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TEILDOKUMENT:




A: Bilanz der gleichberechtigten Teilhabe
von Frauen an den politischen Entscheidungsprozessen und Programmen




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Einführender Beitrag: Helga Lukoschat, TU Berlin / Moderation: Eva Kunz, Landesgleichstellungsbeauftragte von Brandenburg

Eva Kunz:

Ich denke bei dem Thema, das wir haben - „Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen und an der Entwicklung von politischen Programmen" - bietet es sich an, uns noch einmal an das Ziel zu erinnern, das die Frauen in Ostdeutschland in der Wende hatten, nämlich an den politischen Entscheidungen mitzuwirken und ein kräftiges Wort mitzureden. Wir haben das auch getan und unseren Anspruch angemeldet. Wir haben von den Frauen in der alten Bundesrepublik einiges sehr schnell und relativ unproblematisch übernommen wie etwa die Quoten oder Institutionalisierungsformen von Frauenpolitik. Davon haben wir im Osten auch profitiert. Ich denke wir sollten alles, was wir heute als Beginn eines längeren Prozesses von Standortbestimmung auf diesem Weg, der letztlich auch den Ort von Frauen im demokratischen Prozeß beschreibt, an unserer ursprünglichen Zielvorstellung messen und sorgfältig darüber nachdenken: Was sind eigentlich die Bedingungen auf der Seite der Frauen, auf der Seite der allgemeinen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Rahmenbedingungen, die zum Erfolg, aber auch zum Mißerfolg führen können. Darüber lohnt sich genau nachzudenken. Und natürlich auch Strategien zu entwickeln, wie es weitergeht. Ich denke das wird ein längerer Prozeß, zu dem wir heute einen Teil beitragen.

Zunächst einmal möchte ich Helga Lokuschat begrüßen, die uns jetzt mit Erkenntnissen füttern wird, die auf wissenschaftlicher Untersuchung beruhen und das, was wir alle aus subjektiven Beobachtungen teilweise wissen auf eine objektivere Basis stellt. Frau Lokuschat arbeitet an der TU Berlin in der Forschungsgruppe von Barbara Scheffer-Hegel. Die ist vielen bekannt, spätestens nachdem sie 1994 auf der ASF-Bundeskonferenz einen wunderbaren Vortrag über Frauen und Macht gehalten hat. In dieser Forschungsgruppe ist unter anderem auch die Untersuchung über die Frauen im rot-grünen Berliner Senat gelaufen. Und in diesem Jahr ist eine Untersuchung von Helga Lokuschat abgeschlossen worden, deren Ergebnisse uns Frau Lokuschat vorstellen wird. Und in dieser Forschungsgruppe wird also nicht nur Theorie betrieben, sondern es gibt auch ganz praktische Projekte. Das nächste wird sein: Starthilfe für den weiblichen Führungsnachwuchs. Sie arbeiten auch an der Institutionalisierung einer Akademie für weiblichen Führungsnachwuchs in Politik und Wirtschaft, die auch von Dr. Christine Bergmann mit unterstützt wird. Eigentlich kündigen sich da schon gute Sachen an. Und damit möchte ich Ihnen jetzt das Wort geben.

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Helga Lukoschat, TU Berlin

Mein Name ist Helga Lukoschat und ich freue mich wirklich ganz besonders und möchte mich ganz herzlich für die Einladung zu dieser Veranstaltung bedanken. Auch bin ich meinerseits sehr gespannt auf den Austausch, den wir heute miteinander haben werden. Ich empfinde es wirklich als eine Ehre, daß ich hier als Westberliner Forscherin vortragen darf.

Was ich Ihnen vortragen werde, ist wesentlich Ergebnis einer empirischen Untersuchung unter der Leitung von Barbara Scheffer-Hegel. Ich werde Ihnen zunächst nach einer kurzen Einführung einige Daten sagen zur Situation von Politikerinnen und möchte dabei besonders ein paar Spezifika der Situation ostdeutscher Politikerinnen hervorheben. Zur Einstimmung vorneweg, es gibt gar nicht so viele Unterschiede zwischen Ost und West. Gerade was die Einschätzung als Frau in der Politik angeht.

Daran anschließend möchte ich Ihnen drei konzeptionelle oder strategische Ansätze vorstellen, wie möglicherweise künftig die Handlungsmacht und der Einfluß von Frauen in der Politik gestärkt werden kann. Denn das Thema, das wir heute besprechen, Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen und Programmen, ist nicht nur eine quantitative Frage.

Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich meinem Vortrag ein Zitat einer Politi-kerin voranstelle, die nicht den Sozialdemokratinnen angehört. Aber die zitierte Politikerin hat das Problem einfach auf eine sehr knappe und griffige Formel gebracht. Wie bilanziert Rita Süßmuth, die ranghöchste Frau in diesem Staat, die Frage der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen an der Politik, an politischen Entscheidungen? Rita Süßmuth hat vor kurzem gesagt: Frauen haben mehr Mandate, aber Frauen haben nicht mehr Macht.

Mehr Mandate: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, das dürfte Ihnen bekannt sein, stellen Frauen heute mit 26,3 Prozent immerhin ein gutes Viertel der Abgeordneten im deutschen Bundestag. In den Landesparlamenten liegt der Anteil der weiblichen Parlamentarierinnen im Westen durchschnittlich bei 25 Prozent und in den Parlamenten der neuen Bundesländer liegt er sogar noch höher, nämlich bei 29,33, also knapp 30 Prozent. Also das finde ich erst einmal eine Ausgangsbasis, die sich doch auch sehen lassen kann.

Wie sieht es nun mit den Führungspositionen in der Politik aus? Nach Jahrzehnten der Stagnation, ich beziehe mich auf die westliche Bundesrepublik, hat sich auch der Anteil von Frauen an Führungspositionen kontinuierlich erhöht. Auf Bundesebene liegt er aktuell bei 18,4 Prozent. Führungsposition meint hier: Bundesregierung, Staatssekretärinnen, Fraktionsvorsitz, parlamentarische Geschäftsführung, Leitung eines ständigen Bundestagsausschusses etc., also 18,4 Prozent. Das ist natürlich ganz offensichtlich keine weltbewegende Zahl und entspricht noch nicht einmal dem Anteil der Parlamentarierinnen. Sie wissen, wir haben nur zwei Ministerinnen auf Bundesebene. Unter den 56 Staatssekretären sind sieben Frauen und von den 22 ständigen Bundestagsausschüssen, werden jetzt zum ersten Mal in dieser Legislaturperiode fünf von Frauen geleitet. Auch das ist schon ein historisches Novum.

Von der demokratisch gebotenen gleichberechtigten Gestaltungsmacht von Frauen auf die Politik, sind wir damit immer noch ein ganzes Stück entfernt. Aber das Problem ist nicht allein eine Frage von Quantitäten. Die Frage ist auch, wie Frauen die Mandate, die sie haben, wirkungsvoller und sichtbarer nutzen können. Und wir müssen dabei aber auch bedenken, daß das Handlungsfeld der Politik historisch unter dem Ausschluß von Frauen entstanden ist und daß seine Strukturen, und das hat unsere Untersuchung auch noch einmal eindrucksvoll belegt, nach wie vor männlich geprägt sind. Auch die Arbeitsweisen, die Inhalte, die Inszenierungen, wie Politik dargestellt wird: Frauen müssen gegenwärtig sein, daß sie dort nach wir vor Prozessen der Anpassung unterliegen, daß sie nicht so bleiben können wie sie eigentlich gern bleiben wollen. Und daß sie auch Prozessen der Ausgrenzung und der Marginalisierung, also des „an den Rand geschoben werdens", gegenwärtig sein müssen. Ich denke schon, die flüchtige Zeitungslektüre und der Blick in die Nachrichtensendungen des Fernsehens zeigen, daß es nach wie vor überwiegend männliche Politiker sind, die die Themen setzen, die mediale Öffentlichkeit dominieren und letztlich die Entscheidungen fällen.

Wie sehen eigentlich junge ostdeutsche Frauen die Situation? Ich möchte Ihnen dazu zwei Zitate aus der Shell-Studie 1997 geben: „Viele Jugendliche sind schlichtweg frustriert von der Politik, weil es so schwierig ist mit Arbeitsstellen", sagt zum Beispiel eine 20jährige junge Frau aus Ostdeutschland. „Das schafft viel Hoffnungslosigkeit. Man könnte sagen, o.k. ich kremple die Ärmel hoch und gehe in die Politik, um endlich etwas zu verändern. Aber da sitzen all die alten Männer in ihren Positionen, wie kriegt man die weg?"

Und eine 14jährige stellt fest: „Der Staat kommt überhaupt nicht klar mit seinen Aufgaben. Das sieht man an der Massenarbeitslosigkeit, an der Obdachlosigkeit. Politiker, das sind für mich Männer in grauen Anzügen. Die erzählen und erzählen und nochmals erzählen und eigentlich machen die gar nichts."

Politik ist für ostdeutsche junge Mädchen und Frauen, und diese Aussagen dürfen durchaus als repräsentativ betrachtet werden, Politiker, das sind die Männer in den grauen Anzügen. Die Politikerinnen, diese 30 Prozent, die wir haben, wo sind sie, warum werden sie nicht wahrgenommen? Das ist doch genau die Frage, die wir uns heute stellen müssen.

In unserer Untersuchung haben wir uns gefragt: Wo stehen Politikerinnen heute, was beeinträchtigt Ihre Potentiale und wie kann langfristig ihr Einfluß in der Handlungsmacht gestärkt werden. Wir sind davon ausgegangen, daß Instrumente wie die Quote allein nicht ausreichen werden. Die Entwicklung von wirkungsvollen Konzepten und Instrumenten zur Stärkung von Frauen in der Politik wird noch dringlicher, wenn wir den Nachwuchsmangel und den Mitgliederschwund der Parteien mit einbeziehen sowie die eben schon erwähnte Politikverdrossenheit der jüngeren Generation. Zudem lastet auf der Politik ein immer größer werdender Professionalisierungsdruck. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen, Stichwort Globalisierung, stellen an den Bereich der Politik immer höhere Anforderungen an Effizienz in Wissensaneignung und Informationsbearbeitung, an Problemlösungskompetenz und auch an Professionalität im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit.

Politische Machtausübung muß aber nur effizient und professionell organisiert sein, sondern auch die Qualität ihrer Entscheidungen, ihren Mut, ihre Weitsichtigkeit, ihre Gemeinwohlorientierung unter Beweis stellen, wenn sie die Akzeptanz der Bevölkerung zum parlamentarischen Parteiensystem nicht untergraben will.

Unter frauenpolitischer Perspektive verschärft sich das Problem noch. Denn einerseits haben sich die Parteien verpflichtet, die SPD hier mit federführend, den Anteil von Frauen an Ämtern und Mandaten kontinuierlich zu erhöhen. Andererseits ist der Mangel an weiblichem Parteinachwuchs gravierend. Und gerade in den ostdeutschen Ländern besonders gravierend, darauf werde ich noch zu sprechen kommen. Bisher sind jedoch unserer Einschätzung nach in den Parteien höchstens ansatzweise Konzepte entwickelt worden, wie man das Ziel der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen in der Politik verbinden kann mit Ansätzen zu einer qualifizierten Nachwuchsförderung. Also einer Vorbereitung des politischen Personals auf die Anforderungen, die ich eben beschrieben habe und auch mit der Frage aktueller demokratiepolitischer Problemlagen. Wir dürfen Frauenförderung nicht isoliert von diesen anderen Fragen betrachten. Das möchte ich auch als Input für die Diskussion geben, einen ganz wichtigen Ansatz, um hier besser voranzukommen.

