FES HOME MAIL SEARCH HELP NEW
[DIGITALE BIBLIOTHEK DER FES]
TITELINFO / UEBERSICHT



TEILDOKUMENT:


[Seite der Druckausg.: 21]



Walter Friedrich
Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Orientierungen bei ostdeutschen Jugendlichen


Drei Jahre nach der Wende, zwei Jahre nach der Vereinigung ist die wirtschaftliche, soziale, politische und geistige Situation in Ostdeutschland bei weitem nicht so, wie sie von zahlreichen Politikern und anderen Vertretern des öffentlichen Lebens ausgemalt, prognostiziert und von einer großen Mehrheit der Bevölkerung erhofft und erwünscht worden ist. Ein massiver Stimmungswandel hat die Menschen erfaßt, der ihre großen Unsicherheiten, Zweifel, Unklarheiten in Bezug auf die privaten Lebensperspektiven ebenso wie auf künftige gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt reflektiert. Sie fragen immer skeptischer: Wohin treiben wir eigentlich bis zum Jahre 2000 und danach? Darauf gibt es heute kaum zufriedenstellende, überzeugende Antworten.

In diese sensibilisierte Stimmungslage platzen die schockierenden Exzesse von Hoyerswerda, von Rostock, der Brandanschlag in der Gedenkstätte Sachsenhausen, dazu über 1.000 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten geringeren Ausmaßes gegen Personen, meist gegen Ausländer, allein schon in diesem Jahr (bis September 1992). Zwei Drittel davon allerdings in den alten Bundesländern.

Wie konnte das geschehen? Was geht in den Köpfen der Menschen, besonders der jüngeren Altersgruppen, vor? Wie groß und bedrohlich sind hier im Osten die solchen Aktionen zugrundeliegenden Bewußtseinspotentiale, die entsprechenden Einstellungen, Motivationen, Handlungsbereitschaften? Auf welche Gegenkräfte kann man bauen? Wie sind sie zu aktivieren?

Die Zunahme von Rechtsextremismus, Gewalt, Kriminalität, von Parteien- und Staatsverdrossenheit, von Intoleranz, Haß, Aggressionen gegen Andersartige (Ausländer, Juden) und Andersdenkende, von Erfahrungen und Gefühlen der sozialen Benachteiligung und Deklassierung ist heute eine Realität im vereinten Deutschland, besonders stark ausgeprägt in den neuen Ländern. Wundern wir uns noch, wenn man immer häufiger bei jüngeren wie auch bei älteren Auslän-

[Seite der Druckausg.: 22]

derInnen und Ausländern aber auch bei Deutschen die resignierende Meinung hört: Am liebsten würde ich auswandern! Die Ablehnung "der Deutschen" steigt auch im Ausland an.

Diese Lagebeschreibung ist sehr allgemein. Ich will versuchen, sie mit Ergebnissen unserer Jugendstudien zu konkretisieren und zu stützen. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf zwei Untersuchungen unter Schülern und Lehrlingen in Sachsen sowie Sachsen-Anhalt (vgl. Tabelle 1 bis 3). Teilweise wird aber auch auf frühere Ergebnisse der DDR-Jugendforschung Bezug genommen sowie auf eine für Gesamtdeutschland repräsentative Jugendstudie vom Sommer 1991. Unsere letzte Untersuchung wurde im April 1992 bei 3.800 14- bis 18jährigen durchgeführt und bezog sich auf folgende Schwerpunkte:

  • politische Einstellungen;
  • Einstellung zu rechtsextremistischen Anschauungen und zur Gewalt;
  • Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus;
  • Lebensorientierungen, Lebensbefindlichkeiten.

Hier kann also lediglich über Ergebnisse von Einstellungs-, von Bewußtseinsforschungen berichtet werden, nicht über direkte Beobachtungen und Analysen der rechtsradikalen Szene, etwa über deren Aktionen oder Gruppenverhalten. Die Relativität solcher Befragungen ist gut bekannt und soll ausdrücklich betont werden. Empirische Analysen komplexer sozialpsychologischer Gegenstände erfordern stets den Einsatz verschiedener Verfahren, quantitativer wie qualitativer.

