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5. Woher kommt Fremdenfeindlichkeit?

Wie die Bestandsaufnahme zum Ausmaß und zu den Entwicklungstrends fremdenfeindlicher Tendenzen gezeigt hat, entzieht sich das Phänomen einer einfachen und pauschalen Beurteilung. Auf der einen Seite gibt es eindeutige Anzeichen für eine drastische Zunahme fremdenfeindlicher Gewalt- und Straftaten nach der deutschen Vereinigung. Deren Zahl ist zwar nach dem ersten Negativhöhepunkt 1993 zwischenzeitlich etwas zurückgegangen, erreichte aber 1997 erneut alarmierende Höchstwerte. Auf der anderen Seite lassen Längsschnittanalysen von Umfragedaten den Schluß zu, distanzierende und fremdenfeindliche Haltungen seitens der deutschen Bevölkerung gegenüber „Ausländern" seien seit 1980 insgesamt seltener und schwächer geworden, wobei allerdings für 1996 erstmals wieder eine klare Verschlechterung des Meinungs- und Einstellungsklimas festzustellen ist. Gleichwohl gab es offenbar immer eine relativ große Gruppe von Deutschen, die auch in Befragungen unverhohlen starke Vorurteile und Vorbehalte sowie eine hohe Bereitschaft zur Diskriminierung offenbaren. Ihr gegenüber steht eine ebenfalls beachtliche Gruppe von Personen, die eine positive, „fremdenfreundliche" Grundhaltung und eine hohe Integrations- oder Toleranzbereitschaft aufzuweisen scheint. Unterstrichen werden diese wenig einheitlichen Befunde nicht zuletzt durch die dargestellten Einschätzungen der Situation durch die „Ausländer" selbst. Auch aus ihren Angaben ergibt sich ein ziemlich ambivalentes Bild der aktuellen Situation.

Diese Erkenntnisse werfen eine ganze Reihe von Fragen auf: Gibt es - zum Beispiel - einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung fremdenfeindlicher Straf- und Gewalttaten und der Entwicklung fremdenfeindlicher Meinungs- und Einstellungsmuster? Handelt es sich bei diesen fremdenfeindlichen Tendenzen um typisch „deutsche Phänomene"? Sind sie in Deutschland besonders stark verbreitet? Wie lassen sich die individuellen Unterschiede in der Stärke distanzierender bzw. fremdenfeindlicher Haltungen und Vorbehalte erklären? Warum sind die einen „fremdenfeindlich" und die anderen eher „fremdenfreundlich"? Gibt es „typische" Entstehungsbedingungen von Fremdenfeindlichkeit? Die sind nur einige, teils noch sehr allgemein gehaltene Fragen, die aus naheliegenden Gründen auch in der öffentlichen Debatte immer wieder aufgeworfen werden.

Aus den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Forschungsrichtungen, die sich mit Fremdenfeindlichkeit im weitesten Sinn befassen, gibt es auf diese Fragen allerdings kaum übereinstimmende Antworten. An mehr oder weniger ausgefeilten Erklärungsversuchen mangelt es indessen nicht. Diese unterscheiden sich jedoch größtenteils sehr deutlich in Bezug auf die Bestimmung der Entstehungsfaktoren und Wirkungsmechanismen, die in den Vordergrund gestellt werden, wie auch in Bezug auf die theoretischen Grundpositionen und die Vorstellungen davon, wie angemessene und fundierte Antworten auf jene Fragen zu gewinnen seien. Eine kurze Übersicht über einige weitverbreitete Erklärungsansätze soll davon einen Eindruck vermitteln. Zugleich wird damit der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen anschließend auf der Grundlage der ALLBUS-Daten für 1996 eine empirische Analyse der Unterschiede im Ausmaß fremdenfeindlicher Einstellungen vorgenommen wird.

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5.1. Einige Erklärungsansätze im Überblick

In Hinsicht auf die Bestimmung der zentralen Entstehungsfaktoren und Wirkungsmechanismen fremdenfeindlicher Tendenzen zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen den diversen Erklärungsansätzen bereits darin, welche analytische Bezugsebene jeweils in den Vordergrund gerückt wird. In zahlreichen Fällen sind dies vorrangig allgemeine gesellschaftliche Bedingungen und Gegebenheiten, wie zum Beispiel historisch überlieferte Denkmuster und Verfassungsgrundsätze oder strukturelle Eigenschaften der wirtschaftlichen und gesellschaftlich-politischen Organisation. In anderen Beiträgen hingegen richtet sich der Blick in erster Linie auf allgemeine menschliche Grunddispositionen, auf besondere psychologische Prozesse oder auch auf persönlichkeitsspezifische Tendenzen zur Ablehnung von „Fremden".

