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TEILDOKUMENT:




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Bettina Westle
Nationale Identität und Demokratieverständnis junger Deutscher




1. Einleitung

In Politik und Medien ist zunehmend die Rede von der „Mauer in den Köpfen" zwischen Ost und West sowie von steigender Politikverdrossenheit. Um beidem entgegenzuwirken, wird häufig die Überwindung eines mangelnden Nationalgefühls der Deutschen und Förderung einer - je nach Standpunkt „defensiven", „gesunden" - Nationalidentität oder aber eines an dem republikanischen Staatsverständnis orientierten Verfassungspatriotismus gefordert. Dabei wird nicht zuletzt auf die junge Bevölkerung gesetzt, da diese noch weniger als die älteren Deutschen durch die differenten politischen Systeme vorgeprägt sei und flexibler auf Probleme und Chancen der mit der deutschen Einheit veränderten Lebenssituation reagieren könne. Andererseits haben die ausländerfeindlichen Gewalttaten Jugendlicher aufgeschreckt und sind häufig als Folge von deren subjektiver Perspektivlosigkeit in einem vereinten Deutschland sowie einer damit verbundenen Hinwendung zu extrem nationalistischen, rechtsradikalen Ideologien und Gruppen vermutet worden. Entsprechend finden sich auch Warnungen vor Gefahren der Verstärkung und Inanspruchnahme nationaler Affekte für die Herstellung der inneren Einheit und die Unterstützung des politischen Systems der westlichen Demokratie.

Diese konträren Haltungen zu nationalen Gefühlen replizieren unter dem neuen Vorzeichen der deutschen Einheit eine ältere Kontroverse, die allerdings nach wie vor primär unter normativer Perspektive geführt wird und weder auf eine bislang noch ausstehende Theorie nationaler Identität noch auf empirisch ausreichend gesättigte Befunde rekurrieren kann. [Fn 1 : Aufgrund der Kürze dieses Beitrags kann nicht auf die theoretisch-normativen Diskussionen eingegangen werden. Zur älteren Kontroverse s. Haungs 1992, Westle 1994a; zu neueren Diskussionen s. Braitling/Reese-Schäfer 1991, zum konzeptuellen Defizit s. Blank/Schmidt 1994.]
Im folgenden soll daher auf empirischer Grundlage zunächst den Fragen

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nachgegangen werden, welche Haltungen junge Deutsche in Ost und West gegenüber der nationalen Einheit einnehmen und wie ihr Nationalgefühl beschaffen ist. Danach wird gefragt, welche Zusammenhänge sich zwischen kollektiven Gefühlen und Einstellungen gegenüber der Demokratie identifizieren lassen [Fn 2: Die Analysen des DJI-Jugendsurveys umfassen 16- bis 29jährige. Alle anderen Analysen zu jungen Deutschen umfassen Befragte von 18 bis 29 Jahren, da sie auf Repräsentativerhebungen der Wahlbevölkerung beruhen. Vergleiche mit der älteren Population sollen als Anhaltspunkt zur Einordnung der Einstellungen der Ju gend dienen, lassen aber keine Aussagen über weitere altersspezifische Differenzen zu; Daten für die ältere Population sind mit einer Ausnahme nicht tabellarisch/grafisch ausgewiesen. Für die Analysen trägt ausschließlich die Autorin die Verantwortung. Folgende Studien wurden benutzt: a) DJI-Jugendsurvey vom Herbst 1992 (Datensatz des Deutschen Jugend Instituts, München); b) Repräsentativerhebungen vom Frühjahr 1992 und 1993 des DFG-geförderten Projekts Politische Kulturen im geeinten Deutschland (geleitet von der Autorin); c) Kumulierte Politbarometer West 1989, 1990, 1991, 1992 (ZA-Nr. 1779, 1920, 2102, 2275) und Ost 1990, 1991, 1992 (ZA-Nr. 1987, 2114, 2287); d) Ipos-Studien West 1990 (ZA-Nr. 1937), Ost 1990 (ZA-Nr. 1967), West und Ost 1992 (ZA-Nr. 2288); Politbarometer vom Dezember 1993 (von der Forschungsgruppe Wahlen e.V. Mannheim zur Verfügung gestellt); e) Allbus 1991, 1992, 1994 (ZA-Nr. 1990, 2140; 1994 ZUMA Datensatz); f) World Value Survey 1981 und 1990 (ZA-Nr. 904); g) Eurobarometer Nr. 17, 19, 21, 24, 26, 30 (von ZEUS zur Verfügung gestellt); h) Einschaltungen des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und International Vergleichende Sozialforschung der Universität Mannheim in die Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen e.V., Mannheim, zur Volkskammerwahl 1990 und zu den Wahlen in den neuen Bundesländern 1991 (eigene Datensätze); i) Umfrage der Forschungsstelle für Gesellschaftliche Entwicklungen (FGE) 1990 (von R. Wildenmann zur Verfügung gestellt); j) Emnid-Bus in Ost im November 1993 (von Emnid zur Verfügung gestellt).]

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2. Zur kollektiven Identität junger Deutscher

In Anlehnung an ein Modell politischer Unterstützung (Easton 1965) wird der Nationalstaat hier als eine Form der politischen Gemeinschaft verstanden, die sich aus den Komponenten des politisch definierten Territoriums und seiner Mitglieder zusammensetzt. Wichtige Arten der Legitimitätsgewährung bestehen in grundsätzlichen, d.h. generalisierten, in Wertüberzeugungen wurzelnden oder emotional verankerten Einstellungen sowie in instrumentellen, spezifischen Bewertungen, die auf der Erwägung

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von Vor- oder Nachteilen beruhen. Entsprechend dieses Modells werden im folgenden zur Ermittlung nationaler Identitätsfacetten behandelt:

  • die grundsätzliche und die instrumentelle Beurteilung der deutschen Einheit,
  • generalisierte und spezifische Orientierungen gegenüber den Mitbürgern.
  • Nationalstolz als Indikator für die Bindung an Deutschland und seine inhaltlichen Grundlagen.


2.1 Orientierungen gegenüber der nationalstaatlichen Einheit

Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 stellt sich für die jungen Deutschen der beiden ehemaligen Teilstaaten anders als für die ältere Population objektiv eher als „Neuvereinigung" denn als „Wiedervereinigung" dar, denn eine einheitliche Staatlichkeit der Deutschen in West und Ost haben sie selbst nie erlebt (vgl. Westle 1992). Die gewohnte deutsche Zweistaatlichkeit schlug sich bei der westdeutschen Jugend in den Jahren vor 1989 auch insofern nieder, als sie die Vereinigung zwar nicht ablehnte, ihr aber häufiger als die ältere Bevölkerung, die sie ganz überwiegend wünschte, gleichgültig gegenüberstand. [Fn 3: Zu früheren Befunden s. im Überblick Jansen (1991), die vermutet, daß die größere Gleichgültigkeit gegenüber der deutschen Einheit unter Jugendlichen nicht auf einen Generationseffekt zurückzuführen war, sondern sich mit dem im Lebenszyklus in den mittleren Lebensjahren zunehmenden allgemeinen politischen Interesse auch das Interesse an der DDR und die Befürwortung der deutschen Einheit verstärkt habe.]
Auch als die Frage der deutschen Einheit seit 1989 wieder auf die politische Tagesordnung rückte, zeigte sich zwar bei der großen Mehrheit der jüngeren Bundesdeutschen eine grundsätzliche Akzeptanz der Vereinigung (Tabelle 1), jedoch in geringerem Ausmaß als bei den älteren Befragten. Im Gegensatz zu früheren Jahren begründete sich die geringere Befürwortung der Einstaatlichkeit nicht primär in Gleichgültigkeit, sondern etwa zu gleichen Teilen in Indifferenz und Gegnerschaft. Im Zeitablauf wies die Befürwortung der deutschen Einheit mit ihrem Näherrücken einen zunächst mäßig schwankenden, aber weitgehend parallelen Kurvenverlauf auf mit

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einer Stabilisierung auf dem Niveau von etwa 70% bei den jungen und 85% bei den älteren Westdeutschen seit Mitte 1990. Dagegen zeigten die geringe Indifferenz und Gegnerschaft bei den älteren Befragten seit Februar 1990 eine hohe Stabilität von ca. jeweils 8%, während bei den jüngeren Befragten stärkere Schwankungen im relativen Anteil von Gegnerschaft und Unentschiedenheit auftraten. Diese Beobachtungen deuten daraufhin, daß für Teile der jüngeren Westdeutschen der Meinungsbildungsprozeß zur Frage der deutschen Einheit erst mit ihrer Tagesaktualität einsetzte. Auch ein- bis zweieinhalb Jahre nach ihrer formalen Herstellung wird die deutsche Einheit noch ganz überwiegend für richtig gehalten, wenn auch im Vergleich zu dem Zeitpunkt ihres Vollzugs leicht zunehmend Zweifel aufkommen und zwar wiederum häufiger unter den jüngeren Westdeutschen. [Fn 4: Der geringere Anteil von Indifferenz nach der Vereinigung beruht darauf, daß es keine explizite Antwortvorgabe für Gleichgültigkeit gab.]

In Ostdeutschland war seit dem Frühjahr 1990 die Befürwortung der deutschen Einheit noch umfassender als im Westen, wobei unter den jüngeren Befragten jedoch ebenfalls zunächst etwas häufiger Skepsis bestand, die sich aber seit dem Frühsommer 1990 deutlich reduzierte. Unmittelbar vor der Vereinigung wurde diese von über 90% der jüngeren und älteren DDR-Population befürwortet. Anders als im Westen sind in den neuen Bundesländern nach der Vereinigung jedoch zunächst bei Jung und Alt stärkere Zweifel entstanden, die allerdings bis 1993 schon wieder leicht zurückgehen.

Bei den instrumentellen Erwartungen an die Einheit überwog im Westen die Vermutung kurzfristiger eigener Nachteile und auch im Osten wurde kurzfristig mehrheitlich mit Nachteilen oder einem Ausgleich von Nach- und Vorteilen gerechnet. Beide Bevölkerungsteile hofften für sich erst längerfristig überwiegend auf Vorteile. Dabei war die Jugend in Ost und West wiederum etwas skeptischer als die ältere Bevölkerung (Grundlage: Politbarometer West und Ost 1990, nicht tabellarisch ausgewiesen). Die Bilanzierung bisheriger Vor- und Nachteile der Einheit (Tabelle 2) bis ins Jahr 1994 zeigt dann jedoch ohne große altersspezifische Unterschiede ein klares Konkurrenzverhältnis der beiden Landesteile in der Wahrnehmung der Bevölkerung an. So sind die Westdeutschen überwiegend der Meinung, die Einheit hätte den Ostdeutschen bislang mehr Vor-

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teile gebracht als ihnen selbst, während die Ostdeutschen umgekehrt die Westdeutschen als die größeren Profiteure der Einheit betrachten.