Handlungsfähigkeit und Einfluß basieren auch im politischen Raum auf persönlicher Kompetenz und professionellen Qualifikationen. Entscheidend für die Politik ist aber die Fähigkeit, Machtzentren zu schaffen und zu erhalten. Und da ich hier öfter von Macht spreche, möchte ich Ihnen auch eine Definition geben, wie wir das verstanden haben, und zwar sehen wir in Anlehnung an den Machtbegriff von Hanna Arendt Macht als Resultat eines politischen Prozesses, in dem der oder die einzelne von einer Gruppe von Menschen ermächtigt wird, in ihren Namen zu sprechen und zu handeln. Machtzentren erwachsen aus dem Zusammenschluß und dem gemeinsamen Handeln politischer Akteure. Für unseren Kontext bedeutet dies, daß der Stärkung der Kooperations- und der Bündnisfähigkeit von Frauen eine Schlüsselstellung zukommt.

Ich möchte Ihnen nun einige Ergebnisse und Einsichten aus unserer Untersuchung vorstellen. Sozusagen mehr auf der empirischen Ebene. Wir haben 1996 eine Gesamterhebung mittels eines Fragebogens bei allen Parlamentarierinnen der Bundesrepublik durchgeführt, Bund-, Länder- und Europaebene und eine etwa gleich große Anzahl von Kommunalpolitikerinnen befragt. Von den insgesamt 1.200 verschickten Fragebögen kehrten 700 zurück. Mit diesem Rücklauf von rund 58 Prozent ist die Erhebung repräsentativ. Die Politikerinnen der neuen Länder waren gleichfalls repräsentativ vertreten. Wir haben also eine quantitative Erhebung gemacht. Wir haben aber auch mit etwa 30 Frauen aus politischen Führungspositionen Intensivinterviews geführt und haben auch darauf geachtet, daß alle im Bundestag vertretenen Parteien berücksichtigt waren, die verschiedenen Altersgruppen, Ost und West angemessen vertreten waren und unterschiedliche politische Funktionsebenen.

Einige Daten. Zunächst: Frauen in der Politik unterscheiden sich in ihren Lebensäußerungen auf den ersten Blick nur wenig von der Mehrheit der Frauen der deutschen Bevölkerung. Sie sind berufstätig, verheiratet, ein großer Teil hat familienbedingt die Erwerbstätigkeit zeitweise unterbrochen oder teilzeitig fortgesetzt.

Frauen in der Politik sind im Vergleich zur weiblichen Gesamtbevölkerung allerdings eine überdurchschnittlich gut gebildete Gruppe. Die Befunde zu ihrer Bildungsbeteiligung und zu den Schul- und Berufsabschlüssen deuten auf ein Potential hin, das in dieser Qualität und Häufigkeit in anderen gesellschaftlichen Subsystemen kaum vorzufinden ist. Nur vier Prozent der erfaßten Politikerinnen sind unter 31 Jahre alt. Die 41- bis 60jährigen machen zusammen 70 Prozent aus.

Bemerkenswert ist, daß die Politikerinnen aus den neuen Bundesländern ca. 10 Jahre jünger sind als ihre Kolleginnen aus den alten Ländern. Dort ist die größte Gruppe zwischen 30 und 40 Jahren. Und ich denke das hat zwei Ursachen. Zum einen, das wurde in unserer Untersuchung auch verdeutlicht, war die Wende 1989/90 natürlich das politische Schlüsselereignis für die Frauen im Osten, politisch aktiv zu werden, und es gab noch einmal einen anderen Schub der Politisierung. Zum anderen haben Frauen in Ostdeutschland in der Regel früher ihre Kinder bekommen und sind also auch schon „fitter", dann wieder in die Politik einzusteigen. Aber es ist generell interessant, denn zunehmend gelingt es Frauen, politische Karriere und ein Leben mit Kindern und Familie zu vereinbaren. 65 Prozent der erfaßten Politikerinnen unserer Untersuchung leben mit Kindern. Das gilt auch für die Frauen in politischen Spitzenpositionen. Auch diese haben zur Hälfte ein oder mehrere Kindern, die allerdings überwiegend schon erwachsen sind oder im Jugendalter. Allerdings müssen Frauen, die Politik und Familie unter einen Hut bringen wollen, nicht nur Energiebündel und Organisationstalente sein, sondern sie müssen auch ein außergewöhnlich unterstützendes Umfeld haben. In der ganz großen Mehrzahl betonen unsere Interviewpartnerinnen, daß sie es ohne die praktische Unterstützung und den moralischen Rückhalt ihres Mannes die politische Karriere nicht bewältigen hätten können. Dennoch konnte nur eine von ihnen auf einen Hausmann zurückblicken. Für männliche Politiker ist es dagegen noch immer selbstverständlich, sich auf eine hauptberufliche Karrierebegleiterin stützen zu können und von der Verantwortung für Kinder und Haushalt weitgehend befreit zu sein.

Dazu auch noch einmal zwei vergleichende Daten: Im Bundestag sind 76 Prozent der männlichen Abgeordneten verheiratet und haben Kinder. Bei den Frauen sind es dagegen nur 52 Prozent. Aber dieser Anteil ist so hoch wie noch nie zuvor. In früheren Generationen wurden Frauen noch extremer vor die Wahl gestellt waren, Politik oder Familie. Die heutige Frauengeneration läßt sich nicht mehr so vor diese Alternative stellen.

Welche spezifische Behinderungen und Schwierigkeiten haben Frauen in der Politik? Die Politikerinnen unserer Untersuchung haben mehrheitlich die Erfahrung gemacht, daß es einen erheblichen Unterschied darstellt, als Mann oder als Frau hierzulande Politik zu betreiben. Sie haben uns oft sehr detailliert, sarkastisch, kenntnisreich über diese spezifische Behinderungen berichtet. Eine davon ist, daß Frauen als Politikerinnen unter einem ganz besonders hohen Erwartungsdruck stehen. Das ganz besonders, wenn sie sich in die sogenannten harten, in die prestigeträchtigen Ressorts vorwagen. Dann wird noch mal ganz genau geguckt, ist diese Frau dafür überhaupt kompetent? Die Frauen stehen stärker auf dem Prüfstand als ihre männlichen Kollegen und reagieren darauf mit dem Verhaltensmuster des Perfektionismus. Dieser ist aber oft situationsunangemessen und behindernd. Dazu ein Zitat einer jungen Politikerin aus Bonn: „Was mich wirklich behindert hat und teilweise immer noch behindert, ist, daß ich, bevor ich mich äußere, das Gefühl habe, bin ich jetzt sicher in diesem Thema... also ich bin übervorbereitet, fast immer übervorbereitet. Aber das ist unglaublich schwer das abzulegen. Ich versuche, mich da irgendwie selbst zu schulen, den Anspruch an mich nicht zu hoch zu hängen. Das machen Männer einfach anders. Ich bin manchmal schon erstaunt, mit welcher Dreistigkeit die dann Sachen verkünden, wo ich genau weiß, da steht nicht viel dahinter. Aber die schaffen es dann auch, nicht unsicher zu werden, wenn 50 Journalisten vor einem stehen."

Der Umgang mit Medien gilt ohnehin der Hälfte unserer Interviewpartnerinnen als ein Bereich, in dem Frauen größere Schwierigkeiten haben als Männer. Insbesondere junge und auch wieder ostdeutsche Politikerinnen kritisieren, daß Frauen sich im Vergleich zu Männern deutlich mehr anstrengen müßten, in den Medien wahrgenommen zu werden. Zu dem Medienrummel um die männlichen Platzhirsche bemerkte eben dieselbe junge Politikerin lakonisch: „Bonn fördert Machos, das ist einfach so."

Wollen die Medien nicht zu den Frauen kommen, so wollen die Frauen aber auch nicht so recht zu den Medien kommen. Mehrfach wird der Umgang mit den Medien als anstrengend und belastend beschrieben. Selbst eine altgediente, scharfzüngige, durchaus durchsetzungsstarke Politikerin Ihrer Partei gab im Interview unumwunden zu, daß sie es noch immer hassen würde, mit Journalisten zu sprechen und sich selbst einen Tritt geben muß. Also nicht nur Rhetorik-Kurs, sondern auch ganz gezieltes Medientraining und Strategien der Öffentlichkeitsarbeit sind unseres Erachtens deshalb wichtige Bausteine, wenn man Professionalisierungsangebote, Unterstützungsangebote für Frauen in der Politik entwirft. Aber auch über die Art und Weise der Medienberichterstattung sind zahlreiche Politikerinnen verärgert. Kritisiert werden klischeehafte Darstellungen, die Politikerinnen nach Äußerlichkeiten beurteilt oder auf ein traditionelles weibliches Verhaltensrepertoire einschränken. Sie sollen Charme zeigen, sie sollen bescheiden sein ...

Die subjektiven Eindrücke der von uns befragten Politikerinnen werden durch jüngere Untersuchungen zur Medienberichterstattung auch bestätigt. Darunter auch die Untersuchung zum rot-grünen Frauensenat, an der ich selbst beteiligt war. Es ist so, daß über Frauen nicht nur quantitativ weniger berichtet wird, sondern daß auch die Berichterstattung oft von Stereotypen und Vorurteilen durchsetzt ist. Als heute Frau Dr. Bergmann den Artikel im „Spiegel" erwähnt hat - Sie haben mir wirklich aus der Seele gesprochen. So etwas habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Und ich habe mich besonders geärgert, weil ich angelockt war durch das Titelbild „Die vaterlose Gesellschaft" und dachte, wunderbar, der Spiegel greift dieses Problem „Männer in die Familienarbeit" auf und jetzt verändern wir da mal etwas. Ich habe also tatsächlich fünf Mark ausgegeben und den Spiegel gekauft, was ich schon lange nicht mehr tue und fühlte mich düpiert und betrogen. Ich hoffe, daß sich da wirklich auch noch Proteste regen.

Ich finde diese Befunde zu den Medien vor allem deswegen so wichtig, weil unsere Demokratie eben weitgehend medienvermittelt und Medienpräsenz längst als Maßeinheit des politischen Erfolgs gilt.

Ostdeutsche Politikerinnen fühlen sich oftmals zweifach belastet. Sie haben nicht nur den Beweis für die Politikfähigkeit von Frauen zu erbringen, sondern auch den Beweis für die Politik und Demokratiefähigkeit der ostdeutschen Bevölkerung. Ostdeutsche Politiker und Politikerinnen stehen als Repräsentanten einer ganzen Bevölkerungsgruppe in besonderer Weise auf dem Prüfstand. Vergleichbare Erfahrungen als politische Symbolfiguren machen auch Frauen in den männerdominierten Spitzenpositionen der Politik. Dazu eine ostdeutsche Politikerin, die in Bonn tätig war: „Zwischen dem, was man als Frau und Ostmensch erlebt gibt es sehr viele Parallelen. Wenn das zusammenkommt, multipliziert sich das. In der öffentlichen Wahrnehmung, die Maßeinheit des Erfolgs ist, war ich doppelt benachteiligt. Männer haben es leichter, von den Medien wahrgenommen zu werden als Frauen. Und Leute aus dem Osten haben es schwerer als Leute aus dem Westen. Wenn mein Kollege sich beispielsweise über Rostock oder Leipzig äußerte, war das für alle Journalisten etwas völlig Normales. Wenn ich etwas über Saarbrücken oder Hamburg sagte, haben mich die Journalisten angesehen als ob ich in einer fremden Wohnung Schränke verrücke." Ich finde, dieses Zitat sagt alles. Auf welche Art und Weise ostdeutschen Politikern und Politikerinnen die Kompetenz für die gesamtdeutsche Perspektive abgesprochen wird. Sie gelten immer als Spezialisten für den Osten.