Einige Untersuchungen des ehemaligen Leipziger Jugendforschungsinstitutes belegen:

  • Ausländerablehnung, auch feindliche Verhaltensweisen gegen Ausländer hat es natürlich schon zu DDR-Zeiten bei Jugendlichen (sowie bei Erwachsenen) gegeben. Aber diese waren in weiter zurückliegenden Jahren viel schwächer ausgeprägt als in jüngerer Zeit. Sie nahmen seit Anfang der 80er Jahre deutlich, 1989/90 sehr stark an Quantität und affektiver Intensität zu. Eine von vielen Beobachtern erwartete Beruhigungsphase trat danach jedoch nicht ein. Im Gegenteil, auch von 1990 bis 1992 ist eine weitere leichte Zunahme der Ausländerablehnung zu verzeichnen, wie unsere Vergleichs-

    [Seite der Druckausg.: 23]

    forschungen belegen. Etwa 40% der Jugendlichen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt lehnen Ausländer emotional ab, 14- bis 18jährige häufiger als ältere Jungerwachsene. Nur etwa 20% sind gefühlsmäßig für Ausländer. Zwischen den Vertretern linker und rechter Positionen existieren erwartungsgemäß enorme Unterschiede. Linke sind weitaus seltener ausländerablehnend eingestellt. Rechte dagegen haben meist eine ausgeprägte Haßeinstellung gegenüber Ausländern.

  • Über die Entwicklung rechtsextremer Haltungen bei jungen Menschen vor der Wende liegen nur ganz spärliche Forschungsinformationen vor. Man kann davon ausgehen, daß sie sich ebenfalls in den 80er Jahren, insbesondere in der Endzeit des SED-Regimes, stärker verbreitet haben. Rechtsextrem Orientierte/Rechtsradikale waren und sind ganz überwiegend politisch-ideologische Gegner des sozialistischen DDR-Systems. Sie wurden meist heftig unterdrückt. Seit 1990 ist ein weiterer bedeutender Zuwachs rechtsextremer Ideologie und der Gewaltbereitschaft in unseren Vergleichsuntersuchungen eindeutig festzustellen. Das zeigt sich vor allem in der Zunahme nationalistischer Einstellungen unter den Schülern und Lehrlingen, verbunden mit ansteigenden Zahlen gewalttätiger Aktionen.

  • Auch antisemitische Einstellungen treten in letzter Zeit verstärkt in Erscheinung. Etwa 15 bis 20% der 14- bis 18jährigen sind gefühlsmäßig gegen Juden. Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus stehen, wie seit langem bekannt, auch bei jungen Ostdeutschen in engen strukturellen Beziehungen zu nationalistischen, rassistischen und autoritären Einstellungen. Sie sind Bestandteile der rechtsextremen Ideologie bzw. Mentalität. Besonders hoch ist die Korrelation zur Gewaltbereitschaft der Jugendlichen.

  • Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, rechtsextreme Orientierungen sind in Abhängigkeit von den sozial-demographischen und politischen Positionen der Jugendlichen sehr unterschiedlich verbreitet:
    • Männliche Jugendliche vertreten sie viel häufiger und intensiver als weibliche;
    • Kinder von Facharbeitern bedeutend häufiger und intensiver als Kinder von Hochschulabsolventen;

      [Seite der Druckausg.: 24]

    • Lehrlinge häufiger als Schüler der 8. bis 10. Klassen. Gymnasiasten sind weit weniger Anhänger der rechtsextremen Ideologie, ebenso Studenten;
    • Männliche Lehrlinge sind am meisten, weibliche Gymnasiasten und Studenten am wenigsten für rechtsextreme Anschauungen;
    • Jugendliche aus kleineren Orten und mittleren Städten neigen mehr zu rechtsextremen Anschauungen, Fremdenfeindlichkeit, Gewaltakzeptanz als die aus Großstädten.

