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[Seite der Druckausg.: 107]



Sabine Gugutschkow
Das Bild des "Ausländers" in den Printmedien des Leipziger Raumes


Im Zeitraum Mai-Juli 1992 analysierte unsere Forschungsgruppe die Leipziger Volkszeitung (LVZ) und die Ausgabe von BILD-Leipzig unter dem Gesichtspunkt der Darstellung von Ausländern sowohl quantitativ als auch qualitativ. (Ich beziehe mich in meinen Ausführungen nur auf die LVZ.)

Uns ging es um die Frage, ob und wie eine große Tageszeitung etwas zur Information, Aufklärung, vielleicht gar zum Verständnis und zur Integration dieser Minderheit in unserer Gesellschaft leisten kann. Dabei versuchten wir, das Thema sehr komplex zu fassen, indem wir alle Beiträge auswerteten, in denen Ausländer vorkamen, auch solche Ausländer, die nur als Gäste in Deutschland bzw. in Leipzig waren, wie beispielsweise Künstler aller Sparten (Gastsänger, -dirigenten, -Orchester, Rock- und Popstars, bildende Künstler, Schriftsteller), Intellektuelle, Sportler und Ausländer in Gestalt von Geschäftsleuten, Managern, Investoren, Firmenvertretern, Konsulen, Botschaftern usw. Uns war klar, daß diese Ausländer vom Rezipienten wahrscheinlich gar nicht als solche verinnerlicht werden, daß sie auch nicht das "Problem" sind, aber der Vollständigkeit halber haben wir auch diese Gruppe mit erfaßt.

Nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Monate mit der eskalierenden Gewalt gegen Fremde und der stärker werdenden Fremdenfeindlichkeit kann die Analyse jener drei Monate wenig zur Erhellung der Situation in Deutschland sagen. Sie hat aber u.E. den Vorteil, daß von dieser Grundlage aus weitergehende, aussagefähige Vergleiche angestellt werden könnten, war es doch von Mai-Juli 1992 recht "ruhig" in dieser Frage. Es werden z.B. bestimmte Tendenzen in der Berichterstattung sichtbar, verschenkte Möglichkeiten, ausgesparte Themen, auch Beiträge, die keineswegs etwas zum Verständnis, Spannungsabbau, zur Versachlichung des Problems geleistet haben. Und außerdem zeigt sich, daß das Thema immer "am Kochen" gehalten wurde.

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Zunächst einige Zahlenangaben. Im Untersuchungszeitraum erschienen 149 themenrelevante Beiträge in der LVZ, davon 200 Nachrichten, 135 Berichte, 33 Fotos mit Bildunterschrift (Fotos zu anderen Genres wurden nicht mitgezählt, 10 Porträts, 4 Interviews, 19 Rezensionen (meist zu kulturellen Veranstaltungen), 8 Leserbriefe, 6 Kommentare, 2 Grafiken.

Dabei wird sofort eins deutlich: Es überwiegen eindeutig informierende Beiträge. Genres, mit deren Hilfe Zusammenhänge dargestellt, Hintergründe beleuchtet, Meinungen ausgetauscht werden können, kommen sehr selten vor. Dem Rezipienten ist es somit weitgehend selbst überlassen, sich in der Vielfalt von Feststellungen, nebeneinanderstehenden Meinungen, z.T. unkommentierten Zahlen usw. zurechtzufinden. Da das reale Ausmaß des "Problems" selbst in einer großen Stadt wie Leipzig (Ausländeranteil z.Z. 3%) nicht eine solche Dimension hat, daß jeder Bürger persönlich, egal in welcher Weise, Erfahrungen mit Ausländern hat, es andererseits aber eines der ersten Themen ist, ist der zeitungs-lesende Bürger also auf diese Informationen angewiesen, um sich eine Meinung zu bilden. Auf wirklich aufklärende Hilfe durch die Medien kann er dabei allerdings wenig hoffen.

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1. Zur Inhaltsanalyse

Im folgenden gebe ich nicht das gesamte Analyseschema wider, sondern konzentriere mich auf ausgewählte Punkte.