Ich möchte Ihnen aus der ganzen Bandbreite der Erfahrungen mit der Situation von Frauen in der Politik schließlich noch zwei Bereiche vorstellen, die sich auf das Standing und den Aufstieg von Frauen besonders nachteilig auswirken. Einmal: Einige unserer Interviewpartnerinnen erlebten, daß ihre Identität als Frau in Frage gestellt wurde, als sie „männliche" Karrierewünsche zeigten. Sie habe ihren ganzen Charme verloren, bekam zum Beispiel eine Politikerin zu hören, als sie es sich als junge Frau herausnahm, den Vorsitz ihrer Kreistagsfraktion zu übernehmen. „Ein Kollege, mit dem ich bis dahin auf der Flirtebene ganz gut zurecht gekommen war, sagte dann plötzlich, ich hätte meinen ganzen Charme verloren. Das ist mir völlig unvergeßlich. Da war ich 32, das fand ich dann doch ein hartes Stück. Das sind die Methoden, mit denen Du dich auseinandersetzen mußt. Das ist läppisch, aber ich habe es nicht vergessen." Die Episode ist durchaus nicht läppisch. Sie wirft ein sehr bezeichnendes Schlaglicht auch auf die Mechanismen der Entwertung und der Destabilisierung von Frauen in der Politik. Denn im kulturellen Symbolsystem der Gesellschaft ist die Ausübung einer Herrschaftsposition sehr mit der Vorstellung von Männlichkeit verkoppelt und verwoben, daß der Zweifel dann an der Weiblichkeit von Führungsfrauen entweder latent immer vorhanden ist oder eben dann bewußt eingesetzt werden kann, wenn es opportun erscheint. Politikerinnen müssen sich, ob sie es wollen oder nicht, mit der über ihnen schwebende Drohung auseinandersetzen, keine richtige Frau mehr zu sein, wenn sie politische Karriere machen. Und sie müssen diese Drohung auch zurückweisen und verarbeiten. Aber das heißt: Sie müssen einfach einen anderen Energieaufwand leisten, den Männer überhaupt nicht leisten müssen.

Schließlich noch ein letzter, ganz entscheidender Punkt, warum es für Frauen schwieriger ist, in politische Führungs- und Entscheidungspositionen zu gelangen. Das Einfädeln in die von Männer dominierten Seilschaften der Politik ist für die Mehrzahl der Politikerinnen schwierig und belastend. Frauen wollen und können sich nicht vollständig in die oftmals männerbündisch funktionierenden Gruppierungen der Parteimänner integrieren. Zugleich haben sie aber oft noch zu wenig verläßliche und machtvolle Frauennetze und -bündnisse, die das kompensieren könnten. Für Männer ist es eine selbstverständliche, immer wieder tradierte Erfahrung, daß sie von der Unterstützung anderer Männer irgendwann selbst profitieren werden. Sei es um ihre individuellen Karrierechancen zu verbessern, sei es um die Macht der eigenen Gruppierung oder des eigenen politischen Flügels zu stärken. Frauen dagegen fehlt dagegen weitgehend noch die Erfahrung funktionierender, verläßlicher Bündnisse. Und besonders in den Parteien, deren Funktionsweise ganz entscheidend von solchen inneren Unterstützungszusammenhängen abhängt, wirkt sich dieser Erfahrungsmangel nachteilig aus. Das Seil zwischen Frauen, das sie untereinander spannen könnten, um aufzusteigen, ist an beiden Enden noch spröde und rissig. Denn einerseits hat die Frau an der Spitze nicht die Gewißheit, daß sie von Frauen an der Basis auch in schwierigen Situationen vorbehaltlos unterstützt wird, oftmals wenn Frauen in Situationen kommen, die Taktik erfordern, wird ihnen dann von der Basis Verrat oder ähnliches vorgeworfen, die Frauen sind zum Teil, das zeigt auch unsere Untersuchung, rigider als Männer, schrauben die Erwartungen sehr hoch. Andererseits wissen aber auch die Frauen an der Basis nicht hundertprozentig, ob die Frau, die an die Spitze kommt, dann tatsächlich so machtvoll sein wird und die Macht für sie nutzen wird. Wir haben es in der Politik auch schon erlebt, daß dann von Frauen die Loyalität aufgekündigt wurde.

Nun habe ich Ihnen einige Beispiele und Argumente auch für die Schwierigkeiten von Frauen in der Politik gebracht. Ich möchte jetzt aber einige Ansätze aufzeigen oder Anregungen geben, was wir tun könnten, um das zu verändern.

Wir gehen davon aus, daß Frauen durchaus ein Innovationspotential für die Politik darstellen können. Das, was Frauen an Sichtweisen, an Ideen, an Überlegungen mitbringen, ist ein Innovationspotential, aber es kommt gegenwärtig nicht so zum Tragen, wie es eigentlich zum Tragen kommen müßte. Das ist immer genau dieser Zwiespalt. Weil Frauen nach wie vor noch stark diesen Prozessen der Anpassung, des Abgeschnittenwerdens, des Vereinzeltwerdens unterworfen sind. Wir denken deshalb, daß diese Frage zur Kooperation und Bündnisfähigkeit unter Frauen eine Schlüsselfrage ist und man kann das auf drei Ebenen durchspielen. Einmal generationenübergreifend, dann themen- und ressortübergreifend und schließlich die Frage von gesellschaftlichen und parteiübergreifenden Kooperationen und Vernetzungen.

1. Zur generationenübergreifenden Kooperation: In den Parteien, das ist auch ein ganz wichtiges Ergebnis unserer Studie, wird der weibliche Führungsnachwuchs bislang unzureichend gefördert. Gerade einmal 6,6 Prozent der befragten Politikerinnen gaben an, durch Personen ihres politischen Umfeldes für die Politik ermuntert, gefördert und unterstützt worden zu sein. Die Unterstützung kam von Ehepartnern, Freunden, Kollegen, die Parteien stehen mit 6,6 Prozent sehr schlecht da. Nur die Schule ist noch etwas schlechter. Also das ist auch ein ganz brisantes Ergebnis. Dieses Ergebnis ist um so brisanter, als wir ja wissen, daß der Nachwuchsmangel eines der größten Probleme der Parteien ist. Das betrifft alle Parteien, und ich greife die SPD hier nur heraus, weil es natürlich für sie von besonderem Interesse ist. In der SPD sind junge Menschen unter 30 Jahren zur Zeit gerade mal mit 6,92 Prozent vertreten. Der Anteil der über 50jährigen liegt dagegen bei kompakten 65 Prozent. Wenn Sie jetzt noch bedenken, daß der Anteil von Frauen im Osten noch geringer ist als im Westen und bei knapp 25 Prozent liegt, dann können Sie sich ausrechnen, wie viele junge Frauen Mitglied in einem ostdeutschen Landesverband sind. Ich habe mir die Mühe gemacht, es gibt dazu nämlich keine aktuellen Daten. Ich habe das mit verschiedenen Angaben quergerechnet. Nach meinen Berechnungen gibt es 450 junge Frauen unter 30 in den ostdeutschen Landesverbänden. Damit korrespondiert, daß die Distanz zur institutionellen Politik von allen jungen Gruppen bei den ostdeutschen Mädchen und jungen Frauen am stärksten ausgeprägt ist. Auch die Wahlbeteiligung lag bei den 18- bis 24jährigen 1990 bei nur knapp 55 Prozent. Das heißt, nur jede zweite junge Frau in den neuen Bundesländern ist überhaupt zur Wahl gegangen. Nun darf dieser Befund nicht einfach mit politischen Desinteresse der jungen Frauen gleichgesetzt werden. Darauf hat die jüngste Shell-Studie von 1997 klar aufmerksam.

Die jungen Frauen interessieren sich durchaus für Politik. Sie erwarten sich nur nichts von der Politik. Sie sind enttäuscht. Sie sehen sich nicht aufgehoben in den Parteien. Das ist genau das Problem. Nun müßte man meinen, daß dann die wenigen jungen Mitglieder die es gibt, gehegt und gepflegt werden. Aber auch das scheint nicht zu passieren. Nur ein Fünftel der Politikerinnen unserer Untersuchung gab an, in der politischen Karriere einen Mentor oder eine Mentorin gehabt zu haben. Also jemanden, der oder die ihr mit väterlichem/mütterlichem Rat zur Seite steht, sie mit einführt. Das ist eine Form, die ungeheuer wichtig ist, um sich in der Politik zurecht zu finden. Also gerade der Erfahrungsaustausch zwischen gestandenen Politikerinnen und jüngeren Frauen könnte wirklich eine sehr wichtige Ressource bilden, um die Aufstiegswege von Frauen zu erleichtern. Diese Ressource wird kaum genutzt. Während im Bereich der Wirtschaft zunehmend über Mentoring-Programme für Frauen nachgedacht wird, fehlen derartige Überlegungen für den Bereich der Politik fast vollständig. Nun denke ich nicht, daß Mentoring allein die Probleme lösen kann. Ich gehe auch davon aus, daß die Parteien ihre Themen, Inhalte und ihren Habitus ändern müssen, um die jüngere Generation anzusprechen. Aber solche Formen der Nachwuchsförderung sind doch zumindest ein Signal, daß insbesondere junge Frauen willkommen sind und ernst genommen werden.

2. Themenübergreifende Kooperationen und die Eroberung neuer Themenfelder: Ein wichtiger Beitrag zur Stärkung von Frauen in der Politik und zur Erweiterung ihrer Handlungsspielräume besteht unseres Erachtens darin, daß Politikerinnen in einem breiten Spektrum an Ressorts tätig sind und so ihr Einfluß auf alle gesellschaftlichen Entscheidungsfelder gesichert wird. Qualitative Veränderungen im Interesse von Frauen können langfristig nicht in Gang gesetzt werden, ohne die Einbeziehung der zentralen politischen und gesellschaftlichen Steuerungsinstrumente wie eben auch die Finanz-, Steuer-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Nun zeichnet sich bereits seit den 80er Jahren ab, daß das Muster einer geschlechtsspezifischen Ressortverteilung, daß Frauen also vor allem für die Bereiche Familie, Jugend, Gesundheit zuständig sind, zunehmend aufgeweicht wird. Nach den Ergebnissen unserer Untersuchung befinden wir uns gegenwärtig in einer Art Übergangsphase. Politikerinnen in der Bundesrepublik zeigen zwar immer noch eine deutliche Präferenz für die Sozial- und Frauenpolitik, doch das Spektrum der politischen Tätigkeitsfelder und -interessen hat sich erheblich verbreitert. Insbesondere konnten wir in unserer Untersuchung wachsendes Interesse für die Wirtschafts- und Finanzpolitik feststellen. Auf die Frage, welche inhaltlichen Schwerpunkte Politikerinnen bearbeiten, steht an erster Stelle die Sozialpolitik, an zweiter die Kommunalpolitik, an dritter die Frauenpolitik, diese jedoch ganz dicht gefolgt von Wirtschafts- und Finanzpolitik. Im Mittelfeld liegen dann die Bereiche Jugend, Familie, Bildung, aber auch Umweltpolitik ist noch ein sehr beachtlicher Schwerpunkt. Die Bereiche, in denen Frauen weniger vertreten sind, bilden die Innen- und Rechtspolitik, Außenpolitik, Verkehrspolitik und Ausländer- und Asylpolitik. Das Schlußlicht ist Technik und Technologie.