  • Relevant ist, daß bereits Schüler der 8. Klassen ein sehr differenziertes, fast "ausgereift" erscheinendes Verhältnis für oder gegen die rechtsextreme Ideologie haben. Typische Einstellungs- und Verhaltensmuster bilden sich schon bei 13-15jährigen heraus und unterscheiden sich nur wenig von denen der älteren Jahrgänge. Das kann ja auch bei zahlreichen Alltagsereignissen, z.B. bei Gewalttätigkeiten gegen Ausländer beobachtet werden.

  • Auch in unserer Studie tritt die wachsende Politikverdrossenheit der ostdeutschen Jugend klar zutage. 14-18jährige geben sich heute (1992) bedeutend indifferenzierter gegenüber den verschiedensten politischen Richtungen als noch Ende 1990. Damals identifizierten sich etwa 20% mehr mit einer parteigebundenen politischen Richtung. In Sachsen hat die christdemokratische Richtung seit 1990 fast zwei Drittel der jungen Sympathisanten verloren. Die sozialdemokratische und republikanische Richtung haben geringe Zugewinne erzielt. Viele der Rechtspositionierten bevorzugen 1992 anstelle der christdemokratischen Richtung die republikanische. Die deutliche Abwendung der jungen Leute von den etablierten Parteien ist jedoch kein Ausdruck einer politischen Abstinenz. Die Jugendlichen wissen, daß sie in keinem politischen Vakuum leben und wollen dies auch gar nicht. Sehr viele von ihnen denken und urteilen von ganz bestimmten und stabilen politischen Positionen.

Obgleich sie immer häufiger und nachdrücklicher ihr Desinteresse an der offiziellen Politik betonen, sind sie in Wirklichkeit keineswegs politisch uninteressiert. Allerdings sind die Themen und Formen ihres politischen Engagements im Alltag oft ganz andere als die Parteien dies in herkömmlicher Weise von ihnen erwarten. Gegenwärtige Politik – die mit Parteien, Parteienstreit, Lebensferne und dogmatischer Pragmatik sowie mit negativen Stereotypen über Politiker assoziiert wird – das ist nicht ihre Welt, das läßt sie zunehmend kalt.

[Seite der Druckausg.: 25]

Daß dies so ist, liegt nicht an den Jugendlichen, sondern an den Parteien, die deren Nerv heute nicht mehr treffen, deren Lebensprobleme und Lebensgefühle, Alltagssorgen zu wenig berücksichtigen. Läuft die Jugend den politischen Parteien davon, weil beide Seiten die veränderte Welt, besonders die Lebenswelt der jungen Ostdeutschen, zunehmend divergent wahrnehmen und interpretieren? Die jungen Leute suchen daher eine politisch-weltanschauliche Orientierung, einen haltgebenden Standpunkt jenseits der offiziellen Politik der Parteien. Sie mischen sich von außen ein, agieren quasi als Außenstehende.

Dafür bietet sich das Links-Rechts-Spektrum an, das zur politischen Positionierung und Identitätsbildung von ihnen erstaunlich häufig genutzt wird. Hier vollzieht sich gegenwärtig häufig ein höchst bedeutsamer Prozeß der Profilierung des politisch-weltanschaulichen Standpunktes und Bewußtseins unter Jugendlichen, der allerdings von der Öffentlichkeit bisher kaum beachtet wird. Das wird sich ändern müssen. Heute betrachtet sich etwa jeder 4. junge Sachse als Linker (positioniert sich links von der Mitte) und etwa jeder 5. als Rechter (rechts von der Mitte). Jüngere Jugendliche (Schüler der 8. bis 10. Klassen und Lehrlinge) neigen jedoch bedeutend häufiger zu rechten und weniger zu linken Positionen als ältere.

Die Zahl der Jugendlichen, die sich mit linken oder rechten Positionen identifizieren, steigt weiter an. Das belegt eindeutig der Vergleich zwischen 1990 und 1992.

Linke und rechte Positionen werden 1992 aber nicht nur häufiger, sondern auch entschiedener, Effektiver, radikaler vertreten als noch vor zwei Jahren.