1.1 Anlaß der Berichterstattung

Fragen der Ausländerpolitik spielten in den Monaten Mai-Juli 1992 nicht die Rolle. So fanden sich zu dem Punkt "Politische Diskussion" nur 22 Artikel (vorwiegend auf Bundesebene; Asyldiskussion, Asylbeschleunigungsgesetz, Aussiedler- und Asylbewerberzahlen, Anschauungen von Parteien, einzelnen Politikern usw.). Auf Landes- bzw. lokaler Ebene sind diese Diskussionen, wenn sie überhaupt stattfinden, meist in aktuelle Ereignisse eingebettet. Es ist eine absolute Priorität der Ereignisberichterstattung festzustellen (Bund – 90 Beiträge, Land Sachsen – 60 Beiträge, Stadt Leipzig – 207 Beiträge).

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1.2 Themenverteilung

  • Wirtschaftliche Tätigkeit, Leistung von Ausländern (32 Beiträge): Hier geht es z.B. um Investoren, Austausch auf wirtschaftlicher Ebene, Kaufinteresse, Betriebsverkäufe, auch Restauranteröffnungen.

  • Kulturelle Aktivitäten: 121 Beiträge. Diese hohe Zahl ist bedingt durch ein reges kulturelles Leben in Leipzig. Erfaßt sind Konzerte, Gastspiele, Ausstellungen, Lesungen. Auch fanden in der Zeit so herausragende Ereignisse wie die Buchmesse und der Internationale Buchwettbewerb statt.

  • Begegnung, Gespräch mit deutschen Kollegen, Nachbarn, Bürger: 76 Beiträge. Auch hier resultiert die relativ hohe Zahl der Artikel aus kulturellen Veranstaltungen (Lesungen, Gespräche, Vorträge – vorwiegend zur Buchmesse). Ansonsten wurde Begegnung bei Städtepartnerschaften (Austausch), Eröffnung des amerikanischen und des türkischen Konsulats, Hollandwoche, französische Woche in einem Hotel usw. erlebbar. Das, was unserer Intention bei diesem Punkt am ehesten vorschwebte, nämlich Beispiele des unmittelbaren, konfliktarmen bis -freien Zusammenlebens von Ausländern und Deutschen im Wohngebiet, am Arbeitsplatz usw. fehlt aber völlig.

Die für ein besseres Kennenlernen, Verstehen, Tolerieren wichtigen, weil individualisierenden, Themen wie Darstellung des hier lebenden Ausländers und seines kulturellen Hintergrunds, Gründe und Ziele des Aufenthalts in Deutschland, Ansichten zu Deutschland, soziale Situation von Ausländern, geschichtliche Aspekte des Problemkreises Ausländerpolitik, Fremdenfeindlichkeit spielen in der Berichterstattung eine völlig untergeordnete Rolle (15 Beiträge). Statt dessen wird großer Wert gelegt auf die Veröffentlichungen der negativen Aspekte der Anwesenheit von Ausländern: 57 Beiträge zum Thema "Ausländerkriminalität". Dabei fiel im analysierten Zeitraum besonders der Juni auf, wo die durch rumänische Roma verursachten Delikte aus dem Bereich der Kleinkriminalität ständig in den Schlagzeilen waren.

Durch die Vielzahl der Beiträge zu diesem Thema werden alte Vorurteile wieder zusätzlich bestärkt, obwohl in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen wurde, daß Ausländer nicht krimineller sind als

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Deutsche. Ebenso wird seit vielen Jahren empfohlen, auf Nationalitätenhinweise zu verzichten, es sei denn, es ist für Fahndung o.ä. unerläßlich. Normalerweise wird bei Verbrechen zuerst das Geschehen gemeldet, der Täter bleibt meist im dunkeln. Für (deutsche) Täter benutzt man also Worte wie Unbekannte(r), Person (männl./ weibl). Mann/Frau oder das Passiv, handelt es sich um Fremde, dann war es ein Russe, Tadschike oder eben einfach ein Ausländer, vielleicht noch mit osteuropäischem Akzent, manchmal sogar nur vermutlich. (Beispiele dieser Art finden sich leider sehr oft.)