Xenophobie als genetisch fixierte Grunddisposition

Daß Fremdenfeindlichkeit und die Angst vor Fremden (Xenophobie) oder „Überfremdung" Ausdruck einer „natürlichen" menschlichen Grunddisposition sei, ist eine alte, immer wieder geäußerte Behauptung. Sie findet sich bereits seit langem in der wissenschaftlichen Literatur ebenso wie in diversen Alltagserklärungen. Auch Politiker aus verschiedenen, vorzugsweise aber aus nationalistischen und rechten Parteien haben sie oft angeführt. Zu ihrer Begründung wird - zumindest in der wissenschaftlichen Debatte - insbesondere auf verhaltensbiologische und evolutionsgeschichtliche Analysen verwiesen. Aus diesen wird die These abgeleitet, daß die Angst und Abneigung gegenüber Fremden als eine genetisch fixierte Tendenz des Menschen aufzufassen sei, die sich aus elementaren Formen der Solidarität in verwandtschaftlichen Kleingruppen herausgebildet habe und im Verlauf der Menschheitsentwicklung zum festen Bestandteil menschlichen Erbguts geworden sei (vgl. Flohr 1994; Schöneberg 1991; van den Berghe 1981). Trotz aller Bemühungen, diese Überlegungen empirisch zu untermauern, erweisen sich schon die Grundannahmen als äußerst spekulativ. Auch der Beitrag zur Erklärung konkreter Phänomene der Fremdenfeindlichkeit ist mangelhaft. Es kann auf dieser Grundlage zum Beispiel nicht erklärt werden kann, welche Gruppen im konkreten Fall als „fremd" erscheinen, wie Veränderungen im Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit zustande kommen und weshalb manche Menschen - bei gleicher genetischer Grundausstattung - eine stärkere Tendenz zu Fremdenfeindlichkeit und Ethnozentrismus aufweisen als andere. Wer Antworten auf solche Fragen finden will, muß offenbar nach anderen Ursachen und Wirkungsmechanismen suchen.

Persönlichkeitstheoretische und psychodynamische Interpretationen

Persönlichkeitstheoretische und andere psychologische Interpretationen konzentrieren sich im Grunde ebenfalls auf relativ dauerhafte und stabile Einstellungs- und Verhaltensdispositionen, rücken aber vor allem Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung und psychodynamische Prozesse in den Mittelpunkt. Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit von Adorno und seinen Mitarbeitern (Adorno et al. 1950) ist dafür ein bekanntes Beispiel. Ihr zufolge bildet Fremdenfeindlichkeit mit antisemitischen, konservativen und antidemokratisch-autoritären Grundhaltungen ein zusammenhängendes „Syndrom", das für den Typus einer „autoritären Persönlichkeit" charakteristisch ist. Die Entwicklung eines solchen Typus wird ihrerseits hauptsächlich auf Störungen der „normalen" Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung im Sozialisationsverlauf zurückgeführt. Insbesondere eine strenge, durch harsche Disziplin, rigide Unterdrückung sexueller Bedürfnisse oder aggressiver Triebe und andere Zwänge geprägte Erziehung begünstigt, so die

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Annahme, die Herausbildung einer Persönlichkeit, die ein schwach entwickeltes Ego aufweist, die eigenen Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten aber einerseits durch übertriebene Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten und andererseits durch Abwehr alles „Fremden" und „Abnormalen" kaschiert.

Solche Annahmen und Hypothesen über persönlichkeitsspezifische Dispositionen zu Fremdenfeindlichkeit und Ethnozentrismus finden sich, teilweise in abgeschwächter und modifizierter Form, nach wie vor in zahlreichen sozialwissenschaftlichen Beiträgen (vgl. Lederer/Schmidt 1995; Oesterreich 1993; Scheepers/Felling/Peters 1990; Stone/Lederer/ Christie 1993). Aber auch andere psychologische und psychoanalytische Faktoren werden wiederholt angeführt. Insbesondere die verschiedenen Spielarten der weitverbreiteten „Sündenbockhypothese" beruhen - oft unausgesprochen - letztlich auf Annahmen über die Wirkung solcher „innerlicher" Faktoren. Als ausschlaggebend gelten in diesem Zusammenhang irgendwelche Frustrations- und Deprivationserfahrungen, die zum Beispiel auf den Verlust des Arbeitsplatzes oder auf Gefährdungen des persönlichen Selbstwerts und der eigenen Identität zurückgeführt werden. Daß dadurch Fremdenfeindlichkeit entstehe, läßt sich jedoch nur dann annehmen, wenn ein im Prinzip weitgehend unbewußt ablaufender psychologischer Prozeß der „Verdrängung" unterstellt wird. Ohne eine solche Verdrängungshypothese bliebe nämlich unklar, weshalb sich individuelle Unzufriedenheiten und Aggressionen gerade gegen „Fremde" und andere Minderheiten richten sollten, die für deren Ursachen eigentlich nicht verantwortlich sind.

Die Vermutung, daß persönlichkeitsspezifische und andere individualpsychologische Faktoren bei der Entstehung fremdenfeindlicher Tendenzen eine Rolle spielen, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Doch ihre Erklärungskraft ist insgesamt eher skeptisch einzuschätzen. In zahlreichen empirischen Untersuchungen hat sich gezeigt, daß die behaupteten Zusammenhänge entweder überhaupt nicht oder nur in sehr schwachem Ausmaß festzustellen sind; die Anzahl der eher bestätigenden Analysen ist vergleichsweise gering und beruht vielfach auf zweifelhaften Vorgehensweisen bei der empirischen Überprüfung (vgl. z.B. Blalock 1982; Brown 1995; Ganter 1997a; Zick 1997). Darüber hinaus ergeben sich aus der Konzentration auf allgemeine Persönlichkeitsdispositionen und psychodynamische Wirkungsmechanismen klare Erklärungsdefizite. Die konkrete inhaltliche Ausrichtung, die soziale Verbreitung und die längerfristige Veränderung fremdenfeindlicher Tendenzen lassen sich mit individuellen Frustrations- und Deprivationserfahrungen oder stabilen Persönlichkeitsdispositionen nicht schlüssig begründen. Dazu müssen ganz andere, insbesondere sozialstrukturelle und soziokulturelle Faktoren und Mechanismen in die Erklärung mit einbezogen werden, die in persönlichkeitstheoretischen oder psychoanalytischen Deutungen zwar oft genannt, aber nicht systematisch in die Theorie integriert werden.