In unserer Zeit ist ein Polarisierungstrend zwischen linken und rechten Positionen, eine Verschärfung der politisch-ideologischen Gegensätze, der zunehmenden Antipathie, von Haß und Gewalttätigkeit gegenüber der anderen Seite klar zu erkennen. Wir haben es hier offenbar mit extrem gegensätzlichen Strömungen zu tun, die zweifellos eine hohe soziale Sprengkraft besitzen und weiter akkumulieren. Die Vertreter beider Seiten werden immer allergischer gegen die andere Seite, immer anfälliger für populistische Anschauungen, Losungen und auch sensibler für zufällige Ereignisse. Sie werden immer weniger beeinflußbar, steuerbar für die Parteien und andere Institutionen, oft auch unzugänglicher für

[Seite der Druckausg.: 26]

rationale Argumentationen. Wenn Affekte zunehmen, eskaliert irrationales Denken.

Bemerkungen über Ursachen dieser sozialen/mentalen Erscheinungen und Trends

Derartig schnelle und massive Veränderungsprozesse bei der rechtsextremen Orientierung, der Fremdenfeindlichkeit, der Parteienverdrossenheit, der affektiven Stimmungslage und des aggressiven Verhaltens im Alltag, wie sie in letzter Zeit unter ostdeutschen Jugendlichen beobachtet werden, weisen auf fundamentale Wandlungsprozesse der Gesellschaft hin, können nur daraus eine Erklärung finden. Mentalitätswandlungen dieser Art können nicht aus jugendspezifischen Bedingungskonstellationen abgeleitet werden. Sie sind ja auch nicht nur auf jüngere Jahrgänge begrenzt. Die Jugend wächst stets in einer von den Erwachsenen, von älteren Generationen "produzierten" Welt heran, reagiert auf deren Existenzbedingungen, Lebensweise, Lebensprobleme. Wenn 13-14jährige Jugendliche heute verstärkt zu Fremdenhaß, Gewalt, rechtsextremen Ideologien neigen, dann tun sie das doch nicht "aus sich heraus" oder wegen plötzlich veränderter pubertärer Antriebe, sondern weil ihre soziale und kulturell-geistige Umwelt anders geworden ist.

Deshalb möchte ich kurz auf einige Faktoren der sehr komplexen Bedingungsstruktur hinweisen, die zunächst mehr das Leben, Denken und Werten der erwachsenen Bevölkerung in Ostdeutschland charakterisieren:

  • Der Glaube an die Zukunftsfähigkeit des westlichen Gesellschaftssystems geht bei vielen Ostdeutschen trotz seines imposanten Sieges über das sozialistische System zurück. Zweifel, gar Resignation kommen stärker auf. Sind Marktwirtschaft und die gegenwärtigen politischen Strukturen imstande, die wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen, die Migrantionsprobleme der Zukunft in Deutschland, Europa, der ganzen Welt zu lösen? Wo sind überzeugende, motivierende Visionen für eine Welt mit mehr Frieden, Solidarität, sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit? Gerade weil Ostdeutsche das schmähliche Versagen des Realsozialismus vielfach so persönlich betroffen und enttäuscht hat, haben sie ein vitales Interesse an neuen Strategien, realistisch erscheinenden Zielen/Visionen an großen humanistischen Werten. Wo

[Seite der Druckausg.: 27]

    ist der mobilisierende Gegenentwurf – jenseits von rechts und böse? Fest steht, die Menschen sind dann aktiv, optimistisch, selbstsicher, weniger leicht von extremistischen Ideologien verführbar, wenn sie an die Zukunftsfähigkeit ihres Gesellschaftssystems glauben, wenn sie es als überlegen, progressiv, auf der Siegerstraße sehen. Dies ist ein wichtiges Element des Zeitgeistes. Wenn eine solche Überzeugung schwindet, beeinträchtigt das die Lebensgrundstimmung der Menschen.

