) = p + y => e = 0 , wenn p = p*.

Das bedeutet, die von einer monetaristischen Geldmengenregel geleitete Geldpolitik kann nur beschäftigungsexpansiv wirken, wenn sie ihre Zielinflationsrate nach unten hin verfehlt, also
p* > p. Und eine niedrigere Inflationsrate als die von der Geldpolitik angestrebte kann sich

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nur einstellen, wenn das Wachstum beider Faktorpreise (u + w) hinter dem Spielraum aus Zielinflationsrate und Arbeitsproduktivitätswachstum zurückbleibt, also u + w < p* + (y - e).

Doch welcher Zusammenhang besteht zur Investitionstätigkeit und der Rendite von Sachkapital, dem Güterzins? Auch dieses Modell enthält keine Verhaltensgleichung für die Investitionstätigkeit. Es behandelt den Faktor Kapital nur indirekt über die exogen gesetzte Arbeitsproduktivität. Eine Produktionsfunktion, die den technologischen Zusammenhang zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital abbildet, fehlt. Das ist im Hinblick auf die Zielrichtung des Modells, sich nämlich mit den monetären Zusammenhängen bei gegebener Technologie, d.h. gegebenem Arbeitsproduktivitätswachstum, auseinanderzusetzen, kein Manko. Investitionen haben ja keinen wirtschaftspolitischen Zweck per se, sondern sind immer nur als Instrument für Wachstum und Beschäftigung zu sehen. Sofern man Sachkapital als 'vorgetane Arbeit' interpretiert, spielen letzten Endes Nominallohn- und Geldmengenwachstum die entscheidende Rolle für Einkommens- und Beschäftigungswachstum; die Sachkapitalrendite ergibt sich endogen. Doch um das Zusammenwirken von Güter- und Geldzins aufzuzeigen, wäre die explizite Behandlung des Faktors Kapital wünschenswert. Im Rahmen dieses Gutachtens ist eine solche Modellerweiterung aber systematisch nicht zu leisten.

Das vorliegende Modell läßt sich mittels der gesamtwirtschaftlichen Budgetrestriktion, der Quantitätsgleichung, immerhin so umschreiben, daß der Zusammenhang zwischen dem Preissetzungsverhalten und dem Kapitalstockwachstum deutlich wird. [Fn.36: Vgl. zu diesem 'Kunstgriff’ Koll (1988).] Dazu drückt man die Produktion Y mittels der Kapitalproduktivität J: = Y / K und dem Kapitalstock K aus:
Y = J * K bzw. in Wachstumsraten y = j + k. Diese Beziehung in die Budgetrestriktion eingesetzt und nach k aufgelöst ergibt

k = m - p - j.

Sie gibt den definitorischen Zusammenhang wieder, daß für ein reales Wachstum, ausgedrückt durch die Zunahme der realen Geldmenge (m - p), der Kapitalstock in dem Maße wachsen muß, wie das Wachstum nicht bereits durch die Zunahme der Kapitalproduktivität (j) ermöglicht wurde. Setzt man nun die Preisgleichung ein, erhält man

k = m - (u + w) + (y - e) -j.

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Die Investitionen sinken ceteris paribus, d.h. k fällt kleiner aus, wenn die Wachstumsrate der Faktorpreise (u und/oder w) zunimmt. Auch an dieser Stelle taucht wieder der trade off zwischen Umverteilung und Wachstum auf, der also nicht nur die Beschäftigung, sondern auch die Investitionstätigkeit negativ tangiert. Die Investitionen steigen unter sonst gleichen Umständen mit der Wachstumsrate der nominalen Geldmenge und sinken, wenn das Kapitalproduktivitätswachstum zunimmt. Das Arbeitsproduktivitätswachstum hingegen wirkt positiv auf die Investitionen, da es gemäß der Preisgleichung ceteris paribus das reale Wachstum steigert und dieses bei unverändertem Kapitalproduktivitätswachstum (das ist hier eine weitere ceteris paribus-Annahme) nur durch schnelleres Kapitalstockwachstum bewältigt werden kann.

Die Sachkapitalrendite (SKR), die hier als Summe der Verzinsung des Kapitalstocks mit dem Kapitalmarktzinssatz und dem Aufschlag für unternehmerisches Handeln - man kann auch von Risikoprämie oder Schumpeterschem Monopolgewinn sprechen - definiert wird, ergibt sich als Quotient aus Gewinnen und Kapitalstock. [Fn.37: Insofern entspricht diese Sachkapitalrendite derjenigen im neoklassischen Modell, das jedoch seinerseits mit der Annahme der vollständigen Konkurrenz die Existenz einer Differenz zwischen Kapitalmarktzinssatz und Güterzins ausschließt: Gewinne im engeren Sinne gibt es im neoklassischen Modell nicht.] Ihre Veränderungsrate (DSKR) entspricht somit der Differenz aus der Wachstumsrate des Gewinnzuschlags (u) und der des Kapitalstocks (k):

DSKR = u - k.

Noch einmal anders und in absoluten Werten, nicht Veränderungsraten, ausgedrückt:

SKR = (Y * P - E * W) / (K * P) = Y / K - (E * W) / (K * P) = J - (W / P) / (K / E) ,

d.h. die Sachkapitalrendite hängt positiv ab von der Kapitalproduktivität und negativ von der pro (bewerteter) Kapitaleinheit zu zahlenden Entlohnung des Faktors Arbeit (die dem Quotienten aus Reallohn und Kapitalintensität entspricht).

