Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den
Anfängen bis 1918 / Von Dieter Schuster. Mit einem Vorw. von Rüdiger
Zimmermann und Registern von Hubert Woltering. - Bonn : Bibliothek der
Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999
Die Roheisenerzeugung Deutschlands (einschließlich Luxemburgs) beträgt 14,8 Mill. Tonnen. Mit dieser Produktion überflügelt Deutschland alle anderen europäischen Länder. 1907 waren von den über zwei Millionen Einwohnern der Reichshauptstadt Berlin drei Fünftel in einem anderen Ort geboren. Die Beschaffung von Wohnraum für die Neuankömmlinge, ihre Versorgung mit Schulen, Nahverkehrsmitteln und allen anderen kommunalen Einrichtungen, ihre administrative und soziale Betreuung stellen die städtischen Verwaltungen vor kaum lösbare Probleme. In einer Untersuchung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes über "Die Schwereisenindustrie im deutschen Zollgebiet, ihre Entwicklung und ihre Arbeiter" wird auch der innerbetriebliche Führungsstil und der Umfang der betriebsinternen Strafsysteme dargestellt. Der Holzarbeiterverband veröffentlicht eine Broschüre "Der Vertrauensmann. Die Tätigkeit der Werkstatt-Vertrauensmänner im Deutschen Holzarbeiterverband. Eine Anleitung." Danach sollen Werkstattvertrauensleute nur die "erfahrensten und tüchtigsten Kollegen" werden, weil die Funktion als Mittler zwischen Gewerkschaftsverband und Arbeiterschaft nicht "im Handumdrehen" zu erlernen sei. Mit "Geduld und Nachsicht", durch "Entgegenkommen bei der Arbeit", durch "Pflichteifer, Beständigkeit und Pünktlichkeit", durch "seine Taten und sein leuchtendes Beispiel" soll der Vertrauensmann unorganisierte Kollegen für den Verband werben und betreuen. Der Christliche Metallarbeiterverband klagt in seinem Jahresbericht, selbst im rheinisch-westfälischen Industriebezirk sei "die Furcht vor Maßregelungen bei sehr vielen Arbeitern der bestimmende Faktor gewesen, der Organisation in den Krisenjahren den Rücken zu kehren". Die Aufgaben des Bauarbeiterschutzes und des Sekretariats werden von der sozialpolitischen Abteilung der Generalkommission übernommen. A. Erkelenz kennzeichnet die politische Haltung der Gewerkvereine als "freiheitlich-national". Über 50% der Brauerei- und Mühlenarbeiter und fast 35% der Arbeiter im polygraphischen Gewerbe sowie in den Gemeinde- und Staatsbetrieben können unter bestimmten Voraussetzungen Urlaub erhalten. Auch in den "jungen" Industriezweigen, d.h. in der chemischen, elektrotechnischen, feinmechanischen und optischen Industrie ist Urlaub durchaus schon eingeführt, in einigen Fällen unter vergleichsweise recht guten Bedingungen für die Arbeiter, wenn auch überall als Wohlfahrtseinrichtung ohne Gewährung eines Rechtsanspruchs. Der "Verein für Sozialpolitik" veröffentlicht umfangreiche "Untersuchungen über Auslese und Anpassung (Berufswahl und Berufsschicksal) der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie". Danach bewegen sich Leistungsfähigkeit und die Lohnhöhe des Arbeiters nach dem Überschreiten des 40. Lebensjahres auf einer absteigenden Linie. Die "anstrengende und aufreibende Tätigkeit" in der Großindustrie führe zu einem raschen Verschleiß der Arbeitskraft, die in einem Alter bereits aufgebraucht ist, "in dem der Mann der bürgerlichen Berufe sich meist noch in der Fülle der Kraft" befand.
Stichtag:
1910
Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat kontrolliert fast 100% der Steinkohlenproduktion seines Gebietes. Die Elektroindustrie ist im wesentlichen auf die beiden Konzerne AEG und Siemens konzentriert. Auf die fünf größten deutschen Banken entfallen fast 50% aller Bankeinlagen.