Nationale Besonderheiten

An Hypothesen und Theorien über die Wirkung sozialstruktureller und soziokultureller Faktoren mangelt es freilich nicht. Davon setzen einige vor allem an der „verspäteten Nationenbildung" in Deutschland und den damit verbundenen Besonderheiten eines stark ethnisch bzw. völkisch orientierten Selbstverständnisses der Staatsnation an. Einer verbreiteten Auffassung zufolge begünstigt die historisch geprägte, an Abstammungskriterien ausgerichtete Festlegung der Zugehörigkeit zum Staatsvolk und des darauf aufbauenden Nationalbewußtseins bereits auf der Ebene kollektiver Orientierungsmuster ethnozentrische, wenn nicht sogar latent fremdenfeindliche Grundhaltungen, die insbesondere in Krisenzeiten leicht aktiviert werden können. Für einige Anhänger dieser

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Sichtweise ist das Subjekt fremdenfeindlicher Tendenzen dann auch „nicht der einzelne Deutsche, der eine irgendwie problematische Einstellung gegenüber Nichtdeutschen hat, sondern es ist die traditionelle Vorstellung vom deutschen Volk als einer sozialen Realität, in der jeder Nichtdeutsche als Fremdkörper erscheint" (Hoffmann 1993: 45). Insbesondere nach der rapiden Zunahme fremdenfeindlicher Gewalttaten in Deutschland wurde außerdem, nicht zuletzt von auswärtigen Beobachtern, wieder verstärkt eine „kollektive Mentalität" der Deutschen ausgemacht, die auch nach der nationalsozialistischen Diktatur in einem „völkischen Nationalismus" und „latenten Faschismus" konserviert geblieben sei und nunmehr wieder zum Vorschein komme (vgl. Krell/Nicklas/Ostermann 1996; Watts 1997).

Solche Deutungen, die sich vorrangig auf historisch überlieferte Formen des nationalen bzw. völkischen Selbstverständnisses und andere Besonderheiten einer „kollektiven Mentalität" beziehen, sehen sich allerdings mit einem gravierenden Erklärungsproblem konfrontiert. Ihnen zufolge wäre nämlich zu erwarten, daß gerade in Ländern mit einer eher republikanisch-demokratischen Tradition die Tendenz zur Fremdenfeindlichkeit deutlich schwächer sein müßte als in der Bundesrepublik Deutschland. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Sowohl in Bezug auf negative Einstellungen gegenüber der Anwesenheit und dem Zuzug von „Ausländern" als auch hinsichtlich der Gewalttaten gegen ethnische Minderheiten unterscheidet sich die Situation in Deutschland offenbar kaum von der in Frankreich oder anderen europäischen Ländern.

Obwohl genaue Vergleichszahlen für den Bereich der Straf- und Gewalttaten - nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Abgrenzungskriterien - nicht verfügbar sind, lassen neuere Untersuchungen den Schluß zu, daß die Zunahme der Gewalt gegenüber ethnischen Minderheiten ein Problem darstellt, das fast alle europäischen Ländern erfaßt hat (Björgo/Witte 1993; Björgo 1995). Ähnliche Hinweise ergeben sich aus der Analyse von Meinungs- und Einstellungsdaten, die im Rahmen der Eurobarometer-Umfragen erfaßt wurden. Diesen Daten zufolge war der Anteil der Personen mit stark fremdenfeindlichen Einstellungen 1994 in Belgien am höchsten. Frankreich lag, gemessen an diesen Anteilswerten, immerhin auf dem zweiten Platz, gefolgt von Griechenland, Dänemark, Westdeutschland und Großbritannien; die Befragten in Irland, Spanien, Portugal und Italien erwiesen sich im Durchschnitt als am wenigsten fremdenfeindlich (Küchler 1996). Eine 1988 durchgeführte Eurobarometer-Umfrage ergab ein ähnliches Bild (Küchler 1996; Wiegand 1992; vgl. Watts 1997).

Diese Befunde sind freilich kein Grund, das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zu verharmlosen. Doch sie unterstreichen die Zweifel an der Erklärungskraft jener Hypothesen, die fremdenfeindliche Tendenzen hauptsächlich mit historischen Entwicklungszusammenhängen der Nationalstaatsbildung und damit verknüpften Eigenheiten des Nationalbewußtsein bzw. der „kollektiven Mentalität" in Beziehung setzen. Viele Erklärungsansätze konzentrieren sich dementsprechend in erster Linie auf die Bestimmung struktureller Faktoren, von denen angenommen wird, daß sie nicht nur für bestimmte Länder, sondern allgemein, zumindest für moderne Gesellschaften, gültig sind. Insbesondere der vermeintlich zwangsläufige Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und der starken Zuwanderung von Immigranten in den westlichen Industrieländern steht oft im Zentrum des Interesses. Im internationalen Vergleich erweist sich dieser Zusammenhang allerdings keineswegs als zwangsläufig. Die Reaktionen auf Zuwanderungen unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Aufnahmeländern erheblich. Und auch innerhalb der einzelnen Länder fallen die Reaktionen bei den „Einheimischen" sehr unterschiedlich aus. Insofern liegt es nahe, die Ursachen fremdenfeindlicher Tendenzen in anderen strukturellen Faktoren zu suchen. In einigen Erklärungsansätzen werden dabei vor allem globale Prozesse des ökonomischen, sozialen

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und politischen Wandels moderner Gesellschaften in den Mittelpunkt der Ursachenforschung gestellt.