  • Große Teile der ostdeutschen Bevölkerung hatten innerhalb weniger Jahre zwei Frustrationen zu verkraften. In der letzten stecken sie noch mittendrin. Über sie sind zwei Enttäuschungswellen hinweggegangen. Das betraf zum einen die letzten Jahre des SED-Regimes: den zunehmenden Verlust von Hoffnungen, Lebensorientierungen, des Engagements, schließlich die wachsende Ablehnung und Opposition, die damit verknüpfte Suche nach neuen Werten und Horizonten (anfangs eines reformierten Sozialismus, dann eines idealisierten Kapitalismus). Nach dem totalen Systemzusammenbruch und der schnellen Vereinigung setzte jedoch bald eine so nicht erwartete Umwälzung der Lebensverhältnisse der Ostdeutschen ein. Die neue Gesellschaft kam für die meisten als eine "kalte Dusche", begann mit einem Sturz in eine fremdartige, fürs erste unüberschaubare Lebenswelt, der oft brutale Folgen hatte. Illusionen zerstoben damit millionenfach, dafür breiteten sich Ängste, Unsicherheit, Ohnmachts- und Minderwertigkeitsgefühle aus. Dies war die zweite Welle tiefer Frustrationen, die noch anhält. Sie wird oft noch bedrückender als die erste erlebt, weil das Sieges-, Selbst- und vor allem das Zukunftsbewußtsein (bald Teil des "goldenen Westens", des starken Deutschlands zu werden) 1989/1990 stark ausgeprägt war und beflügelte. Dies ist jetzt weitgehend abhanden gekommen.

Stichwortartig sollen einige der Faktoren genannt werden, die massenhaft wirksam sind und Frustrationskomplexe auslösen können:

  • Verlust der Arbeitsplätze, drohende Arbeitslosigkeit. In den letzten zwei Jahren haben in den neuen Bundesländern über 50% der Bevölkerung ihren festen Arbeitsplatz verloren, sind meist arbeitslos, im Altersübergang oder in kurzfristigen Beschäftigungsformen wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungskursen usw. Das ist eine in der deutschen Geschichte einmaliger Zusammenbruch der Beschäftigungsstruktur. Im Jahre 1929 betrug die

[Seite der Druckausg.: 28]

    Arbeitslosenzahl 18%, in Ostdeutschland 1992 mehr als das doppelte, einschließlich der verdeckten Formen. Die Menschen sind dem Arbeitsmarkt ausgeliefert, ältere haben meist nur sehr geringe Chancen einer Wiederbeschäftigung. Ein sozialer und beruflicher Abstieg hat Millionen betroffen.

  • Zunehmende Wohnungsnot kommt auf. Befürchtungen, die Wohnung aus finanziellen Gründen aufgeben zu müssen, sind verbreitet. Das stellt für Ostdeutsche eine völlig ungewohnte Bedrohungssituation dar.

  • Zunahme sozialer Unterschiede. Arme und wohlhabende Schichten bilden sich zusehends heraus. Besonders benachteiligt sind ältere Jahrgänge und Frauen. Wer auf Dauer arbeitslos ist, hat keine andere Perspektive als die nach unten! Die materiell ziemlich nivellierte Gesellschaft und Sozialstruktur der früheren DDR zerfällt rasch, polarisiert sich immer mehr, bis hin zu Extremformen. Abhängig vom Wohlstand entstehen größere soziale Unterschiede bezüglich von Sozialprestige, Macht, Bildungsmöglichkeiten, Förderung der Kinder, kultureller und anderer Lebensqualitäten.

  • Ängste um den Verlust des meist sehr bescheidenen Eigentums durch die Flut von Rückerstattungsansprüchen grassieren in hunderttausenden von Familien.

  • Deklassierungserfahrungen gegenüber Westdeutschen, die unvergleichlich kapitalkräftiger, mächtiger, erfahrener, souveräner im Umgang sind, die die meisten Schlüsselstellungen im Land besetzt haben. Das Dominanz-, Arroganz- und Profitverhalten gewisser Gruppen von Westdeutschen ist ein tiefsitzender Dorn im Fleische der Ostdeutschen, demütigt und empört viele. Die Spannungen und Abneigungen zwischen Ost- und Westdeutschen haben jedenfalls eher zugenommen. Die gegenwärtigen Stereotype von "Ossi" und "Wessi" werden negativer. In letzter Zeit hat sich allerdings das Selbstbewußtsein der Ostdeutschen wieder deutlich erholt. Man schätzt sich weniger unterlegen ein, sie treten kritischer und aktiver auf. In diesem speziellen seelischen Bereich findet offensichtlich ein "Aufschwung Ost" tatsächlich statt.

