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TEILDOKUMENT:




Oswald Pannes:
Sprachliche Integration jugendlicher Aussiedler


Beim Blick in die aussiedlerbezogenen Arbeitsfelder der Einrichtung, in der ich tätig bin, mache ich gegenläufige Beobachtungen:

• In den Sprachkursen für Erwachsene steigt die Anzahl unmotivierter, im Unterricht passiver bis störender Teilnehmer mit hohen Fehlzeiten. Dagegen ist der größte Teil der Teilnehmer mit viel Motivation und Kraft bemüht, die deutsche Sprache zu erlernen bzw. die hohen Anforderungen in beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen zu erfüllen.

• Die Mitarbeiter/innen der Beratungsstelle sind immer wieder mit erschütternden Zusammenbrüchen, Identitätsproblemen und Familienkonflikten konfrontiert, die aus falschen Vorstellungen über die individuellen und familiären Auswirkungen der Aussiedlung resultieren. Die meisten Aussiedler treffen aber inzwischen mit realistischen Vorstellungen in der Bundesrepublik ein und entwickeln angemessene – wohl oft resignativ reduzierte – Zielsetzungen und konstruktive Herangehensweisen, um ihre Ziele zu verwirklichen.

• Allabendlich tyrannisiert eine größere Clique von jugendlichen Aussiedlern die Wohnanlage der Waldbröler Landesstelle mit Alkohol, Lärm und auch Gewalt. Dagegen hält sich die Mehrzahl der jugendlichen Aussiedler in Waldbröl von dieser Clique fern. Diese Jugendlichen nehmen eher aktiv am Freizeit- und Bildungsprogramm des Jugendgemeinschaftswerks teil, lassen sich beraten und suchen konsequent ihren Weg.

Diese Gegensätze sind seit längerem zu beobachten, obwohl sich Chancen und Lebensbedingungen aller Aussiedler in der BRD wesentlich verschlechterten: Die Sprachkurse wurden verkürzt, die berufliche Qualifizierung erschwert, Mittel für Lebensunterhalt wurden knapper und die Chancen der Aussiedler auf dem Arbeitsmarkt sanken dramatisch. An den Anfang stelle ich daher die folgende These: Trotz der schwieriger gewordenen Bedingungen rutschen die in die Bundesrepublik einreisenden bzw. schon hier lebenden Aussiedler nicht automatisch in soziales Elend ab, sind nicht gleichermaßen desintegriert. Die große Bandbreite individueller Bedingungen, Persönlichkeits- und Qualifikationsmerkmale bringt auch unterschiedliche Integrations- oder eben auch Desintegrationswege mit sich.

Trotzdem wäre es völlig falsch, Aussiedler einfach wie einheimische Arbeitslose als Oper der Globalisierungsstrategien der Wirtschaft oder des Abbaus von Sozialleistungen zu sehen. Aussiedler haben zusätzliche, spezifische Probleme, deren Lösung auch von spezifischer Bedeutung ist. Es geht um eine ganze Bevölkerungsgruppe, deren Bewußtsein und Erleben von sozialer Benachteiligung oder Marginalisierung letztlich auch Einfluß hat auf die politische Stabilität im Lande und auf den Bestand der Demokratie.

Dies gilt in besonderem Maße für Aussiedler im Kindes- und Jugendalter, die entsprechendes Empfinden und Bewußtsein in die Zukunft hineinprojizieren und daran ihre Denk- und Verhaltensmuster, ihre Wertvorstellungen und die Gestaltung ihrer sozialen Rolle orientieren. Eine Fülle von Problemen läßt befürchten, daß diese Orientierung vielfach nicht in eine für die Betroffenen wie für die Gesellschaft positive Richtung erfolgt. Ich konzentriere mich auf den Aspekt des Spracherwerbs und der Sprachförderung:

Es besteht Einigkeit darüber, daß der Spracherwerb der jungen Aussiedler von entscheidender Bedeutung ist

– für ihr aktives Hineinwachsen in das soziale Umfeld,

– für ihre Bildungs-, Qualifizierungs- und damit ihre beruflichen Chancen,

– für die Frage ihrer künftigen Lebensqualität,

– für ihren Anteil am gesellschaftlichen Leben

– und damit letztlich für das Funktionieren des demokratischen Systems.