Desintegration und Individualisierung

In Deutschland ist insbesondere Wilhelm Heitmeyer mit einer solchen Interpretation auf starke öffentliche Resonanz gestoßen. Kernstück seiner Argumentation ist die Annahme einer tiefgreifenden sozialen „Integrations- und Desintegrationsdynamik", deren Ursachen sehr allgemein in Prozessen der funktionalen Differenzierung, Individualisierung und Enttraditionalisierung moderner, „durchkapitalisierter" Gesellschaften gesehen wird (Heitmeyer 1993; Heitmeyer 1996). Sie äußert sich nach dieser Interpretation zum einen in einer Zunahme der individuellen Handlungsmöglichkeiten, zum anderen aber auch in einer Auflösung traditioneller Milieus, zunehmendem Bindungsverlust in „zerrütteten" Familienstrukturen, einem Verlust an Verständigungsmöglichkeiten über gemeinsame Wert- und Normvorstellungen sowie in einer generellen „Paralysierung" zentraler gesellschaftlicher Institutionen. Fremdenfeindliche Orientierungen und Handlungsweisen sind in dieser Sichtweise letztlich eine mehr oder weniger zwangsläufige Folge der Desintegrationsprozesse. Sie beruhen im wesentlichen auf der Suche nach Gewißheiten und leistungsunabhängigen Zugehörigkeitsmöglichkeiten in Reaktion auf zunehmende Handlungsunsicherheiten und Vereinzelungserfahrungen, welche die Attraktivität und Akzeptanz fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Ideologien erhöhen.

Eine umfassende empirische Überprüfung der zentralen Annahmen und Hypothesen dieses Ansatzes steht allerdings noch aus. Bislang stützt er sich größtenteils auf sehr allgemein gefaßte Gesellschaftsdiagnosen und qualitative Studien über ausgewählte Gruppen von Jugendlichen, von denen eine 5jährige Langzeitanalyse zur politischen Sozialisation von 31 männlichen Jugendlichen wohl die bekannteste ist (Heitmeyer 1992). Einmal abgesehen von der oft sehr geringen Anzahl der befragten Personen und einiger anderer methodischer Schwierigkeiten, gibt es genügend Gründe das sogenannte „Desintegrationstheorem" mit Skepsis zu betrachten. Allein schon die Grundannahmen über die vermeintlich zunehmende Individualisierung und Enttraditionalisierung und deren Folgen sind zumindest in der sozialwssenschaftlichen Forschung umstritten. Außerdem gibt es klare Hinweise darauf, daß negative Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber „Ausländern" keineswegs nur bei „desintegrierten" Personen festzustellen sind, und daß umgekehrt auch nicht alle Individuen, für die diese Merkmale (zumindest annähernd) zutreffen, notwendig auch fremdenfeindliche oder rechtsextremistische Tendenzen erkennen lassen (vgl. Wahl 1995; Winkler 1996). Dies erhärtet den Verdacht, daß die auf sehr allgemeinen Konzepten aufbauende Theorie in zentralen Punkten deutliche theoretische Unschärfen aufweist, die eine zuverlässige Überprüfung ihrer Hypothesen von vornherein erschweren.

Sozialstrukturelle Konstellationen und Interessenkonflikte

Eine andere Gruppe von Erklärungsansätzen konzentriert dagegen die Ursachenforschung vorrangig auf strukturelle Konstellationen von Intergruppenbeziehungen und –konflikten sowie auf typische Aspekte konkreter Handlungszusammenhänge zwischen Deutschen und „Ausländern" und deren Folgen. Eine mittlerweile eher randständige Position nehmen dabei - zumindest in der sozialwissenschaftlichen Debatte - die in der älteren Literatur, aber auch in öffentlichen Diskussionen häufig angeführten „objektiven" kulturellen Unterschiede zwischen „Einheimischen" und „Ausländern"

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ein. Vor allem die Erkenntnis, daß „Kultur" bzw. kulturelle Differenzen nicht einfach als unveränderliche und im wörtlichen Sinn „selbstverständliche" Gegebenheiten zu verstehen sind, hat innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung zu einem wesentlichen Perspektivenwechsel beigetragen. Kultur und kulturelle Differenzen gelten nunmehr als auf veränderlichen Interpretations- und Deutungsmustern beruhende soziale Konstrukte, deren Inhalte und Ausrichtungen nicht selbstverständlich, sondern erklärungsbedürftig sind. Insbesondere stellt sich die Frage, in welcher Weise, aufgrund welcher Bezugspunkte und - vor allem - aus welchen Gründen, die ihnen zugrunde liegenden Abgrenzungen vorgenommen und für „wahr" erachtet werden.

