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TEILDOKUMENT:


[Seite der Druckausg.: 20]

Frauen müßen die Chancen der Informationsgesellschaft ergreifen
Dr. Christine Bergmann

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Liebe Irene Ellenberger, sehr geehrte liebe Frau Zierau, sehr geehrte liebe Frau Schwarzbach, meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr über die Einladung zu Ihrer Arbeitsmarktkonferenz, die nun schon in guter Tradition steht und die mir die Möglichkeit gibt, Ihnen die Vorstellungen der Bundesregierung zur Gleichstellung von Frauen im Berufsleben vorzustellen.

Der Titel der heutigen Konferenz widmet sich einem Thema, das gleichermaßen Befürchtungen und Hoffnungen auslöst: Deutschland befindet sich derzeit wie alle Industrieländer in einem grundlegenden Wandel der gesamten Wirtschafts- und Arbeitswelt, wie er vielleicht nur mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft zu vergleichen ist. Der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt hin zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft verändert die Arbeitslandschaft tiefgreifend. Der rasante Fortschritt im Bereich der Informations- und Kommunikationstechniken stellt uns vor große Herausforderungen und eröffnet Chancen - gerade auch für Frauen.

Aber: wir müssen sie auch nutzen, denn noch ist die Welt der Informationen eine Männerwelt.

Nur maximal 10 Prozent der Internetnutzer sind Frauen, und bei den Informatik-Studiengängen ist in den letzten Jahren die Zahl der Studentinnen auf nur wenige Prozent gesunken. Und das in einer Situation, in der Unternehmen händeringend Fachkräfte suchen!

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Dabei ist die Ausgangsbasis von Frauen grundsätzlich gar nicht so schlecht:

  • Bereits 1995 waren 56 Prozent der erwerbstätigen Frauen, aber nur 35 Prozent der Männer im Informationssektor tätig.
  • Vier von fünf der erwerbstätigen Frauen sind in Dienstleistungsberufen beschäftigt und konnten zumindest in den alten Bundesländern schon bisher von den Zuwächsen in den Dienstleistungsberufen stärker als Männer profitieren.

Frauen in den neuen Bundesländern allerdings mussten auch bei den Dienstleistungsberufen überdurchschnittliche Beschäftigungseinbußen hinnehmen.

  • Frauen sind nicht nur bei der schulischen, sondern auch bei der beruflichen Bildung Spitze.

Inzwischen verfügen mehr erwerbstätige Frauen als Männer über den Abschluss einer Lehre oder Berufsfachschule; 55 Prozent der Abiturienten, 52 Prozent der Studienanfänger an Universitäten sind Frauen.

Aber:

Von der Informationsgesellschaft werden Frauen keineswegs automatisch profitieren. Viele typische Frauenarbeitsplätze auf der unteren Hierarchieebene wie Dateneingabe oder einfache Bürotätigkeiten werden durch den Einsatz von Informationstechnologien wegrationalisiert.

Frauen nutzen computergestützte Arbeitsmittel zwar quantitativ wie Männer. Aber sie nutzen EDV in erster Linie als Werkzeug, d.h., sie gestalten die neuen Technologien nicht mit.

Klar ist aber:

An den zu erwartenden Beschäftigungszuwächsen werden nur entsprechend qualifizierte Frauen teilhaben. Technik, Macht und Einfluss auf

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zukünftige Entwicklungen sind untrennbar miteinander verknüpft, denn: wer in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft mithalten will, wer künftig einen krisensicheren Arbeitsplatz haben will, muss sich der Technik, der neuen technologischen Entwicklung öffnen. Frauen und Technik ist daher ein Kernthema zur Überwindung der geschlechtsspezifischen Spaltung auf dem Arbeitsmarkt.

Seit vielen Jahren ist es ein dringliches Anliegen, das Ausbildungs- und Berufsspektrum von Frauen zu erweitern. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Ausbildungsberufe in den Neuen Medien entstanden. Aber die Zahl der jungen Frauen in diesen neuen Ausbildungsberufen ist noch viel zu gering.