Es geht also zunächst darum, daß und wie Sprachvermittlung und Sprachförderung für junge Aussiedler funktionieren. Auch in diesem Punkt gilt wieder, was die Eingangsthese schon besagt: daß nämlich die Aussiedlerkinder und -jugendlichen ihren individuellen Vorkenntnissen, Lernbedingungen und ihren Persönlichkeitsstrukturen entsprechend auf unterschiedliche Weise mit den schulischen und außerschulischen Anforderungen zurecht kommen. Aber es gibt deutliche Erschwernisse, die die gesamte Klientel betreffen.

Bevor die Kinder in der Schule eintreffen, in der sie dann längere Zeit lernen, haben sie in der Regel drei bis vier rasch aufeinanderfolgende Umzüge mit entsprechend kurzen Verweildauern an drei bis vier Schulen hinter sich. Trotz ihrer nicht oder nur in äußerst geringem Maße vorhandenen Deutschkenntnisse werden sie gleich in die Regelklassen eingeteilt. Die früher in Gemeinden mit hohem Aussiedleranteil gebildeten Auffangklassen kommen heute in der Regel nicht mehr zustande. Die Bezirksregierungen erteilen aufgrund der niedrigeren Zugangszahlen die entsprechenden Genehmigungen nicht mehr. Die Kinder sind also in völlig fremder Umgebung und in Konfrontation mit formierten Klassenverbänden zunächst darauf angewiesen, sich mimisch und gestisch zu verständigen. Ihnen gegenüber stehen die einheimischen Kinder, die häufig genug schon Vorurteile gegen Aussiedler übernommen haben. In höheren Schuljahren bilden sich Cliquen, von denen Aussiedlerkinder meist ausgeschlossen bleiben bzw. auf die sie mit der Bildung eigener und dann eben desintegrierter Cliquen reagieren.

Die Lehrkräfte sind mit der Situation meist überfordert. Ihnen fehlt das didaktische und methodische Repertoire, um die Kluft zu überwinden und die Aussiedlerkinder gezielt und adäquat zu fördern. Sie kennen auch meist nicht die Herkunftssprache und die früheren Lebensbedingungen der Kinder, können also nicht angemessen auf herkunftsbedingte sprachliche oder sachliche Fehler reagieren. Außerdem haben sie in den meisten Fällen eine größere Anzahl von Kindern mit anderen Muttersprachen zu unterrichten. Die Aussiedlerkinder sind in dieser Konstellation verständlicherweise verunsichert und verängstigt. Sie haben große Schwierigkeiten, eine positive Lernmotivation zu entwickeln. Es besteht die Gefahr, daß sie in Passivität verfallen oder völlig abblocken. Auch die Eltern bieten den Kindern in dieser Phase wenig Halt. Sie sind aufgrund eigener Rollenkonflikte verunsichert und können die Kinder auch wegen ihrer eigenen Informationsdefizite kaum fördern.