Wie sieht es nun aus, wenn wir uns den politischen Führungspositionen zuwenden. Die Zahlen, die ich Ihnen eben genannt habe, beziehen auch kommunale Politikerinnen mit ein. Das muß man dabei im Auge haben. In den 16 Landesregierungen treffen wir zur Zeit auf 47 Ministerinnen und Senatorinnen, darunter immerhin drei Finanzministerinnen, drei Justizministerinnen, zwei Ministerinnen für Bundesangelegenheiten und auch eine Landwirtschaftsministerin. Es gibt immerhin sechs Umwelt- und acht Arbeitsministerinnen. Dennoch bilden die traditionell Frauen zugeordneten Ressorts wie Soziales, Gesundheit, Familie und Bildung weiterhin einen deutlichen Schwerpunkt in der Regierungstätigkeit von Frauen, ebenso wie Frauen- und Gleichstellungspolitik. Auffällig ist, daß der Bereich der Innenpolitik ausschließlich von Männer besetzt ist. Auch die Wirtschaftspolitik, die Zahlen sind von 1996, ist bis auf die Ausnahme der saarländischen Wirtschaftsministerin noch eine männliche Domäne. Das ist um so bemerkenswerter, als es auf kommunaler Ebene bereits eine erhebliche Anzahl von Politikerinnen gibt, die hier tätig sind. Das setzt sich aber eben nicht unbedingt in die Spitzenpositionen fort.

Ich möchte Ihnen jetzt noch einige Trends zu diesem Problembereich aufzeigen, die sich aus unserer Untersuchung ergeben. Die von uns befragten Frauen in politischen Führungspositionen sagten übereinstimmend, daß Frauen insbesondere diese harten, prestigeträchtigen Ressorts erobern sollten, um mehr Einfluß auf Entscheidungsprozesse zu nehmen. Das ist auch parteiübergreifender Konsens, daß das eine ganz wichtige und wünschenswerte Entwicklung ist. Es gibt mittlerweile auch tatsächlich eine ausreichend breite Basis an Nachwuchspolitikerinnen, die bereit sind, sich in solchen männertypischen Bereichen zu profilieren. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, daß Frauen es besonders schwer haben, in diesen Feldern tatsächlich Fuß zu fassen, selbst wenn sie es wollen, weil sie dort am stärksten mit Vorurteilen und der Abwehr ihrer Ansprüche durch die überwiegend männlichen Platzhalter konfrontiert sind. Diese empfinden es offenbar als Zumutung, wenn Frauen mit ihnen jetzt auch noch auf den wirklich wichtigen Feldern der Politik konkurrieren wollen. Diese Konkurrenzkämpfe werden nicht nachlassen, sondern sich noch verschärfen. Frauen müssen deshalb oft doppelte und dreifache Kompetenz aufbringen und gleichzeitig, das ist auch immer sehr wichtig, sehr viel politisches Gespür und Durchsetzungskraft haben, wenn sie tatsächlich in solche Ressorts wollen. Sehr bezeichnend für die Situation fanden wir das Beispiel einer jungen konservativen Politikerin, die bereits erfolgreich in federführender Position im Ressort der Bildungs- und Familienpolitik tätig ist. Seitdem sie in den Landesvorstand ihrer Partei aufgerückt ist, versucht sie nun strategisch und ganz bewußt, sich in die Wirtschaftspolitik einzuklinken. Sie geht da sehr behutsam, taktisch sehr klug vor, weil sie ganz genau weiß, wenn sie ihre Ansprüche jetzt sofort und sehr laut anmeldet, dann werden die wirtschaftspolitischen Matadore ihrer Partei sie gleich wieder runterholen. Solches strategisches Vorgehen ist jedoch die große Ausnahme. In den Werdegängen der älteren Politikerinnen haben wir es eher selten gefunden bzw. diese haben erst spät erkannt, wie wichtig solche strategischen Karriereplanungen auch in der Politik sind. Die Älteren, Gestandenen könnten diese Wissen jetzt aber sehr wohl weitergeben. Und auch dies spricht noch einmal für die Intensivierung des Erfahrungsaustausches zwischen den verschiedenen Frauengenerationen in der Politik. Und es spricht zweitens dafür, Frauen nicht nur als kompetente Fachpolitikerinnen auszubilden, das müssen sie auch sein, natürlich, sondern ihnen insbesondere strategische Kenntnisse und Fitneß in Durchsetzungsmethoden zu vermitteln. Das ist ein sehr wichtiges Ergebnis unserer Untersuchung, daß alle Frauen in politischen Führungspositionen, die von uns befragt wurden, über ein breites Wissen an solchen Techniken verfügen, daß das aber an die nachrückende Generation oft zu wenig vermittelt wird.

Die Erweiterung der Themenfelder und Eroberung entsprechender Positionen für Frauen in der Politik erfüllt unseres Erachtens in mehrfacher Hinsicht sinnvolle Funktionen:

1. Das Agieren von Frauen in bislang männerdominierten Arenen kann dazu beitragen, Vorurteilsstrukturen über die Kompetenzen von Frauen aufzuweichen. Es kann das Zutrauen der Öffentlichkeit in die politische Kompetenz von Frauen steigern. Voraussetzung ist, daß es nicht bei Ausnahmefrauen bleibt oder Frauen eben nur dann das Finanzressort übertragen bekommen, wenn überhaupt kein Geld mehr in den Kassen ist und dieser Job der undankbarste ist, den man überhaupt machen kann. Die Vermutung drängt sich einem auch auf.

2. Es ist unter dem Blickwinkel der Weiterentwicklung von Gleichstellungspolitik eine notwendige Strategie, frauen- und geschlechterpolitische Fragen in allen Ressorts zu verankern. Damit sage ich Ihnen nichts Neues. Die SPD hat es in ihrem Programm und propagiert dies. In Skandinavien wird diese Strategie unter den Begriff des Mainstreamings gefaßt. Mainstreaming bedeutet, in allen Feldern und auf allen Ebenen der Politik die Geschlechterperspektive zu inkorporieren. Das heißt danach zu fragen, wie sich politische Maßnahmen jeweils auf Männer und auf Frauen auswirken, und ob und wie sie zu dem Ziel der Gleichberechtigung und Chancengleichheit der Geschlechter beitragen. Die Chancen, Mainstreaming vernünftig umzusetzen, sind aber um so größer, je mehr Frauen in den verschiedenen Ressorts tätig sind und je mehr Frauen es sind, die parallel zu ihrem Fachwissen auch ein frauenpolitisches Grundwissen und Grundinteresse mitbringen. Dann kann man solche Ressorts auch tatsächlich innovativ gestalten. Wir denken auch, daß sich gerade in dem Bereich des Mainstreamings und in dessen Weiterentwicklung ein wichtiges und notwendiges Feld an Schulungs- und Beratungsangeboten anbietet, das bisher von den Parteien und politischen Stiftungen noch nicht in der Art und Weise angeboten wird, wie es vielleicht notwendig wäre.

So, nun zu meinem letzten Punkt, der Frage der Netzwerke und Bündnisse: Netzwerke unter Frauen, insbesondere Vernetzungen über die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche hinweg, begrüßen heute sehr viele Politikerinnen und viele bemühen sich aktiv darum, solche Netze für Frauen zu knüpfen. Vor allem die ostdeutschen Politikerinnen unserer Untersuchung haben sehr großes Interesse am Aufbau von Frauenforen, frauenpolitischen runden Tischen, Expertinnennetzen und Ähnlichem gezeigt. Wir hatten den Eindruck, daß diese manchmal für sie mehr Rückhalt und Unterstützung bieten als die eigene Parteibasis. Netzwerke sind sicherlich unerläßlich als Orte des informellen Austausches, wo Ideen und Anregungen abgeholt werden können und Politikerinnen auch die Chance haben, einmal über ihren eigenen Tellerrand, die eigene Szene, hinauszublicken. Das ist sicher eine ganz wichtige Funktion. Aber das ist nur die eine Seite. Frauen in der Politik benötigen heute auch Bündnisse, die zielgerichtet an der Durchsetzung politischer Inhalte arbeiten. Dieses gilt in erster Linie für die parteiinternen Zusammenschlüsse von Frauen, denen es, obwohl es hier von Partei zu Partei natürlich erhebliche Unterschiede gibt, doch oftmals an Macht- und Durchsetzungswillen fehlt. Eine unserer Interviewpartnerinnen, eine konservative Politikerin beschrieb das so, daß sich die Frauenorganisation ihrer Partei eben all zu leicht auf die thematische Spielwiese hätte abdrängen lassen und zu wenig daran interessiert sei, Machtpolitik im Sinne von Personalpolitik zu betreiben. Ihrer Ansicht nach glauben Frauen immer noch viel zu sehr an die Macht von Argumenten, anstatt auch an die Macht von Bündnissen. Frauen in der Politik benötigen aber auch parteiübergreifende Bündnisse.

Die gesellschaftspolitischen Interessen von Frauen sind nicht immer identisch mit den Interessen von Parteien und deren Durchsetzungschancen verlaufen oftmals quer zu den bestehenden Parteistrukturen. Jede Partei hat ihre eigene Schallmauer, an der Frauen nicht weiterkommen. Wenn Politikerinnen für zentrale gesellschaftliche Strukturprobleme, wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und für Männer, Lösungen erarbeiten wollen und diese auch politisch durchsetzen und mehrheitsfähig machen wollen, sind unseres Erachtens nicht nur wirkungsvolle Bündnisse mit Frauen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen unabdingbar, sondern ebenso auch eine verstärkte Zusammenarbeit der Politikerinnen über Parteigrenzen hinweg. Dies muß parteipolitische Differenzierungen und Profilierungen nicht ausschließen. Aber wie die Beispiele zu § 218 und auch jüngst zur Reform der Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe zeigen, erhöht es die Durchsetzungschancen kontroverser Themen erheblich, wenn Politikerinnen unterschiedlicher Parteizugehörigkeit gemeinsam mehrheitsfähige Lösungen erarbeiten und gemeinsam Druck ausüben. Bezeichnend für die bundesrepublikanische Situation ist jedoch, daß die wenigen geglückten Bündnisse von Frauen in der Parteipolitik sich fast ausschließlich auf Themen des Selbstbestimmungsrechts von Frauen, über ihre Sexualität und ihren Körper beziehen. Andere Themen wie Steuerreform, Umbau des Sozialstaats, die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit sind bisher kein Thema der Bündnispolitik. Aber hier würde es erst anfangen richtig spannend zu werden. Frauen werden zu souveränen Akteurinnen der Politik erst dann, wenn sie nicht nur ungewohnte Themenfelder besetzen, sondern diese auch neu definieren und bewerten.

Ein politisches Problem wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eben kein Frauenthema, es ist ein gesellschaftliches Thema. Das ist genauso ein Thema für Männer. Solche Themen benötigen ein Re-Framing. Es in einen neuen Rahmen stellen. Das finde Ich finde diesen Begriff, der auch aus der skandinavischen und US-amerikanischen frauenpolitischen Debatte kommt, sehr schön.