Sinkt - aus welchen technologischen Gründen auch immer - die Kapitalproduktivität (j < 0), sinkt die Sachkapitalrendite. Die gleiche Wachstumsrate des Output (y = k + j) kann nur mittels verstärkter Investitionen erreicht werden. Für Unternehmer besteht dazu nur dann ein ausreichender Anreiz, wenn die Opportunitätskosten der Sachinvestition, der Geldzins (hier also der Kapitalmarktzins), hinter dem gesunkenen Güterzins zurückbleiben. Zwar ließe sich ein Absinken der Sachkapitalrendite auf den ersten Blick auch durch eine Verminderung des Reallohnzuwachses erreichen, aber aus der obigen Analyse ist bereits deutlich geworden, daß

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diese Umverteilung zugunsten der Gewinne das Gesamtwachstum einschränkt. D.h. die einzige im Sinne von Wachstum erfolgreiche Strategie, einem technologisch bedingten Sinken der Kapitalproduktivität zu begegnen, ist eine entsprechend gelockerte Geldpolitik.

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2.4 Zu den Ursachen der Arbeitslosigkeit in Europa

Warum ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland und Europa viel höher als in den USA? In Abschnitt l.6 wurde gezeigt, daß Erklärungen, die auf das Reallohnniveau abstellen, nicht greifen. Seit Beginn der achtziger Jahre laufen die Arbeitsmarktentwicklungen in Europa und den USA auseinander. Seit dieser Zeit gab es in Europa und Deutschland eine weit ausgeprägtere Reallohnzurückhaltung als in den USA. Die Reallöhne können folglich nicht der Grund für die anhaltend hohe und in den neunziger Jahren sogar noch einmal gestiegene Arbeitslosigkeit in Europa gewesen sein. Besonders erstaunlich an dem empirischen Befund ist, daß Westdeutschland von 1982 bis 1992 bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durchaus erfolgreich war. Am Ende dieser Periode war die Zahl der Arbeitslosen deutlich gesunken, und die Arbeitslosenquote lag unterhalb der der USA. Eine Erklärung für die unterschiedliche Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den beiden Kontinenten muß in der Lage sein, diesem Faktum Rechnung zu tragen.

Eine Erklärung, die das kann, findet man in den monetären Bedingungen der betrachteten Volkswirtschaften. Die gesamten achtziger Jahre waren von dem Versuch der meisten europäischen Länder gekennzeichnet, bei der Stabilisierung des Preisniveaus mit Westdeutschland gleichzuziehen. Dem standen allerdings z.T. widrige institutionelle Voraussetzungen, wie z.B. Indexierungsmechanismen entgegen, die eine hohe nominale Rigidität der Löhne und der Preise zur Folge hatten. So sind die Inflationsraten in den EWU-Ländern nach der zweiten Ölkrise trotz größeren geldpolitischen Drucks weit langsamer zurückgegangen als in Westdeutschland und den USA (Abbildung 16). Folglich mußten diese Länder weitaus länger und weitaus stärker mit der Geldpolitik einen Kurs der Inflationsbekämpfung fahren. Die Abbildung 17 belegt dies in eindrucksvoller Weise: Während sich nach dem Ende der Rezession Anfang der achtziger Jahre, die in allen Regionen durch eine inverse Zinsstruktur eingeleitet wurde, die Zinsstruktur in Westdeutschland und den USA rasch wieder normalisierte, blieb sie in den übrigen EU-Ländern nahe der Nullinie, also in einem Bereich, der eigentlich für eine rezessive Phase kennzeichnend ist.

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Abbildung 17




Diese Erklärung paßt unzweifelhaft auf das Muster des Entstehens von Arbeitslosigkeit in den drei betrachteten Regionen. Westdeutschland weist ein bessere Entwicklung auf, weil sich -ebenso wie in den USA - die monetären Bedingungen im Verlaufe der achtziger Jahre rasch normalisierten. In Westdeutschland war neben einer hohen Flexibilität der Reallöhne auch eine hohe nominale Flexibilität gegeben. Dafür, daß die reale Flexibilität von Bedeutung gewesen wäre, gibt es freilich keine Hinweise, da die USA bei weit geringerer realer Flexibilität dennoch am Arbeitsmarkt äußerst erfolgreich waren.

Erst Anfang der neunziger Jahre fiel auch Westdeutschland hinter die USA zurück, weil sich die monetären Bedingungen schon Ende der achtziger Jahre dramatisch verschlechtert hatten. Deutschland zog auch die übrigen Länder der EU mit sich, nachdem die expansiven Effekte von Seiten der Finanzpolitik im Jahre 1992 an Kraft verloren hatten. Seit 1994 herrschen in Europa erstmals nach fast 15 Jahren andauernder monetärer Restriktionen wieder normale

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Abbildung 18


Zinsbedingungen. Die Chancen, die sich daraus ergeben, haben inzwischen einige EU-Länder zu einer Anregung ihrer Wirtschaft genutzt. Westdeutschland ist das viel weniger gut gelungen, weil zunächst die Aufwertung der D-Mark, dann der restriktive Kurs der Finanzpolitik und nicht zuletzt die deflationäre Lohnpolitik eine durchgreifende Nachfragebelebung verhindert haben.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Oktober 1999

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