Unter solchen schulischen und familiären Bedingungen ist es für die ausgesiedelten Kinder äußerst schwer, die deutsche Sprache zu erlernen. Förderunterricht wird ihnen lediglich im Rahmen der Zusatzstunden für Leistungsschwache erteilt. Der für Aussiedlerkinder eingerichtete schulbegleitende Nachhilfeunterricht wird nur noch an wenigen Schulen und in viel zu geringem Umfang angeboten. Gemessen an früheren Jahren ist er gerade durch jüngste Einsparungen so gut wie abgeschafft. Im Oberbergischen Kreis wurde in dieser Woche die zusätzliche Förderung durch schulbegleitenden Nachhilfeunterricht auf die Jahrgänge 9 und 10 reduziert. Die Kinder in der Primarstufe werden nicht mehr gefördert und ebenfalls nicht mehr die Schüler der äußerst problematischen 5. bis 8. Klassen. Es ist dringend erforderlich, dieses Angebot des schulbegleitenden Nachhilfeunterrichts wieder auszubauen, nachdem es in jüngster Zeit in extrem bedarfswidriger Weise reduziert worden ist. Die Schulen müssen überhaupt wieder so ausgestattet werden, daß sie ihrem schwieriger werdenden Auftrag gerecht werden können. Das geht nicht bei immer größer werdenden Klassen und immer eklatanterem Unterrichtsausfall. Außerdem sind auch die schulischen Instrumentarien für zusätzliche Förderung und angemessene Binnendifferenzierung zu erweitern. Und schließlich muß ein System von Fortbildungen und Freistellungen entwickelt werden, das die Lehrkräfte dazu befähigt, ihren Unterricht auch kontrastiv auf die Herkunftssprachen und -bedingungen ausgesiedelter und ausländischer Schüler auszurichten. Trotz der genannten Schwierigkeiten kann für die Jahrgänge der Grundschule festgestellt werden, daß die meisten Kinder nach etwa einem halben Jahr in ihrer Klasse zögernd auch verbal Kontakt aufnehmen und daß sie im Verlauf von zwei bis drei Jahren die deutsche Sprache so weit erlernen, daß sie sich gut verständigen und im Unterricht ihren fachlichen Fähigkeiten entsprechend mitarbeiten können.

Anders sieht es bei jungen Aussiedlern aus, die im Hauptschulalter oder später in die Bundesrepublik einreisen. Sie stehen zum einen stark unter dem nachhaltigen Eindruck der drastisch verschlechterten Schul- und Ausbildungssituation in den Herkunftsländern. Vor allem in Kasachstan – aus der GUS-Republik kommen zur Zeit etwa zwei Drittel der einreisenden Aussiedler – hat sich an den Schulen nach dem politischen Umbruch ein starker Qualitätsrückgang vollzogen. Viele Jugendliche verlassen dort die Schulen immer früher und unqualifizierter, um schnelles Geld zu verdienen, landen dann aber oft in der Arbeitslosigkeit und ihren immensen Folgeproblemen. Diese Entwicklung basiert vor allem auf einem Wertewandel in den GUS-Republiken, der einem Trend der Abwendung von gemeinverantwortlichem Denken und Handeln hin zur Dominanz materieller Werte und der Entwicklung entsprechender individueller Bedürfnisstrukturen folgt. Diese Haltungen sind natürlich auch bei den jugendlichen Aussiedlern in der Bundesrepublik immer stärker anzutreffen. Von vornherein muß also davon ausgegangen werden, daß bei den jugendlichen Aussiedlern in der Bundesrepublik in größerem Maße Motivationsprobleme gegenüber der Schule und auch gegenüber der Notwendigkeit des Spracherwerbs bestehen. Verstärkt werden diese Probleme durch eine Reihe weiterer Faktoren: Eine sehr negative Rolle spielen die Konflikte, die vielfach im Zuge der Aussiedlung in den Familien auftreten. Die Jugendlichen sehen sich oft als Oper, die an den Ausreiseentscheidungen ihrer Eltern nicht beteiligt wurden. Weiterhin werden die Motivationsprobleme der jungen Aussiedler verschärft durch beengte Wohnverhältnisse, die Erfahrung von Ablehnung und Diskriminierung sowie durch die Erkenntnis stark beeinträchtigter Zukunftsperspektiven.

