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Ausblick

Reichwein wußte offenbar genau hinzuschauen, und er wußte sein Gegenüber zu erkennen und zu respektieren, auch wo er dessen Positionen nicht teilte. Dies machte ihn in der Auseinandersetzung mit den Kommunisten ebenso stark wie im Konflikt mit den „Honoratioren" des bürgerlichen und militärischen Widerstands. Er hat die Auseinandersetzung in der Sache ebensowenig gescheut wie die vertrauensvolle Nähe. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Denn die Nationalsozialisten hatten mit Rambow (alias Herrmann) einen Spitzel, den die Kommunisten für einen der Ihren hielten, in die Beratungen geschickt, welche dem Widerstand eine bessere Grundlegung in der Bevölkerung sichern sollten. Reichwein scheiterte nicht im Widerstand, er scheiterte auch nicht an den Kommunisten. Sondern er starb, weil die Nationalsozialisten durch Spitzelei die Grundlagen des politischen Zusammenlebens zerstört hatten, an denen Reichwein gerade lag.

Die Irritationen, die manche seiner Äußerungen aus den Jahren 1933 - 1938 hervorzurufen vermögen, spiegeln die Herausforderungen einer bewußten politischen Existenz in der Diktatur. Sie müssen aus Zeitbezügen und Argumentationskontexten interpretiert werden. Nur der Regimegegner, der sich aus den Beeinflussungen durch Zeitströmungen befreite, konnte eine eigenständige Position entwickeln. Dies war ein Prozeß, der auf die Verarbeitung der Wirklichkeit des NS-Staates und seine Zumutungen verweist.

Im Widerstand ging es ab einem bestimmten Zeitpunkt um die Bereitschaft, das Risiko der aktiven Konspiration zu tragen. Vorher ging es vor allem um die Wahrnehmung des Schlechten, um die Bewertung von Abweichungen von Normen des Anstands, um die Möglichkeit einer Behauptung der eigenen Integrität gerade in der Bewältigung jener Zumutungen, die das System nicht nur auferlegte, sondern verkörperte - und dies angesichts der Erfahrung davonlaufender Zeit auf dem Weg in das Verhängnis.

Persönlich sei er „wochenlang nicht aus dem Gefühl heraus[gekommen], daß wir in Berlin ein Wettrennen mit dem Verhängnis liefen", schrieb Reichwein der Frau seines Freundes Paul Hensel Weihnachten 1943, wenige Tage vor der Verhaftung seines Freundes Moltke. [ Adolf Reichwein an Brigitte Hensel, 27.12.1943.] Dies war die Grundstimmung, aus der heraus er handelte.

Wie dieses Leben in extrem unterschiedlichen Funktionen möglich war, hatte er bereits im Sommer 1933 seinen Gegnern und späteren Peinigern ins Stammbuch geschrieben, als sie ihm einen Lebenslauf abverlangten. „Das, was unser Wesen eigentlich will, was - uns selbst nur halb bewußt - hinter unserm Handeln steht, soll nicht ausgesprochen werden. Es gehört zu dem Geheimnis, dessen wirkende Kraft gerade aus der Verschlossenheit kommt. Es wird überhaupt nicht leicht, etwas über uns selbst auszusagen, weil wir heute befürchten müssen, es könnte uns als eine Art Rechtfertigung vor der weltlichen Macht ausgelegt werden, wo wir doch nur unserem Gewissen verpflichtet sind. Wir wissen zwar auch, wem unser Gewissen gehorsam ist, aber wir sprechen nicht davon in einem Schreiben, von dem wir nicht wissen, wer es lesen wird." [ Adolf Reichwein, „Bemerkungen zu meiner Selbstdarstellung", S. 253.]

Deutlicher ist selten ausgedrückt worden, was Existenz in einer jener Diktaturen bedeutet, die unserem Jahrhundert die Gestalt geben. Dieser Satz relativiert jede situative und taktische Annäherung an den Gegner, der mit seinem weltanschaulichen Führungsanspruch auch über die Leichen jener geht, die sich ihm entziehen und ihn ihrer inneren Freiheit wegen bekämpfen. Reichweins Leben macht deutlich, welche Brüche dabei zu bewältigen, welche Verantwortlichkeiten zu klären waren. Denn er stand ja niemals allein für sich, sondern hatte eine junge Frau und vier Kinder, die seiner bedurften. Vorwürfe machte ihm keiner seiner Angehörigen wegen seiner Entscheidungen.

Was ihn antrieb, hatte Reichwein in einer Frühlingsbetrachtung niedergeschrieben. Dabei wurde deutlich, daß es nicht allein um das eigene Gewissen, sondern auch um die Menschen ging: „Sehr zaghaft meldet sich der Frühling. Als ob er scheu hätte, auf diese Erde zurückzukehren. Unter eine Menschheit, die scheinbar so geringe Anstalten zur Selbsterneuerung macht. Wie selten begegnen wir Menschen, die aus dieser schweren Prüfungszeit, die doch auch eine Gelegenheit zur Um- und Einkehr ist, die persönlichen Folgerungen ziehen. Die Masse bleibt bequem bei ihren billigen Egoismen. Eine schaurige Erfahrung [...] wo leuchten die Osterkerzen wirklich in die Herzen, daß den Menschen selbst vor dem, was da drinnen ist an Dumm- und Dumpfheit, Engigkeit, Kleinmut und hartem Egoismus, anfängt ein wenig bange zu werden?" [ Adolf Reichwein an Irmgard Bernt, 9.4.1944.]

Er hatte sich zu dieser Zeit entschieden und rang im Widerstand um die Zustimmung zu dem Versuch, eine breitere Basis für einen Umsturzversuch zu finden, den er wollte. Er scheiterte an seinen Gegnern, aber nur äußerlich. Denn selbst im Volksgerichtsverfahren, das wenige Stunden vor seiner Ermordung stattfand, teilte er sich in dieser prinzipiellen Weise mit. Er fühlte sich nicht unterlegen und auch nicht schwach, sondern er empfand Dankbarkeit. „Diese drei Monate", schrieb er fast in seiner Todesstunde, „sind für mich trotz aller Qual auch von großer innerer Bedeutung gewesen; sie haben vieles klären und hoffentlich auch läutern helfen, was man gern in seiner letzten Stunde geklärt und geläutert hat." [ Adolf Reichwein an Rosemarie Reichwein, Plötzensee, 20.10.1944.]

Zugleich wirft sein Wollen in der Weimarer Republik, in den ersten Jahren einer sich konsolidierenden totalen Diktatur und schließlich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Frage auf, welchen Verlauf die Entwicklung des deutschen Bildungs- und Schulwesens genommen hätte, wenn Reichwein überlebt und auch im Bereich der Grundlegung einer Bildung „gemeinschaftsfähiger Menschen" (von der Gablentz) die umfassende Neuordnung „der deutschen Dinge" hätte aktiv beeinflussen können.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Januar 1999

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