Insgesamt wird damit vor dem Hintergrund einer nach wie vor weit verbreiteten grundsätzlich positiven Haltung zur Einheit eine etwas größere Skepsis der jungen als der älteren Bürger auf der Ebene generalisierter Einstellungen deutlich, während sich auf der Ebene instrumenteller Urteile eher eine die Generationen übergreifende Ost-West-Konfliktlinie abzeichnet.

2.2 Haltungen gegenüber den deutschen Mitbürgern

Eine gegenseitige Ost-West-Distanz in Teilen der Bevölkerung deutet sich auch bei dem personalen Aspekt der neuen politischen Gemeinschaft an. So betrachteten die westdeutschen Bürger die Ostdeutschen während der Wendezeit zunächst überwiegend als Landsleute (70% der jüngeren und 83% der älteren), jedoch schon bis zum Frühjahr 1990 zunehmend als DDR-Bürger, wie auch umgekehrt die Haltung der Ostdeutschen gegenüber den Westdeutschen in dieser Frage gespalten war. Wie aufgrund geringerer Verwandtschaftsbeziehungen und Kontakte zu erwarten, war die gegenseitige Fremdheit zwischen der Jugend in Ost und West mit ca. der Hälfte der Befragten deutlich stärker verbreitet als zwischen den älteren mit etwa einem Drittel der Befragten (Politbarometer West 10/1989 und IPOS West und Ost 1990). Mit einigem Abstand zur Vereinigung empfinden knapp 30% der Westdeutschen und über 40% der Ostdeutschen starke Unterschiede zwischen den Menschen in den beiden Landesteilen (Projekt politische Kulturen im geeinten Deutschland 1992). In Relation zu Bürgern anderer Staaten wurde gegenseitige Fremdheit zwar nur von etwa 20% bis 30% der jüngeren und älteren Deutschen in beiden Landesteilen empfunden, ist jedoch bislang recht stabil (Allbus 1991, 1992, 1993). Teilnationale Wir-Gefühle äußern sich auch darin, daß jeweils mehr Sympathie für die Eigengruppe als für die Außengruppe empfunden wird (Tabelle 3). Dabei weist die Ostjugend den relativ größten Ethnozentrismus im Sinn einer positiveren Bewertung der Eigen- als der Fremdgruppe auf. Während im Westen die wahrgenommene Fremdheit und die Sympathie für die Deutschen im Osten durchaus in Beziehung steht (tau b. = -.35), gibt es im Osten nur eine schwache Beziehung zwischen diesen beiden

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Variablen (tau b =-.08), d.h. die ostdeutsche Sympathie für die Westdeutschen hielt sich auch dann in engeren Grenzen, wenn die Unterschiede als nicht so groß angesehen wurden.

Konkrete gegenseitige Kritiken auf der ökonomischen Dimension (Tabelle 4) zeigen - wenn auch inhaltsspezifisch in unterschiedlichem Ausmaß - ebenfalls eine ausgeprägte Ost-West-Konfliktlinie. So wird das westkritische Item, die Bürger der alten Bundesländer sollten zu mehr Opfern zugunsten der Ostdeutschen bereit sein, von den Ostdeutschen überwiegend geteilt, aber von den Westdeutschen eher abgelehnt, und zwar von der Jugend in steigendem Ausmaß, während sich bei den älteren kein Trend zeigt. Umgekehrt werden die ostkritischen Items - die Ostdeutschen sollten sich in stärkerer Geduld üben, ihr Schicksal sei primär von den eigenen Leistungen abhängig und Zweifel an ihrer Leistungsfähigkeit andererseits - von den Westdeutschen in stärkerem Maß vertreten als von den Ostdeutschen. Dabei bestehen keine systematischen Unterschiede nach Lebensalter und es läßt sich kein einheitlicher Trend zum Abbau oder zur Verstärkung von Selbst- und/oder Fremdkritik feststellen, vielmehr finden sich itemspezifisch unterschiedliche und zum Teil schwankende Entwicklungen.

Eine zusammenfassende Interpretation von Befunden zu ost-westdeutschen Sympathien, Kritiken und Stereotypen gestaltet sich jedoch schwierig. So ist in der Literatur und Forschungsbefunden sowohl von mentalen Unvereinbarkeiten (Schorlemmer 1993) als auch von großen Ähnlichkeiten (Gebhardt/Kamphausen 1994), von einer Stabilisierung und Verhärtung gegensätzlicher Positionen angesichts des wachsenden ökonomischen Problemdrucks (Kaase 1993, Bandilla 1994) ebenso wie von zunehmender Polarisierung zwischen West und Ost (Kanning/Mummendey 1993, Doll/Mielke/Matz 1994) die Rede. Diese kontroversen Befunde sind für verschiedene Bereiche auch durchaus zutreffend, erlauben aber kaum verallgemeinernde Schlußfolgerungen. Allenfalls kann gesagt werden, daß eine generalisierte Ost-West-Antipathie nur bei - allerdings vermutlich stabilen - Minderheiten anzutreffen ist, während die Mehrheit der Bürger in Ost und West durchaus nach wie vor eine tendenziell positive Grundhaltung zu ihren neuen Mitbürgern einnimmt, jedoch die gegenseitige Abgrenzung und Eigengruppenfavorisierung bislang keineswegs aufgibt. Am relativ engsten gezogen sind dabei wohl die Grenzen der Kompromißbe-

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reitschaft in dem offenbar zunehmend als Nullsummenspiel angesehenen finanziellen Bereich, während in anderen Bereichen eher gegenseitige Zugeständnisse möglich erscheinen. Die Jugend erscheint jedoch keineswegs offener für ihre neuen Mitbürger als die ältere Bevölkerung.

2.3 Zu Verbreitung, Gehalt und Typen nationalen Stolzes

Der am häufigsten verwendete Indikator für die Bindung an die nationale Gemeinschaft ist die Frage nach dem Nationalstolz. Im internationalen Vergleich bestätigt sich die von früheren Jahren bekannte geringe Verbreitung des Nationalstolzes in Deutschland - und zwar sowohl für die jüngere als auch die ältere Population (Tabelle 5). [Fn 5: Nationalstolz wird in der Forschung ähnlich wie Fragen nach der Verbundenheit mit Deutschland als Indikator für die affektive Bindung an die nationale Gemeinschaft angesehen. Jedoch ruft der Stimulus des Nationalstolzes mehr Antwortverweigerungen hervor und polarisiert stärker. So fühlen sich erhebliche Teile der nicht-nationalstolzen Jugendlichen durchaus mit Deutschland verbunden. Allerdings zeigen sich auch bei der Frage nach der Verbundenheit die für den Nationalstolz typischen altersspezifischen Unterschiede.]
Darüber hinaus wird deutlich, daß die Jüngeren regelmäßig seltener Nationalstolz äußern als die Älteren und in Westdeutschland die Kluft zwischen den Altersgruppen erheblich größer ist als im europäischen Durchschnitt. Im Jahr 1990 kurz vor der Herstellung der deutschen Einheit läßt sich ebensowenig wie nach ihrem Vollzug bislang ein Anstieg des Nationalstolzes unter den Westdeutschen verzeichnen, was daraufhindeutet, daß die von manchen vertretene These einer geringen Verbreitung von Nationalstolz in der Bundesrepublik aufgrund der deutschen Teilung (Noelle-Neumann 1983, Weidenfeld 1989) nicht haltbar sein dürfte.

In der ostdeutschen Bevölkerung ist bei geringeren altersspezifischen Unterschieden der Nationalstolz vor der Vereinigung etwas stärker verbreitet als in Westdeutschland, reicht jedoch ebenfalls nicht an das im europäischen Durchschnitt übliche Ausmaß heran. Das unmittelbar vor der Vereinigung im Vergleich zum Westen relativ hohe Niveau des Nationalstolzes unter der ostdeutschen Jugend geht danach noch massiver zurück als

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in Westdeutschland. [Fn 6: Die für 1990 ausgewiesenen Werte in Ostdeutschland dürften - aufgrund einer Überrepräsentation der Katholiken, die relativ selten Nationalstolz äußern, und einer Unterrepräsentation der Protestanten, die am häufigsten Nationalstolz empfinden - im World Value Survey sogar noch etwas unterschätzt sein.]
Aufgrund der im folgenden berichteten Begründungen für nationalen Stolz kann angenommen werden, daß dieser Rückgang in West und Ost nicht nur auf enttäuschte Einheitserwartungen, sondern auch wesentlich auf Scham über die rechtsextremen Ausschreitungen in Deutschland während dieser Zeit zurückzuführen ist, die von einem großen Teil der Befragten mit übersteigertem Nationalstolz assoziiert werden.

Im Anschluß an die Frage nach dem Nationalstolz wurden ohne Antwortvorgaben Gründe für die jeweilige Antwort erfragt. Damit konnten nicht nur Inhalte des vorhandenen Nationalstolzes, sondern auch erstmals die Motivationen der gerade für Deutschland so auffälligen Einschränkung und Abweisung von Nationalstolz unter Jugendlichen ermittelt werden. [Fn 7: In der Forschung liegen durchaus standardisierte Erhebungsinstrumente zu Inhalten des Nationalstolzes vor. Jedoch hätte eine Wiederholung dieser Fragen DDR-spezifische und vorpolitisch-ethnisch/kulturelle Objekte des Stolzes ausgeschlossen, oder aber umgekehrt eine Einschränkung auf im wesentlichen nicht-politische Objekte des Stolzes bedeutet sowie die Motivation der Nicht-Stolzen unberücksichtigt gelassen (vgl. Westle 1994b).]

Zum Gehalt von Nationalstolz - Objekte des Stolzes:

Junge Westdeutsche gründen ihren Nationalstolz etwa gleich häufig auf nicht-politische und auf politische Objekte, während die ostdeutsche Jugend etwas häufiger nicht-politische Objekte anführt (Tabelle 6). [Fn 8: Nationalstolze Befragte nennen zu über 90% konkrete Objekte ihres Stolzes. Nicht-Stolze und Befragte, die eine Antwort auf die geschlossene Frage nach dem Nationalstolz ablehnen, führen neben konkreten Objekten häufiger geschlossene Argumente an, die einen normativen Charakter haben oder als affektiv verankerte Motive bezeichnet werden können, also vermutlich weniger situativ bedingt sind, sondern grundsätzlicher und dauerhafter angelegt sind (vgl. Tabellen 8, 9 Kopfzeilen).]
Im Westen steht an erster Stelle die Wirtschaft mit 29% aller Objektnennungen, wobei sich diese überwiegend auf Wirtschaftsleistungen bezieht, während Merkmale der ökonomischen Gemeinschaft wie zum Beispiel

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Arbeitstugenden eher nebensächlich sind und das Wirtschaftssystem überhaupt keine Rolle spielt. An zweiter Stelle folgt mit einem Viertel der Objektnennungen die politische Gemeinschaft. Dabei streuen die konkreten Angaben stark über verschiedene Aspekte; ein Schwerpunkt liegt lediglich bei kollektiven Leistungen der Bevölkerung, insbesondere im sozialen Bereich. Erst an dritter Stelle richtet sich der Stolz der westdeutschen Jugend mit 14% ihrer Objektnennungen auf die Demokratie, insbesondere auf Freiheiten, den Sozialstaat oder als allgemeine positive Gesamtbewertung. Eine geringere Rolle für nationalen Stolz spielen im Westen die soziale Gemeinschaft und die Kultur mit 9% bzw. 7% der Objektnennungen, und fast völlig irrelevant sind Politiker, Parteien, konkrete Politiken und die deutsche Geschichte als Gründe nationalen Stolzes.