  • Rückgang der sozialen Empathie. Viele Menschen, v.a. ältere erfahren und beklagen die Verluste sozialer Kontakte, Bindungen, der Solidarität zwischen den Menschen. Die soziale Funktion in den Betrieben, Institutionen ist

[Seite der Druckausg.: 29]

    im Vergleich zu früher völlig verändert. Die Kommunikation wird auf sachliche Informationen beschränkt. Der andere wird mehr und mehr als potentieller Rivale betrachtet. Egoistisches, rücksichtsloses Konkurrenzverhalten breitet sich aus, worunter viele leiden. Auch in der Familie kommt es teilweise zu einem Verlust von emotionalen Tiefenbindungen zwischen den Partnern, besonders oft zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern.

  • Zweifel und Selbstvorwürfe am bisherigen eigenen Leben, am Sinn und Wert der in der DDR gelebten persönlichen Biographie bedrücken viele.

  • Ängste vor Gewalt, Kriminalität, vor Überfällen, Mafia, Drogen, vor der kalten Ellenbogengesellschaft überhaupt, breiten sich aus.

Dies sind einige der sozialen Faktoren und Lebensbereiche, die das gegenwärtige hohe Problem- und Konfliktpotential, das Stimmungstief, die typischen Urteils- und Verhaltensmuster im Alltag, in der öffentlichen Meinung erzeugen und dadurch die Mentalität großer Teile der ostdeutschen Bevölkerung stark beeinflussen. Eine bedeutende "soziale Allergie" breitet sich aus, regt auf, macht reizbar, führt zu heftigen aggressiven Reaktionen. Doch wird bekanntlich durch solche Lebensbedingungen nicht automatisch Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, nationalistische/rassistische Mentalität determiniert. Die Menschen können auf gleiche Problem- und Konfliktlagen sehr unterschiedlich reagieren:

  • mit Verdrängung, Herunterspielen, Ersatzbefriedigungen verschiedenster Art;
  • mit Resignation, Depression, Lethargie, passivem Lamentieren;
  • mit beruflichem, politischen Engagement und Aktivität und
  • schließlich mit Widerstand, Opposition, offener oder versteckter Aggression aus extrem rechten oder linken Ideologiehintergründen.

Das gilt für Jung und Alt – allerdings mit spezifischen Besonderheiten.

Spätestens an dieser Stelle ist zu fragen, ob diese sehr verkürzte und pragmatische Beschreibung der typischen sozialen Probleme in den neuen Bundesländern überhaupt für die Jugendlichen, vor allem für die 14- bis 18jährigen Schüler und Lehrlinge charakteristisch ist.

[Seite der Druckausg.: 30]

Sie sind doch eigentlich (noch) gar nicht direkt Betroffene der Misere auf dem Arbeitsmarkt, des sozialen Abstiegs, sind kaum unmittelbare Verlierer der Einheit wie Alte und viele Frauen, sie wachsen viel leichter in die neue Lebenswelt hinein etc. Das trifft für 16- bis 20jährige, aber noch viel mehr für 12- bis 15jährige zu. Trotzdem ist Fremdenfeindlichkeit, das rechtsextreme Einstellungs- und Verhaltenssyndrom gerade bei ganz jungen Menschen sehr stark, stärker als bei über 20jährigen verbreitet. Offenbar spielt bei Jugendlichen – aber auch bei vielen Älteren – die unmittelbare Betroffenheit, die reale individuelle Lebenslage häufig keine so wesentliche Rolle. Entscheidend sind dann vielfach andere, das Bewußtsein und Verhalten vermittelt prägende Einflüsse, vor allem Urteils- und Wertungsmuster, Denkklischees der öffentlichen Meinung, soziale Stimmungen, soziale Klimata in der gesellschaftlichen Umwelt, in den verschiedensten lokalen, schichten- und gruppenabhängigen Lebenswelten, vor allem in den speziellen Mikromilieus. Die wichtigsten Multiplikatoren dieser vermittelten Erfahrungen (Stimmungen, Wertungen, Stereotypen, andere Faktoren der öffentlichen Meinung) sind Familienmitglieder, weitere Bezugspersonen im Alltag, insbesondere Freunde und Freizeitgruppen, auch Medienereignisse. Selektiv ausgewählte Medienberichte besitzen bekanntlich eine bedeutende Verstärkerfunktion für die Entwicklung des Bewußtseins und Verhaltens.