Ich komme zum Schluß. Erlauben Sie mir noch eine persönliche Bemerkung: Ich denke, Politikerinnen befinden sich heute in einer historischen Phase. Die Behinderungen und Barrieren sind nach wie vor groß. Auch der Druck zur Anpassung und die Bedingungen für das Politikmachen sind heute komplex. Aber Frauen haben mehr Mandate, sie haben viel erreicht und sie können dieses auch nutzen und ich denke, sie stehen, weil sie auch zunehmend in die Führungspositionen geraten, in einer großen Verantwortung, mit diesen Mandaten, die sie haben, verantwortungsvoll umzugehen. Sie haben vor allem die Verantwortung, das Vertrauen der nachrückenden Frauengeneration in die demokratische Politik wieder zu gewinnen. Dafür wünsche ich uns allen sehr viel Kraft.

Eva Kunz

Ganz herzlichen Dank Frau Lukoschat. Ich denke, wir haben einiges in Ihrem Vortrag wiedererkannt aufgrund unserer persönlicher Erlebnisse. Zum anderen habe ich aus dem letzten Teil Ihrer Ausführungen herausgehört, daß es eigentlich an der Zeit wäre, daß Frauen sich auf der Bühne Politik, deren Inszenierung sie sicherlich nicht erfunden haben, doch langsam eine eigene ausstrahlungsfähige und wirkungsvolle Kultur erarbeiten sollten, die dann sicherlich auch weiterhilft.

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Statements



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Dr. Martina Weyrauch, Potsdam

Referentin für Innen- und Justizpolitik, also ein männlich dominiertes Thema

Ich wollte nur noch einmal eine Verständnisfrage stellen und meinen eigenen Standpunkt dazu sagen. Sie hatten gesagt, daß Frauen oft stärker auf dem Prüfstand stehen und ihrer Meinung nach falsch reagieren, indem sie überperfektioniert sind. Da ist mein Problem, daß ich es eigentlich sehr angenehm finde, wenn man das beobachtet.

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, daß in Talkshows, wo man natürlich medienbedingt auch Frauen und Politikerinnen sieht, die man sonst nicht täglich sieht, ich es sehr angenehm finde, wenn Frauen wirklich kompetent sind und nicht so quatschen wie Männer, die keine Ahnung haben und trotzdem immer mitreden müssen. Auch in der eigenen Arbeit empfinde ich das so.

Ich würde es doch sehr bedauern, wenn man sagen würde, um auch so zu werden und akzeptiert zu werden, müssen wir versuchen, in dieses leere Gequatsche mit einzuschwenken. Man muß das natürlich in vielen Fragen ruhiger machen und gelassener und muß spielerischer damit umgehen. Meine Erfahrung, ich bin fünf Jahre bei uns Gleichstellungsbeauftragte gewesen in der Staatskanzlei, ist, daß immer wenn es darum ging, daß die Frauen wirklich den Sprung zum Abteilungsleiter, zur Abteilungsleiterin machen mußten, daß sie dies so verbissen taten, daß sie das Ziel verfehlten. Also meine Erfahrung ist, je spielerischer die Frauen auch mit den Männern umgehen und doch mal smit ihnen zusammen im Buddelkasten sitzen, denn die sitzen den ganzen Tag im Buddelkasten und teilen ihre Förmchen aus, um so mehr werden sie dann auch akzeptiert. Ich denke, das ist ein Punkt, über den man vielleicht noch einmal nachdenken sollte, daß die große fachliche Kompetenz nicht damit verbunden sein muß, daß man alles Spielerische am Leben verliert. Ich denke, diese Mischung zwischen fachlicher Kompetenz und spielerischem Herangehen, daran müssen Frauen noch arbeiten. Das ist meine Erfahrung und die würde ich hier gerne weitergeben wollen.

Eva Kunz

Das wäre ein wesentlicher Beitrag zur neuen politischen Kultur.

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Brigitte Engler, Soziologin

Ich war in der letzten Wahlperiode Politikerin hier im Berliner Abgeordnetenhaus.

Liebe Anwesende, ein Gesichtspunkt bei der Behandlung des Themas „Frauen in der Politik" ist mir etwas zu kurz gekommen. Das ist das Thema Konkurrenz.

Verkleistern wir uns doch bitte nicht die Augen. Wenn es um Macht geht, um Posten und einflußreiche Positionen, dann habe ich sehr viele Frauen in der Politik erlebt, die sich in ihrem Verhalten nur unwesentlich von dem Konkurrenzverhalten der Männer unterscheiden. Erfolgreich waren jene Frauen, die sich mit ihren Positionen durchgesetzt haben - und sie waren es um so mehr, desto rücksichtsloser sie das taten. Das galt selbst für jene Frauen, die sogenannte Frauenthemen vertraten.

Ich unterlag dem Irrtum, gute Sacharbeit würde überzeugen, daß dem nicht so war, ist bitter. Ich bin nach einen Wahlperiode aus dem Parlament heraus katapultiert worden. Ich hatte versäumt, mir eine „Hausmacht" aufzubauen. Frauensolidarität hat es in diesem Zusammenhang nicht gegeben. Offenbar fällt den Frauen ihr eigener Perfektionismus auf die Füße. Im kleinteiligen Streit um Argumente und Inhalte bekämpfen sie sich gegenseitig. Grundsätzlichere und gemeinsame Ziele werden dabei nicht selten aus den Augen verloren.

Eine zweite Erfahrung: Als eine Frau aus dem Osten hatte ich zu lernen, daß meine Erfahrung „gemeinsam sind wir stark" in dem neuen Bundesdeutschland zumindest im Bereich der Politik anders bewertet wurde: Wer es nicht alleine schafft, galt als nicht durchsetzungsfähig. Kooperationsversuche wurden somit als Schwäche ausgelegt. Die Ostdeutschen - und hier Männer wie Frauen gleichermaßen - mußten lernen, sich zu „profilieren". Das kann zwar bezogen auf die bisherige Sozialisation von Ostdeutschen zeitweilig durchaus sinnvoll sein, aber dennoch habe ich den Eindruck, daß gerade diese extremen Individualisierungsbestrebungen (bzw. die in der Politik als „Profilierungsneurosen" bekannten Verhaltensweisen) nicht wirklich geeignet sind, die gewaltigen Probleme, vor die dieses Land gestellt ist, zu lösen.

Ein Gedanke zum Stichwort „Mentoring". Das ist sicherlich eine gute Idee, an deren Verwirklichung weiter gearbeitet werden sollte. Damit aus der Idee jedoch praktisches Handeln werden kann, müssen Voraussetzungen organisiert werden. Es muß für einen klar umrissenen Zeitraum geklärt werden, wann die junge Nachfolgerin die ältere Politikerin ablöst. Dieser Prozeß muß in gegenseitigem Einvernehmen erfolgen. Die realen Erfahrungen deuten jedoch eher darauf hin, daß die junge Frau von Dritten (Männern) sehr leicht benutzt werden kann, um eine erfahrene Konkurrentin aus dem Feld zu schlagen. Ja, Sie kann auch von sich aus, nur auf ihr eigenes Fortkommen orientiert, mit dem Bonus der Jugendlichkeit ausgestattet die erfahrenere Kollegin ins Aus setzen. Sagt jetzt bitte nicht, das ist halt so... oder Konkurrenz belebt das Geschäft. Keiner ältere Politikerin kann man unter den derzeitigen Bedingungen des Arbeitsmarktes empfehlen, auf diese Weise ihre politische Karriere zu beenden. In einer Gesellschaft, wo Jugendlichkeit zum Idol erhoben wird und die Lebenschancen bzw. der berufliche Wiedereinstieg erfahrener und kluger Frau schon ab Mitte Vierzig zu einem echten Problem wird, sollten politikerfahrene kluge Frauen nicht wegen der Quote für zwanzigjährige Frauen das Feld räumen. Es ist meiner Meinung nach wichtig, darüber nachzudenken, wie es uns gelingt, zu verhindern, daß junge gegen alte Frauen ausgetauscht werden anstatt die Frauenquote in der Politik in den verantwortlichen Positionen generell zu verbessern. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

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Helga Lukoschat

Danke, Brigitte Engler für diese ganz wichtigen Hinweise.

Wir haben uns in unserer Untersuchung in der Tat sehr viel mit der Frage der nicht funktionierenden Kooperationen beschäftigt bzw. wir mußten uns damit beschäftigen, weil es von den Politikerinnen selbst als Problem genannt wurde, daß diese Kooperationen unter Frauen oft nicht so funktionieren, wie sie sich das selbst gewünscht hätten. Eines der größten Probleme ist in der Tat die Konkurrenz. Die läßt sich auch nicht einfach aus der Welt schaffen, weil Politik auch auf Konkurrenz basiert. Das Problem scheint mir eher zu sein, daß Frauen unter dem Anspruch: „Wir wollen aber solidarisch sein, wir wollen gut zusammenarbeiten" Fragen der Konkurrenz eher tabuisieren. Dann köchelt es im Untergrund und kann erst recht nicht mehr bearbeitet werden. Es war auch unsere Einschätzung nach Analyse der ganzen Interviewaussagen und Materialien, die wir dazu hatten, daß sich da durchaus Unterschiede zwischen Frauen und Männern zeigen. Insofern, als Männer aufgrund unterschiedlichster Faktoren, sei es auch wirklich in der Sozialisation, daß sie in der Schule und überall, stärker auf diese Konkurrenz, auf Rivalität, auf solche Situationen vorbereitet werden und damit dann offen gesagt etwas besser umgehen können als es bei vielen Frauen der Fall ist.

Wir haben bei unseren Interviews festgestellt, daß sich Frauen in politischen Führungspositionen dieser Probleme sehr wohl bewußt sind. Da ist auch ein hohes Bewußtsein dafür da, daß wir nicht einfach von Frauensolidarität ausgehen können. Ich habe dieses Wort in meinem Vortrag auch nicht benutzt, sondern immer sehr bewußt von Kooperationen, von Bündnissen gesprochen. Auch diese lassen sich nicht einfach bewerkstelligen. Das muß wirklich von allen Beteiligten gewollt werden und erfordert auch, sich an Regeln zu halten. Dazu gehört, daß man sich politische Ziele gibt, daß man weiß, warum man zusammen ist, daß man nicht zusammen ist, weil man sich nur so nett findet. Das kann sehr schön sein, wenn das dazu kommt. Aber das ist nicht der springende Punkt.

Der springende Punkt ist: Was will man politisch durchsetzen?. Das heißt dann aber auch, den entsprechenden Umgang zu üben, daß eine gewisse Distanz da sein muß zwischen Person und Sache, daß man eine Person auch dann noch respektiert, wenn sie eine abweichende Meinung hat. Das sind alles Umgangsformen, wo es oft nicht so läuft unter Frauen, wie wir uns das wünschen würden. Wir haben aber daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß das auch Aufgaben von Elternhaus und Schule sind, solche Konkurrenz- und Rivalitätssituationen, aber gleichermaßen Kooperationssituationen, das gehört zusammen, mit jungen Mädchen zu trainieren. Die politische Bildungsarbeit sollt sich verstärkt diesem Problem zuwenden, damit es auf gar keinen Fall unter den Teppich gekehrt werden kann, sondern die Chance besteht, das aufzugreifen und zu betrachten, sich die verschiedenen Erfahrungen anzugucken.