Auch im Osten ist der Wirtschaftsstolz mit 26% aller Objektnennungen stark ausgeprägt, weist jedoch neben dem ebenfalls deutlichen Schwerpunkt auf Outputs noch einen hohen Anteil an Nennungen zu Merkmalen der ökonomischen Gemeinschaft wie Arbeitseifer, Fleiß etc. auf. Noch vor der Wirtschaft steht im Osten an erster Stelle mit 27% der Nennungen die politische Gemeinschaft, wobei ein sehr großer Teil dieser Nennungen anders als im Westen ein eher unpolitisches Heimatgefühl sowie Landschaftsmerkmale thematisiert. Eine nennenswerte Rolle spielt für die ostdeutsche Jugend noch der Stolz auf die soziale Gemeinschaft mit 12% und auf die Kultur mit 11% aller Objektnennungen. Während die Kultur überwiegend nur pauschal angeführt wird, stehen innerhalb der sozialen Gemeinschaft vor allem sogenannte typisch deutsche Tugenden wie Sauberkeit, Ordnungsliebe und Disziplin im Vordergrund, daneben Merkmale des Lebensstils und Verhaltensweisen der Bürger. Die Demokratie nimmt für die jungen Ostdeutschen mit nur 4% der genannten Objektbereiche allerdings eine noch geringere Rolle für ihren Nationalstolz ein als im Westen, d.h. weder Merkmale der bundesrepublikanischen Demokratie noch die demokratische Wende in der DDR werden in nennenswerter Häufigkeit angeführt. Dies gilt allerdings ebenso für den Sozialismus. Politische Leistungen und Herrschaftsträger sowie die Geschichte sind auch im Osten als Objekte nationalen Stolzes weitgehend irrelevant.

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Zur Motivation der Einschränkung und Ablehnung von Nationalstolz: Objekte

Sofern die Einschränkung und Ablehnung von Nationalstolz mit konkreten Objektbewertungen begründet wird (Tabelle 6), [Fn 9: Da Befragte, die eine Antwort auf die geschlossene Frage zum Nationalstolz verweigern, nur selten zu Kommentaren bereit sind, ist eine Analyse dieses Befragtentypus nur eingeschränkt möglich; insgesamt ist seine Motivationsstruktur jedoch der der Nicht-Stolzen ähnlich und wird daher in späteren Analysen gemeinsam mit diesen behandelt.] beruht dies im wesentlichen auf Negativurteilen zur deutschen Geschichte sowie zur politischen und zur sozialen Gemeinschaft. Dabei weist der überwiegende Anteil der konkreten Angaben zur Geschichte in West und Ost explizite Bezüge zur nationalsozialistischen Schuld Deutschlands auf. Implizit wird auch bei der Verneinung oder Ablehnung von Nationalstolz unter Verweis auf die politische Gemeinschaft eine Beziehung zur deutschen Geschichte hergestellt, da hier in hohem Ausmaß Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Ausschreitungen - nicht selten in Verbindung mit der Geschichte - angeführt werden. Ferner werden von den Nicht-Stolzen noch verschiedene Aspekte des politischen und des sozialen Verhaltens der Bürger kritisiert, wobei von westdeutschen Jugendlichen überwiegend Überheblichkeit und das Auftreten deutscher Mitbürger im Ausland, von ostdeutschen Jugendlichen darüber hinaus westdeutscher Chauvinismus angeprangert werden. Nur in geringem Ausmaß trägt in Ost und West noch die Kritik an verschiedenen Leistungen der Politik, der Parteien und einzelner Politiker zur Einschränkung von Nationalstolz bei, d.h. eine generalisierte Politikverdrossenheit als Ursache für die Abweisung nationalen Stolzes ist nicht verbreitet. Kritik an ökonomischen Outputs wird eher im Osten artikuliert, wobei soziale Ungerechtigkeiten und fehlende Arbeitsplatzsicherheit im Vordergrund stehen. Die Demokratie und der Sozialismus sind ebenso wie die Kultur ohne Bedeutung für die Abweisung nationalen Stolzes. Schließlich relativieren Nicht-Stolze und Frageablehner ihre Haltung häufiger als Stolze, d.h. sie führen neben den Gründen für ihren fehlenden Stolz auch positive Aspekte des vereinten Deutschlands an.

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Zur Motivation der Einschränkung und Ablehnung von Nationalstolz: Motive

Darüber hinaus wird jedoch für die Abweisung von Nationalstolz sehr häufig mittels ausführlicherer Begründungen und Motive argumentiert (Tabelle 7). Dabei steht wieder die Relativierung der ablehnenden Haltung im Vordergrund, denn nur etwa 11% bzw. 12% der Argumente bei den Nicht-Stolzen sind eindeutig negativ, bei den Frageablehnern 13% im Westen und 3% im Osten. Innerhalb der negativen Motive streuen die einzelnen Argumente stark; am relativ häufigsten ist die Ansicht, daß jegliches Nationalgefühl gefährlich ist. Dominant ist jedoch mit etwa drei Viertel aller Motive eine indifferent-ambivalente Haltung zu Nationalgefühl, überwiegend in der Sache, zu geringerem Anteil aber auch als Ablehnung der Begriffs „Nationalstolz", die nicht gleichzeitig eine Abwehr jeglicher nationaler Gefühle bedeutet. Am verbreitetsten ist bei den Jugendlichen mit knapp einem Drittel der Argumente die Ansicht, daß „die Nationalität Zufall ist und man auf einen Zufall nicht stolz sein kann", häufig explizit mit der Vorstellung verknüpft, daß man „nur auf die eigenen Leistungen stolz sein kann". Ebenfalls Indifferenz gegenüber Nationalgefühlen zeigt die Argumentation an, „daß die Nationalität unwichtig ist und nur der einzelne Mensch zählt" sowie der allgemeinere Hinweis der Jugendlichen, daß ihnen Nationalitäten und nationale Gefühle gleichgültig sind. Die Ablehnung des Wortes „Stolz" im nationalen Kontext wird besonders von den Verweigerern der Frage mit extremem Nationalismus assoziiert. Schließlich werden von der Westjugend noch zu etwa 10% alternative Bindungen wie die an Europa als Grund für die Einschränkung oder Ablehnung von Nationalgefühl angeführt, während dieses Motiv erwartungsgemäß im Osten etwas seltener vorkommt.

Insgesamt zeichnet sich für die jungen nationalstolzen Deutschen - ähnlich wie für die älteren [Fn 10: Ein Vergleich mit der älteren Bevölkerung (s. Westle 1994b, 1995) zeigt nur wenig Unterschiede. So werden im Osten von der älteren Population lediglich Charaktereigenschaften deutlich häufiger genannt, während die älteren Westdeutschen häufiger kollektive Leistungen der Bevölkerung, insbesondere den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg thematisieren. Motive für die Abweisung und Einschränkung von Nationalstolz sind ebenfalls ähnlich.]
- ein ausgeprägter „Wirtschaftsstolz" ab, der jedoch nur im Westen von originär staatsbürgerlichen Elementen begleitet

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wird, während im Osten eine unpolitische Motivation volks- und kulturnationaler Art dominiert. Angaben, die auf eine Verabsolutierung der deutschen Nation deuten, sind äußerst selten. Aufgrund des relativ geringen Anteils grundsätzlicher demokratiebezogener Motivation, insbesondere im Osten, ist allerdings eine unterstützende Funktion des Nationalstolzes für die Demokratie durchaus fraglich. Andererseits wird mit der Abweisung und Einschränkung nationalen Stolzes überwiegend keine grundsätzliche Gegnerschaft zu der Demokratie oder zu der nationalstaatlichen Gemeinschaft artikuliert.

Typologisierung kollektiven Bewußtseins:

Um weitergehende Analysen zu ermöglichen, wurde an anderer Stelle (Westle 1994b) in Anlehnung an Überlegungen von Lepsius (1982) und Habermas (1987, 1990) eine Typologie entwickelt, in der drei Formen kollektiver Identität unterschieden werden:

Traditionales Nationalbewußtsein spricht theoretisch der eigenen Nation bzw. dem eigenen Nationalstaat eine hohe Priorität zu. Die politische Verfassung des Nationalstaats steht dabei im Hintergrund. Im Konfliktfall werden Belange der eigenen Nation bedeutsamer sein als Belange anderer Nationen. Diesem Typus wurden solche Nennungen zugeordnet, die vor- und nichtpolitische, ethnische oder kulturelle und ferner nicht-demokratiespezifische politische Merkmale der eigenen nationalen Gemeinschaft als Grund für Stolz oder auch seine Abweisung thematisieren.

Reflektiertes Nationalbewußtsein spricht theoretisch der eigenen nationalen Gemeinschaft - jedoch nur in demokratischer Verfassung - die gleiche Bedeutung und die gleichen Rechte zu wie anderen demokratischen Staaten. Wesentlich dabei ist jedoch, daß der Wert der Nation nicht über den Wert der Demokratie gestellt wird, sondern an diesen gebunden ist. Diesem Typus wurden solche Äußerungen zugeordnet, die abstrakt/ideell oder auf den eigenen Staat bezogen Merkmale der Demokratie als Objekte nationaler Identität thematisieren und/oder mögliche Effekte nationalen Stolzes für andere Staaten bzw. deren Angehörige berücksichtigen. Indikatoren für den sogenannten typisch deutschen Weg zu verfassungspatriotischem oder postnationalem Bewußtsein, also die Beschäftigung mit

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der nationalsozialistischen Schuld als Grund für einen skeptischen Umgang mit nationalen Gefühlen, sind ebenfalls dem reflektierten Bewußtsein zugeordnet.

