FES HOME MAIL SEARCH HELP NEW
[DIGITALE BIBLIOTHEK DER FES]
TITELINFO / UEBERSICHT



TEILDOKUMENT:




Bender, Ferdinand (1870 - 1939)

Geboren am 22. Oktober 1870 in Halver (Kreis Altena) als Sohn eines Schlossers, verheiratet, Dissident. Besuch der Volksschule von 1876 bis 1884 in Halver. Nach der Volksschule Beginn einer vierjährigen Schlosserlehre. Kam während seiner Lehrzeit erstmalig mit dem Gesetz in Konflikt: Am 17. März 1886 vom Amtsgericht Lüdenscheid "wegen groben Unfugs" zu 2 Mark oder 1 Tag Haft" verurteilt. Vieles spricht dafür, daß dies der Auftakt war, der Bender zunächst zu einem "zweck- und zielbewußten Anarchisten" werden ließ.

1888 nach vierjähriger Lehrzeit begann seine Wanderschaft, die ihn durch Deutschland und Frankreich führte. Soll 1888 erstmals der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands beigetreten sein. Seit dem 27. April 1890 Mitglied des "Verbandes deutscher Mechaniker und verwandter Berufsgenossenschaften", der sich 1891 dem "Deutschen Metallarbeiter-Verband" anschloß. Nach 1890 trennte sich Bender vermutlich von der Sozialdemokratie. Weitere Verurteilungen wegen anarchistischer Umtriebe von der Polizeibehörde in Halver, dem Schöffengericht Altona und der Königlichen Strafkammer zu Düsseldorf. Teilnehmer am internationalen Kongreß der revolutionären Sozialisten und Anarchisten im August 1893 in Zürich, der sich mit Fragen der revolutionären Propaganda, dem ökonomischen Kampf und dem Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft und der Sozialdemokratie beschäftigte. Seit dieser Zeit wurde Bender von der politischen Polizei der deutschen Länder besonders scharf beobachtet.

Am 28. Januar 1894 Teilnehmer an einer anarchistischen Demonstration vor dem italienischen Generalkonsulat in Zürich. Daraufhin wurde er aus der Schweiz als unerwünschter Ausländer ausgewiesen. Wandte sich nach Frankreich; in Paris verhaftet und am 14. Februar 1894 des Landes verwiesen. Bender ließ sich zunächst in Stuttgart nieder. Von Stuttgart aus unternahm er mehrere anarchistische Agitationsreisen, u.a. nach Frankfurt am Main, Mainz und Halle. Nach einem Vortrag in Halle verhaftet und schließlich am 1. Oktober 1894 wegen "öffentlicher Anreizung verschiedener Klassen zu Gewalttätigkeiten gegeneinander" mit einem Jahr Gefängnis bestraft. Die Haftdauer wurde noch dreimal verlängert: Am 8. November 1894 durch die Strafkammer des Königlichen Landgerichts Frankfurt am Main (wegen "aufreizender Reden"), am 21. November 1894 durch die II. Strafkammer des Herzoglichen Landgerichts zu Darmstadt (wegen "Beleidigung der Polizeibehörde") und am 28. März 1895 durch die Strafkammer I zu Hanau (wegen "Verächtlichungmachung von Staatseinrichtungen und Aufreizung zu Gewalttätigkeiten"). Insgesamt saß Bender 32 Monate Gefängnis in der Haftanstalt Preungesheim bei Frankfurt am Main ab. Nach der Haftentlassung am 2. April 1897 durch ein amerikanisches anarchistisches Hilfskomitee unterstützt und vom wichtigsten, deutschen anarchistischen Organ "Der Sozialist" begeistert empfangen. ("Ihn geistig und moralisch zu 'bessern', wird der Staatsgewalt wohl kaum gelungen sein.")