Soweit nun diese jungen Aussiedler die weiterführenden Schulen besuchen, geraten sie unter den Druck ähnlicher Bedingungen, wie ich sie bereits für die Grundschulen beschrieben habe. Sie kommen also in meist zu große Klassen, in denen ohnehin eine Fülle pädagogischer Probleme aufgrund vieler fremdsprachiger Schüler und zu geringer Differenzierungs- und Fördermöglichkeiten bestehen. Die Lehrkräfte sind fachlich nicht angemessen vorbereitet. Sie sind mit der Notwendigkeit, den regulären Unterrichtsstoff und gleichzeitig den grundlegenden Spracherwerb und Schreibfertigkeiten zu vermitteln, hoffnungslos überfordert. Im Gegensatz zu den Aussiedlerkindern in den Grundschulen besteht bei den Schülern der höheren Jahresstufen die Gefahr, daß sie die deutsche Sprache nicht mehr im erforderlichen Ausmaß erlernen. Vielfach stabilisieren diese Jugendlichen Disgrammatismen auf Dauer und schleifen charakteristische Akzente nicht ab. Damit beginnt häufig eine Negativspirale, die mit Schulversagen und -abbruch anfängt und mit Arbeitslosigkeit mit all ihren verhängnisvollen Folgeproblemen endet. Diese Beobachtung gilt keineswegs nur für die Hauptschulen. Auch in den Intensivsprachkursen steigt die Abbrecherquote – bei übrigens ebenfalls durch Sparmaßnahmen bedingtem Rückgang des Angebots.

Aber natürlich trifft auch für die jugendlichen Aussiedler die eingangs getroffene Feststellung zu. Auch bei ihnen ist die ganze Bandbreite vom erwähnten Schulabbruch bis zum guten Lernerfolg zu beobachten. Und natürlich sind Aussiedler auch in höheren Schulen anzutreffen, allerdings mit deutlich abnehmender Häufigkeit. Es gibt da wenig verläßliche Zahlen. In seiner soziologisch-pädagogischen Studie nennt Anatoli Rakhkochkine für Lippe in NRW einen 30-prozentigen Anteil jugendlicher Aussiedler in der Hauptschule, 14,5% in der Realschule, 10,1% in der Gesamtschule und schließlich nur noch 1,1% im Gymnasium. [ Vgl. Anatoli Rakhkochkine: Neue Heimat neue Zukunft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 78/97, S. 1016.]

Festzuhalten bleibt aber, daß ein zunehmender Anteil von jungen Aussiedlern die deutsche Sprache nicht im erforderlichen Maße erlernt und damit oft in die oben erwähnte Negativspirale gerät. Diese Jugendlichen tendieren, vor allem wenn sie schließlich arbeitslos sind, dazu, den Kontakt zu Einheimischen zu meiden und sich in Cliquen zusammenzuschließen. In diesen nimmt mit dem Rückfall in den ausschließlichen Gebrauch der russischen Sprache die Gefahr der totalen Desintegration weiter zu. Vielfach sind in solchen Cliquen Alkoholmißbrauch, Drogenkonsum und Gewaltbereitschaft anzutreffen. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Hannover bezeichnet solche jugendlichen Aussiedler sogar als ein „geeignetes Potential" für mafiöse Verbindungen (Report, ARD, 16.03.1998). Und auch eine – leider bislang nicht veröffentlichte – Auftragsarbeit des BMI zur Lage der jugendlichen Aussiedler kommt nach Aussagen von Frau Eva Schmitt-Rodermund von der Universität Jena zu ähnlichen Erkenntnissen. Des weiteren ist zu beobachten, daß sich im sozialen Mikroklima dieser Gruppen autoritäre, ja sogar „Führer"-orientierte Strukturen entwickeln, die also auch auf eine Anfälligkeit für rechtsextreme Denkmodelle schließen lassen. Ohnehin ist sowohl in unseren Sprachkursen als auch im Rahmen der Betreuungsarbeit vielfach eine signifikante Ausländerfeindlichkeit festzustellen.