Die Reallöhne sind seit 1885 um 100% gestiegen, der Durchschnittslohn wächst zwischen 1895 und 1907 um 37,5% die Lebenshaltungskosten erhöhen sich nur um 22,5%. Doch das Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters im Jahr gestattet, gerade bei den Wohnungs- und Lebensmittelpreisen mit einer nicht allzu großen Familie ohne schwere Nahrungssorgen zu leben. Eine Industriearbeiterfamilie ist vor 1914 meist nicht in der Lage, gleichzeitig sich satt zu essen, gesund zu wohnen und ausreichende Kleidung zu haben. Die Mitarbeit der Frauen - in der Fabrik oder in Heimarbeit - ist daher - gerade in kinderreichen Familien - eine harte Notwendigkeit. Ein besonders düsteres Kapitel bilden die Wohnungsverhältnisse: noch 1895 zählte man in Berlin annähernd 25.000 Wohnungen, die aus einem Zimmer bestanden, das von sechs und mehr Personen bewohnt wurde.
Über ein Drittel der Bevölkerung lebt in Städten mit über 20.000 Einwohnern - 1890 waren es ein Fünftel. In Kleingemeinden bis 2.000 Einwohnern verringerte sich der Bevölkerungsanteil von 53% auf 40%.
"Wie früher Fürsten und Grafen ihre Bauern behandelten, so springen in den modernen Zwingburgen der Hüttengewaltigen Aufseher, Vorarbeiter, Meister, Ingenieure und Direktoren mit den Industriearbeitern um. In einem Teil der Werke glaubt jeder, der eine sozial höhere Stellung einnimmt, infolge dieser Stellung auch berechtigt zu sein, die Arbeiter als Leibeigene betrachten zu dürfen, sie nach Belieben und Gutdünken zu beschimpfen und verächtlich zu behandeln".
In 43% der befragten Abteilungen klagen Arbeiter über eine ungenügende oder schlechte Behandlung durch Vorgesetzte und in 15% der Abteilungen ist es sogar zu Tätlichkeiten von Vorgesetzten gekommen.
In 60% der untersuchten Betriebe werden betriebsinterne Bestrafungen ausgesprochen, die vom Lohnabzug bis zur fristlosen Entlassung reichen. Strafen gibt es bei Verspätungen, bei unentschuldigtem Fernbleiben und bei der Verweigerung von Überstunden.
Aber schon 1904 hatte A. Brey, der Vorsitzende des Fabrikarbeiterverbandes, um Maßregelung der Vertrauensleute seitens der Unternehmer zu verhindern, zu "äußerster Vorsicht" gemahnt: "Die Kollegen sollen so vorsichtig zu Werke gehen, daß sie möglichst lange an dem Arbeitsplatz, für den sie ernannt sind, bleiben können, damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden. Je länger sie da wirken können, um so fruchtbarer wird ihre Tätigkeit sein. Dazu kommt, daß eine Entlassung abschreckend auf die noch zu gewinnenden Kollegen wirken kann; zu diesem Zweck wird ja die Maßregelung vorgenommen".
Im Privatbergbau, in der Industrie der Steine und Erden, im Hüttenwesen, in der Maschinen-, Metall-, Holz- und Lederindustrie, in der Textil- und Bekleidungsbranche, im Baugewerbe und in den künstlerischen Gewerben ist Urlaub dagegen kaum bekannt und in den wenigen dennoch nachweisbaren Fällen fast überall eine Wohlfahrtseinrichtung von seiten der Unternehmer. Urlaub in einer Arbeitsordnung oder gar in einem Tarifvertrag ist kaum vereinbart.
Nur wenigen der gelernten Arbeiter gelingt es, nach dem 40. Lebensjahr in Werkführer- und Vorarbeiterstellen aufzusteigen.
Für die meisten Arbeiter setzt mit dem 40. Lebensjahr der berufliche und soziale Abstieg ein.