Postnationales Bewußtsein spricht generell theoretisch Nationen bzw. Nationszugehörigkeiten und dem Nationalstaat keine wesentliche Bedeutung zu. Diesem Typus wurden solche Äußerungen zugeordnet, in denen die Wichtigkeit nationaler Zugehörigkeiten abgelehnt wird, eine Identifikation mit supranationalen Bezügen und/oder eine Identifikation mit universalen menschenrechtlichen Idealen als Alternative zu Nationalstolz erfolgt. [Fn 11: Bei der Zuordnung der Nennungen wurde nicht berücksichtigt, ob es sich um Nationalstolze, Nicht-Nationalstolze oder die Frage ablehnende Befragte handelt. Sofern Befragte nicht nur Elemente aus einem, sondern aus zwei oder allen der drei typologisch differenzierten Bereichen anführten, wurden sie entsprechend der Hy pothese einer historisch stufenweisen Entwicklung nationaler Identität über vorpolitische zu verfassungspatriotischnationaler hin zu postnationaler Identität dem jeweils nachfolgenden Typus zugeordnet. Die individuelle Kombination verschiedener Elemente zeigt, daß die typologisch reinen Formen kollektiver Identität am häufigsten vorkommen, gefolgt von den jeweils benachbarten Typen (vgl. Westle 1995).]

Nach dieser Typologie (Tabelle 8) finden sich im Osten mehr junge Deutsche mit traditionalem Nationalbewußtsein, im Westen dagegen mehr mit reflektiertem und mit postnationalem Kollektivbewußtsein. Gravierend ist allerdings auch der Unterschied zwischen den Nationalstolzen, die überwiegend traditionales und teilweise auch reflektiertes Nationalbewußtsein aufweisen, und den Nicht-Stolzen sowie wie den Frageablehnern, die überwiegend reflektiertes und postnationales Bewußtsein artikulieren. Die West-Ost-Unterschiede im Typus des Nationalbewußtseins sind damit wesentlich auf die deutlich größere Verbreitung reflektierten Nationalbewußtseins unter den jungen westdeutschen Stolzen sowie in geringerem Maß auf die etwas größere Verbreitung postnationalen Bewußtseins unter den westdeutschen Nicht-Nationalstolzen und Frageablehnern zurückzuführen.

Die älteren westdeutschen Stolzen bekunden etwas seltener reflektiertes zugunsten des traditionalen Nationalbewußtseins, während im Osten nur geringe Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Nationalstolzen bestehen. Allerdings zeigen die jüngeren Befragten in West und Ost, die Na-

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tionalstolz skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, etwas häufiger als die älteren reflektiertes auf Kosten postnationalen Bewußtseins (vgl. Westle 1995).

Insgesamt verweisen diese Befunde auf Prägungen durch die nationalsozialistische Geschichte sowie auf den in Ost und West differenten historisch-politischen Kontext, d.h. sie lassen vermuten, daß im Westen Effekte der demokratischen Sozialisation wirksam geworden sind, nationaler Stolz also in den jüngeren Generationen zunehmend weniger ethnisch-kulturell und zunehmend staatsbürgerlich geformt ist, während demokratische Bildungsbemühungen und Erfahrungen im Osten noch keine vergleichbare Wirkungschance hatten. Angesichts der eher geringen altersspezifischen und Ost-West-Unterschiede in der Motivation für die Einschränkung und Ablehnung von nationalem Stolz erscheint jedoch die Annahme einer quasi linearen Fortschreibung der historischen Entwicklung hin zu postnationalem Bewußtsein eher zweifelhaft.

2.4 Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit

Da es in den Äußerungen der jungen Deutschen zum Nationalstolz kaum Hinweise auf eine Überhöhung der Nation gab, ist anzunehmen, daß nationalistische Ideologeme nicht im Vordergrund des Weltbildes der Befragten stehen. Allerdings ist ihre potentielle Attraktivität besser mittels standardisierter Erhebungsinstrumente zu erfassen, die keine aktive Produktion von Argumenten, sondern nur eine Reaktion auf vorgegebene Statements verlangen. [Fn 12: Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit können hier nur kurz im Rahmen der Frage nach der nationalen Identität gestreift werden.]
Auf dieser Grundlage wird denn auch deutlich, daß derartige Vorstellungen bei rund einem Achtel der Bevölkerung in West und Ost durchaus Anklang finden (Tabelle 9). Während die Zustimmung im Westen insgesamt etwas stärker ist, bei jüngerem Lebensalter leicht sinkt, finden diese Vorstellungen im Osten dagegen umgekehrt bei der jüngeren Bevölkerung größere Zustimmung, allerdings - anders als bei der westdeutschen Jugend - weniger unter den 18- bis 29jährigen als insbesondere unter den jüngsten Befragten im Alter von 16 bis 17 Jahren.

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In beiden Landesteilen und allen Altersgruppen erfahren die Idee des Nationalsozialismus und die Behauptung einer natürlichen Überlegenheit der Deutschen gegenüber anderen Völkern am wenigsten Zustimmung und am häufigsten Ablehnung. Eine Infragestellung der östlichen Grenzen Deutschlands sowie Gefühle kultureller Überlegenheit treten etwas häufiger bei Minderheiten auf und werden von der Mehrheit etwas weniger intensiv abgelehnt. Der Anspruch, Deutschland solle in Europa künftig eine Führungsrolle übernehmen, wird dagegen von einer größeren Zahl der Jugendlichen getragen. Möglicherweise artikuliert sich darin nicht ausschließlich eine nationalistische Grundorientierung klassischer Art, sondern auch die Haltung zu der öffentlichen Diskussion, inwieweit Deutschland wegen seiner wiedergewonnenen Souveränität mehr Verantwortung im internationalen Kontext tragen sollte. So deutet der Rückgang des Antinationalismus zwischen 1992 und 1993 bei den 18- bis 29jährigen darauf hin, daß mit diesen Items nicht nur fest verankerte Einstellungen gemessen werden, sondern auch Kontexteffekte wirksam werden.

In West und Ost sind jedoch deutlich höhere Anteile von Jugendlichen (sowie noch deutlicher unter älteren Befragten) mit ausgesprochen ausländerfeindlicher als mit klassisch-nationalistischer Haltung und geringere Anteile mit betont ausländerfreundlicher als mit betont antinationalistischer Orientierung zu beobachten (Tabelle 10). Darüber hinaus ist 1992 die Distanz gegenüber Ausländern bei der Jugend im Osten deutlich verbreiteter als im Westen, während umgekehrt besonders ausländerfreundliche Einstellungen weniger verbreitet sind. [Fn 13: Zu der stärkeren Fremdenfeindlichkeit der jungen Ostdeutschen und zur Entwicklung der Haltungen gegenüber Ausländern vgl. auch Pfahl-Traughber 1992, Wiegand 1992, Möller 1993. Für Westdeutschland wird zwischen 1980 und 1990 bei auf Gastarbeiter bezogenen Fragen ein klarer Rückgang diskriminierender Antworten deutlich. Darüber hinaus findet sich regelmäßig eine sinkende Akzeptanz von Gastarbeitern bei steigendem Alter und geringerer Schulbildung (Kühnel/ Terwey 1994). Fragen zum Zuzug verschiedener Gruppen von Ausländern in die Bundesrepublik zeigen für die gesamte Wahlbevölkerung keine generell rigidere Haltung der Ostdeutschen (Wiegand 1992a,b, Braun 1993). Dabei bestand im Westen 1990 wiederum eine größere Offenheit bei jüngerem Lebensalter (außer in bezug auf Aussiedler), während 1991 und 1992 ein Abbau altersspezifischer Unterschiede zu beobachten war. Im Osten dagegen bestanden in bezug auf Aussiedler und Asylsuchende nur geringe altersspezifische Differenzen, in bezug auf Arbeitnehmer aus EG- und Nicht-EG-Staaten - anders als in den hier analysierten Indikatoren mit dem unspezifischen Stimulus 'Ausländer' - eine größere Offenheit der jüngeren als der älteren Ostdeutschen (Kühnel/Terwey 1994).]

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Die Forderung, alle Ausländer sollten Deutschland verlassen, findet in West und Ost den geringsten Anklang. Die - besonders im Osten - größere Zustimmung im Fall der Konkurrenz um die Arbeitsplätze deutet angesichts der akuten Arbeitsplatzprobleme im Osten ebenso auf eine Situationsabhängigkeit dieser Haltung hin wie die geringere Zustimmung zu einer Bereicherung durch multikulturelles Leben, für das im Osten eigene Erfahrung bislang weitgehend fehlt. Eine Ausnahme bildet die Frage nach der Rechtsstellung der Ausländer, bei der sich in der stärkeren Skepsis der westdeutschen Jugend vermutlich die Diskussion um das kommunale Wahlrecht widerspiegelt.

Im Vergleich zwischen den jüngeren Altersgruppen werden im Westen wiederum kaum Unterschiede sichtbar bzw. lediglich eine besonders dezidierte Ablehnung ausländerdiskriminierender Äußerungen durch die 18-bis 29jährigen, insbesondere im Jahr 1993, was wesentlich auf eine steigende Befürwortung der Rechtsgleichstellung zurückzuführen ist und damit auf einen zunehmenden Politisierungsprozeß in dieser Frage deutet. Im Osten stimmen die 16- bis 17jährigen am häufigsten fremdenfeindlichen Aussagen zu und lehnen sie seltener eindeutig ab als die älteren. Der bei den 18- bis 29jährigen im Osten zwischen 1992 und 1993 beobachtbare Rückgang ausländerfeindlicher Positionen könnte sowohl erste demokratische Lernprozesse indizieren als auch auf eine Abnahme situationsspezifischer Ängste zurückführbar sein.

Insgesamt wird somit unter Teilen der Westjugend eine etwas geringere Resistenz gegenüber klassisch-nationalistischen Vorstellungen sichtbar bzw. eine geringere Festigung dezidiert antinationalistischer Positionen vor allem bei solchen Aspekten, die nicht offensichtlich direkt mit dem Nationalsozialismus assoziiert werden müssen. In beiden Landesteilen -insbesondere aber im Osten - besteht jedoch eine erheblich geringere Akzeptanz des Zusammenlebens mit Ausländern. Dem wird allerdings in weiten Teilen der Bevölkerung durch betont antinationalistische und - in geringerem Ausmaß - fremdenfreundliche Einstellungen gegengesteuert. Als Problemgruppe innerhalb der Jugend stellt sich eine Minderheit der unter 18jährigen im Osten dar. Angesichts ihres bislang schmalen Erfahrungsspektrums mit Angehörigen anderer Staaten drängt sich der

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Eindruck auf, daß von Teilen dieser Jugendlichen stereotype fremdenfeindliche Parolen reproduziert und mit nationalistischen Ideologemen verknüpft werden. Diese fallen möglicherweise deshalb auf fruchtbaren Boden, weil der sogenannte Antifaschismus in der DDR während der Sozialisation dieser Altersgruppe nur noch in geringem Maß griff bzw. evtl. sogar als Ausdruck einer Protesthaltung gegenüber dem SED-Regime der Intention entgegengesetzte Wirkungen hervorrief. Wie sich diese Einstellungen in Zukunft entwickeln werden, ist heute nur schwer abzuschätzen. Da in Zukunft Protest gegen das alte Regime an Bedeutung verlieren wird, eine Zunahme eigener Erfahrungen mit Ausländern und demokratische Sozialisationsbemühungen zu erwarten sind, könnten künftig Denkprozesse in Gang gesetzt werden, die zu einer Relativierung der übernommenen Parolen führen. Allerdings wird dies nicht zuletzt auch mit den schulischen und beruflichen Chancen dieser Jugendlichen einerseits sowie einer evtl. organisatorischen Bindung an politische Gruppen des rechtsextremen Spektrums andererseits in Zusammenhang stehen, die zu einer auch positive Realitätserfahrungen konterkarierenden Verfestigung rechtsextremer Ideologeme beitragen könnten.

