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Industriepolitischer Dialog: Pro und Contra

Pro

1. Reduzierung von Unsicherheit

Marktsignale, zumal was zukünftige Konstellationen betrifft, sind höchst unklar. Der Suchaufwand für die einzelnen Unternehmen ist deshalb hoch, die Irrtumswahrscheinlichkeit beträchtlich. Die Unternehmen haben starke Anreize, sich der Unsicherheit der Zukunftsmärkte zu entziehen und sich auf Betätigungsfelder mit sichereren Gewinnchancen zu begeben. Diese Effekte sind um so stärker, je weniger die Einzelunternehmen von ihrer eigenen organisatorischen Kapazität her der Aufgabe der Unsicherheits-Reduzierung gewachsen sind.

Ein industriepolitischer Dialog hilft den Unternehmen die Zukunft zu strukturieren. Die Methode ist ein staatlich moderierter und initiierter Diskussionsprozeß im „Club" der Wirtschaftsführer mit dem Ziel, kollektiv technologische „Entwicklungskorridore" abzustecken. Die kollektive Festlegung, die bei weitem nicht verbindlich ist, erleichtert es den einzelnen Unternehmen, sich auf einen derartigen Entwicklungskorridor dauerhaft einzulassen und daraufhin ihre eigenen Strategien zu formulieren. Dies um so mehr, als die Entscheidung fortwährend durch positive Signale von selten der industriellen „community" bestätigt wird.

Bestimmte „Entwicklungskorridore" sind überhaupt nur vorstellbar als Kooperationsprogramme von Wirtschaft und öffentlicher Planung (Staat und gesellschaftliche Gruppen). Dies gilt für komplexe technologische Systeme im Dienste gesellschaftlicher Belange (Umweltschutz, Verkehrsbewältigung).

2. Indiepflichtnahme der Unternehmen

Die Einbindung in die kollektive Diskussion wirkt gleichzeitig subtil verpflichtend, und zwar einerseits auf das nationale technologische Entwicklungsziel hin, und andererseits auf den Erfolg im Leistungswettbewerb mit den anderen Teilnehmern des „nationalen Entwicklungsprojektes" hin. Den Unternehmen wird das Ausweichen auf einfachere Betätigungsfelder erschwert.

3. Synergien

Ein industriepolitischer Dialog mobilisiert nicht nur unternehmerische Energien, er bündelt sie auch. Er setzt Synergieeffekte strategischer und betriebswirtschaftlicher Art frei.

Auf strategischer Ebene wird es möglich, über die passive Anpassung an „Marktgegebenheiten" hinauszugehen und durch Setzung von technologischen Standards den internationalen Markt aktiv zu gestalten.

Auf betriebswirtschaftlicher Ebene macht der Dialog die Möglichkeiten für firmenübergreifende Kooperationen der unterschiedlichsten Art sichtbar. Dies erhöht die kostenmäßige und qualitative Leistungsfähigkeit der beteiligten Unternehmen.

Beim Prozeß der Strukturanpassung gibt der industriepolitische Dialog der Befähigung der Unternehmen für den Markt Vorrang vor dem Ressourcen-verschwendenden trial-and-error-Verfahren der Auslese durch den Markt.

4. Erfolgsbeispiel Japan

Den augenfälligen Beweis für die Überlegenheit eines industriepolitischen Ansatzes bieten die frappierenden japanischen Weltmarkterfolge, die eben nicht nur den strategischen Meisterleistungen einzelner Unternehmen geschuldet sind, sondern auf firmenübergreifende nationale Projekte unter der moderierenden Leitung des Ministeriums für Außenhandel und Industrie (MITI) zurückgehen.

Contra

1. Irrtumsanfälligkeit

Voraussagen hinsichtlich zukünftigen Marktentwicklungen werden dadurch nicht treffsicherer, daß sie in einem Konsensverfahren erzielt werden. Die gemeinsame Festlegung auf bestimmte Zukunftserwartungen erhöht jedoch die Anfälligkeit der gesamten nationalen Industrie gegenüber Fehlprognosen. Eine Streuung von Zukunftsprognosen und darauf aufbauenden Entwicklungsprojekten auf dezentral disponierende Unternehmen ist besser.

2. Tendenz zur Abschottung gegen Marktsignale

Bürokraten neigen aufgrund ihrer strukturellen Unabhängigkeit vom Feedback des Marktes und aufgrund ihrer Einbindung in eine hierarchische Organisation zu einem gewissen Voluntarismus nach außen hin und gleichzeitig zur Schwäche nach innen bei der Infragestellung organisatorisch etablierter Ziele. Hinzukommen als sachfremde Einflüsse die Dynamik innerorganisatorischer Zielformulierungsprozesse und die Ansprüche von seiten der Politik. Alles zusammen erhöht die Gefahr, daß die Ziele zuerst an den (ungeliebten) ökonomischen Realitäten vorbei formuliert und dann bis zum bitteren Ende durchgehalten werden. Diese Gefahr wirkt sich um so stärker aus, je mehr die industriepolitische Instanz in der Lage ist, ihre Zielvorstellungen gegenüber dem Privatsektor durchzudrücken.

3. MITI - ein Mythos

Man weiß heute, daß bei weitem nicht jedes MITI-inspirierte Technologie-Entwicklungsprojekt zu einer Erfolgsstory wurde. Es gibt ernsthafte Stimmen, die behaupten, die unbestreitbaren japanischen High-Tech-Erfolge seien trotz MITI und nicht mit Hilfe von MITI zustande gekommen.

In Japan selbst wurde der industriepolitische Lenkungsanspruch des Staates schon vor geraumer Zeit in Frage gestellt. Statt dessen tritt die strukturneutrale, leistungsdruck-steigernde Diffusion von Innovationen in den Vordergrund.

Daß es auch ohne Synergieeffekte a la MITI geht, zeigen die jüngsten Erfolge der amerikanischen Hochtechnologie-Industrien, die in den letzten Jahren viel Boden gegenüber Japan wettgemacht und in einigen Schlüsselbranchen der Informatik wieder eindeutig die erste Position eingenommen haben.

Offene Fragen

Die Argumente lassen kein eindeutiges Gesamturteil zu. Es geht nicht nur darum, wer die Marktsignale besser erkennen und deuten kann. Andere entscheidende Fragen sind:

  • Was befähigt Unternehmen, Innovationsstrategien an langfristigen Marktsignalen zu orientieren?

  • Was befähigt sie dazu, selbst Marktsignale zu setzen?

  • Wie wichtig sind firmenübergreifende Synergien?

Die Antworten dürften je nach Unternehmensgröße, -Organisation und -kultur unterschiedlich ausfallen. Staatliche Lenkung mag besser funktionieren und auch dringlicher sein, wenn die Macht und der internationale Aktionsradius der nationalen Unternehmen weniger stark entwickelt sind. Die Antworten dürften auch von der jeweils anstehenden Aufgabe abhängen, nämlich:

  • erfolgreiche Produktentwicklung im Rahmen eines etablierten technologischen „Entwicklungskorridors" (z.B. Informatik) oder

  • Einstieg in einen neuen, noch nicht etablierten Entwicklungskorridor oder

  • nachholende Entwicklung in einem von der Konkurrenz seit langem beschrittenen Entwicklungskorridor.

© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Juli 1999

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