Eine solche Sichtweise bildet einen wesentlichen Anknüpfungspunkt insbesondere für jene Ansätze, die Fremdenfeindlichkeit und allgemeiner: ethnische Grenzziehungen in erster Linie als Resultat strukturell bestimmter Interessenlagen verstehen. Zentrale Bestimmungsfaktoren distanzierender Einstellungen und Verhaltensweisen sind in dieser Sichtweise wahrgenommene Interessenkonflikte unter anderem über die Verteilung begehrter knapper Güter, etwa von Arbeitsplätzen, Wohnungen und Heiratspartnern. Eine wichtige Rolle wird ferner dem Interesse an der Bewahrung bestimmter, an die Abstammung geknüpfter Privilegien beim Zugang zu staatsbürgerlichen Rechten oder wohlfahrtsstaatlichen Leistungen zugemessen, die über ethnische Typisierungen und Kategorisierungen legitimiert werden (vgl. Bovenkerk/Miles/ Verbunt 1991; Miles 1993). Ob die Wahrnehmung der Interessenkonflikte zutreffend ist oder nicht, ist im Hinblick auf ihre Folgen zweitrangig. Von Interesse ist jedoch, wie solche Wahrnehmungen zustande kommen. Dabei liegt es auf der Hand, daß gerade in diesem Zusammenhang jene Politiker und Populisten ins Blickfeld geraten müssen, die mit hinlänglich bekannten Phrasen von der Gefährdung „deutscher" Arbeitsplätze durch „Ausländer" und anderen - oft wider besseren Wissens behaupteten - „Ausländerproblemen" solche Wahrnehmungen zu instrumentalisieren suchen. Ebenso ist die Vermutung naheliegend, daß auch die mitunter sehr einseitigen oder gar diskriminierenden Darstellungen über „Ausländer" in einigen Medien entsprechende Deutungsmuster beeinflußen können.

Als nicht sehr überzeugend erweist sich allerdings die in diesem Kontext häufig vorgetragene Auffassung, die wahrgenommenen Interessenkonflikte oder auch irgendwelche diffusen Ängste vor den „Fremden" seien mehr oder weniger ausschließlich das Ergebnis politischer Propaganda und medialer Desinformation. Sie würde nämlich eine bedingungslose Manipulierbarkeit der Bevölkerung voraussetzen, die in empirischer Hinsicht mehr als fragwürdig ist (und von der sich ja offensichtlich auch die Verfechter der Hypothese als ausgenommen erachten). Weitaus plausibler ist im Gegensatz dazu die Vermutung, daß einseitige und diskriminierende Darstellungen über „Ausländer" hauptsächlich bei jenen Personen auf große Resonanz stoßen, die bereits eine fremdenfeindliche Grundhaltung aufweisen. Damit wird die Bedeutung populistischer Propaganda und sensationslüsterner Medienberichterstattung nicht generell in Frage gestellt. Sie ist nur insofern zu relativieren, als das vorrangig zu klärende Problem darin zu sehen ist, weshalb die jeweiligen Behauptungen und Unterstellungen bei manchen auf bereitwillige Aufnahme und Akzeptanz, bei anderen hingegen auf deutliche Skepsis oder Ablehnung stoßen. Und dieses Problem führt unweigerlich wieder zurück zur Frage, wie sich Unterschiede in der Tendenz zu fremdenfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen erklären lassen.

Die zuletzt genannten, auf Interessenlagen abzielenden Erklärungsansätze geben auf diese Frage im Prinzip relativ einfach erscheinende Antworten, die deutliche Unterschiede zu den anderen Interpretationsrichtungen erkennen lassen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen hier nicht primär „innerhalb" der Person anzusetzende persönlichkeitsspezifische Dispositionen und psychodynamische Prozesse oder relativ abstrakt benannte so-

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ziale Zustände und Veränderungen. Den zentralen Ansatzpunkt bilden vielmehr typische Interessenlagen und - vor allem - deren strukturelle Hintergründe. Damit ist der Blick freigelegt auf die Denkweisen und Handlungen von durchaus vernunftbegabten Akteuren, der gerade im Kontext der Diskussion um die Ursachen fremdenfeindlicher Tendenzen häufig verstellt zu sein scheint. Daß die Gründe, die den Akteuren selbst als subjektiv „richtig" gelten, in einem „objektiven" oder ethisch-moralischen Sinn „falsch" oder „verwerflich" sein können, ist ohne Zweifel. Entscheidend für die Erklärung der interessierenden Phänomene ist aber, welche strukturellen Bedingungen und welche subjektiv gültigen Gründe die Akteure dazu bewegt haben, fremdenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten oder aber diese zu relativieren und aufzugeben.

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5.2. Zwischenfazit

Die Darstellung verschiedener Ansätze zur Erklärung fremdenfeindlicher Tendenzen ließe sich ohne Schwierigkeiten noch des Längeren und Breiteren fortsetzen und in Einzelheiten vertiefen. Darauf wird hier verzichtet. In erster Linie sollte verdeutlicht werden, welche grundlegenden Unterschiede bereits in Hinsicht auf die zentralen Ansatzpunkte der Analyse innerhalb der wissenschaftlichen Debatte auszumachen sind und welche Aspekte jeweils typischerweise in den Mittelpunkt der Erklärung gerückt werden. Die überwiegende Mehrzahl der auch in der Öffentlichkeit immer wieder aufgeworfenen Argumente in Bezug auf die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit ließe sich ohne große Mühe den angeführten Interpretationsrichtungen zuordnen. Dabei sollte gerade der Blick auf die oft nicht näher begründeten Grundannahmen klar gemacht haben, daß diese nicht problemlos miteinander zu verbinden sind. Insofern ist es eigentlich wenig überraschend, daß eine Verknüpfung der verschiedenen Theorien zwar immer wieder gefordert, aber fast nie systematisch eingelöst wird. So wird zum Beispiel in persönlichkeitstheoretischen Beiträgen meist nur sehr vage auf sozialstrukturelle Faktoren hingewiesen, während umgekehrt in anderen Beiträgen Wirkungsmechanismen auf individueller Ebene allenfalls angedeutet werden.