Wenn es zutrifft, was durch unsere Untersuchungen wie auch durch zahlreiche Alltagsbeobachtungen, etwa von Lehrern, erneut belegt wird, daß sich Schüler der 8. und 9. Klassen bereits in der Häufigkeit wie in den typischen Bewußtseinsstrukturen von älteren Rechts- und Linksorientierten kaum unterscheiden, so dürfte das von großer praktischer Bedeutung sein. Dann müßte den 12- bis 15jährigen Heranwachsenden eine viel größere Aufmerksamkeit als bisher geschenkt werden: in der Schule, in der Familie und vor allem bei der Gestaltung ihrer Freizeit. Dann müßte dies die strategische Zielgruppe bei den Präventivmaßnahmen sein. Mit 15 Jahren oder später wäre, so gesehen, präventiv nicht mehr viel zu erreichen. Die rechtsextremen Einstellungs- und Verhaltensstrukturen haben sich ja dann schon überwiegend herausgebildet und verfestigt. So wäre in diesem Alter eher Therapie gefordert, womit andere Herangehensweisen der Bildung, Erziehung und Lebensgestaltung notwendig sind. Die ständig wachsenden Zahlen von Gewalttaten im Alltag sowie die Ergebnisse unserer Forschungen und andere Beobachtungen lassen befürchten, daß rechts-extreme Orientierungen und Verhaltensweisen, einschließlich gewalttätiger Ak-

[Seite der Druckausg.: 31]

tionen bei jugendlichen Gruppierungen, in nächster Zeit weiter eskalieren werden. Soziale Krisenzeiten und Konfliktlagen führen stets zu einer schnellen Polarisierung des politischen Denkens und der politischen Kräfte sowie zum damit verbundenen Anwachsen von Haß und Gewalt. Solche Aktionen werden sich künftig vermutlich nicht nur gegen Ausländer richten, obwohl diese Hauptzielscheibe der Aggressionen bleiben werden. Sie werden sich verstärkt gegen die andere Seite wenden, also gegen Linke, Rote, vielleicht zunehmend gegen Liberale, Demokraten, die öffentlich Widerspruch und Widerstand gegen Rechtsextreme leisten. Vieles deutet darauf hin, daß Haß, Auseinandersetzungen, Kämpfe zwischen Rechten und Linken, besonders zwischen den extrem rechts und links Eingestellten anwachsen werden. Es könnte auch sein, daß sich Haß und Aggressionen bald verstärkt gegen Polizisten und andere Ordnungskräfte entladen. Sollte diese Entwicklung eintreten, wäre tatsächlich ein Vergleich mit der politischen Spannungssituation Ende der 20er Jahre in vieler Hinsicht realistisch. In jedem Fall sollte die gegenwärtige Lage mit dem Blick auf solche künftig möglichen Entwicklungsprozesse betrachtet werden.

Das stellt eine große Herausforderung für die Sozial-, Jugend-, Bildungspolitik, für die politische Bildung in allen Lebensbereichen der Jugend dar und kann gewiß nicht nur mit gutgemeinten Verbalerklärungen von Politikern oder mit ein paar Millionen DM bewältigt werden.

Die folgenden drei Tabellen beziehen sich auf Ergebnisse der Jugendstudie 92. Befragt wurden 14- bis 18jährige aus den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt [Fn_1: Ausführliche Informationen über unsere Forschungsergebnisse befinden sich in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift "Das Parlament" B 38/92. Peter Förster, Walter Friedrich: Politische Einstellungen und Grundpositionen Jugendlicher in Ostdeutschland, S. 3-15.
Harry Müller, Wilfried Schubarth: Rechtsextremismus und aktuelle Befindlichkeiten von Jugendlichen in den neuen Bundesländern, S. 16-28]

[Seite der Druckausg.: 32]

Page Top

Anhang


Die folgenden Tabellen beziehen sich auf Ergebnisse der Jugendstudie 1992. Befragt wurden 14- bis 18jährige aus den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt.