Ganz krass wird es bei Delikten, die in einer beängstigenden Häufigkeit vorkommen, wie z.B. Autodiebstahl. Hier läßt die Nennung eines tatsächlichen oder vermuteten ausländischen Täters schnell die entsprechenden Verallgemeinerungen zu. Dazu ein Beispiel: Ein Beitrag vom 16.7.1992 hat die Überschrift: "Jeden Tag werden mehr als 40 Autos aufgebrochen" ... "In den vergangenen acht Tagen stellten Anwohner und Polizei drei Täter, die in Fahrzeuge gegriffen haben sollen. Es waren Ausländer. Bis auf eine größere Gruppe Leipziger Jugendliche..., hat die Polizei derzeit aber wenig Anhaltspunkte auf mögliche Autoknacker." In dem angegebenen Zeitraum müßten also 320 Autos geknackt worden sein, und vermutlich waren dreimal Ausländer beteiligt, sonstige Ermittlungserfolge gibt es nicht. Durch diese Nennung ist der Weg frei für die Schlußfolgerung, daß Autoeinbrüche von Ausländern verübt werden.

Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang noch ein Beitrag, der sicher unfreiwillig ins Komische geht: LVZ vom 30.7.1992: "Bei Gericht und Polizei. Dolmetscher haben Konjunktur". Sie sind also bei Verhandlungen u.ä. ständig gefragt, auch für ausgefallene Sprachen. "... einige Sprachkundler von der Universität, für die Ausländerkriminalität ein kleines Zubrot bedeutet." Einmal fand man bei einem seltenen ghanaischen Dialekt erst nach langem Suchen einen Dolmetscher. "Es war ein Ghanese, der schon länger in Leipzig lebt. Und nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war."

Über den kleinen Nebenverdienst der Universitätsdozenten könnte man ja noch lachen, aber der letzte Satz, in dem betont wird, daß es sogar Ausländer gibt, die nicht straffällig geworden sind, ist schon ein Beispiel extremen Nicht-Mitdenkens.

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Mit den Beispielen soll keineswegs gesagt werden, daß durch Ausländer begangene Straftaten in der Berichterstattung keine Rolle zu spielen haben. Bei der Hütchenspielerkriminalität z.B. war es sogar sehr notwendig, vor allem mit der leider recht spät erfolgten Aufklärung darüber, daß auch die Deutschen, die mitmachen, sich des Betrugs strafbar machen.

Presseschelte setzt auch dann ein, wenn wider den Augenschein bestimmte Handlungen nicht wiedergegeben werden. Es sollte jedoch auf die Relation ankommen, und in einer ohnehin angespannten Situation muß nicht noch durch Nationalitätennennung bei nichtausländer-typischen Vergehen Öl ins Feuer gegossen werden. Bestes Beispiel sind die oben erwähnten "Roma-Nachrichten". Auf diesem Gebiet hat sich in der Zwischenzeit nichts Wesentliches geändert, in der Zeitung spielt es aber in der Massivität keine Rolle mehr.

Das Thema "Gewalt gegen Fremde" hat in den drei analysierten Monaten (noch) nicht den Stellenwert – 26 Beiträge. Erfaßt sind hier auch die Fälle von Gewalt untereinander (5), ebenso Prozesse über ausländerfeindliche Straftaten (z.B. Hünxe).

Das Thema "Aussiedler" steht quantitativ ebenfalls sehr weit hinten (6 Beiträge). Es ist uns bewußt, daß Aussiedler keine Ausländer sind und somit eigentlich nichts in einer solchen Analyse zu suchen haben. Dennoch wurden sie aufgenommen, da es sich in jedem Fall auch um Fremde handelt.

1.3 Zum sozialen Status der handelnden oder betroffenen Ausländer

In fast einem Drittel aller untersuchten Beiträge treten Ausländer als Künstler, Wissenschaftler, Sportler, Intellektuelle auf (126mal), bedingt durch die große Zahl der Beiträge aus dem kulturellen Themenbereich. 53mal sind Ausländer Touristen, Gäste. Überdurchschnittlich hoch ist die Nennung von Asylbewerbern (72mal), meist korrespondierend mit Fällen von Ausländerkriminalität. Diese Zahl steht z.B. in keinem Verhältnis zu den "Studenten" (2mal), die zahlenmäßig in Leipzig wesentlich höher repräsentiert sind als Asylbewerber. Über diese Personen-

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gruppe ist so gut wie nichts zu lesen, einerseits gut, offensichtlich ist nichts passiert unter und mit ausländischen Studenten, andererseits ist gerade das eine Gruppe, die schon seit Jahren sichtbar zum Stadtbild gehört, und die auch einiges zur Integration bzw. zum Abbau von Spannungen leisten könnte.