Im übrigen sind häufig beträchtliche Defizite in der Ausarbeitung und Konkretisierung der verschiedenen Erklärungsansätze festzustellen, die spätestens dann zu Tage treten, wenn sie an konkreten empirischen Phänomenen überprüft werden sollen. Nur ein Beispiel dafür sind jene Interpretationen, die Frustrations- oder Deprivationserfahrungen als zentrale Ursachen von Fremdenfeindlichkeit unterstellen, ohne überzeugende Hinweise darauf zu geben, wie diese Faktoren erfaßt und mit den interessierenden Phänomene in Beziehung gesetzt werden können. Ganz ähnlich steht es um die Desintegrationstheorie von Heitmeyer und seinen Mitarbeitern, deren Kernaussagen (noch) derart allgemein gehalten sind, daß sie gegen eingehende empirische Überprüfungen von vornherein als weitgehend immun erscheinen müssen (vgl. dazu auch Eckert et al. 1996; Wahl 1993). Weitere Beispiele ließen sich leicht hinzufügen.

Mit besonderer Deutlichkeit zeigen sich die Defizite in der Ausarbeitung und Konkretisierung der verschiedenen Erklärungsansätze fast ausnahmslos dann, wenn genauer überprüft wird, auf welche Dimensionen der Fremdenfeindlichkeit sie sich eigentlich beziehen. Obwohl im Grunde bekannt sein könnte, daß fremdenfeindliche Einstellungen und konkrete Handlungen nicht dasselbe sind (vgl. Abschnitt 2), wird in den meisten Fällen nicht angegeben, ob sich die vorgeschlagene Erklärung nur auf Meinungen und Einstellungen, nur auf Handlungen oder auf alles zugleich bezieht. In der Regel wird offenbar unterstellt, daß fremdenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen

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derart eng miteinander verbunden sind, daß auf genauere Differenzierungen der theoretischen Argumente verzichtet werden kann. Solche stillschweigend getroffene Annahmen sind vermutlich mit verantwortlich dafür, daß oft schon aus relativ vagen empirischen Erkenntnisse über die Hintergründe bestimmter Einstellungen weitreichende Schlußfolgerungen über die Ursachen fremdenfeindlicher Gewalttaten gezogen werden, die sich bei näherer Betrachtung bestenfalls als kühne Behauptungen erweisen.

Ein umfassender Erklärungsansatz, der solche Mängel vermeidet und gleichzeitig in Hinsicht auf die interessierenden Phänomene hinreichend empirisch bewährt ist, ist bislang noch nicht bekannt. Es lassen sich aber wesentliche Vor- und Nachteile der verschiedenen Interpretationsrichtungen erkennen, aufgrund derer die letztlich unvermeidliche Entscheidung für einen der unterschiedlichen Ansatzpunkte der Analyse und Erklärung getroffen werden kann. Nach der hier bevorzugten Sichtweise spricht dabei viel für jene Ansätze, die von der Frage ausgehen, welche situationalen Gegebenheiten und Einflußfaktoren dazu führen können, daß Menschen fremdenfeindliche Einstellungs- und Verhaltensmuster entwickeln und aufrechterhalten, oder aber umgekehrt: ablehnen bzw. allmählich abbauen. Der Blickpunkt verschiebt sich damit von vermeintlich genetisch bedingten Dispositionen, persönlichkeitsspezifischen oder psychodynamischen Faktoren, besonderen historischen Entwicklungszusammenhängen oder allgemeinen „Makrokonstellationen" auf konkrete sozialstrukturelle Bedingungen und davon geprägte Interessenlagen und Deutungsmuster, in deren Rahmen Akteure mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Ressourcen ihre spezifischen Einstellungen und Handlungsweisen ausformen.

Ein erster Ansatzpunkt der Analyse fremdenfeindlicher Orientierungen sind in dieser Perspektive die bereits angesprochenen Interessenkonflikte über die Verteilung begehrter knapper Güter und/oder Interessen an der Bewahrung wertvoller Privilegien, welche ihrerseits auf typische soziale Lagen zurückgeführt werden können. So wäre zum Beispiel zu erwarten, daß insbesondere solche Akteure zu fremdenfeindliche Haltungen neigen, die sich aufgrund ihrer sozialen Positionierung tatsächlicher oder nur vermeintlicher Konkurrenz durch „Ausländer" besonders ausgesetzt sehen. Nach den derzeitigen Verhältnissen sind es wohl vor allem Personen mit geringem Bildungsniveau, niedriger beruflicher Stellung und geringem Einkommen, die am ehesten mit - größtenteils ähnlich positionierten - „Ausländern" zum Beispiel um Arbeitsplätze oder Wohnungen konkurrieren. Ähnlich dürfte es sich mit den sozialstrukturellen Hintergründen des Interesses an der Verteidigung durch Abstammung begründeter Privilegien, insbesondere in Hinsicht auf die zunehmend eingeschränkten wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, verhalten, wenngleich gerade in diesem Zusammenhang auch anders strukturierte Interessen an der Bewahrung von Privilegien (z.B. bei Unternehmern) denkbar sind.