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3. Kollektivbewußtsein und Einstellungen zum politischen System

Da im vorangegangenen gezeigt wurde, daß nationale Gefühle auf sehr unterschiedlichen Motiven gründen können, wird bei der folgenden kurzen Erörterung von Zusammenhängen nationaler Identität mit Orientierungen vergleichsweise eindeutig definierte Typologie kollektiver Identität als Indikator für Nationalgefühl herangezogen. [Fn 14: Auf die Gesamtverteilungen der Einstellungen zum politischen System kann an dieser Stelle nur am Rande eingegangen werden. Für eine Überblicksdarstellung der Haltungen junger Deutscher in Ost und West zur Politik s. Hoffmann-Lange/Gille/Schneider 1993 und Hoffmann-Lange 1995.]

Im Blick auf das Demokratieverständnis (Tabelle 11) wurde den Bundesdeutschen wiederholt eine defizitäre politische Streitkultur als Folge obrigkeitsstaatlicher Traditionen und autoritärer Sozialisation attestiert (Kaase 1971, Greiffenhagen/Greiffenhagen 1979, 1993). Fragen danach,

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inwieweit demokratische Grundrechte nur in unproblematischen oder auch in konfliktreichen Situationen befürwortet werden, zeigen zwischen der Jugend in West und Ost kaum Unterschiede bzw. sogar ein etwas liberaleres Demokratieverständnis der ostdeutschen Jugend, insgesamt aber eine eher geringe Akzeptanz hochpolitisierten Konfliktaustrags. In beiden Landesteilen ist aber - wie erwartet - konsens- und konfliktorientiertes Politikverständnis bei reflektiertem und postnationalem Kollektivbewußtsein stärker ausgeprägt als bei traditionalem Nationalgefühl.

In bezug auf Regeln des Konfliktaustrags äußert die ostdeutsche Jugend größere Kompromißbereitschaft, aber auch eine größere Akzeptanz von politischer Gewalt. Wiederum zeigen Befragte mit traditionalem Nationalbewußtsein das am wenigsten entwickelte Demokratieverständnis, wenn sie politische Gewalt als Mittel der Konfliktlösung auch in Demokratien eher für nötig halten und eine geringere Bereitschaft zu politischen Kompromissen zeigen. Die Kompromißbereitschaft ist allerdings auch bei postnationaler Orientierung weniger ausgeprägt als bei reflektiertem Nationalbewußtsein.

Die Befürwortung repressiver staatlicher Maßnahmen ist zwar im Osten etwas häufiger als im Westen, insgesamt aber unter der Jugend wenig verbreitet. Dabei bestehen jedoch starke Unterschiede zwischen den Befragten, da traditional Orientierte - besonders im Osten - staatliche Repressionen relativ häufig befürworten, während sie von reflektiert und insbesondere von postnational Orientierten im Westen klar abgelehnt werden.

Unterschiedliche Politikpräferenzen spiegeln sich in den Parteisympathien der Befragten wider (Tabelle 12). In beiden Landesteilen bringt die Jugend der SPD und den Grünen/Bündnis 90 die stärksten Sympathien entgegen, den Parteien der Ränder des politischen Spektrums - Republikanern und PDS - die geringste Sympathie, wobei die PDS im Osten aber deutlich positiver beurteilt wird als im Westen. Dabei ordnet sich die Haltung gegenüber den Parteien nach dem Typus des Nationalbewußtseins klar entlang des Links-Rechts-Spektrums. So sehen Befragte mit traditionalem Nationalgefühl die Republikaner erheblich positiver als die mit reflektierter und postnationaler Identität, während sich die Sympathien für die PDS umgekehrt abstufen. Auch die Haltung gegenüber den anderen Parteien ordnet sich entlang dieses Musters, d.h. zunehmende Sympathie für CSU, CDU und FDP bei Tendenz zu traditionalem, zunehmende

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Sympathie für Grüne/Bündnis 90 und SPD bei Tendenz zu postnationalem Bewußtsein.

Für die Stabilität und Entwicklungsfähigkeit eines demokratischen Systems ist neben seiner passiven Akzeptanz auch die aktive Bereitschaft der Bürger zur politischen Teilhabe und Übernahme von Verantwortung von Bedeutung. Auf der Grundlage von Indikatoren zu Formen politischer Partizipation (Tabelle 13) wiederholt sich zunächst der vielfach belegte Befund, daß die junge Bevölkerung insgesamt stärker zu unkonventioneller als zu konventioneller politischer Partizipation tendiert (Barnes/Kaase et al. 1979, Uehlinger 1988, Jennings/van Deth et al. 1990). Darüber hinaus wird deutlich, daß bei den jungen Deutschen im Westen nicht nur die Handlungsbereitschaft in unkonventionellen, sondern auch in konventionellen Formen bei zunehmender Entfernung von traditionalem Nationalbewußtsein wächst, (für politische Gewalt liegen keine signifikanten Unterschiede vor.) Im Osten weisen die Befragten mit reflektiertem Nationalbewußtsein bei der konventionellen und der legalen nicht-institutionalisierten Partizipation die stärkste Bereitschaft auf, eng gefolgt von den postnational Orientierten. Auf der Dimension politischer Gewalt zeigen jedoch die Befragten mit traditionellem Nationalgefühl die relativ größte Bereitschaft. Auf der Grundlage dieser Indikatoren läßt sich also zwar eine etwas größere Abwendung der postnational orientierten Jugend von den etablierten Parteien, aber keine besonders apolitische Haltung diagnostizieren, wie sie in der theoretischen Diskussion insbesondere im Vergleich zum Verfassungspatriotismus vermutet wird (Behrmann 1993, Sarcinelli 1993). Vielmehr zeigen die traditionell Orientierten die größte Zurückhaltung gegenüber politischem Engagement sowohl in etablierten Formen als auch in nicht-institutionalisierter Weise.

Inhaltlich gebundenes Engagement (Tabelle 14) einerseits in solchen Organisationen, denen Affinität zum Rechtsextremismus zugeschrieben werden kann - wie Skins, Faschos und nationalistischen Gruppen -, andererseits in Gruppen mit posttraditional/internationalen Anliegen - wie Friedensbewegung, Menschenrechtsgruppen und Dritte-Welt-Initiativen - ist unter der Jugend insgesamt äußerst gering, zeigt aber ein erheblich größeres Rekrutierungspotential der posttraditionalen Gruppen. Wie erwartbar besteht ein klarer Zusammenhang mit dem Typus des Kollektivbewußtseins. Den rechtsextremen Gruppierungen wird ausschließlich von

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sehr kleinen Teilen der traditionell Orientierten Sympathie entgegengebracht, den posttraditionalen Gruppen dagegen verstärkt von den reflektiert und postnational Orientierten.

Befragte mit traditionalem Nationalgefühl erweisen sich ferner als weniger interessiert an sozialpolitischem Engagement (Tabelle 15), d.h. sie halten es für weniger wichtig, sich für benachteiligte Gruppen einzusetzen, anderen Menschen zu helfen und Verantwortung für andere zu übernehmen. Hier kommt, besonders im Osten, von den jungen Bürgern mit reflektierter Nationalidentität die relativ größte Einsatzbereitschaft.

Schließlich zeigen postnational und reflektiert orientierte Jugendliche - wie erwartbar - deutlich geringere Tendenzen zu nationalistischen und ausländerfeindlichen Vorstellungen. Aber - und dies widerspricht zumindest teilweise ihren ansonsten offeneren und demokratischeren Orientierungen - sie zeigen geringere Sympathien für die Deutschen im jeweils anderen Landesteil. Dieser Befund wird auch nicht wesentlich dadurch relativiert, daß sie ebenfalls weniger Sympathie für ihre Mitbürger im jeweils eigenen Landesteil hegen als die Jugend mit traditionalem Nationalgefühl. Vielmehr wächst auch die relative Eigengruppenfavorisierung (Fremd- minus Eigensympathie) im Osten mit zunehmend nicht-traditionalem Bewußtsein und ist am größten bei den postnational Orientierten im Westen. Eine Ausnahme bildet die Westjugend mit reflektiertem Nationalbewußtsein, die gleichzeitig gemäßigte Sympathien für West- und Ostdeutsche artikuliert (Tabelle 16).

Insgesamt ergibt sich der Eindruck, daß Befragte mit einem reflektierten Nationalbewußtsein, gefolgt von denen mit postnationaler Identität, ein in demokratietheoretischem Sinn am ehesten ausbalanciertes Politikverständnis aufweisen, insofern als sie am häufigsten politische Loyalität, Toleranz, Offenheit, Kritikbereitschaft und Engagement miteinander verbinden.

Betrachtet man abschließend die globale Einschätzung der beiden Ordnungsformen, die für die junge Bevölkerung in West- und Ostdeutschland die prägenden Systemalternativen repräsentierten (Tabelle 17), zeigt sich, daß die Idee der Demokratie bei der großen Mehrheit der Jugend in West und Ost starke Zustimmung findet, aber auch die Idee des Sozialismus - insbesondere im Osten - keineswegs umfassend abgelehnt wird. Die Zufriedenheit mit der Realität der Demokratie im vereinten Deutschland ist

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ebenfalls im Westen höher, während der reale Sozialismus in der ehemaligen DDR zwar von west- und ostdeutschen Jugendlichen überwiegend als schlecht angesehen wird, die Urteile im Osten jedoch etwas weniger vernichtend ausfallen als im Westen. In beiden Landesteilen befürworten Befragte mit einem nicht-traditionalen Kollektivbewußtsein sowohl die Idee der Demokratie als auch die des Sozialismus stärker und beurteilen die demokratische Realität im Westen kritischer als junge Deutsche mit einem traditionalen Kollektivbewußtsein. Nur in der Haltung zum ehemals real existierenden Sozialismus der DDR unterscheiden sich West- und Ostjugendliche insofern, als im Westen Befragte mit einem postnationalen Kollektivbewußtsein die negativsten Urteile abgeben, während im Osten traditionales Nationalgefühl am stärksten mit ausgeprägter Abwendung von der ehemaligen Ordnungsrealität in der DDR einhergeht.