Dann noch etwas zur Förderung jüngerer Frauen, die dann Konkurrenz werden können. Natürlich ist das ein Problem. Darum passiert auch Mentoring so wenig. Das ist doch genau die Hemmung, wenn Frauen Politik tatsächlich zu ihrem lebenslangen Beruf machen. Da ist die Frage: Wollen wir das tatsächlich? Ist das das Ziel, daß Politik wirklich ein lebenslanger Beruf ist? Kann man das überhaupt mit dem, was Demokratie erfordert, vereinbaren? Daß sich natürlich Frauen wie Männer in Spitzenpositionen überlegen, züchte ich mir womöglich wirklich die unliebsame Konkurrenz heran. Aber wir können nicht so weitermachen wie bisher. Ich denke, die Zahlen, die ich eben genannt habe zum Nachwuchsmangel in den Parteien, sind so gravierend, das kann uns einfach nicht ruhig lassen. Das geht nicht.

Es geht nicht, daß Parteien für jüngere Menschen kein Feld mehr sind oder sich nur noch diejenigen hinwagen, die ausschließlich politische Karriere machen wollen, da geht uns ein großes Potential für die Demokratie verloren. Dazu muß man schon eine Debatte in den Parteien führen. Einfach ist es mit Sicherheit nicht. Das sehen wir ganz genau so.

Eva Kunz

Die Debatte wird natürlich in den Parteien schon geführt. Zumindest wird immer beklagt, daß diese Situation ist, wie sie ist. Aber inwieweit dann die Debatte tatsächlich auch zu konkreten Maßnahmen führt und die Bereitschaft da ist, jungen Männern und Frauen den Raum zu geben, das ist dann noch einmal eine andere Frage. Es liegt in vielen Bereichen nicht an der Analyse, denke ich. Die ist klar.

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Dr. Christine Bergmann

Ich denke, je mehr Frauen auf dem Weg sind und je mehr Frauen es geschafft haben, um so mehr Konkurrenz gibt es natürlich. Es gibt eine Menge guter Frauen. Das ist doch positiv. Die Frage, die sich in dem Zusammenhang stellt, ist: Konkurrieren sie immer nur untereinander, oder begeben sie sich auch in andere Felder, die zur Zeit von Männern dominiert sind. Wir haben gerade gehört, welche Felder das sind, und wir erleben das auch in anderen Bereichen.

Wenn ich das Beispiel Existenzgründung nehme, dann konkurrieren Frauen meist nur gegeneinander, anstatt in anderen Bereichen Männern Terrain abzugewinnen. Das ist die Frage: Wie erobern sich Frauen andere Handlungsfelder, damit sie sich nicht immer gegenseitig wegbeißen müssen.

Das erleben wir natürlich auch. In bestimmten Bereichen hat man sich damit abgefunden, daß da Frauen sind. Aber die anderen bleiben leer. Wir haben gehört, welche das sind. Und die werden mit Zähnen und Klauen verteidigt. Da wird Frauen nach wie vor die Kompetenz abgesprochen.

Wir müssen auch in diese Bereiche hinein und nicht immer nur bestimmte Themen besetzen. Frauen haben einen gesellschaftspolitischen Anspruch.

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Rosemarie Bechthum

Landtagsabgeordnete aus Thüringen

Heute vor zwei Wochen erfolgte bei uns die Aufstellung der Direktkandidaten für den Bundestag. Es war sehr schwierig, Frauen zur Kandidatur zu bewegen. Ich selbst habe regionale Geschäftsführerinnen der SPD mit überzeugt, daß sie kandidieren sollten, weil sich Frauen hier sehr schwer getan haben. Zwei Frauen haben wir im Bundestag, wir haben sechs Mandate.

Nun waren in Erfurt, der Landeshauptstadt, nur zwei Jusos angetreten. Einer war schon 34 Jahre, Familienvater von drei Kindern, der andere 21 Jahre alt. Der 21jährige wurde auch in der Zeitung vorgestellt. Er stellt sich vor, er könnte das jüngste Mitglied im Bundestag werden.

Dann ist folgendes passiert, und ich gebe mir da selbst ein wenig die Schuld. In Erfurt fand sich keine Frau für eine Kandidatur. Vor vier Jahren haben sie sich gerissen um diese Kandidatur. Ich wurde angesprochen: Du bist Frauenpolitikerin - ich bin Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses im Landtag. Unser Landesvorsitzender sagte: „Du hast die größte Chance, Du mußt das dem Kreisverband sagen, wir halten ganz konsequent die Quote ein, fünf Frauen und sieben Männer. Du hast die beste Chance, einen der vorderen Listenplätze zu bekommen." So bin ich dann auch im Wahlkreis 300 angetreten und habe nicht für mich geworben. Ich wollte, daß man davon ausgeht, wer die größten Chancen hat, das Direktmandat gegen den CDU-Abgeordneten zu gewinnen. Die Chance, darum geht es immer, auch für die Landeshauptstadt. Wir haben noch keinen Abgeordneten im Bundestag.

Zur Wahlkreiskonferenz ist dann ein richtiger Generationenkrieg entfacht worden. Als wir zum Konferenzort kamen, wurde schon ein Blatt verteilt gegen „alte Köpfe". Die Jusos hatten ihr ganzes Potential zusammengetrommelt, ich glaube, alle Jusos, die es in Thüringen gibt, waren gekommen. Das Schlimme war, wir haben gedacht, es müßten bestimmt 300 von unseren 445 Mitgliedern sein. Es waren aber gerade 140 SPD-Mitglieder gekommen. Die Jusos hatten ihren Kandidaten schon für sich bestimmt, die anderen waren direkt von einem Ortsverein eingestimmt, nur den 21jährigen Juso zu wählen, egal was ist. Sie haben die Frauen genauso darauf festgelegt und nach dem 1. Wahlgang war das Ergebnis folgendes: Der 21jährige Juso hatte 50, der zweite hatte 47 und ich 45 Stimmen. Dann kam die Stichwahl. Der 21jährige Juso hat gewonnen.

Das Schlimme war, an dem Abend ist soviel Porzellan zerschlagen worden. Wir kamen uns schon vor wie Grufties. Wir sind in einer ganz bösen Stimmung auseinandergegangen, obwohl wir versucht haben, klarzustellen, ob Ältere oder ob Jüngere, wir haben alle die gleiche politische Ebene. Wir haben alle zusammen angefangen. Wir haben auch das gleiche politische Denken, ob Ältere oder Jüngere, deshalb gibt es überhaupt kein Problem, ob man mit den jüngeren oder älteren Leuten zusammen ist, das ist mir bewußt geworden. Es war darauf angelegt, es mußte dieser junge Mann sein, der gerade Abitur gemacht hat, der eine kaufmännische Lehre hinter sich hat und jetzt Zivi ist.

Positiv ist : Zuvor haben sich die Jusos nie über den Gleichstellungsausschuß informiert. Sie haben ihre eigene Zeitung. Sie sind nicht einmal gekommen und haben gefragt: Was macht ihr denn? Wir machen sehr viel für junge Frauen, Wir kommen darauf bestimmt noch einmal zu sprechen. Das hat sie absolut nicht interessiert.

Positiv ist, das erste Juso-Mädchen, eine Studentin kam zu mir und befragte mich zur Arbeit des Gleichstellungsausschusses und der ASF in Thüringen: Sie will sich damit beschäftigen, denn sie wollen den jungen Mann auch vorbereiten. Sie hat erst einmal eine ganze Menge Material gesichtet und geäußert: „Das ist ja toll, was Sie in dem Gleichstellungsausschu0 alles machen, was Sie alles schon angeschoben haben."

Da sie eine junge, sehr engagierte SPD-Frau ist, die ich fördern könnte, kann ich mir vorstellen, daß sie vielleicht später das Landtagsmandat anstreben könnte. Manchmal hat etwas Negatives auch positive Auswirkungen.

Ich denke, wir müssen uns darauf vorbereiten, auch in Auseinanderset-zungen, wie ich sie gerade geschildert habe, zu bestehen.Es kann nicht sein, daß die engagierten Frauen, die auch erst angefangen haben, von diesen jungen Männern, die noch nichts geleistet haben, verdrängt werden. Sie wollen nicht in der Kommunalpolitik anfangen. Nein, gleich in die höchsten Ämter.

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Gerlinde Schnell

Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern

Wir hatten am vorigen Wochenende die Landesfrauenkonferenz. Es wurden wissenschaftliche Vorträge gehalten, auch über die Frauenbewegung, Ost-West und all das. Wir beschreiben immer wieder Ist-Zustände, an denen wir scheitern. Man wird allmählich nachdenklich: Wie kommen wir ein Stück weiter? Das ist einfach der Punkt, auf den ich mich zu konzentrieren gelernt habe. Und ich gucke Gisela Zierau und andere an. Wir haben uns im Herbst 1989 auf den Weg gemacht. Uns hat vieles verbunden. Wir haben uns auch bemüht, wir hatten Chancen, ein Stück weiter zu sein als viele andere. Wir sind nicht allein gegangen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat durch Management und Training mein ganzes Wollen und Streben mit unterstützt. Ich war ASF-Landesvorsitzende, war damals auch in der DDR Gründungsmitglied. Aus meinem ersten ASF-Landesvorstand sind sieben Frauen in Schwerin bis zur Staatssekretärin gekommen. Ich kann also sagen, das, was Du wolltest, ist Erfolg, ablesbarer Erfolg. Das ist in keiner Arbeitsgemeinschaft so gelungen.

Ein nicht bewältigtes Problem, das bedauerlich ist, aber nicht zum Aufgeben zwingen muß, will ich hier schildern: Wir waren in der ersten Wahlperiode vier Frauen, ich hatte gedroht zu klagen mit der Quote, wenn es in der nächsten Fraktion nicht mehr sind. Wir waren dann acht Frauen. Und am ersten Tag entstand dann das, was ich mit allen Mitteln verhindern wollte. Ich hatte bei den Männern durchgesetzt, es ging um den stellvertretenden Fraktionsvorsitz, wenn die Frauen aus ihrer Gruppe mit einem Vorschlag kommen, dann ist es eine Chance für die Frauen, da werden sie sich nicht lange dagegen auflehnen. Im Anschluß daran haben wir uns in dieser Gruppe zurückgezogen. Es ging dann um mehrere Kandidaturen. Es war pari-pari und ich habe gedacht, liebe Frauen, und wenn ich hier zwei Stunden zubringe und die Männer warten mit Auszeit in der Fraktionssitzung, wir verlassen den Raum nicht eher, bis wir mit einer Mannschaft kommen, als Gruppe von acht Stimmberechtigten, die einen Vorschlag haben. Das ist gescheitert, weil wir bei der letzten Konsequenz, die wir laut Satzung hätten, zu losen, aufgegeben haben.

Wir sind in die Fraktion gegangen: „Wir können uns nicht einigen, jetzt Männer entscheidet ihr." Ab dem Tag war die Stärke der acht Stimmen, die auch bei der Sprecherfunktion, bei der Arbeitskreisausschußbesetzung für manchen notwendig gewesen wäre, aufgegeben und damit auch das, was ich einigen in dieser Gruppe vorgeschlagen habe. Da war eine Kollegin, die wollte gern in den Wirtschaftsbereich. Ich sagte: „Paß auf, das kriegen wir nicht durch, weil wir keine einige Kraft mehr sind." Ich sage das deswegen so ausführlich, weil man sagen muß, wo der nicht wieder zurückzuschraubende Fehler entsteht und was dann die Folgewirkungen sind.