Entscheidend sind hierbei letztlich immer subjektiv wahrgenommene Interessenkonstellationen. Diese subjektive Wahrnehmungen können durchaus auf völlig irrigen Vorstellungen von den „objektiven" Gegebenheiten beruhen; die verbreitete Auffassung, Probleme der Arbeitslosigkeit in Deutschland ließen sich durch eine Ausweisung von Immigranten lösen, sind dafür nur ein Beispiel. Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, wie solche subjektiven Wahrnehmungen zustande kommen. Ein wichtiger Schlüssel zur Klärung dieser Frage ergibt sich aus der Betrachtung der Informationen und Wissensbestände, über die Wahrnehmung und Beurteilung „objektiver" Gegebenheiten gefiltert wird. Daß diese auf sorgfältigen Bemühungen um eine möglichst detaillierte Kenntnis tatsächlicher Zusammenhänge beruhen, muß wohl eher als Ausnahmefall betrachtet werden. Anzunehmen ist vielmehr, daß sich die subjektiven Wahrnehmungen überwiegend auf leicht verfügbare „Informationen aus zweiter Hand" und/oder auf eigene Erfahrungen stützen.

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Zu den leicht verfügbaren Informationen aus zweiter Hand zählen gewiß Informationen und Wissensbestände, die im Rahmen der Schulausbildung oder über mediale Vermittlungen erworben werden. Es ist unstrittig, daß es sich bei diesen Informationen und Wissensbeständen nicht selten um überlieferte Stereotype und Vorurteile und mitunter auch um beabsichtigte Desinformationen handelt. Fraglich ist indes, wovon es abhängt, daß sie möglicherweise dauerhaft für „wahr" erachtet werden und sich eventuell zu mehr oder weniger stabilen Überzeugungen verdichten. Übereinstimmung mit eigenen Erfahrungen könnte ein möglicher Grund sein. Jemand, der negative Erfahrungen mit „Ausländern" gemacht hat, wird negativen Stereotypisierungen und Vorurteilen eher glauben als jemand, der positive Erfahrungen gemacht hat. Ein weiterer Einflußfaktor dürften erlernte kognitive Fähigkeiten und Lerninhalte sein. Wer etwa im Rahmen einer ausgedehnten schulischen Ausbildung darin gefördert wurde, differenzierte Sichtweisen auch von „den Deutschen" und „den Ausländern" zu entwickeln, wird verallgemeinerten Vorurteilen unter Umständen eher skeptisch gegenüberstehen, als jemand der dazu keine Gelegenheit hatte oder mit einseitigen Lerninhalten konfrontiert war. Als mindestens ebenso wichtig ist jedoch ein Faktor einzuschätzen, der in der Forschungsliteratur bislang noch weitgehend vernachlässigt wurde: das soziale Bezugsumfeld bzw. Milieu der Akteure, das sich aus Lebenspartnern, Verwandten, Freunden, Kollegen und anderen regelmäßigen Interaktionspartnern zusammensetzt. Wie aus anderen Forschungsbereichen bekannt ist, kommt diesem sozialen Bezugsumfeld nicht nur beim Zugang zu Informationen über soziale Sachverhalte sondern auch bei deren Beurteilung und bei der Einschätzung eigener Wissensbestände eine zentrale Bedeutung zu.

Die zentrale Bedeutung des sozialen Umfelds für die Entwicklung von Einstellungs- und Verhaltensmustern ergibt sich zum einen schon daraus, daß in alltäglichen Kommunikationszusammenhängen mit den jeweiligen Bezugspersonen Informationen und Wissensbestände ausgetauscht und bewertet werden können. Zum anderen resultiert sie aus dem besonderen Stellenwert, der ihnen typischerweise zukommt. Bezugspersonen sind schließlich nicht nur leicht zugängliche Informationsquellen. Sie sind vor allem auch - in unterschiedlichen Graden - wichtige Quellen der Unterstützung bei der Lösung alltäglicher Problemstellungen und gleichermaßen wichtige Quellen sozialer Anerkennung. Daraus ergeben sich spezifische Chancen der wechselseitigen Beeinflussung und Bestätigung, die letztlich darauf hinauslaufen können, daß sich innerhalb des Nahumfelds geteilte und von „außen" möglicherweise kaum noch beeinflußbare Einstellungs- und Verhaltensmuster entwickeln, deren Mißachtung oder Infragestellung unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Solche Einflüsse werden im allgemeinen um so gewichtiger sein, je größer die Übereinstimmung innerhalb des sozialen Umfelds ist und je weniger alternative Quellen der Information und sozialen Anerkennung erreichbar sind.

Diese Überlegungen zum Einfluß sozialer Bezugsgruppen und Milieus auf die Meinungen und Einstellungen der einzelnen Individuen sind keineswegs neu. Zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Forschungsbereichen, von der Wahlforschung bis hin zur Religionssoziologie, beruhen darauf. Nichtsdestotrotz sind sie in der Forschung über die Ursachen der Fremdenfeindlichkeit bislang nur von wenigen ernsthaft zur Kenntnis genommen worden (vgl. aber Esser 1986; Hill 1984). Eine Ausnahme davon bilden am ehesten Analysen, die sich mit den Hintergründen fremdenfeindlicher Gewalttaten befassen. Diese gelangen in der Regel sehr rasch zur Erkenntnis, daß vor allem in einigen Jugendcliquen Gewalttaten im allgemeinen und gegen „Ausländer" gerichtete Gewalt im besonderen zu einem beträchtlichen Teil darauf zurückzuführen sind, daß sie innerhalb der Clique soziale Anerkennung verschaffen, die im übrigen um so wichtiger werden dürfte, je weniger auf andere Quellen sozialer Anerkennung zurückgegriffen werden kann (vgl. Watts 1997). Daß ähnliche Wirkungsmechanismen auch bei der Entstehung eher subtiler Formen fremdenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen am

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Werk sind, kann einstweilen nur - mit guten Gründen - vermutet werden. Die empirische Überprüfung dieser Vermutung würde Daten voraussetzen, die bislang noch nicht verfügbar sind.

