FDGB-Lexikon, Berlin 2009


Revisionismus. R., im ursprünglichen Sinne Nachsicht oder Überprüfung, stellt in der Theorie des Marxismus-Leninismus eine Strömung des Opportunismus dar. Die Besonderheit des R. bestehe darin, dass er „ein ganzes System der Revision des Marxismus (später des Marxismus-Leninismus) zur theoret. Begründung der opportunist. Politik entwickelt sowie die sozialist. Errungenschaften entstellt und negiert.“ Der SED erschien derlei stets als besonders gefährlich, da es ihren Führungsanspruch theoret. fundiert in Frage stellte. Anfänglich bezeichnete man nur die Anhänger des ersten und entschiedensten Kritikers des etablierten Marxismus, Eduard Bernstein (*6.1.1850-18.12.1932; Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, 1899) als Revisionisten. Bernstein lehnte vor allem den hist. Determinismus Karl Marx' (*5.5.1818-14.3.83) ab und ging von einer eher evolutionären als klassenkämpfer. Entwicklung aus. Seitens der Orthodoxen galt R. seither als schwere Anschuldigung, als Missachtung der quasi sakrosankten Urschriften des Marxismus. Wer jedoch Revisionist ist und wer Marx legitim weiterentwickelte, kann keineswegs unstrittig sein, denn selbst Wladimir I. Lenin (*22.4.1870-21.1.1924) könnte man R. unterstellen. Da jedoch die siegreichen russischen Putschisten nach 1917 und ihre Gefolgsleute weltweit jahrzehntelang die Verschmelzung seiner Schriften mit denen Marx' zum Marxismus-Leninismus betrieben, unterliegt ihrerseits seither jegliche Kritik daran dem R.-Vorwurf. So gesehen, hat die SBZ/DDR R. in nicht geringem Maße auszustehen gehabt: von Wolfgang Leonhardt (*16.1.1921) über Wolfgang Harich (*3.12.1923-21.3.1995) und Robert Havemann (*11.3.1910-9.4.1982) bis hin zu Rudolf Bahro (*18.11.1935-5.12.1997) reicht die Liste der kritischen Theoretiker, die sich selbst als Sozialisten bzw. Marxisten begriffen, jedoch das DDR-System in ihren Schriften gerade aus dieser Grundhaltung heraus ablehnten.
U.G.