FES HOME MAIL SEARCH HELP NEW
[DIGITALE BIBLIOTHEK DER FES]
TITELINFO / UEBERSICHT



TEILDOKUMENT:




[Seite der Druckausgabe: 1]

Vorwort

Im Verlauf ihrer 40jährigen Geschichte sind in der ehemaligen DDR etwa 2,35 Millionen Wohnungen in industrieller Bauweise errichtet worden. Diese Wohnungen befinden sich überwiegend an der Peripherie von industriellen und administrativen Zentren. Insgesamt gibt es etwa 125 Großsiedlungen mit jeweils über 2.500 Wohneinheiten, im allgemeinen Sprachgebrauch "Plattenbausiedlungen" genannt. Diese Neubaugebiete mit ihren "Gleichheits"-Wohnungen sind die markanteste Erscheinung der staatlichen Baupolitik in der DDR-Gesellschaft.

Während in den alten Bundesländern etwa 3 % der Gesamtbevölkerung in Großsiedlungen (wie z.B. München Neuperlach, Berlin Märkisches Viertel, Köln Chorweiler) leben, so sind es in den neuen Ländern im Durchschnitt 20 %. Im Land Brandenburg bietet der Bestand von 340.000 in industrieller Bauweise errichteten Wohneinheiten für fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung Wohnraum. In einzelnen ostdeutschen Städten ist dieser Anteil jedoch noch wesentlich höher. So leben beispielsweise in Ost-Berlin, das mit Marzahn (ca. 59.000 WE), Hellersdorf (ca. 42.400 WE) und Hohenschönhausen (ca. 37.100 WE) die drei größten Neubaugebiete aufweist, über die Hälfte - das sind mehr als 700.000 Einwohner - und in Rostock etwa 60 % der Einwohner in Großsiedlungen. Noch höhere Quoten werden in einigen kleineren Städte erreicht; so beträgt der Anteil des Montagewohnungsbestandes in Frankfurt/Oder 72 % und in Lübbenau sogar 87 %. Nicht viel anders ist die Situation in Sachsen-Anhalt. Hier leben 15% bis 20% der Bevölkerung in den 150.000 bis 200.000 Wohnungen der Großsiedlungen. Auch hier ist der entsprechende Anteil in Großstädten mit 50 % und mehr noch wesentlich höher.

Bekanntermaßen hat die ehemalige DDR die Instandhaltung und Modernisierung - sowohl der Wohnungsbestände aus der Vorkriegszeit als auch der industriell gefertigten Neubaubestände - extrem vernachlässigt. Es bestehen sowohl Schäden an der Bausubstanz als auch bauphysikalische und bautechnische Defizite. Hinzu kommen städtebauliche Mängel innerhalb der Siedlungen insgesamt, ihr monotones Erscheinungsbild, Defizite in der Infrastruktur und geringe Qualitäten des Wohnumfeldes.

Diese Mängel gaben nach der Wende häufig Anlaß für düstere Prognosen über die Zukunft der Plattenbausiedlungen. Oft wurde sogar die Forderung nach großflächigem Abriß erhoben. Derartige Forderungen beruhen aber auf krassen

[Seite der Druckausgabe: 2]

Fehleinschätzungen. Sie berücksichtigen nicht, daß es auch mittelfristig unmöglich ist, den Bestand an Plattenwohnungen durch Neubau zu ersetzen. Außerdem unterstellen solche Vorschläge, daß die Wohnzufriedenheit in der Platte nur gering ist. Verschiedene Untersuchungen belegen aber das Gegenteil.

Angesichts der großen Bevölkerungsgruppen, die in Plattenbauten leben, und vor dem Hintergrund allgemeiner Wohnungsnot - besonders im Bereich von Sozialwohnungen - stehen der Erhalt, die Erneuerung und Aufwertung dieser Großsiedlungen außer Frage. Bestandserhaltung und Modernisierung der großen "Plattenbausiedlungen" ist um so mehr eine dringliche sozialpolitische Aufgabe, als durch eine veränderte Arbeitsmarktlage und veränderte Wirtschaftsstrukturen soziale Segregationsprozesse zu erwarten sind, die zu einer Destabilisierung und weiteren Entwertung der Siedlungen führen könnten. So eindeutig man sich für Erhaltung und Modernisierung dieser Großsiedlungen ausspricht, so schwierig gestaltet sich die Finanzierung dieser gewaltigen Aufgabe, bei der Bund, Länder, Kommunen und die private Wirtschaft gefordert sind.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung führte am 16. Juni 1993 im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe "Wirtschaftspolitische Diskurse" in Potsdam eine Fachtagung durch, auf der unter der Fragestellung "Was wird aus den Plattenbausiedlungen" diese Problematik ausführlich diskutiert wurde. Vertreter von Landesregierungen, von kommunalen Verwaltungsbehörden, der Wohnungswirtschaft und des Deutschen Mieterbundes sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Stadtplaner, Architekten und Fachgutachter lieferten Beiträge zu Problemen, Perspektiven und Strategien der weiteren Entwicklung der ostdeutschen Großsiedlungen.

Die vorliegende Broschüre, die von Dipl.-Ing. Sonja Nebel/Aachen erstellt wurde, faßt die Referate und Diskussionsbeiträge der Fachtagung thematisch gegliedert zusammen. Für die Konzeption und Durchführung der Veranstaltung war Karl-Hans Weimer vom Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung verantwortlich, der auch den Tagungsbericht redaktionell überarbeitete. Das Tagungssekretariat führte Ilona Reuter.

Bonn, im Oktober 1993Dr. Jochem Langkau


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Oktober 2000

Previous Page TOC Next Page