Zur Zeit gibt es in Deutschland rund 370 anerkannte Ausbildungsberufe. Aber 55 Prozent der jungen Frauen konzentrieren sich bei der Berufswahl auf nur 10 Ausbildungsberufe. Darunter ist nicht ein einziger technischer Beruf. Die gleiche Situation zeigt sich bei der Studienfachwahl. Gerade in zukunftsträchtigen Bereichen sind Frauen noch viel zu wenig vertreten: Ihr Anteil am Ingenieurstudium beträgt zur Zeit 17 Prozent, im Bereich Informatik nur 8 Prozent, in den Computerkernberufen 23 Prozent.

Wie kann man dieses Problem in den Griff bekommen?

Ich denke, man muss bereits in den Schulen ansetzen. Insbesondere gilt es, Mädchen bei der Vermittlung von Medienkompetenz gezielter anzusprechen. Ein erster praktischer Schritt in diese Richtung sind Aktionen wie „Mädchen ans Netz" im Rahmen der Initiative „Schulen ans Netz", die das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit der Telekom im letzten Jahr gestartet hat. Ein gutes Beispiel für die Entwicklung neuer Konzepte zur beruflichen Bildung von Frauen ist auch die Initiative „Frauen geben Technik neue Impulse". Im November 1998 hat die Initiative eine Aktion „Frauen ans Netz" gestartet. Sie zielt darauf, Medienkompetenz zu vermitteln und zu erreichen, dass auch Frauen verstärkt das Internet für ihre Zwecke und Interessen nutzen.

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Wichtig ist es, gezielt Projekte für Frauen durchzuführen. So ist z. B. in der letzten Woche in Berlin ein Projekt gestartet, dass in Zusammenarbeit mit IBM arbeitslose junge Frauen für eine Tätigkeit in der Multimedia-Branche qualifiziert. Die Arbeitswelt verändert sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ, d. h.:, Arbeit wird in Bezug auf Zeit, Ort und Inhalte immer flexibler. Auch daraus ergeben sich Chancen, aber auch Risiken für Frauen. Schon heute sind ein gutes Drittel aller abhängig Beschäftigten in sogenannten „Nicht-Normal-Arbeitsverhältnissen" beschäftigt. Daraus können - im positiven Fall - neue Möglichkeiten für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf entstehen. Aber die Risiken, gerade für Frauen, in diesem Flexibilisierungprozess liegen natürlich, wie Sie alle wissen, in der verstärkten Abdrängung in sozial nicht gesicherte Arbeitsverhältnisse.

Gerade in Informations- und Dienstleistungsberufen, in denen viele Frauen tätig sind, ist der Trend sichtbar, dass die Arbeitsteiligkeit zunimmt. Wir müssen sehr darauf achten, dass dieser Trend nicht auf Kosten der Frauen geht. Damit Frauen mit ihrem Potential wirklich zum Zuge kommen können, dürfen die Entwicklungen nicht sich selbst überlassen werden. Um der Gleichstellung in der Arbeitswelt neue Schubkraft zu geben, werden wir in Kürze das Programm „Frau und Beruf" starten. Dabei handelt es sich nicht um ein einmaliges, zeitlich begrenztes Programm, sondern um ein fortdauerndes, das regelmäßig überprüft und fortgeschrieben wird. Mit dem Programm „Frau und Beruf" will die Bundesregierung Rahmenbedingungen schaffen, die die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Beruf und Gesellschaft fördern.

Wir werden das Gleichstellungsgesetz für den öffentlichen Dienst reformieren, aber auch Regelungen für die Privatwirtschaft treffen. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis zeigen, dass Chancengleichheit und familienfreundliche Arbeitsbedingungen nicht im Widerspruch zu Wettbewerbsstärke stehen, sondern im Gegenteil, diese verbessern.

Frauenförderung ist Wirtschaftsförderung.