Es wäre natürlich vermessen zu behaupten, daß derart gefährliche Entwicklungen ausschließlich auf fehlenden oder unzulänglichen Erwerb der deutschen Sprache zurückzuführen seien. Klar ist aber, daß das Beherrschen der deutschen Sprache für die jungen Aussiedler eine entscheidende Grundvoraussetzung für Schulerfolg, berufliche Chancen und damit für eine positive Lebensperspektive darstellt. Nicht nur im Interesse dieser Jugendlichen, sondern wirklich der gesamten Gesellschaft ist daher zu fordern, daß

– der Sprachvermittlung und -förderung wieder der angemessene Stellenwert beigemessen wird,

– also die Fördermöglichkeiten der Schulen, vor allem aber der schulbegleitende Nachhilfeunterricht für Aussiedlerkinder, drastisch aufgestockt werden,

– die Kürzungen im Bereich der Garantiefonds-Förderung zurückgenommen werden und

– für die Jugendlichen Handlungsprogramme zur sozialen Eingliederung mit Beratung, Freizeitangeboten, Job-Vermittlung usw. angeboten werden.

Welche Bedeutung hat der Gebrauch der russischen Sprache? Er ist vielfach verpönt und wird oft als Beweis für Integrationsunwilligkeit angeführt. Mit dieser Auffassung werden viele wichtige Funktionen vernachlässigt, die die Herkunftssprache für die eingereisten Jugendlichen in den ersten Monaten und Jahren noch hat. In der oben erwähnten Studie bezeichnet Anatoli Rakhkochkine den Gebrauch der russischen Sprache durch die jungen Aussiedler als „identitätsstiftende Gewohnheit", die „im Interesse der normalen psychischen Entwicklung des Kindes" liegt. Und die Slawistin Felicja Maria Slawatycka führt aus: „Die Sprache, durch die sie an gesellschaftlich bedingte Situationen gebunden waren, vermittelte ihnen durch Informationen, die bereits von anderen Individuen verarbeitet und geordnet worden sind, ihren unmittelbaren Handlungs- und Erfahrungsbereich im Herkunftsland." Und weiter: „Wird die Sprache des Herkunftslands nicht anerkannt und verdrängt, dann sind auch die damit internalisierten gesellschaftlichen Haltungen, Rollenvarietäten und Habitualitäten der geschichtlich entwickelten Kultur als nichtig erklärt." [ Felicja Maria Slawatycka: Aussiedlung im Kontext der Entwicklung von Kindern und Ju gendlichen, in: Hans-Peter Baumeister, Integration von Aussiedlern, Weinheim 1991, S. 94ff.]

Es kann also nicht darum gehen, den jungen Aussiedlern mit massivem Druck den Gebrauch ihrer Muttersprache abzugewöhnen. Es geht vielmehr um einen sukzessiven Austausch, der sich mit dem Erlernen der deutschen Sprache und der allmählichen Entwicklung einer neuen kulturellen Identität vollziehen muß. Mit dem Nichtgebrauch des Russischen wird der Erwerb der deutschen Sprache kein bißchen erleichtert, sondern eher gebremst. Die These vom Lernen im „Sprachbad" ist schließlich längst widerlegt.

Schließlich möchte ich noch einmal Anatoli Rakhkochkine zitieren, der sagt: „Da die Erkenntnis der Welt im abstrakten Bereich vorwiegend vermittels der Sprache erfolgt, befinden sich die Kinder der Aussiedler in einer ungünstigen Situation: Der Wortschatz der Muttersprache bleibt auf dem vorher erreichten Niveau und nimmt sogar ab, während der deutsche Wortschatz intensiv gelernt wird, aber nach zwei Jahren das Niveau der Muttersprache nicht erreicht. … Die Jugendlichen entwickeln sich in ihrer Muttersprache nicht mehr entsprechend ihrem Alter, weil kein Bedarf besteht, in Deutsch dagegen noch nicht, weil ihre Sprachkenntnisse dies nicht erlauben." Hier möchte ich hinzufügen: weil die Vermittlung der deutschen Sprache – wie aufgezeigt – auch nicht mit der notwendigen Intensität betrieben wird. Es zeigt sich also, daß die behutsame Ablösung der russischen durch die deutsche Sprache einen wichtigen Stellenwert in der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen einnimmt – ein Aspekt, der den Lehrkräften an den Schulen dringend zu vermitteln ist.