Wir bemühen uns, fair und solidarisch zu sein, die Kräfte zu bündeln und trotzdem kommen wir - und zwar, wenn die Frauen, sich in die Hierarchien einpassen, sich einige befördern lassen und dann mit zur Konkurrentin der anderen werden - immer wieder an diese Knackpunkte: Wir haben Visionen, was möchten wir ändern, bloß das „Wie" läßt sich nicht praktizieren. Das denke ich, ist ein ganz wichtiger Punkt, den wir berücksichtigen müssen.

Ich habe vorhin gelächelt über die Formulierung „Männer in den Spielkästen". Natürlich bemüht man sich, fraulich zu sein, man sagt auch, „ich bin 35 Jahre verheiratet, drei Kinder" und viele andere Dinge. Aber wenn das soweit geht, daß man mir jetzt sagt - ich kandidiere auch nicht mehr, ziehe mich zurück, bleibe aber in der Basis und will von unten wieder neu mobilisieren -: „Du weißt ja, wenn du zu mir netter gewesen wärst, dann wäre das anders gewesen." Bloß wie das Nettsein aussehen sollte, das war für mich nicht akzeptabel. Ich habe neulich auf dem Unterbezirks-Wahlparteitag gesagt: „Ich lehne bestimmte Formen politischer Kultur ab, von denen ich gehofft hätte, sie wären nicht so schnell entstanden und ich praktiziere sie nicht." Hier wurde von den Zeitungen gesprochen: Mich verfolgen Zeitungen bis hin zur FAZ, weil sie daraus eine Sensation machen wollen. Ich nehme es nicht wahr, weil ich denke, wir müssen die politische Kultur praktizieren, die wir fordern und nicht die bei den Männern kritisierte. Wir müssen, wenn wir uns vernetzen - das Wort Solidarität hat für mich zur Zeit auch einen bitteren Beigeschmack - einfach begreifen, daß wir Strukturen verändern und Hierarchien aufbrechen müssen. Auch wenn man wieder zurückgeht in der eigenen Karriere und unten bei Null anfängt, man darf sich nicht total als Frau aufgeben. Das wäre das Allerschlimmste, was man machen kann. Dann reiben die sich die Hände und sagen: „Das haben wir geschafft." Und sie fangen immer wieder mit Neuem an. Ich bin Mitte 50, ich habe bereits vor zwei Jahren gefragt: „Ihr wißt, wie alt ich bin. Welche unserer jungen Frauen hier in unserem Unterbezirk in der Region Vorpommern möchte mal den Weg gehen, die sollte schon mit mir mitkommen, sie sollte schon Wege mitmachen, sie sollte schon Kontakte knüpfen, sie sollte vorbereitet werden." Leider ist das nicht passiert. Aus welchen Gründen auch immer. Aber trotzdem. Ich stand an dem Punkt total hinzuschmeißen. Da überreagiert man auch. Aber für mich ist der Punkt, so schnell werden die mich nicht los und ich fange unten wieder an.

Eva Kunz

Ich möchte noch einmal zu bedenken geben: Männer haben fast 2000 Jahre Zeit gehabt, eine politische Kultur zu entwickeln. Ich denke, daß wir ein bißchen Geduld miteinander haben müssen.

Frauen können kooperatives Verhalten lernen, wenn mehrere Frauen in der Politik sind, wenn es möglichst viele sind. Dazu haben wir einen Schritt getan. Das geht jetzt weiter. Ich denke, die jetzige Generation leidet da wirklich noch darunter bedauerlicherweise. Ich denke, das ist sehr enttäuschend für alle, die sich mit großen Erwartungen auf den Weg gemacht haben. Die nächste Generation hat dann schon aufgrund der Tatsache, daß es von Anfang an mehr sind, die Chance, wie Martina Weihrauch sagt, mit einem „spielerischen Verhalten" heranzugehen und „konkurrente Kooperation" zu lernen. Konkurrenz darf Kooperation nicht ausschließen und Kooperation darf auch Konkurrenz nicht ausschließen.

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Helga Lukoschat

Wir haben uns auch aufgrund der Aussagen der Politikerinnen sehr intensiv mit dieser Kooperationsfrage auseinandergesetzt. Ich finde das richtig, was Eva Kunz gerade gesagt hat, Kooperation und Konkurrenz schließen sich nicht aus, sie gehören im politischen Bereich zusammen. Und ich denke, es ist sehr wichtig, auch gerade für die Jugendorganisation der Parteien, aber auch für die politische Bildung, Frauen darauf vorzubereiten, daß diese Politik ein Feld ist, wo es auch hart zugeht und wo man nicht von vornherein erwarten darf, daß das eine harmonische Stimmung ist. Wir wissen aus der Sozialisationsforschung, daß Frauen ein stärkeres Bedürfnis nach Harmonie mitbringen. Das ist einfach immer noch so, wenn es auch langsam nachläßt. Aber Frauen sind wenig darauf vorbereitet, auch innerlich, von der inneren Disposition her, sich in diesem Feld zu bewegen. Das muß uns überhaupt nicht zur Resignation veranlassen. Es gehört, wie Sie Frau Schnell es gesagt haben, dann auch mehr Bewußtsein dazu, zu gucken, wie entwickeln wir da vernünftige Kooperationsformen. Ich glaube, man darf auch nicht zu große Erwartungen aneinander haben, weil dann der Sturz um so tiefer ist. Das führt dann auch in die Resignation und wenn man da mit ein bißchen weniger Erwartungen rangeht an Frauen, vielleicht etwas nüchterner und politischer auch in einem gewissen Sinne, daß das durchaus hilfreich sein kann. Wenn wir auch in diesem Sinne die politische Kultur unter Frauen, in den Parteien und auch in der autonomen Frauenbewegung mehr verändern würden, das fände ich sehr wünschenswert. Der „Mythos der Schwesterlichkeit" ist auch teilweise nach hinten losgegangen, weil er Erwartungen weckt, die nicht erfüllbar sind. Ich möchte hier trotzdem weitergeben, daß man kooperieren kann, wenn man weiß, was man durchsetzen will.

Und es muß auch nicht immer die ganze Person alles gut finden. Politik ist ein Feld, wo man eine gewisse Distanz dazu haben sollte. Das war übrigens ein weiteres wichtiges Ergebnis unserer Untersuchung, daß Frauen, die dieses Feld gut bewältigen, sagen: „Ich sehe das aber auch streckenweise als eine Bühne. Ich gehe da rauf, ich tu da meinen Job. Aber es gibt immer noch eine private Person, die damit nicht identisch ist."

Ich glaube, das ist für Frauen sehr wichtig, sich so eine Haltung anzueignen. Ich bin eine öffentliche Person dort, aber ich gehe auch wieder zurück. Und das ist auch das, was Martina Weihrauch mit einem gewissen Spielerischen meint. Dann agiert man möglicherweise auch mit verschiedenen Rollen, ein bißchen schauspielerischer dort oder etwas lockerer, lustvoller dann auch, weil es nicht immer in das total tiefste Eigene hineingehen muß.

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Anna Damrat

Frau wird dann nicht immer die beste Person beim Spielen werden, wenn sie sich jeden Tag ein neues Kostüm anzieht, das eigentlich nicht zu ihr paßt. Deshalb denke ich, es muß auch schon eine gewisse Identität zwischen der Person und dem Spiel gegeben sein. Das ist das, was Gerlinde Schnell auch angesprochen hat: Sonst macht das Spielen nämlich auch nicht mehr so furchtbar viel Spaß und führt nicht zu den besten Ergebnissen für die Person und für das politisch Gewollte.

Damit bin ich im Grunde genommen bei den Dingen, die ich kurz ansprechen wollte. Das eine ist diese Geschichte mit der Jugend. Es geht aus der Untersuchung hervor und entspricht auch meiner Erfahrung, daß in der Regel die Frauen aus den verschiedensten genannten Gründen später anfangen, politisch aktiv zu werden. Diese große Welle jetzt, „Jugend voran", führt dazu, daß vielleicht die etwas jüngeren Frauen zwischen 30 und 40 Jahren früher anfangen, aber nicht die 23- oder 25jährigen. Wir haben das bisher beobachten können, jedenfalls was die SPD-Ebene angeht, die ich ganz gut kenne, daß es vor allen Dingen junge Männer sind, die sich nach vorne boxen. Das müssen nicht immer die qualifiziertesten sein. Sondern sie sind eben junge Männer und die mit der lautesten Stimme sind es dann – nach dem Motto: „Frech kommt weiter". Jedenfalls schlägt hier das Patriarchat zu, das auch an anderen Stellen der Gesellschaft aus nämlichen Gründen Frauenkarrieren häufig behindert hat.

Dabei können sich Frauen auch selber behindern. Einmal durch sich selbst. Da besteht durchaus die Schwierigkeit, ernsthaft um eine Position zu kämpfen. Ich kenne das von mir selber auch, daß ich da immer wieder Fehler mache, daß ich zum Beispiel Rückzugspositionen für mich selber mit Sätzen begründe wie: „Das muß ja nun nicht ich sein", „Das kriege ich hier nicht durchgesetzt" oder „Was soll ich mich hier auch noch lange ‚aufräufeln‘".

Zum anderen tritt die Frage der Frauensolidarität hinzu, die die Frauen untereinander natürlich immer wieder neu herstellen müssen. Das ist zuweilen eine äußerst schwierige Angelegenheit. Wir sind allzumal Töchter des Patriarchats und verhalten uns entsprechend. Auch wenn wir uns anders verhalten wollen, erwischt es uns immer wieder.

Da gibt es das Theorem des Nicht-Verletzen-Wollens, was zu dem feinen Ergebnis führt: Man sagt einer, von deren Positionen man nichts hält, lieber selber nichts, sondern sagt es einer anderen. Dann kann man auf diese Weise Netze spannen, über die die besagte eine oder die andere dann stürzt. Das findet die natürlich überhaupt nicht Klasse und sagt: „Du warst gemein." Dies ergibt eine Situation der Unoffenheit, die es für alle Beteiligten erschwert, mit dem Konflikt umzugehen.

Eine gewisse Zurückhaltung ist aber auch ein Vorteil der weiblichen Sozialisation bei der Zusammenarbeit. Es funktioniert nicht ständig der Markt der Eitelkeiten wie unter den Pfauen mit buntem Federkleid. Unter Frauen ist das Bedürfnis nicht so groß, sich jedesmal vorzuführen, zu zeigen, was man alles weiß, wie schlau man ist. Das ist auch parteiübergreifend eine gute Voraussetzung für die ergebnisorientierte Kooperation. Aber dennoch muß ich auch festhalten, daß es inhaltliche Ebenen gibt, die durchaus trennende sind. Ich finde zum Beispiel nicht, daß ich lauter Gemeinsamkeiten mit Gabriele Henkel habe, die von den Umsätzen von Persil lebt und von der entsprechenden dazugehörigen großen Unternehmung. Da gibt es wirklich Unterschiede. Die müssen auch gesagt werden und da gibt es auch unterschiedliche Richtungen, die zu vertreten sind. Dann hat das Gemeinsame seine Grenzen.