Nach seiner Haftentlassung wandte sich Bender zunächst nach Berlin. Wegen Vergehens gegen die Meldegesetze am 19. Oktober 1897 in Isolierhaft genommen und aus Berlin ausgewiesen. Zwei Tage später reiste Bender nach Magdeburg. Vermutungen sprechen dafür, daß der junge Metallarbeiter im anhaltinischen Bernburg enge verwandtschaftliche Beziehungen hatte. Zwar beteiligte er sich in der ersten Zeit in Magdeburg noch an Zusammenkünften der Anarchisten und vertrat "in denselben ab und zu die Wichtigkeit und Notwendigkeit der anarchistischen Lehre", doch trat er in der Öffentlichkeit nicht mehr mit der gewohnten Radikalität hervor. Im ersten Halbjahr 1898 vollzog Ferdinand Bender den offenen Bruch mit dem Anarchismus. Er sprach zunächst auf verschiedenen Versammlungen des "Deutschen Metallarbeiter-Verbandes" (DMV) und näherte sich der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an. Um die Jahrhundertwende gehörte er zu den beliebten Rednern auf Partei- und Gewerkschaftsveranstaltungen; zugleich trat er in Bernburg in den Vorstand der dortigen DMV-Filiale ein.

Als der "Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands" im Sommer 1901 eine "Beamtenstelle" für seine Magdeburger Ortsverwaltung ausschrieb, bewarb sich Ferdinand Bender darum. Obgleich er völlig branchenfremd war und deswegen unter den Mitglieder einige Bedenken auskamen, konnte er sich bei den Wahlen am 14. September 1901 mit großer Mehrheit durchsetzen. Am 11. Januar 1902 wurde er auch in den Vorstand des örtlichen Gewerkschaftskartells Magdeburg gewählt, wo man ihm die Funktion eines zweiten Bevollmächtigten übertrug, die er dann genau sechs Jahre innehatte; außerdem war er währenddessen Kartelldelegierter der örtlichen Verwaltung. Innerhalb weniger Monate gewann Ferdinand unter seinen Berufskollegen eine so große Autorität, daß sie ihn am 28. Juni 1903 ungeachtet seiner kurzen Verbandsmitgliedschaft zum Gauvorsitzenden für die Provinz Sachsen und für Braunschweig wählten. Benders Agitationsfähigkeiten und sein Organisationstalent bewährten sich beim ersten größeren erfolgreichen Streik der Magdeburger Kutscher im März 1905. Im gleichen Jahr hatte Magdeburg das günstigste Verhältnis von Organisierten zu Nichtorganisierten im Transportgewerbe erreicht. Die Zahl der Verbandmitgliedert stieg während Benders "Regentschaft" von 672 auf 2.298. Typisch für ehemalige Anarchisten war Benders Engagement in den verschiedenen Hilfs- und Krankenkassen: in Magdeburg Vorstandsmitglied in der Kaufmännischen und der Freien Vereinigung der Ortskrankenkassen. Am 23. September von den Ausschußmitgliedern zum zweiten Vorsitzenden der Landesversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt gewählt.

Auf Grund seiner äußerst erfolgreichen Organisationsarbeit in Magdeburg bzw. im Gau 9 wurde Ferdinand Bender am 1. Oktober die Elberfelder Verwaltungsstelle sowie der Gau 13 des "Deutschen Transportarbeiter-Verbands" anvertraut, der damals als "das Schmerzenskind" der Organisation galt. Benders Organisationstalent wurde vor allem vom Verbandsvorsitzenden Oswald Schumann geschätzt, der auf dem kommenden Verbandstag die Personalentscheidung des Vorstandes damit begründete in Bender "den passenden Mann" für diesen schwierigen Posten gefunden zu haben. Bender war auf Kongressen und Parteitagen ein häufiger Gast. Nachdem er 1899 und 1901 noch an den Verbandstagen des "Deutschen Metallarbeiter-Verbandes" teilgenommen hatte, sollte er von 1905 an bis 1914 sämtlichen Generalversammlungen des "Zentralverbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands" (später: "Deutscher Transportarbeiter-Verband") beiwohnen. Er sprach auf Gewerkschaftstagen oft in der Diskussion, gehörte mehrfach der Statutenberatungskommission an und referierte 1909 zum Thema "Die Zentralisation der Arbeitgeberorganisation des Berufes und ihr Einfluß auf unsere Taktik". Uneingestanden war dieses Referat der Schlüssel für seinen persönlichen Wandel vom libertären Sozialisten hin zum "zentralistischen" Gewerkschafter. Außerdem wurde Bender zwischen 1908 und 1914 zu allen Gewerkschaftskongressen und von 1903 an zu zahlreichen Parteitagen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands delegiert.