Hinzuweisen ist auch auf die relativ häufige Nennung von Ausländern allgemein (41mal), die einfachste Form der Abgrenzung von den Deutschen und der Verallgemeinerung. Ausländische Kinder wurden extra aufgeführt (11mal). Es handelte sich meist um Tschernobyl-Kinder, die zur Erholung hier weilten bzw. um Aktionen mit Roma- oder Aussiedlerkindern (z.B. Kindertag).

1.4 Zum nationalen Status der handelnden oder betroffenen Ausländer

Westeuropäer und Bürger außereuropäischer Industriestaaten (hier meist Amerikaner) gehören meist den sozialen Gruppen Künstler, Touristen, Geschäftsleute an (79mal bzw. 86mal). Dem stehen die mehr Probleme machenden Ausländer aus Osteuropa gegenüber, insgesamt 88 Nennungen. Sie kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Polen, Ungarn und den GUS-Republiken. Überdurchschnittlich hoch sind wiederum Sinti und Roma vertreten (21mal), meist als kriminell gewordene Asylbewerber.

Unter diesem Punkt haben wir auch Juden mit aufgenommen, obwohl sie, wenn sie in Deutschland leben oder lebten, natürlich keine Ausländer sind. Dennoch halten wir die Entscheidung für wichtig, da sich ja besonders in letzter Zeit der Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder deutlich gezeigt hat. In unserem Fall fanden wir 6 Beiträge, in denen es um ausgewanderte Juden ging, die ihre alte Heimatstadt noch einmal sehen wollten bzw. um Verlautbarungen des Zentralrates der Juden in Deutschland.

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1.5 Betroffene und handelnde Deutsche

Diese Rubrik ist oft nicht bestimmbar. Auffallend ist hier die hohe Zahl von 45 Beiträgen, in denen Polizei bzw. Justiz agieren, was wiederum mit der hohen Zahl von Beiträgen zur Ausländerkriminalität und Gewalt zusammenhängt. Demgegenüber nimmt sich die Zahl der Verantwortung tragenden Institutionen und Behörden des Bundes (19), des Landes Sachsen (14), der Stadt Leipzig (15) sowie der verschiedensten Parteien (14) eher bescheiden aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Punkt "Engagierte Bürger, Vereine, Organisationen, Kirchen", die recht häufig erwähnt werden (28mal). Dennoch muß gemessen am wirklichen Einsatz von Betreuern, Praktikant/innen, einzelnen Personen, Kirchengemeinden, Gruppen usw. ein großes Defizit dieser "positiven" Nachrichten konstatiert werden.

Deutsche Bürger allgemein kommen mit ihrer Meinung in Leserbriefen zu Wort bzw. in längeren, problematisierenden Beiträgen, bei Bürgerforen usw., meist, wenn es schon zu Spannungen gekommen ist.

Mehrere Seiten unseres Analysebogens hatten wir der Klassifizierung von auszutauschenden Argumenten gewidmet, wer argumentiert, wie wird argumentiert, werden die Argumente nur aneinandergesetzt oder wird, eventuell sogar vom Journalisten, erörternd eingegriffen. Da Beiträge dieser Art so gut wie nicht vorkommen, muß an dieser Stelle auf ein weiteres Eingehen auf diese Analysepunkte verzichtet werden.

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2. Zu ausgewählten Beiträgen des Analysezeitraums

Um die nüchternen Fakten und Zahlen des ersten Teils etwas zu beleben, scheint es mir notwendig, an dieser Stelle noch auf einige ausgewählte Beiträge einzugehen.

2.1 "Zu Gast in Leipzig" bzw. "Zu Hause in Leipzig"

Diese in unregelmäßigem Abstand erscheinende Rubrik (im Lokalteil) böte u.E. große Möglichkeiten, hier lebende ausländische Mitbürger vorzustellen, in ihrer Wohnumgebung, am Arbeitsplatz, bei ihren Frei-

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zeitaktivitäten usw. Leider findet man besonders unter "Zu Hause in Leipzig" sehr wenige solcher Beispiele; bei den Gästen geht es wiederum meist um Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Kultur, übrigens nicht nur Ausländer.