An anderer Stelle wurde gezeigt, daß die Befürwortung der Idee des Sozialismus inzwischen besonders im Osten weiter gestiegen und die Demokratiezufriedenheit weiter gesunken ist. Jedoch ist diese Entwicklung bislang nicht mit einer Abwendung von der demokratischen Idee verknüpft. In der gleichzeitigen Befürwortung der demokratischen und der sozialistischen Idee - wie sie in beiden Landesteilen bei zunehmend nicht-traditionaler Orientierung verstärkt vorkommt, aber insgesamt von jedem Typus im Osten häufiger als von allen Typen im Westen getragen wird - artikuliert sich vermutlich keine grundsätzliche Opposition zur Demokratie, aber eine differenzierende Vorstellung von einer idealen Demokratie, die insbesondere auf soziale Gleichheit und direkte politische Beteiligung verstärkt Wert legt (Westle 1994c). Darüber hinaus sehen die traditional Orientierten ihre Vorstellungen von Demokratie im politischen System der Bundesrepublik offensichtlich relativ häufiger als verwirklicht an, während reflektiert und postnational Orientierte sowohl eine kritischere Grundhaltung gegenüber der Politik einnehmen als auch ihre Vorstellungen seltener als realisiert betrachten.

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4. Schlußbemerkung

Die vorgelegten Befunde zur nationalen Identität der jungen Deutschen enthüllen ein facettenreiches und nicht immer widerspruchsfreies Bild. So wird die Vereinigung nach wie vor überwiegend befürwortet, wenn auch

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nicht mit ausgeprägt positiven Emotionen verknüpft, sondern eher mit affektiver Distanz begleitet. Relativ starke und stabile gegenseitige Stereotypisierungen und der entlang der Ost-West-Demarkation ausgerichtete Blick auf den jeweils eigenen Profit lassen einen langen Weg zur inneren Einheit und die ehemaligen Grenzen überschreitender Solidarität erwarten. In dieser Hinsicht tut sich die junge Bevölkerung bisher keineswegs als besonders offen hervor. Umgekehrt bestehen jedoch auch Ähnlichkeiten zwischen der Ost- und der Westjugend in der vergleichsweise zu der älteren Population geringeren Bedeutung, die Nation und nationale Gefühle für sie haben. Für West und Ost verdichtet sich der Eindruck, daß Nationalgefühl in Form des Nationalstolzes im deutschen Kontext nicht unbeträchtliche undemokratische, fremdenfeindliche und auch nationalistische Züge trägt, dies aber für andere Formen des Nationalgefühls bedeutend weniger der Fall ist.

In dem hier vorgenommenen Unterscheidungsversuch wurde schon deutlich, daß traditionales Nationalbewußtsein weitgehend apolitisch und indifferent gegenüber der Demokratie sein kann, aber auch undemokratischen Einstellungen Vorschub leisten kann. Potentielle Systemgefährdungen liegen bei traditionalem Bewußtsein also in dem eher geringen Stellenwert der demokratischen Ordnungsidee, der mäßigen Bereitschaft zu politischer Toleranz und Engagement sowie Tendenzen zu obrigkeitsstaatlichen Haltungen. Ferner läßt sich bei kleinen Teilen der Jugend mit traditionellem Nationalgefühl - insbesondere im Osten - auch eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft erkennen, was auf die Wichtigkeit der Vermeidung einer Ausschöpfung des Rekrutierungsreservoires durch rechtsextreme Gruppen verweist.

Umgekehrt geht eine postnationale Identität bei der jungen Bevölkerung mit der Abweisung nationalistischer Ideen und größerer Offenheit gegenüber Ausländern einher, läßt aber Zweifel an der Toleranz gegenüber politisch Andersdenkenden offen. Aus der starken Verankerung am demokratischen Ideal, aber gleichzeitigen Tendenz zu alternativen Ordnungsvorstellungen sowie ausgeprägter Bereitschaft zu Kritik und politischem Protest scheint bei diesem Befragtentypus die Vorstellung einer selbstzugeschriebenen Rolle als Interpret der Demokratie und Hüter der Humanität zu bestehen, die den gewählten politischen Akteuren jedoch wenig Spielraum zur Bewältigung anstehender Probleme läßt und die Gefahr ei-

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ner Polarisierung zu Bevölkerungsgruppen mit konservativeren Vorstellungen birgt.

Menschen mit einem reflektierten Nationalbewußtsein könnten hier eine vermittelnde Position einnehmen. Ihre vergleichsweise moderaten Haltungen erscheinen gekennzeichnet durch relativ große Toleranz und Offenheit sowie durch eine grundsätzliche Loyalität gegenüber der demokratischen Regierungsweise und der eigenen Nation bei gleichzeitig deutlich ausgeprägter Bereitschaft zu politischem sowie sozialem Engagement. Dieser Befragtentypus läßt daher am ehesten einen konstruktiven Patriotismus erkennen.

Da im Osten fast doppelt so viele junge Deutsche einem traditionalen Nationalgefühl verhaftet sind als im Westen, kann eine Verschärfung von Verständigungsproblemen in nationalen Belangen und Fragen der internationalen Öffnung auch innerhalb der jüngeren Generation nicht ausgeschlossen werden. Nicht zuletzt an die demokratischen Parteien ist daher die Aufforderung an eindeutige Stellungnahmen zur Bedeutung von Nation, Staat, Multikulturalismus und internationalen Beziehungen zu richten, um - nicht nur der Jugend - eine offene Diskussion und die eigene Orientierung zu ermöglichen sowie ein Abdriften zu den politischen Extremen zu verhindern. Innerhalb der Parteien könnte der SPD hier insofern eine Rolle als Vermittlerin zukommen, als sie unter allen jungen Deutschen - gleich welchen Typus kollektiver Identität - ein relativ gutes Ansehen genießt, d.h. zumeist an zweiter Stelle neben den Grünen/Bündnis 90 oder neben der CDU steht.

Für die Mehrheit der Jugend dürften Appelle an nationale Gefühle und Solidaritäten eher contra-intentional wirken, als „unangebrachte Gefühlsduselei" oder wegen Nationalismusverdachts abgelehnt werden. Erfolgversprechender zum Abbau von Stereotypen und Vorurteilen erscheint - neben der Förderung von Kontakten und der Anhebung des Wissensniveaus über die Lebensbedingungen in den beiden Teilen Deutschlands - für diesen Teil der Jugend die Aufdeckung des inneren Widerspruchs zwischen ihren Vorbehalten gegenüber den anderen Deutschen und ihrer Offenheit gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Mit moralischen Appellen und politischer Bildung alleine ist jedoch nichts zu erreichen. Aufgrund der weit verbreiteten Ängste über die finanziellen Belastungen durch die Vereinigung im Westen, der nach wie vor schlechteren ökonomischen Lage im

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Osten sowie der gegenseitigen Benachteiligungsgefühle ist eine sehr vorsichtige Politik der Angleichung der Lebensverhältnisse unumgänglich. Die Gefahr einer Überstrapazierung der Geduld der Ostdeutschen und der Überbelastung der Westdeutschen läßt dies nach wie vor zu einer schwierigen Gratwanderung werden, die mehr Phantasie als die Umverteilung auf der Ebene des individuellen Bürgers erfordert.

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Literatur

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[Seite der Druckausg.: 69 ]

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Anhang



Tabelle 1: Grundsätzliche Haltung zur deutschen Einheit bei 18- bis 29jährigen 1989 bis 1993 (Prozente und Mittelwerte)

1989 bis 1990: Sind Sie persönlich für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, sind Sie gegen die Wiedervereinigung oder ist Ihnen die Wiedervereinigung gleichgültig?

F/1992 und F/1993: Unabhängig davon, wie es mit der Wiedervereinigung im einzelnen gelaufen ist: Wie stehen Sie persönlich heute zu der Wiedervereinigung: War die Wiedervereinigung völlig richtig, überwiegend richtig, eher richtig, eher falsch, überwiegend falsch, völlig falsch?

12/1992: Vor gut zwei Jahren war die deutsche Vereinigung. Was meinen Sie aus heutiger Sicht? War die Vereinigung der beiden deutschen Staaten richtig oder war sie nicht richtig?


WEST OST

für

1

in-

diff.*

2

gegen

3

Mittelwert N für

1

in-

diff.*

2

gegen

3

Mittelwert N
3/89 69.2 16.7 14.2 1.45 240






8/89 67.1 19.4 13 5 1.46 252






10/89 64.7 16.7 18.6 1 54 258






11/89 57.2 16.7 26.1 1.69 264






1/90 61.8 11.8 26.3 1.65 228






2/90 59.2 14.2 26.6 1.67 233






3/90 70.7 9 5 19.8 1 49 242 93.2 3.4 3 4 1.10 1164
4/90 69.0 12.0 19.0 1.50 258 90.4 4.3 5.3 1.15 741
5/90 71.8 12.7 15.5 1.44 252 91.7 4.1 4.3 1.13 563
6/90 70.8 11.4 17.8 1 47 364 93.3 3.0 3 0 1.09 624
8/90 75 9 8.4 16.0 1 41 262 94.2 3.4 2 5 1.08 774
9/90






96.2 2.5 1.3 1.05 891
F/92 78.2 .7 21.1 1.43 280 81.0 2.3 16.7 1.36 825
12/92 72.9 1.8 25.3 1.52 225 84.4 1.8 13.8 1.30 845
F/93 71.1 1 9 27.0 1.56 263 85.2 .9 13.9 1 29 792
* Die Kategorie Indifferenz umfaßt bis 9/90 die Antwortkategorie „gleichgültig" sowie „weiß nicht" und „keine Angabe", ab 1992 nur „weiß nicht" und „keine Angabe".

Quellen: 3/1990 Ost Umfrage der FGW zur Volkskammerwahl; 1989, 1990, 12/1992 Politbarometer West und Ost; F/1992, F1993 Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland.

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Tabelle 2: Bilanzierung bisherige gesellschaftliche Vorteile der Vereinigung für den Westen und für den Osten Deutschlands bei 18- bis 29jährigen 1991 bis 1994 (Prozentanteile Zustimmung)

Die Wiedervereinigung hat für die Bürger in den alten/neuen Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht.


WEST: Vorteile für den OST: Vorteile für den

Westen Osten Westen Osten

% N % N % N % N
1991 37.7 345 69.9 342 70.4 243 39.7 267
1992 27.4 481 66.7 478 62.8 188 43.9 196
1994 36.9 344 67.8 348 64.1 326 38.2 327
Quellen: Allbus 1991,1992,1994.


Tabelle 3: Generalisierte Binnengruppen und Außengruppensympathien bei 18- bis 29jährigen 1992 (Prozente und Mittelwerte)

Wie sympathisch sind Ihnen - alles in allem - die Westdeutschen/die Ostdeutschen? (7er Skala)


WEST OST

Eigen-sympathie Fremdsympathie Eigen-sympathie Fremdsympathie
EIGENSYMPATHlE



gering 1 6.4 22.3 8.4 28.5
mittel 2 57.5 52.1 47.4 49.5
stark 3 36.1 25.6 44.2 22.0
Mittelwert 2.30 2.03 2.36 1.94
gültige Werte N 266 242 190 186
Quelle: Politische Kulturen im geeinten Deutschland 1992.