Im Zeitalter der Globalisierung kann es sich keine Volkswirtschaft leisten, auf das hohe Qualifikationspotential von Frauen zu verzichten. In

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diesem Sinne führe ich auch den Dialog mit den Tarifvertragsparteien, um Instrumente und Regelungen zu erarbeiten, die tatsächliche Gleichberechtigung herstellen und zugleich der Unterschiedlichkeit der Unternehmen Rechnung tragen.

Wir wollen neue Chancen für Frauen im Dienstleistungsbereich und in technischen Berufen eröffnen. Die Initiative „Frauen und Technik" habe ich bereits erwähnt; zusätzlich plant mein Haus eine Aktion „Neue Berufe für Frauen". Frauen, die bereits erfolgreich in diesen Berufen tätig sind, sollen junge Frauen ermuntern, die neuen Dienstleistungsberufe im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien zu ergreifen. Ferner geht es um verschiedene Maßnahmen zur Förderung von Frauen im Handwerk, gerade auch im gewerblich-technischen Bereich, sowie um die Finanzierung überbetrieblicher Ausbildungsstätten, vor allem in den neuen Bundesländern, sowie das Erarbeiten neuer Berufsbilder.

Ein Ziel unseres Programms ist es auch, das Potential von Frauen im Bereich Selbständigkeit und Existenzgründung gezielter zu fördern: insbesondere zur Beschaffung von Start- und Fremdkapital sollen Existenzgründungsprogramme zielgenauer auf Frauen ausgerichtet werden.

Zum Thema Frau und Beruf gehört aus meiner Sicht auch zwingend das Thema Mann und Familie. Bisher nehmen nur 2 Prozent der Väter den Erziehungsurlaub in Anspruch. Noch viel zu häufig bleibt der verbale Anspruch der Väter, aktiv an der Kindererziehung mitzuwirken, ein reines Lippenbekenntnis. Das liegt aber nicht allein an den Vätern, sondern häufig auch an den Rahmenbedingungen, die sie in den Betrieben vorfinden. Wir wollen durch eine Flexibilisierung des Erziehungsurlaubs erreichen, dass Familie und Beruf für Mütter und Väter besser vereinbar werden. Mütter und Väter sollen den Erziehungsurlaub gleichzeitig in Anspruch nehmen können. Die Möglichkeit zur Kombination von Erziehungsurlaub und Teilzeitarbeit soll ausgebaut werden. Darüber hinaus wird diskutiert, das dritte Jahr des zukünftigen Elternurlaubs bis zum 8. Geburtstag des Kindes in Anspruch nehmen zu können.

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Wir brauchen für eine moderne Frauen- und Familienpolitik eine moderne Arbeitszeitpolitik in den Betrieben. Dafür müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Im Ziel und bei den Lösungsansätzen gibt es viele Verbindungen zwischen dem Programm „Frau und Beruf" und dem Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit.

Das Bündnis für Arbeit muss in allen Handlungsfeldern und Maßnahmen für Frauen wie Männer gleichermaßen wirksam werden. Dieses Ziel verfolge ich u. a. mit der Teilnahme an den Arbeitsgruppen des Bündnisses. Auch bereits bestehende Programme der Bundesregierung haben die Gleichstellung von Frauen im Berufsleben zum Ziel. So sind im Sonderprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit bei allen Maßnahmen junge Frauen entsprechend ihrem Anteil an den unvermittelten Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungsplätze bzw. an der Arbeitslosigkeit zu berücksichtigen. Bei der Förderung lokaler und regionaler Projekte werden ausdrücklich solche besonders unterstützt, die junge Frauen in zukunfts- und technikorientierte Ausbildungsberufe vermitteln. Bei der Vergabe von Lohnkostenzuschüssen sind die Arbeitsämter angewiesen, aktiv darauf hinzuwirken, dass junge Frauen in bisher frauenuntypische Berufe vermittelt werden können. Ende April waren 117.000 Jugendliche in die verschiedenen Maßnahmen des Sonderprogramms vermittelt, davon waren 49.300 Frauen. Insgesamt haben bisher in den neuen Bundesländern 48.000 Jugendliche von diesem Programm profitiert.