Von Mai-Juli 1992 gab es elf Beiträge:

  • drei ehem. jüdische Bürger Leipzigs, jetzt in Israel bzw. Südafrika wohnhaft, die ihre alte Heimatstadt besuchten;

  • vier Amerikaner, darunter ein Buchillustrator (anläßlich der Buchmesse), ein in Connewitz lebender Maler, eine amerikanische Studentin und der Botschafter der USA, der anläßlich der Eröffnung des Generalkonsulats und des Amerikahauses in Leipzig weilte;

  • eine italienische Sängerin (Gastspiel im Gewandhaus);

  • ein rumänischer Schnitzer (Ausstellung in der Peterskirche);

  • ein englischer Pensionär, der im Hotel "Astoria" gelernt hatte und

  • ein ständig in Leipzig lebender Ukrainer.

In letztgenanntem Beitrag wird über einen gelernten Physiker geschrieben, der sich aber auch journalistisch betätigt hat, der, seitdem er mit seiner Familie nach vielen Schwierigkeiten wieder in Deutschland lebt, seine Sprachkenntnisse und sein Wissen über die beiden Länder nutzt, um Kontakte zwischen Sachsen und der Ukraine zu knüpfen. Hier wird deutlich, wie ein einzelner unter Nutzung seines Wissens und mit sicher einfachen Mitteln versucht, einen echten Beitrag zur Verständigung und damit auch praktische Hilfe zu leisten.

Leider steht dieser Beitrag allein da, erst in den Monaten nach "Rostock" gibt es etwas mehr dieser positiven Beispiele.

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2.2 Längere argumentative Beiträge (auch Kommentare) zur Problematik "Asylbewerber" speziell "Sinti und Roma" in Leipzig

In Leipzig, einer Stadt mit etwa 500.000 Einwohnern, lebten im Sommer 1992 ca. 600 Asylbewerber. Diese an der Zahl der Gesamtbevölkerung gemessene geringe Zahl von Ausländern in Gestalt von Asylbewerbern ist aber in den Medien, und so auch in der LVZ, überdurchschnittlich hoch repräsentiert, wie im Hauptteil schon gezeigt wurde. Durch die im Juni 1992 fast tägliche Veröffentlichung von begangenen Delikten (Raub, Ladendiebstähle, -Überfälle usw.) waren die Leser der Tageszeitung "im Bilde", wozu diese meist in Gruppen auftretenden, buntgekleideten Frauen mit ihren bettelnden Kindern fähig sind. Real erlebt haben dürften es nur wenige Leipziger.

Wer sind diese Menschen, wo kommen sie her, warum gerade zu uns, ist Klauen und Betteln bei ihnen naturgegeben – auf all diese und weitere Fragen bekommt der Leser keine Antwort. Statt dessen werden bekannte Vorurteile und sogar Haß auf sie eben auch durch die Berichterstattung geschürt. (Daß es Probleme auch schwerwiegender Art besonders in der Umgebung der Unterkunft gibt, soll keineswegs bestritten oder heruntergespielt werden.)

Ein Beitrag vom 5.6.1992 bildet hier die Ausnahme, macht betroffen. Erstmalig wird über Roma als Individuen mit einem ganz eigenen Schicksal berichtet und gezeigt, wie sie auch von den örtlichen Behörden restriktiv behandelt werden, so daß ein menschenwürdiges Leben auch unter den mißlichen Bedingungen des Wohnlagers kaum möglich erscheint.

Kaum zwei Wochen später geht es jedoch weiter mit großen Berichten über die kriminellen Roma-Frauen, wo sogar den Leipzigern der Rat erteilt wird, sich künftig mit Reizgasspray zu bewaffnen. Außerdem versucht sich die Stadt, die sich von allen Seiten angegriffen fühlt, zu verteidigen, indem eine Diskussion über die Quotierung der Sinti und Roma im Freistaat begonnen wird. Danach hatte Leipzig die meisten Angehörigen dieser Volksgruppe zugewiesen bekommen, wohingegen die Landeshauptstadt nur mit einem Zehntel der Leipziger Zahlen "bedacht" worden war.