Anfang 1903 zum Reichstagskandidaten im Wahlkreis Magdeburg 2 nominiert. Vermutlich lag der Nominierung eine interne Absprache zwischen der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und dem Parteivorstand der SPD zugrunde. Erlitt eine Niederlage bei den Wahlen am 26. Juni 1903 und am 25. Januar 1907 (Wahlkreis Anhalt 2). Mit 18.532 Stimmen gewann Bender schließlich im Jahr 1912 die Stichwahl im Wahlkreis Anhalt 2. Bender blieb ohne Unterbrechungen bis zum Juli 1932 Reichstagsabgeordneter, wobei er noch folgende Wahlkreise vertrat: Reichstagswahlkreis 12 (Magdeburg-Anhalt) von Januar 1919 bis Juni 1920, 11 (Magdeburg) von Juni 1920 bis Mai 1924 und 10 (Magdeburg) von Mai 1924 bis Juli 1932. Im Reichstag selbst trat er mit Anfragen und kleineren Diskussionsbeiträgen hervor, die sich durchgängig mit Fragen der Arbeitsbeziehungen und des Arbeitsrechts beschäftigten; zunehmend waren "seine" Themen auch Probleme der Deutschen Reichspost. Gemeinsam mit dem Verbandsvorsitzenden Oswald Schumann bildete er über Jahre hinweg die parlamentarische Interessenvertretung seiner Gewerkschaft in Ausschüssen und Parlament.