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Tabelle 4: Gegenseitige Kritiken bei 18- bis 29jährigen 1991 bis 1994 (Prozentanteile Zustimmung)

  • Die Bürger in den alten Bundesländern sollten zu mehr Opfern bereit sein, um die Lage der Bürger in den neuen Bundesländern zu verbessern.
  • Die Bürger in den neuen Bundesländern sollten mehr Geduld zeigen, was die Verbesserung ihrer Lage betrifft,
  • Was aus den Menschen in den neuen Bundesländern wird, hängt im wesentlichen davon ab, was sie zu leisten bereit sind.
  • Viele Bürger in den neuen Bundesländern sind dem Leistungsdruck in einer freien Marktwirtschaft nicht gewachsen.




WEST

OST

1991 1992 1994 1991 1992 1994
WEST mehr Opferbereitschaft 47.1 42.9 34.5 73.0 75.6 66.5
OST mehr Geduld 91.9 89.3 92.5 55.4 52.5 58.9
OST von Leistung abhängig 78.5 76.2 75 9 55.8 55.1 44.3
Ost Leistungsdruck 81.0 76.1 75.4 58.0 56.6 55.2
Quellen: Projekt politische Kulturen im geeinten Deutschland 1993, Allbus 1991, 1992,1994

[Seite der Druckausg.: 72 ]

Tabelle 5: Entwicklung von Nationalstolz 1981 bis 1993 (Prozentanteil Stolze)

Sagen Sie mir bitte, wie stolz Sie darauf sind, ein Deutscher/eine Deutsche zu sein? (sehr stolz, ziemlich stolz, kaum stolz, gar nicht stolz).


WESTDEUTSCHLAND OSTDEUTSCHLAND EG-DURCHSCHNITT*
Alter 18-29
Jahre
30 Jahre und älter 18-29
Jahre
30 Jahre und älter 18-29
Jahre
30 Jahre und älter
1981 53.1 70.6 - - - -
1982 56.2 72.8 - - 76.8 85.7
1983 49.4 71,7 - - 81.3 87.8
1984 50.7 72.3 - - 81.6 89.4
1985 47.7 69.0 - - 83.1 89.4
1986 48.0 68.6 - - 79.9 88.1
1988 61.5 70.8 - - 81.4 85.2
1990 55.8 72.4 73.2 74.7 - -
F/1992 46.6 67.0 55.3 67.5 - -
H/1992 46.2 - 56.7 - - -
1993 40.1 60.8 44.8 49.2 - -
* Stolze umfaßt die Kategorien sehr und ziemlich stolz. EG-Durchschnitt ohne Bundesrepublik Deutschland, EG-gewichtet; alle anderen Werte ungewichtet.
Quellen: 1981 und 1990 World Value Surveys 1981 und 1990, 1982 bis 1988 Euro-barometer Nr. 17, 19, 21, 24, 26, 30, F/1992 und 1993 Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland, H/1992 DJI-Jugendsurvey 1992.

[Seite der Druckausg.: 73 ]

Tabelle 6: Objekte nationaler Gefühle bei 16- bis 29jährigen nach Nationalstolz 1992 (Nennungsebene; Prozente)



WEST

OST

TYP 1 TYP 2 TYP 3 TYP1 TYP 2 TYP 3

STOLZ NICHT STOLZ ABLEHNUNG STOLZ NICHT STOLZ ABLEHNUNG
Gesamt Befragten N (1790) (2002) (145) (1274) (958) (71)
Gesamt N aller Nennungen (3733) (2956) (206) (2854) (1799) (96)
Objekte: Nennungen N 3615 1806 70 2726 1411 35
= % der Nennungen 96.8 61.1 44.0 95.5 78.4 36.5
Urteilsausprägung pos. neg. neg. pos. neg. neg.
GESAMTURTEILE 84 16.3 12.9 11.6 10.3 22.9
POLITISCHES SYSTEM







Gesamtbewertung .4 .7 1.4 .3 .5 -
Politische Gemeinschaft 24.2 30.8 21.4 27.0 32.2 28.6
Pol. Ordnung: Demokratie 13.8 1.0 - 3.7 .8 -
Politische Outputs/Outcomes 5.3 11.0 11.4 3,3 8.8 -
Politische Herrschaftsträger .4 3.1 10.0 .1 2,3 -
(Politisches System Gesamt) (44.1) (46.6) (44.2) (34.4) (44.6) (28.6)
SONSTIGES:







Ökonomisches System 29.0 2.6 - 26.4 6.1 -
Soziale Gemeinschaft 8.7 11.1 10.0 12.0 15.6 2.9
Kultur 6.7 .3 - 11.3 .1 -
Geschichte 1.1 15.9 7.1 2.4 16.3 -
(Sonstiges Gesamt) (45.5) (29.9) (17.1) (52.1) (38.1) (2.9)
RELATIVIERUNGEN Gesamt







negative + neutrale Nennungen 2.0 / / 1.9 / /
positive + neutrale Nennungen / 7.2 25.8 / 7.0 45.6
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992

[Seite der Druckausg.: 74 ]

Tabelle 7: Motive nationaler Gefühle nach Nationalstolz bei 16- bis 29jährigen 1992 (Nennungsebene; Prozente)


WEST OST

TYP 1
STOLZ
TYP 2
NICHT STOLZ
TYP 3
ABLEH-
NUNG
TYP 1
STOLZ
TYP 2
NICHT STOLZ
TYP 3
ABLEH-
NUNG
Gesamt Befragten N (1790) (2002) (145) (1274) (958) (71)
Gesamt N aller Nennungen (3733) (2956) (206) (2854) (1799) (96)
Motive: Nennungen N 112 1146 136 116 376 61
= % der Nennungen 3.2 38.9 66.0 4.5 21.6 63.5
POSITIV:







Selbstverständlichkeit 42.0 .2 1.5 46.6 .8 1.6
Pflicht, Notwendigkeit 16.0 - - 17.2 - -
Persönlich bedeutsam 16.9 - .7 21.5 - -
Keine Ablehnung anderer Nationen 4.5 - - 7.8 - -
Sonstiges 5.3 .1 .7 1.7 .2 -
(Positiv Gesamt) (84.7) ( .3) (2.9) (94.8) (1.0) (1.6)
AMBIVALENT:







Ambivalenz, Skrupel .9 .4 14.7 - .8 -
Nation. unwichtig/Mensch wichtig .9 13.6 2.2 - 13.3 9.9
Könnte in anderem Land leben .9 1.9 2.2 - 2.6 -
Nationalität ist Zufall 3.6 20.0 9.6 .8 17.8 9.8
Nur auf eigene Leistung stolz - 8.7 5.9 .9 6.9 3.2
Persönlich unwichtig - 12.0 11.0 - 14.4 23.0
Sonstiges - .2 1.5 - .3 -
(Ambivalent Gesamt) (6.2) (56.8) (47.1) (1.7) (56.1) (45.9)
WORT AMBIVALENT







ODER NEGATIV







Unverständnis im nation. Kontext - 9.3 7.3 - 8.0 8.2
Ablehnung, aber pos. Unterstützung 6.2 5.0 5.9 2.6 8.0 16.4
Ablehnung im nationalen Kontext - 2.5 2.9 - 1.4 8.2
Stolz ist extremer Nationalismus .9 5.3 10.4 .9 6.6 11.5
Ablehnung allgemein - .7 .7 - - 1.6
(Wort ambivalent/negativ Gesamt) (7.2) (22.8) (27.2) (3.5) (24.0) (45.9)
Fortsetzung Tabelle 7 - [Seite der Druckausg.: 75 ]
NEGATIV:







Antiquiert, funktionslos - 2.8 4.4 - 1.3 3.3
Ablehn. nat. Grenzen/Mensch zählt - 2.1 1.5 - 2.7 -
Gesellschaftlich gefährlich - 3.8 2.9 - 5.6 -
Persönlich negativ - .3 3.0 - 1.6 -
Sonstiges .9 1.6 ,7 - .8 -
(Negativ Gesamt) ( -9) (10.6) (12.5) (-) (12.0) (3.3)
ALTERNATIV:







Subnationale Bindung .9 .9 - - 1.3 1.7
Bindung an andere Staaten - 2.0 2.2 - 1.6 -
Bindung an Europa - 4.0 3.7 - 1.3 1.5
Kosmopolit - 1.6 1.5 - 2.4 -
Persönl. nicht-deutsche Beziehung - 1.0 2.9 - .3 -
(Alternativ Gesamt) ( -9) (9.5) (10.3) (-) (6.9) (3.3)
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992


Tabelle 8: Hierarchie von Kollektivbewußtsein bei 16- bis 29jährigen 1992 (Befragtenebene, Prozente, Spaltenprozente)

Alter:
18-29 Jahre
WEST OST
ALLE TYP 1
STOLZ
TYP 2+3
NICHT STOLZ + ABLEHNUNG
ALLE TYP 1
STOLZ
TYP 2+3
NICHT STOLZ + ABLEHNUNG
traditional 24.9 49.4 6.1 41.2 71.7 4.8
reflektiert 41.1 49.9 34.3 37.0 27.7 48.2
postnational 33.9 .7 59.6 21.8 .7 47.0
Gesamt N* 3476 778 2112 2238 1218 1020
* Die Differenz zwischen der Gesamtzahl aller Befragten und den addierten Typen von Stolz, Nicht-Stolz und Ablehnern ergibt sich durch Befragte, für welche bei der standardisierten Frage die Angabe fehlt, aber Objektbewertungen oder Motivangaben als Grundlage für die Typologisierung kollektiven Bewußtseins vorhanden sind.

Quellen: Herbst 1992 DJI-Jugendsurvey, Frühjahr 1992 Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland.