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Entsprechend sind auch die Lösungsvorschläge des Kommentators. Drastische Verkürzung der Asylverfahren, wie die große Politik sie fordert, Streit mit Dresden um eine gerechte Verteilung als Lösungsversuch auf kommunaler Ebene, wenn schon anderes nicht möglich ist.

Immerhin ist dieser Gedanke so wertvoll, daß er nur drei Wochen später erneut aufgegriffen wird nach dem Motto: Nicht alle Roma sind kriminell, wären sie gerechter verteilt, könnte man ihnen besser die Chance zur Eingliederung in den Rechtsstaat geben. Kommt es zu Problemen, hätten alle Städte den gleichen Preis zu zahlen.

Wie hilflos wirken doch diese vermeintlichen Lösungsversuche, die dem Leser den Eindruck vermitteln sollen, es gäbe einen schnellen und gangbaren Weg aus der neuen Situation. Sie machen das ganze Dilemma der unsäglichen Diskussionen um Art. 16, Asylrecht, Einwanderung usw. deutlich. Es wäre an der Zeit, daß auch die Massenmedien ihre Pflicht erfüllen und dem Bürger sagen, daß es in den komplizierten Fragen der Zuwanderung, der Flüchtlingsbewegungen weltweit, der Fremdenabwehr, ja bis hin zur Gewalt gegen Fremde eben keine einfachen, schnellen Lösungen gibt. Dazu ist dieses Problem viel zu kompliziert. Doch gravierende Versäumnisse der Politik sind auch durch die Medien nicht zu korrigieren.

2.3 Leserbriefe

Im genannten Zeitraum wurden acht Leserbriefe zum Thema veröffentlicht, drei im Mai und fünf im Juni, zwei davon von politisch Verantwortung Tragenden (Kreisvorstand Bündnis 90/Die Grünen, Ausländerbeauftragter der Stadt Leipzig).

Die Inhalte sind, wie zu erwarten ist, sehr konträr, von z.T. sehr emotional vorgebrachten Zahlenspielen (Milliardenunterstützung für "Asylanten", die man doch besser den Deutschen zukommen lassen sollte) bis zur Betroffenheit, bei Gewalt gegen Ausländer als Helfenwollender doch sehr allein dazustehen. Eine Leserin schreibt über ein internationales Schülertanzturnier, bei dem das Publikum vor Begeisterung tobte. Drei der Briefe vom Juni wurden aus aktuellem Anlaß veröffentlicht (bezogen auf die Beiträge, die sich mit der Romaproblematik befaßten).

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Sie gehen alle nach dem gleichen Muster vor: "... eigentlich bin ich nicht ausländerfeindlich, aber..." und es folgt ein persönliches Ereignis, was sofort verallgemeinert wird.

Es ist müßig, die Auswahl der Veröffentlichungen zu bewerten, zumal wir nicht wissen, wieviele Briefe die Redaktion erreichten. Sicher sind weit mehr eingegangen, vielleicht auch noch viel Extremeres. Auch hier wäre aber m.E. ein Ansatzpunkt für die Diskussion zu suchen, indem man sich auch mit den verschiedenen Meinungen der Schreiber auseinandersetzt und sie nicht nur unkommentiert abdruckt.

2.4 Verschiedenes

Hinzuweisen ist noch auf eine Reihe von ausführlicheren Beiträgen, alle aus dem lokalen Raum. Tiefgehende Artikel, die sich mit Fluchtursachen, Situation in den Herkunftsländern, Motive der Flucht, auch Einzelschicksale, Diskussionsbeiträge zu verschiedenen Ansätzen bei der Bewältigung der Probleme im Land usw. befassen, gibt es nicht.