Nach Kriegsende wurde Bender in die revolutionären Ereignisse hineingezogen. Wahl zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees des "Arbeiter- und Soldatenrates der Stadt und des Kreises Bernburg", der am 9. November die militärische Gewalt und einen Tag später die zivile Gewalt übernahm. Er zählte zu den entscheidenden Personen im Bernburger Arbeiter- und Soldatenrat und führte sämtliche Verhandlungen mit den kommunalen Entscheidungsträgern. Seine Tätigkeit beschränkte sich im wesentlichen darauf, die Demobilisierung und die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren. Unter seiner Regie konstituierte sich am 25. November 1918 ein Ausschuß für Ernährungsfragen und Kohleversorgung. Damit verhielt sich Bender wie tausende anderer Arbeiterräte im Reich. Als Gegner jeder übereilten Sozialisierung war sein Sozialismus in hohem Maße ethisch-libertär geprägt: Der Sozialismus sei "ein Mittel, Freiheit, Glück und Wohlfahrt des Volkes zu erhöhen". Bei "mehr Aufklärung "würden sich die Massen dem Sozialismus von allein zuwenden.Als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates der Stadt und des Kreises Bernburg nahm Bender am Reichsrätekongreß teil, der vom 16. bis 20. Dezember 1919 in Berlin tagte. Mit seiner Stimme beschloß der Kongreß am 19. Januar 1919 die allgemeine, gleiche und geheime Wahl für eine verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung. Am gleichen Tag löste sich der Bernburger Rat auf und Bender zog in die konstituierende Versammlung ein. Auf der 10. Generalversammlung des "Deutschen Transportarbeiter-Verbandes" vom 22. bis 27. Juni 1919 in Stuttgart zum hauptamtlichen Vorstandsmitglied gewählt. Zuständig für die Tarifarbeit, hatte er beträchtlichen Anteil daran, daß für alle Berufsgruppen Reichstarifsverträge ausgehandelt werden konnten. Damit konnten zentrale Errungenschaften der Novemberrevolution abgesichert werden. 1921 übertrug ihm der Verbandsvorstand die Leitung der Reichsabteilung des "Post-, Telegraphen- und Fernsprechpersonals". Bis 1933 hatte Bender die Reichsleitung inne, die zunächst die Interessen der Posthelfer und ab 1923 auch die Belange der aufgenommenen Telegraphenarbeiter vertrat. Im Sommer 1925 führte er die Verhandlungen mit der "Allgemeinen Deutschen Postgewerkschaft". Die Fusionsgespräche mit der freigewerkschaftlichen Beamtengewerkschaft, die im "Deutschen Verkehrsbund" als arge Konkurrenz empfunden wurde, endeten im September unter Benders Gesprächsleitung erfolgreich. Am 11. und 12. September 1925 beschloß die "Reichsabteilung Post" im "Deutschen Verkehrsbund" auf ihrer 5. Konferenz den Zusammenschluß. Im Anschluß daran tagte am 13. September eine gemeinsame Konferenz der "Reichsabteilung" und der "Allgemeinen Deutschen Postgewerkschaft" und beschloß, beide Organisationen unter dem Namen "Allgemeine Deutsche Postgewerkschaft" zu vereinigen. Zum neuen Vorsitzenden der Organisation unter dem Dach des "Deutschen Verkehrsbundes" wählten die Delegierten Ferdinand Bender. Mit 40.000 Mitgliedern war Benders Organisation praktisch die einzige Postgewerkschaft, die nennenswert Gruppen aller Postbediensteten organisierte. Als Leiter der Reichsabteilung nahm er am II. Internationalen Kongreß des Personals des Personals der Post-, Telegraphen- und Telefonbetriebe (IPTT) im August 1920 teil. Hier trat er gegen die berufsständische Konkurrenz aus den Reihen des Deutschen Beamtenbundes auf, die 1924 noch seine Wahl als Mitglied des Vollzugsausschusses der IPTT verhindern konnte. Kurze Zeit später sollten die italienischen Postler aus der Internationale ausscheiden, so daß ein Ausschußsitz vakant wurde, den kompromißgemäß Bender erhielt. In seiner Eigenschaft als Mitglied des Vollzugsausschusses wohnte er sowohl dem vom 18. bis 21. September 1928 abgehaltenen 5. als auch dem 6. Kongreß der IPTT bei, der vom 12. bis 15. August 1930 in Kopenhagen stattfand. Hier wählten ihn die Delegierten in den wichtigen Unterausschuß A (Rechtslage des Post-, Telephon- und Telegraphenpersonals). Im Verwaltungsrat der deutschen Reichspost, dem er als Reichstagsabgeordneter von 1924 bis Ende 1932 angehörte, vertrat er gewerkschaftliche Interessen. Als Teilnehmer auf allen Kongressen des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes (1925, 1927 und 1930) repräsentierte er den Einheitscharakter seiner Organisation, die Arbeiter, Angestellte und Beamte in ihren Reihen zählte. Delegierter auf den Gewerkschaftskongressen 1922, 1928 und 1931.

Wiederwahl zum besoldeten Vorstandsmitglied auf dem Kongreß des "Deutschen Transportarbeiter-Verbandes" vom 3. bis 8. September 1922 in Berlin. Hier entwickelte er im Referat "Wirtschaftskämpfe und Gewerkschaftspolitik" sein gewerkschaftliches "Glaubensbekenntnis" und erteilte allen staatssozialistischen Heilsvorstellungen eine Absage: die "Durchführung des Sozialismus" sei "ein Stück Erziehungsarbeit", der "politischen Demokratie ... [müsse] die wirtschaftliche und sozialistische folgen". Wiederwahl als besoldetes Vorstandsmitglied auf dem 12. Verbandstag des "Deutschen Verkehrsbundes" vom 16. bis 21. August 1925 in München und dem 13. Bundestag vom 12. bis 17. August 1928 in Leipzig. Die Delegierten des Gründungstages des "Gesamtverbandes der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs" entsandten ihn als Vertreter seiner Reichsabteilung in den engeren Vorstand. Der Verbandsbeirat, der auf seiner 5. Tagung vom 18. bis 20. November 1932 einschneidende, personelle Veränderungen in die Wege leitete, bestätigte ihn erneut als hauptamtliches Vorstandsmitglied. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 entlassen. Ließ sich im gleichen Jahr in Berlin-Bohnsdorf nieder. Friedrich Bender verstarb am 26. Oktober 1939 in Berlin-Bohnsdorf.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | September 1998

Previous Page TOC Next Page