Es wundert es mich nicht, wenn im Kampf gegen § 218 Gemeinsamkeiten herausgefiltert werden können oder bei der Frage der sexuellen Selbstbestimmung. Das ist klar. Das sind gemeinsame Fragen. Da, wo es aber um ganz knallharte soziale Interessen geht, die sehr unterschiedlich sind, zum Beispiel bei der Steuerfrage, zum Beispiel bei der Verteilungsfrage, da gibt es eben Unterschiede zwischen den verschiedenen politischen Richtungen, die sind nicht zu überspielen. Selbst wenn man tausendmal sagt, die Frauen seien besonders von der Armut und von der Verteilungsungerechtigkeit betroffen, das trifft zu. Aber es gibt Frauen wie Gabriele Henkel, die von der Verteilungsungerechtigkeit ganz gut profitieren. Die werden das nicht unbedingt aufgeben wollen. Außer vielleicht in einem entsprechenden Wohltätigkeitsverein, in dem sich dann alle wieder zusammenfinden.

Das trifft letztendlich in gleicher Weise für die Medien zu. Wir werden die Medien nicht gleich total ändern. Unsere Presseerklärungen können noch so prima sein. Es gibt bestimmte Strukturen bei den Medien, die führen dazu, daß vor allem Männer wahrgenommen werden, weil sie die kräftigeren Stimmen haben, die größere Bekanntheit. Und wenn sich die Jungs dann keilen, ist es noch viel spannender. Wir haben das wieder bei der Aufstellung unserer Kandidatinnen feststellen können, da mußten wir als Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) eine extra Pressekonferenz für die Kandidatinnen veranstalten, um ihre Kandidaturen bekannt zu machen, weil sich die öffentliche Diskussion fast ausschließlich nur um die männlichen Kandidaten drehte. Uns sagten dann die Pressefrauen: „Es war spannend, die SPD-Kandidatinnen näher kennenzulernen. Wir dachten auch, daß die Plätze schon alle längst vergeben wären." Diese Konferenz hatte auch ihren Niederschlag in den Zeitungen. Aber das funktioniert nicht immer. Und man muß wirklich sehen, daß die männlichen Strukturen nicht alleine über Witz und Sandkasten beseitigt werden können.

Nach altem Training dieses Patriarchats, das schon viele tausend Jahre währt, haben alle Mitspielenden in der Buddelkiste durchaus auch Regeln internalisiert, die nicht immer zu den besten Erfolgen für Frauen führen.

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Dr. Dorle Gelbhaar

Ich bin Kulturwissenschaftlerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin und war bisher vornehmlich im Journalismus- und Bildungswesen tätig.

Ich will, anknüpfend an das bisher Gesagte, auf eine ganz konkrete Erfahrung im Wissenschaftsbereich eingehen. Hier wurde gesagt, Westfrauen haben von der Wende partizipiert, aber Ostfrauen eigentlich gerade nicht. Meine Erfahrung ist, daß dazu allerdings auch Ostfrauen beigetragen haben. Herrschaftsthesen sind zum Teil auch von ihnen übernommen und gegen die eigenen Mitfrauen angewandt worden. Wissenschaftliche Qualifikationen in den beiden früheren Staatsgebilden DDR und BRD haben sich in vielen Punkten gar nicht so sehr unterschieden, wenn man einmal davon absieht, daß in der DDR immer m-l (marxistisch-leninistisch) davor gesetzt wurde.

Heute werden aber noch in der DDR erworbene Qualifikationen beispielsweise bei der Stellensuche zum Argument gegen Ostfrauen, mit der Begründung, sie hätten nicht den gleichen Wert. Und das machen auch Frauen, die zum Beispiel den Auftrag haben, anderen Frauen zu helfen, in der Wissenschaft ihren Platz zu finden. Auch aus Angst vor der Konkurrenz sagen sie: „Du hast doch gar nicht die Qualifikation, das kann man doch gar nicht mehr so anwenden", und ähnliches.

Für mich steckt darin ein Grundproblem. Sicher befriedigt es mich, zu hören, daß mehr Frauen in Positionen kommen, in denen sie etwas bewirken könnten. Aber ebenso interessiert mich die Frage, was sie dann tatsächlich für andere Frauen bewegen konnten und wie sie das getan oder versucht haben. Das halte ich für mindestens ebenso wichtig als die Frage, ob sie es nicht genau so leicht oder leichter haben könnten als die Männer an ihrer Seite.

Wenn wir da nicht stärker zu inhaltlichen Diskussionen kommen, wird sich überhaupt nichts ändern in der nächsten Generation. Eher denke ich, kann es dann zu noch stärkeren Konkurrenzbeziehungen unter Frauen kommen, weil junge Frauen patriarchalische Gesetze, wie man Karriere macht, früher und intensiver aufnehmen als Frauen der mittleren Generation.

Für meine Begriffe ist eine Abwertung der Qualifikation nicht gegeben, wenn die Frauen es geschafft zu haben, eine berufliche Position zu erwerben. Dann können sie Wissen und Fähigkeiten beweisen. Aber in dem Moment, wo sie draußen sind, kann das zum Problem werden.

Ein anderes ebenso gravierendes Problem ist es für Frauen, die sich dann bemühen und noch mehr Qualifikation erwerben, daß sie plötzlich als „überqualifiziert" gelten. Das Argument wird mitunter auch von Frauenbeauftragten angewandt. Sogar legitimiert. „Die können sich doch nicht für eine niedrigere Stelle bewerben." In Wirklichkeit wäre das mitunter für die konkrete Frau ein Wiedereinstieg gewesen.

Ich glaube zum Beispiel auch nicht, nur deshalb wären Ostfrauen in der Politik oft jünger als Westfrauen, weil sie erst durch die Wende politisiert worden wären. Ich denke vielmehr, daß auch im Frauenleben eine bestimmte Qualifikation und eine bestimmte Position erst in einen bestimmten Alter erreicht wird und daß dadurch DDR-Frauen um die 40 zum Teil auch negativ belastet sind. Nach der Wende hat man in der Frauenbewegung teilweise diskutiert, als wenn es nur zwei Sorten Frauen gäbe: Die passiven und die, die gegen das System gekämpft haben und nun nach der Wende etwas geworden sind. Die Masse, die sich in der DDR abgestrampelt hat, findet sich in diesem Raster nicht wieder. Aber das nur am Rande.

Wir sollten Frauen in verantwortlichen Funktionen danach befragen, was sie für andere Frauen tun. Und nicht nur sagen: Konkurrenz die gibt es, die ist normal.

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Dr. Helga-Maria Engel

Ich bin Frauenbeauftragte an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Der Anlaß ist im Moment recht günstig, zu dieser Problematik etwas zu sagen. Ich denke das Ganze, das im letzten Beitrag angesprochen worden ist, ist so vielfältig und so vielschichtig, daß man nicht alles über einen Kamm scheren kann. Es wurden viele Probleme angesprochen. Wenn wir diese im einzelnen ausdiskutieren, brauchten wir sicherlich sehr lange. In meiner Tätigkeit habe ich festgestellt, daß man nicht immer einen geraden Weg gehen kann. Wir müssen sehr viele Kompromisse eingehen, um für Frauen die bestmögliche Variante zu finden.

Dazu ein Beispiel: Wie können wir den Frauenanteil bei den Professuren erhöhen? Wir haben einen sehr neuen Weg beschritten. Wir beginnen an unserer Hochschule, eine Datenbank für Frauen aufzubauen, die die Voraussetzungen erfüllen, sich auf Professuren zu bewerben. Das machen wir gemeinsam mit dem Verein „Frauenpunkt Courage" e.V. aus Berlin-Hohenschönhausen, der eine solche Datenbank hat. Die Datenbank erfaßt ca. 300 Frauen. Auf dieser Basis wollen wir eine Datenbank speziell für die Anforderungen der FHTW zuschneiden und sie dann später für andere Fachhochschulen verallgemeinern. Ich denke, man muß an vielen Stellen nach Möglichkeiten suchen, um sich mit Frauen zu vernetzen und auch um Frauen zu unterstützen, damit sie in Führungspositionen kommen. In diesem Fall versuchen wir, den Professorinnenanteil zu erhöhen.

Rückschläge habe ich schon viele erlebt, von unterschiedlichsten Seiten auch oft, wo man gar nicht damit rechnet. Es ist nicht alles Sonnenschein. Doch ich denke, wir müssen immer darüber nachdenken, was wir machen können und wir müssen probieren, aus allen Situationen das Beste daraus zu machen.

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Dr. Christine Bergmann

Ich wollte zu Frau Gelbhaar noch etwas sagen, weil mir das Thema sehr leidvoll vertraut ist. Es ist kein spezifisches Frauenthema. Das ist eigentlich ein Ost-West-Thema. Das ist die Frage bei diesem Umstrukturierungsprozeß, ich weiß nicht, wievielmal Sie evaluiert wurden. Mein Mann kam nach Hause und hat gesagt: „Jetzt bin ich fünfmal evaluiert, fachlich, charakterlich, politisch, ‚gegauckt‘ und dieses und jenes, nun darf ich mich auf meinen Lehrstuhl bewerben."

In so einer Bewerbungssituation galten in der Regel westliche Maßstäbe. Das heißt, habe ich ein Forschungssemester in den USA, in welchen Zeitschriften habe ich publiziert. War es die „Veterinernaja Moskwa" oder war es eine große amerikanische Zeitschrift, die zählte bei diesen Gremien, die dann darüber entschieden. Da hatten, das muß man so klar sagen, viele Ost-Wissenschaftler nicht den Vorteil.

Woher soll ein DDR-Mensch zum Beispiel ein Forschungssemester in den USA haben? Am ehesten kam vielleicht noch Dubna in Frage oder Leningrad vielleicht. Aber das war dann schon wieder anrüchig. Die Konkurrenzsituation hat sich nachteilig für viele Ostwissenschaftler - Männer und Frauen - ausgewirkt.

Diese Benachteiligung, die es in dieser Phase wirklich gegeben hat, hat unsere Generation getroffen, die älteren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die dann nicht mehr die Möglichkeit hatten, das Forschungssemester nachzuholen, jedenfalls nicht in dieser Geschwindigkeit.

Für die Jüngeren gilt das in dem Maße nicht mehr. Wer jetzt in den Hochschulbetrieb einsteigt, hat gleiche Startbedingungen. Und da ist natürlich die Frage, und das ist der wichtige Punkt, wie schaffen wir jetzt gute Startpositionen für die Frauen. Das verstehe ich unter Kooperation.

Gewiß wird es in den nächsten Jahren Veränderungen geben. Wir wissen, wie niedrig der Anteil der Frauen im wissenschaftlichen Bereich an den C3- und C4-Stellen ist – und da gibt es noch einige. Wir haben viele qualifizierte Frauen. Dafür haben wir auch gesorgt, zum Teil mit Sonderprogrammen, die jetzt bei den neuen Besetzungen zum Tragen kommen müssen. Da ist Kooperation von Frauen gefragt. Das hat auch mit der Sensibilität für dieses Thema zu tun.

Wo liegen die Benachteiligungen? Wir im Osten haben uns eigentlich nie benachteiligt gefühlt. Wenn man sich jetzt die Strukturen ansschaut, sieht man, wo früher Benachteiligungen stattgefunden haben und wo sie jetzt stattfinden. Und das ist eine Aufgabe von Frauen, Frauen dafür zu sensibilisieren und zu sagen, wenn ich die Wahl habe und es gibt eine Einstellung, dann entscheide ich mich für die Frau, weil ich ein Stück ausgleichen muß.


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