Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den
Anfängen bis 1918 / Von Dieter Schuster. Mit einem Vorw. von Rüdiger
Zimmermann und Registern von Hubert Woltering. - Bonn : Bibliothek der
Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999
In einer öffentlichen Versammlung zur Eröffnung des Kongresses der christlichen Gewerkschaften in Köln bedauert A. Stegerwald die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung infolge der einseitigen Prinzipiensucht der freien Gewerkschaften und des engherzigen Konfessionalismus der katholischen Facharbeiter. Den Unternehmern hält er vor, daß sie die aufstrebenden Arbeiter nicht genug als Menschen und Persönlichkeiten zu achten wüßten. Gegenseitige bessere Würdigung tue namentlich in der Großindustrie not.
Stichtag:
18. Juli 1909
Freiherr v. Berlepsch formuliert die soziale Hauptfrage der Zeit: "Wie ist die materielle und ideelle Lage der Lohnarbeiter, ihre Stellung in der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung den Ansprüchen entsprechend zu gestalten, welche Gerechtigkeit, Billigkeit und eine voraussehende Politik in der Gegenwart und in einem Volks- und Staatswesen hoher Kultur, wie das deutsche es ist, an die Lage einer an Zahl und Kraft so bedeutenden Schicht der Bevölkerung stellen?" Selbsthilfe und Staatshilfe müssen zusammenwirken zur Erreichung dieser Zwecke.
Die Ordnung der Arbeitszeit für die erwachsenen Arbeiter und vor allem die von der Gesetzgebung gescheute Regelung der Löhne ist der Selbsthilfe der Arbeiterorganisationen überlassen. Nun tadelt man letztere, daß sie Kampforganisationen seien. Gewiß müssen sie auch im äußersten Falle zum Kampf, zum Streik schreiten, aber sie tun es doch immer mehr erst dann, wenn die Forderungen nicht auf dem Wege friedlicher Verhandlungen sich durchsetzen lassen, und sie suchen durch Tarifverträge und gleichbesetzte Einigungsstellen der Entstehung neuer Kämpfe vorzubeugen. Bei solchen Verhandlungen stellt sich allerdings als beklagenswerter Mangel die Zersplitterung der deutschen Gewerkschaften heraus. Sie scheint aber leider unabänderlich. Immerhin sollten die Organisationen, zumal die christlichen und die Hirsch-Dunckerschen, die in ihren wesentlichen Grundsätzen übereinstimmen, doch wenigstens eine Verständigung treffen, die trotz getrennten Marschierens ein vereintes Schlagen ermöglicht. Die Gelben Gewerkschaften kommen hierfür nicht in Betracht.
"Ich hege die Hoffnung, daß im Laufe des 20. Jahrhunderts, vielleicht schon in der ersten Hälfte desselben, die Eingliederung des Arbeiterstandes in den staatlichen und sozialen Organismus gelingen wird, ohne daß die Gewalt in Angriff und Abwehr die Entscheidung fällt, im Wege der Reform, nicht im Wege der Revolution, und das wird nicht zum wenigsten der entschlossenen, verständigen, unabhängigen Einwirkung der christlichen Gewerkschaften zu danken sein."