[Seite der Druckausg.: 76 ]

Tabelle 9: Nationalistische Einstellungen 1992 (Prozentanteile und Mittelwertsindex)*

  • Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, daß Deutschland eine Führungsrolle in Europa übernimmt.
  • Deutschland sollte sich niemals mit der Abtrennung seiner Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße abfinden.
  • Die Deutschen sind anderen Völkern von Natur aus überlegen.
  • An der deutschen Kultur sollten sich die anderen ein Beispiel nehmen.
  • Der Nationalsozialismus war im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde.


starke
A = Zustimmung
B = Ablehnung
WEST OST
H/92
16-17 J
H/92
18-29 J.
F/93
18-29 J
H/92
16-17 J.
H/92
18-29 J.
F/93
18-29 J
A B A B A B A B A B A B
FÜHRUNGSROLLE 19.1 41.7 19.9 47.2 22.7 35.4 28.2 38.9 20.1 49.4 18.2 50.8
OSTGEBIETE 12.8 56.1 12.9 62.4 14.2 49.6 17.3 60.5 11.5 67.4 18.7 60.4
ÜBERLEGENHEIT 10.8 62.8 10.2 66.3 8.8 54.0 10.6 61.4 7.7 70.8 7.5 68.4
KULTURVORBILD 14.4 53.5 14.0 55.2 16.5 36.8 21.3 52.1 14.0 54.7 15.5 56.1
NATIONALSOZ. 7.0 69.9 8.2 73.2 8.7 60.7 15.5 66.7 9.5 76.8 13.4 70.4
INDEX 11.1 63.7 12.5 67.1 12.4 55.4 17.6 61.1 10.9 70.8 11.8 63.4
Gesamt N 556 3970 263 451 2113 186
* Prozentanteil Zustimmung und Ablehnung bei den Einzelitems umfaßt jeweils die 2 extremen Skalenpunkte auf einer 6er Skala. Die Indices beruhen auf diesen recodierten Einzelitems. Der Mittelwertsindex über alle Items hinweg erstreckt sich von den Werten 1 bis 3; als Zustimmung wurden die Werte 1 bis 1.66, als Ablehnung die Werte 2.35 bis 3 definiert.
Quellen: H/1992 DJI-Jugendsurvey 1992, F/1993 Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland.

[Seite der Druckausg.: 77 ]

Tabelle 10: Haltungen gegenüber Ausländern 1992 (Prozentanteile und Mittelwertsindex)*

  • Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken.
  • Ausländer sollten in allen Bereichen die gleichen Rechte haben wie die Deutschen.
  • Ich bin für die Anwesenheit von Ausländern in Deutschland, weil sie unsere Kultur bereichern.
  • Es wäre am besten, wenn alle Ausländer Deutschland verlassen würden.



A = feindlich
B = freundlich
WEST OST
H/92
16-17 J
H/92
18-29 J.
F/93
18-29 J
H/92
16-17 J.
H/92
18-29 J.
F/93
18-29 J
A B A B A B A B A B A B
ARBEITSPLÄTZE 27.0 41.5 26.0 46.2 26.4 45.5 49.7 22.8 39.5 27.5 31.2 38.2
RECHTE 37.1 24.6 42.8 22.1 32.6 27.3 46.1 20.4 39.1 22.5 27.7 38.3
KULTUR 26,7 28.3 27.1 33.5 23.6 35.3 44.3 21.3 38.1 22.4 25.4 34.9
DTL. VERLASSEN 12.6 58.3 14.3 63.5 10.6 57.3 25.7 48.1 20.0 50.0 16.9 49.7
INDEX 21.1 36.2 22.0 39.1 23.0 45.7 39.7 22.8 33.1 28.3 21.0 37.1
Gesamt N 556 3970 263 451 2113 186
* Prozentanteil feindlich und freundlich bei den Einzelitems umfaßt jeweils die 2 extremen Skalenpunkte auf einer 6er Skala. Die Indices beruhen auf diesen recodierten Einzelitems. Der Mittelwertsindex über alle Items hinweg erstreckt sich von den Werten 1 bis 3; als fremdenfeindlich wurden die Werte 1 bis 1.66, als fremdenfreundlich die Werte 2.35 bis 3 definiert.
Quellen: H/1992 DJI-Jugendsurvey 1992, F/1993 Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland.

[Seite der Druckausg.: 78 ]

Tabelle 11: Aspekte des Demokratieverständnisses nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
16/18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
Konsens 3.78 3.98 4.22 4.01 4.09 4.20 4.13 4.14
Konflikt 1.47 1.71 2.00 1.74 1.59 1.77 1.90 1.73
pol. Kompromiß 4.36 4.48 4.41 4.43 4.40 4.56 4.53 4.49
pol. Gewalt 4.49 4.72 4.87 4.71 4.36 4.66 4.79 4.56
Repression 3.26 3.49 4.06 3.62 2.80 3.15 3.43 3.07
* Konsens: Index aus der Haltung zu Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit, Notwendigkeit der Opposition und Regierungschance für demokratische Parteien: 1 = undemokratisch bis 5 = demokratisch; Konflikt: Index aus der Haltung zu Auseinandersetzung zwischen Interessengruppen, Verlust des Streik- und Demonstrationsrechtes bei Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Regierungskritik durch die politische Opposition, Priorität von Allgemeinwohl über Einzelinteresse: 1 = undemokratisch bis 5 = demokratisch; Pol. Gewalt auch in der Demokratie nötig: 1 = Übereinstimmung bis 6 = Ablehnung; Pol. Kompromißbereitschaft: 1 = Ablehnung bis 6 = Zustimmung; Repression: Index aus harte Polizeimaßnahmen und Todesstrafe: 1 = hohes bis 6 = geringes Repressionspotential.
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992.


Tabelle 12: Haltung gegenüber politischen Parteien nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
REPUBLIKANER 2.15 1.42 .66 1.35 2.89 1.26 .99 1.88
CSU 4.35 3.67 2.79 3.54 4.38 3.30 2.54 3.58
CDU 4.86 4.43 3.74 4.31 5.07 4.18 3.27 4.35
FDP 4.69 4.56 4.14 4.45 4.86 4.66 4.24 4.65
SPD 5.39 5.50 5.54 5.48 4.98 5.60 5.30 5.28
GRÜNE/BÜNDNIS 90 4.74 5.17 5.72 5.25 4.73 5.93 5.89 5.43
PDS 1.68 1.76 1.87 1.78 2.51 4.03 4.13 3.43
* Parteien Mittelwerte: 0 = halte gar nichts davon bis 10= halte viel davon.
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992.

[Seite der Druckausg.: 79 ]

Tabelle 13: Politische Partizipation nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
Konventionell 1.39 1.63 1.92 1.67 1.42 1.69 1.42 1.52
Unkonv. legal 2.04 2.38 2.71 2.41 2.55 2.92 2.73 2.72
Ziviler Ungeh. .40 .50 .71 .53 .72 .76 .77 .75
Pol. Gewalt .15 .14 .15 .14 .31 .24 .18 .26
* Countindices Handlungsbereitschaft;

Konventionell umfaßt a) Leserbriefe schreiben, b) Briefe an Politiker schreiben, c) politische Versammlungen besuchen, d) in einer Partei mitarbeiten, e) ein politisches Amt übernehmen, Mittelwerte von 0 bis 5;

Unkonventionell legal umfaßt a) bei einer Unterschriftensammlung mitmachen, b) an einer genehmigten Demonstration teilnehmen, c) an einem Gewerkschaftsstreik teilnehmen, d) sich bei einer Bürgerinitiative beteiligen; Mittelwerte von 0 bis 4;

Ziviler Ungehorsam umfaßt a) an einer ungenehmigten Demonstration teilnehmen, b) an einem wilden Streik teilnehmen, e) sich an einer Hausbesetzung beteiligen, Mittelwerte von 0 bis 3;

Politische Gewalt umfaßt a) Sachbeschädigungen, b) Gewalt gegen Personen, Mittelwerte von 0 bis 2.

Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992.

[Seite der Druckausg.: 80 ]

Tabelle 14: Affinität zu rechtsextremen und posttraditionalen Gruppen nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
Rechte Gr. Akt. .01 .00 .00 .00 .03 .00 .00 .02
Rechte Gr. Sym. .15 .06 .02 .07 .30 .10 .04 .17
Postt. Gr. Akt. .04 .03 .03 .03 .01 .04 .02 .02
Postt. Gr. Sym. 2.01 2.20 2.39 2.22 1.87 2.24 2.26 2.09
* Mittelwerte von 0 = keine Gruppe bis 3 = alle drei Gruppen; Haltung zu „rechtsradikalen Gruppen" umfaßt die Gruppen: Skins, Faschos, nationalistische Gruppen;

Haltung zu „posttraditionalen Gruppen" umfaßt die Gruppen: Friedensbewegung, 3. Welt-Initiativen, Menschenrechtsgruppen; Aktivität umfaßt jeweils nur die aktive Beteiligung; Sympathiepotential umfaßt aktive Beteiligung, Besuch von Treffen und Veranstaltungen sowie positive Bewertung ohne Aktivität.

Quelle: DJI Jugendsurvey 1992.


Tabelle 15: Wichtigkeit von sozialpolitischem Engagement nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
16/18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
benacht. Gruppen 5.40 5.62 6.02 5.71 5.41 5.90 5.87 5.51
anderen helfen 7.73 7.79 7.82 7.78 7.76 8.32 8.06 8.03
Verantwortung 7.44 7.63 7.58 7.56 7.66 7.84 7.79 7.76
* benachteiligte Gruppen: Mittelwerte von 1 = nicht wichtig bis 7 = sehr wichtig. Anderen Menschen helfen und Verantwortung für andere übernehmen: Mittelwerte von 1 = nicht wichtig bis 10 = sehr wichtig.
Quellen: DJI Jugendsurvey 1992; Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland 1992.

[Seite der Druckausg.: 81 ]

Tabelle 16: Nationalismus, Haltung gegenüber Ausländern und Sympathien für West- und Ostdeutsche nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
16/18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
Nationalismus 1.79 1.53 1.28 1.51 1.71 1.39 1.26 1.50
Ausländer 2.09 1.88 1.60 1.84 2.30 1.92 1.77 2.04
Fremdsympathie 4.45 4.40 3.92 4.48 5.24 5.21 5.02 4.28
Eigensympathie 5.30 4.94 5.04 5.50 4.62 4.50 4.19 5.27
Nationalismus Mittelwertsindex von 1 = nicht nationalistisch bis 6 = nationalistisch;

Haltung gegenüber Ausländern Mittelwertsindex von 1 = freundlich bis 6 = feindlich;

Fremd-, Eigensympathie Mittelwertsindices von 1 = unsympathisch bis 7 = sympathisch.

Quellen: Nationalismus und Haltung gegenüber Ausländern DJI-Jugendsurvey 1992, Fremd- und Eigensympathie Projekt Politische Kulturen im geeinten Deutschland.


Tabelle 17: Haltungen zu Demokratie und Sozialismus nach Typus des Kollektivbewußtseins (Mittelwerte)*

Alter
16/18-29
WEST OST
tradit. refl. postnat. gesamt tradit. refl. postnat. gesamt
Idee Demokratie 5.37 5.48 5.58 5.49 5.11 5.34 5.33 5.24
Real. Demokratie 4.30 4.26 4.07 4.20 3.97 3.67 3.42 3.74
Idee Sozialism. 2.45 2.81 3.26 2.88 3.51 4.09 4.24 3.88
Real Sozialism. 1.54 1.56 1.48 1.53 2.32 2.55 2.50 2.44
* Mittelwerte: 1 = negativ bis 6 = positiv.
Quelle: DJI-Jugendsurvey 1992.

© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | März 2000

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