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TITELINFO / UEBERSICHT



TEILDOKUMENT:

[Seite der Druckausg.: 11 ]



I. Die "digitale Revolution" als politische Herausforderung




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1. Ausgangslage

Die Industriegesellschaften befinden sich mitten in einem Prozess des tiefgreifenden gesellschaftlichen Strukturwandels, der Unsicherheiten und Ängste, aber auch große Erwartungen weckt. Im öffentlichen Bewusstsein wird dieser Strukturwandel verbunden mit Schlagworten wie „postindustrielle Gesellschaft„, „Informationsgesellschaft„ oder „Wissensgesellschaft„. Alle diese Begriffe machen deutlich, dass dieser Wandel mit Veränderungen zu tun hat, welche die Grundlagen unserer bisherigen technisch-industriellen Produktionsformen berühren und zu einer grundlegenden Neubewertung des Faktors „Information„ führen.

Der Faktor „Information„ prägte die Entwicklung der westlichen Gesellschaften während der letzten 500 Jahre entscheidend. Diese Entwicklung begann mit der Erfindung des Buchdrucks, setzte sich im letzten Jahrhundert fort mit der Erfindung von Telefonie und Telegrafie und mündete schließlich in die Einführung der elektronischen Massenmedien Radio und Fernsehen, die es ermöglichten, mit der Suggestivkraft von Ton und Bild unmittelbar und gleichzeitig ein unüberschaubares Millionenpublikum zu erreichen. Damit wurde nicht nur ein Instrument der Masseninformation, sondern zugleich der Massenbeeinflussung, -manipulation und –mobilisierung geschaffen, dessen ambivalente Möglichkeiten sich einerseits in der Demokratiebewegung, andererseits in den Diktaturen dieses Jahrhunderts manifestierten.

Das Wesensmerkmal all dieser Informationsmedien ist ihre Eingleisigkeit. Ausgehend von einer Quelle richten diese Medien ihre Botschaft – sei es in Gestalt von Presse oder Rundfunk – an eine grundsätzlich unbestimmte Vielzahl von Adressaten, eben ein Massenpublikum. Dieses ist stummer Rezipient des vom Veranstalter bzw. Verlag gestalteten Programms. Der Rezipient kann ein- oder ausschalten bzw. kaufen, aber nicht wirklich kommunizieren. Die Informationswege sind analog, d.h. an den jeweiligen Informationsmodus – den geschriebenen Text, die Sprache, das Bild – gebunden, und damit jeweils eigenständig und nicht austauschbar. Als unmittelbares akustisches oder visuelles Abbild des Originals ist die analoge Information zugleich „authentisch„, d.h. nicht oder jedenfalls nur sehr begrenzt veränderbar.

Das neue Informationszeitalter, dessen Anfänge wir derzeit erleben, hat seine Grundlagen in der Ablösung der analogen durch die digitale Informationsübertragung. Aufgrund der Zerlegung jeder Information in bits und bytes als die gemeinsame „Ursprache„, das heißt die Trägereinheit für Text, Sprache und Bild, werden die Informationswege austauschbar.

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Informationen, die in Art, Inhalt und Darstellungsform unterschiedlich sind, lassen sich miteinander verknüpfen, ja sogar synthetisch erzeugen. Dank der gleichzeitig stattfindenden, mit nahezu mathematischer Gesetzmäßigkeit verlaufenden Fortschritte auf den Gebieten der Speicher- und Übertragungstechnik sowie der Datenkompression lassen sich immer größere Informationsmengen in immer kürzerer Zeit übertragen, speichern und verarbeiten. Grenzen dieser Entwicklung sind nicht absehbar.

Die Digitalisierung erfasst alle Arten elektronischer Informationsübertragung, ganz gleich ob Rundfunk, Datenübertragung oder Telefonie. Mit der Verknüpfung dieser bisher eigenständigen Netze verschwimmen auch die Unterschiede zwischen Individual- und Massenkommunikation. Jede Art der Information kann zielgenau an individuell bestimmte Empfänger adressiert werden, die ihrerseits wieder Informationen absenden können. Absender und Empfänger werden austauschbar, das einseitig gerichtete Informationssystem wird zu einem echten interaktiven Kommunikationssystem.

Ausgehend von der angelsächsischen Diskussion und einschlägigen EU-Studien hat sich für diese Entwicklung die Bezeichnung „Konvergenz„ durchgesetzt. Der Begriff suggeriert, alle Arten von Informationssystemen und -netzen würden in einer einzigen Informationspipeline oder einem Daten-Highway zusammenfließen und über einen Einheitsterminal eingespeist bzw. sicht- oder hörbar gemacht.

Davon kann jedoch – zumindest auf absehbare Zeit – sicher noch keine Rede sein. Ausgehend von den bestehenden Punkt-zu-Punkt- bzw. Verteilnetzen für Individualkommunikation und Rundfunk wird es auch auf längere Sicht noch unterschiedliche Netze geben. Diese Netze werden jedoch durchlässiger und – möglicherweise über Hybridnetze (z.B. UMTS) – miteinander verknüpft, ebenso wie die Terminals – seien es Fernsehgeräte, PCs, Laptops oder Mobiltelefone –, die zwar für jeweils spezifische Zwecke entworfen werden, darüber hinaus jedoch für vielfältige Anwendungen offen sind. Zutreffender ist es daher, von „Vernetzung„ zu sprechen. In einer vernetzten Struktur wird es zwar noch Radio, Fernsehen, Presse und Telefonie sowie eine wachsende Vielfalt individueller geschäftlicher Datendienste (Electronic-Commerce) geben. Diese werden jedoch nur noch unselbstständige Teile eines übergreifenden Informations- und Kommunikationssystem (IuK-Systems) darstellen.

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2. Entwicklungstendenzen

Worin liegt nun die politische Bedeutung dieser „digitalen Revolution„? Welche Auswirkungen wird sie auf die Entwicklung unserer Wirtschaft und Kultur, auf das soziale Zusammenleben insgesamt haben? Eine umfassende, schlüssige Antwort ist heute sicher noch nicht möglich. Bestimmte grundlegende Tendenzen sind jedoch erkennbar und lassen sich in folgenden Thesen zusammenfassen:

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3. Politische Herausforderungen

Die digitale Revolution stellt die politischen Institutionen und ihre Akteure somit vor völlig neue Herausforderungen. Folgende Aspekte dieser Entwicklung sind besonders hervorzuheben:

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© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Juli 2000

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