Auch in der aktiven Arbeitsmarktpolitik werden wir dafür sorgen, dass der Zugang von Frauen zu den Instrumenten der aktiven Arbeitsmarktpolitik weiter verbessert wird und die frauendiskriminierenden Festlegungen der letzten Arbeitsförderungsrechtsreform unter der alten Bundesregierung korrigiert werden. Bereits mit dem Vorschaltgesetz zur Änderung des Arbeitsförderungsrechts, das am 01. August in Kraft tritt, werden deutliche Verbesserungen für Frauen, gerade in den neuen Bundesländern, vorgenommen. Der Zugang zu Arbeitsmarktmaßnahmen wird generell verbessert. So wird die Förderung von über 55-jährigen in Strukturanpassungsmaßnahmen auf fünf Jahre ausgeweitet. Damit erhalten ältere Beschäftigte eine dauerhafte Perspektive auf dem zweiten Arbeitsmarkt bis zum Übergang in die Rente.

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Zurückgenommen wird die verlängerte Pendelzeit, die insbesondere für Frauen mit Kindern, gerade wenn sie Teilzeitarbeit suchen, nicht zumutbar ist. Wir alle wissen, dass gerade hier in den neuen Bundesländern die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen nach wie vor unersetzlich sind. Nach wie vor ist die Arbeitslosigkeit der Frauen hier unannehmbar hoch. Aber die Frauen im Osten zeigen auch, dass sie sich nicht aus dem Arbeitsmarkt verdrängen lassen wollen. Dies wird in allen wissenschaftlichen Untersuchungen deutlich, sei es im „Arbeitsmarktmonitor Sachsen-Anhalt" oder in einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts Berlin-Brandenburg.

Den Frauen nahezulegen, sich vom Arbeitsmarkt zurückzuziehen, weil ihre Erwerbswünsche in keinem realistischen Verhältnis zur Zahl der Arbeitsplätze stünden, wie dies die sächsisch-bayerische Zukunftskommission tut, halte ich für zynisch. Solange auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht genügend wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, brauchen wir die Instrumente des zweiten Arbeitsmarktes.

„Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren" ist ein Prinzip, das nicht nur sozialpolitisch vernünftig, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist. Die Bundesregierung wird deshalb die Arbeitsmarktpolitik in den neuen Ländern auf einem hohen Niveau fortführen und die unsägliche „Stop-and-go"-Politik der vergangenen Jahre verstetigen.

Auf europäischer Ebene geben uns die beschäftigungspolitischen Leitlinien der Europäischen Union Rückenwind für eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Die Stärkung der Maßnahmen für Chancengleichheit auf den Arbeitsmärkten ist ein Grundpfeiler dieser beschäftigungspolitischen Leitlinien, die jedes Jahr fortgeschrieben werden. Basierend auf diesen Leitlinien haben wir im Bundeskabinett am 28. April den Nationalen Beschäftigungspolitischen Aktionsplan beschlossen, der bei allen beschäftigungspolitischen Maßnahmen die Berücksichtigung der Gleichstellungspolitik als Querschnittsaufgabe vorsieht.

Gleichstellung von Frauen und Männern - das bedeutet eine Umwandlung unserer Kultur, eine Umwandlung tief verankerter Einstellungsmuster und Verhaltensweisen. Die Überwindung der tradierten geschlechts-

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spezifischen Arbeitsteilung ist noch nicht weit fortgeschritten, hat in den neuen Bundesländern Rückschritte erlitten. Wir haben noch einen längeren Weg und viele Widerstände vor uns. Aber das Ziel lohnt die Mühen:

Wir werden nicht nur Wettbewerbsfähigkeit sichern, sondern auch Lebensqualität dazugewinnen, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt ihre persönlichen Begabungen voll in Wirtschaft und Gesellschaft einbringen können.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

[Seite der Druckausg.: 28 = Leerseite]


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Oktober 1999

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