Tabelle 1:

Gefühlseinstellung zu Ausländern (n = über 3800)

Ich bin gefühlsmäßig...

1 - klar gegen Ausländer
2 - mehr gegen als für
3 - weder für noch gegen
4 - mehr für als gegen
5 - klar für Ausländer





1

2

3

4

5


8. – 10. Klassen


9

29

42

14

6


männl.

13

35

35

12

5


weibl.

5

24

47

16

8


Lehrlinge


17

41

33

8

1


männl.

21

42

28

8

1


weibl.

5

39

46

9

1


Gymnasiasten
(11. /12. Klassen)

3

21

40

25

11

Studenten

3

21

31

30

15

jg. Erwerbstätige

10

28

42

14

6

Anhänger politischer Richtungen

grün-alternativ

1

14

35

30

10

Sozialistisch

0

10

34

31

25

liberal

6

24

47

20

3

christdemokrat.

6

37

40

16

1

sozialdemokrat.

4

35

39

17

5

republikanisch

61

35

4

0

0

Links-Rechts-Spektum

extr. linke Pos.

2

5

23

34

36

Mitte

4

30

49

15

2

extr. rechte Pos.

68

28

3

1

0





[Seite der Druckausg.: 33]


Tabelle 2:

Einstellung zu Juden
(n = 1.900)

Fragetext: „Juden lehne ich ab, sie passen nicht zu uns„

Das ist meine Meinung...
vollkommen 1 - 2 - 3 - 4 - 5 überhaupt nicht





1

2

3/4

5


Gesamt


10

7

36

47


männl.

15

8

38

39


weibl.

5

6

32

57

Lehrlinge


männl.

22

11

31

36


weibl.

4

6

33

57

Schüler


8. Kl.

10

7

43

40


9. Kl.

10

5

39

46


10. Kl.

8

5

37

50


11./12. Kl.

4

5

10

61

Vater

Facharbeiter

14

8

39

42

Meister

11

7

39

43

Hochschulabsolvent

4

7

30

59

Position im Links-Rechts-Spektrum

extr. linke Pos.

4

1

11

84

Mitte

5

5

37

53

extr. rechte Pos.

58

10

24

8

Anhänger politischer Richtungen

grün-alternativ

3

1

20

76

sozialistisch

0

2

16

82

liberal

4

5

38

53

christdemokrat.

3

9

42

46

sozialdemokrat.

4

6

25

55

republikanisch

52

16

28

4




[Seite der Druckausg.: 34]

Tabelle 3:

Gewaltbereitschaft
(n = 1.900)

Fragetext: „Manchmal muß zu Gewalt greifen, um seine Interessen durchzusetzen.„

Das ist meine Meinung...
vollkommen 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - überhaupt nicht





1

2

3/4

5


Gesamt


9

9

42

40


männl.

13

12

45

30


weibl.

4

5

39

52

Lehrlinge


männl.

20

10

35

35


weibl.

6

4

26

64

Schüler


8. Klassen

9

9

47

37


9. Klassen

9

7

45

39


10. Klassen

6

12

41

41


11. /12. Klassen

3

6

41

50

Vater

Facharbeiter

12

7

41

40

Hochschulabsolvent

5

8

43

44

Links-Rechts-Spektrum

extr. linke Pos.

9

7

36

46

Mitte

4

6

43

47

extr. rechte Pos.

36

17

26

21

Mitglieder und Sympathisanten von

Faschos

42

19

26

13

Skins

36

19

26

19

Anhänger politischer Richtungen

grün-alternativ

6

5

33

56

sozialistisch

5

0

49

46

liberal

7

8

56

29

christdemokrat.

5

7

42

46

sozialdemokrat.

4

9

43

44

republikanisch

31

20

33

16





© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Dezember 2001

Previous Page TOC Next Page