  1. Ende Juli gibt es mehrere Beiträge zur Aufnahme bosnischer Flüchtlinge. Dabei kommt es besonders im Landkreis zu Schwierigkeiten, weil Verantwortliche der Kommunen befürchten, daß sie über die Bereitstellung für Quartiere für Flüchtlinge durch die Hintertür auch Asylbewerber bekommen (siehe LVZ 25./26.7. "Flüchtlingseklat in Lindenthal", 30.7. "Landkreis fordert Quotierungsrecht"). Auch wird im Zusammenhang mit dem immer grausamer werdenden Krieg in Bosnien eine Differenzierung unter den Ausländern südlicher Herkunft sichtbar, die wohl treffender kaum auszudrücken ist. Überschrift: '"Gute Bosnien-Flüchtlinge ja, aber keine bösen Asylbewerber' – Kommunen zur Unterbringung von jugoslawischen Kriegsopfern bereit" (24.7.). Es werden sächsische Kommunen zitiert, die sich hartnäckig weigerten, Platz für Asylbewerber bereitzustellen, die aber jetzt ohne Vorbehalte zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit seien, "die nehmen ja keine Arbeitsplätze und nischt weg", wird der Bürgermeister von Weißwasser zitiert.

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  2. Im Untersuchungszeitraum erschienen drei Beiträge zu Studien, die sich mit der Akzeptanz von Ausländern, Gewaltbereitschaft besonders unter Jugendlichen befaßten:
    10.6.1992: Jeder zweite will keine Ausländer. Studie zu Asylbewerbern im Landkreis, erstellt von der Projektgruppe "Ausländerintegration" im Auftrag des Landratsamtes Leipzig.
    23.6.1992: Jeder dritte würde zuschlagen. Studie zu Rechtsradikalität bei Jugendlichen in Sachsen (Studie der Forschungsstelle für Sozialanalysen Leipzig e.V. – "Friedrich-Studie").
    7.7.1992: Jeder dritte will "Gewalt von rechts". Soziologie-Studie beschreibt alarmierende Ansichten 14- bis 18jähriger Leipziger (Studie des Instituts für Soziologie i.G. der Universität Leipzig). Dazu wurde auf Seite eins ein Kommentar veröffentlicht: "Jugend driftet nach rechts". Aus den Überschriften werden die Untersuchungsergebnisse der verschiedenen Studien sichtbar, ohne daß ein Aufschrei des Entsetzens und ein Ruf nach evtl. Lösungen laut wurden. Es sollten noch sechs Wochen vergehen, bis sich alle von der Richtigkeit der Ergebnisse überzeugen konnten.

Es ist rein spekulativ, ob eine sofort eingeleitete breite öffentliche Diskussion zu diesen Fragen "Rostock" und das folgende hätte verhindern können. Auf alle Fälle waren die deutlichen Signale da, offensichtlich wurde ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt.

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Zusammenfassung

Uns ging es mit unserer Analyse nicht in erster Linie darum, Medienschelte zu betreiben. Wir wollten zunächst einmal feststellen, wie der Stand ist und wie auch die Spezifika der neuen Bundesländer widergespiegelt werden. Die für die alte Bundesrepublik reale Möglichkeit der Berichterstattung über die ausländische Wohnbevölkerung ist für die neuen ja gar nicht relevant. Auch daraus ist beispielsweise zu erklären, daß der Berichterstattung über Asylbewerber ein so großer Raum gegeben wird. Wichtig war für uns, das Gespräch zu suchen, sowohl mit den Journalisten als auch mit Vertretern von Gruppen und Initiativen, die sich mit Ausländerarbeit im weitesten Sinne befassen. Für diesen Personenkreis veranstalteten wir ein Seminar zur Öffentlichkeitsarbeit, da

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wir der Überzeugung sind, daß durch eine gute PR-Arbeit der einzelnen Gruppen eine wichtige Grundlage für eine "positivere" Berichterstattung zum Themenkomplex gelegt werden kann. Uns ist klar, daß dies nur ein winziger Bruchteil sein kann, daß vieles nicht gehen wird, aus welchen Gründen auch immer, aber auf lokaler Ebene ist eben doch etwas mehr möglich als in der großen Politik. Erste positive Erfahrungen sind auch schon zu verzeichnen.

Die Medien besitzen zwar Macht, so mächtig aber, daß sie in der Lage wären, die Versäumnisse und Fehler der großen Politik zu korrigieren, sind sie nicht. Man darf von ihnen also auch nicht zuviel erwarten. Mit dieser nüchternen Erkenntnis wird es möglicherweise leichter, wenigstens einen kleinen Beitrag zur Bewältigung der Probleme zu leisten, die uns sicher bis weit ins nächste Jahrtausend hinein in Atem halten werden.

[Seite der Druckausg.: 120= Leerseite]


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