Zum Abschluß möchte ich einige Anmerkungen zur Zukunft der Aussiedlerproblematik machen: Immer noch heißt die offizielle Devise „Das Tor ist offen", wobei zugleich durch verschiedene Maßnahmen versucht wird, die Anzahl der Einreisewilligen zu drosseln bzw. unter bestimmten Bedingungen die Einreise zu unterbinden. Über die Mittel, mit denen dies geschieht, kann man streiten. Es gibt aber einen breiten Konsens dahingehend, daß die Anzahl der einreisenden Aussiedler weiter gedrosselt werden soll. Ich möchte nicht aus diesem Konsens ausbrechen, warne aber davor, die Einreisemöglichkeiten zu weitgehend abzubauen. Natürlich hatten die Aussiedler für die Bundesregierung zur Zeit des real existierenden Sozialismus einen politischen Stellenwert, der jetzt nicht mehr gegeben ist. Man hat aber schließlich mit dem Zulassen bzw. Betreiben der massenhaften Aussiedlung Fakten geschaffen, die eine nachhaltige Verantwortung unseres Landes begründen.

Schließlich ist der Druck auf viele Deutschstämmige in kasachischen Dörfern erst durch die von deutscher Seite erwünschte Ausreise ihrer Nachbarn entstanden. Und schließlich gibt es noch viele Familien, die durch die bis vor wenigen Jahren erwünschte Ausreise ihrer nächsten Verwandten getrennt sind. Ich denke, daß mit der deutschen Aussiedlerpolitik früherer Jahre für unsere Gesellschaft eine Verpflichtung entstanden ist, der sie sich jetzt nicht hastig entziehen kann.

Das gilt also zum einen in dem Sinne, daß die Maßnahmen zum Drosseln der Ausreise nicht noch weiter verschärft werden dürfen. Und zum zweiten darf man hier nicht so tun, als sei die Aussiedlerproblematik bereits weitestgehend erledigt, indem man die gesamte Klientel einem massiven Spardruck aussetzt und damit schwere soziale Probleme vorprogrammiert. Vor allem die jungen Aussiedler werden damit zu großen Teilen in Denk- und Verhaltensweisen getrieben, die für den sozialen Zusammenhalt wie auch für die demokratische Substanz unserer Gesellschaft höchst bedrohlich sind.

Ich schließe mit einem Forderungskatalog, den MinR Schmitz vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW 1994 für die Arbeitsgemeinschaft der Flüchtlingsverwaltungen vorgetragen hat. Obwohl wir inzwischen noch weiter von ihrer Realisierung entfernt sind, halte ich diese Forderungen im Sinne der dargestellten Verpflichtung für höchst aktuell, und sie sollten erneut unterstrichen werden. Gefordert wurde damals:

• außerschulische Fördermaßnahmen für die Dauer von zwei Jahren;

• schulische Förderung von sogenannten Seiteneinsteigern und älteren Schülern bei Bedarf über Förderschulinternate;

• Intensivsprachkurse von zehn Monaten Dauer für nicht mehr schulpflichtige jugendliche Aussiedler/innen;

• Vollzeitsprachkurse der Bundesanstalt für Arbeit für erwachsene Spätaussiedler/innen von mindestens achtmonatiger Dauer bei gleichzeitiger Sicherstellung des Lebensunterhalts durch Eingliederungsgeld oberhalb der Sozialhilfegrenze;

• anschließende oder gegebenenfalls mit der Sprachförderung kombinierte, speziell auf Aussiedler/innen ausgerichtete berufsqualifizierende Fördermaßnahmen bei gleichzeitiger Sicherstellung des Lebensunterhalts;

• verbesserte finanzielle Ausstattung der Beratungs- und Betreuungsarbeit der Verbände vor Ort durch Bundeszuschüsse.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | November 1998

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