Verfügbar sind dagegen Daten, die es ermöglichen, die zuvor angesprochenen Zusammenhänge zwischen sozialstrukturellen und soziodemographischen Hintergrundfaktoren und fremdenfeindlichen Tendenzen näher zu beleuchten. Ausgehend von den theoretischen Vorüberlegungen sollen diese im Folgenden einer empirischen Analyse unterzogen werden.

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5.3. Empirische Befunde

Grundlage der folgenden empirischen Analysen sind Daten aus der jüngsten Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) aus dem Jahr 1996, deren inhaltlicher Schwerpunkt das Thema „Einstellungen zu ethnischen Minderheiten in Deutschland" war. Sie ist die derzeit umfassendste, für die Wohnbevölkerung in Deutschland repräsentative aktuelle Erhebung zu diesem Themenkomplex, die darüber hinaus auch in methodologischer Hinsicht deutliche Vorzüge gegenüber anderen Datenquellen aufweist (vgl. Abschnitt 3.1). Da im Datensatz neben den speziellen Fragen zum inhaltlichen Schwerpunkt zahlreiche soziodemographische Angaben über die befragten Personen enthalten sind, können auf dieser Basis wichtige Hintergrundfaktoren überprüft werden, von denen zu vermuten ist, daß sie in einem engen Zusammenhang mit fremdenfeindlichen Einstellungen stehen.

Schon von vornherein muß gleichwohl auf zwei wichtige Einschränkungen dieses Datensatzes hingewiesen werden. Die erste betrifft die in Betracht stehende Dimension von „Fremdenfeindlichkeit": Da sich die Erhebung auf Meinungen und Einstellungen sowie auf Verhaltensabsichten oder berichtetes Verhalten beschränkt, ermöglicht sie keine genauen überprüfbaren Aussagen über das tatsächliche Verhalten der befragten Personen; auf Entstehungsbedingungen und Ursachen fremdenfeindlichen Verhaltens wird deshalb nur am Ende der empirischen Analyse noch einmal kurz eingegangen. Die zweite Einschränkung ergibt sich daraus, daß sich die unterschiedlichen Frageformulierungen zwar an verschiedenen theoretischen Ansätzen orientieren, aber auf keinen Erklärungsansatz in spezifischer Weise zugeschnitten sind. Dies hat zur Folge, daß eine eingehende empirische Überprüfung ausformulierter Erklärungsansätze nur in einem sehr eingeschränkten Maß möglich ist. Beide Einschränkungen sind für die Einschätzung der Ergebnisse der Analyse nicht unerheblich, stellen deren Nutzen aber keineswegs grundsätzlich in Frage.

Für die Zwecke der empirischen Analyse wird auf das Verfahren der multiplen Regressionsanalyse zurückgegriffen, mit dem Zusammenhänge zwischen der abhängigen Variable und mehreren unabhängigen Variablen bestimmt und die Stärke des Einflusses der einzelnen Faktoren eingeschätzt werden können. Im Unterschied zu einfachen Kreuztabellen und bivariaten Analysen kann damit die Wirkung eines Einflußfaktors bei gleichzeitiger Kontrolle anderer Faktoren statistisch ermittelt werden. Zur Bestimmung der jeweiligen Ausprägungen der Fremdenfeindlichkeit bzw. fremdenfeindlichen Einstellungen bei den einzelnen Personen (der abhängigen Variablen) wird der bereits dargestellte Fremdenfeindlichkeitsindex herangezogen, der aus den vier „Gastarbeiter"- bzw. „Ausländeritems" gebildet wurde. Der Index umfaßt eine Skala mit Werten zwischen 4 (starke Ablehnung fremdenfeindlicher Aussagen) bis 28 (starke Zustimmung zu fremdenfeindlichen Aussagen) und stellt ein relativ gutes Instrument zur Messung fremdenfeindlicher Tendenzen dar (vgl. Abschnitt 4).

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Grundlegende Indikatoren

Ausgehend von den theoretischen Vorüberlegungen werden in einem ersten Analyseschritt primär solche Faktoren betrachtet, die als Indikatoren der sozialen Positionierung und Lebenslage der befragten Personen sowie ihrer Ausstattung mit allgemeinen kognitiven und insbesondere ausbildungsspezifischen Fähigkeiten verstanden werden können. Dazu werden gezählt:

  • das schulische Bildungsniveau der Befragten (gemessen am höchsten erworbenen Schulabschluß), dem in zweierlei Hinsichten eine wichtige Bedeutung zuzumessen ist: zum einen als Indikator für die unterschiedlichen Möglichkeiten, im Rahmen der schulischen Ausbildung mehr oder weniger komplexe Wahrnehmungs- und Denkmuster zu erlernen und umfassendere Kenntnisse über soziale und historische Zusammenhänge zu gewinnen; zum anderen als Indikator für die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten, nach Maßgabe des jeweiligen Bildungsniveaus und der damit verbundenen Einkommenserzielungschancen überhaupt mit „Ausländern" (tatsächlich oder vermeintlich) in Konkurrenz zu treten;
  • das am höchsten beruflichen Ausbildungsabschluß gemessene berufliche Qualifizierungsniveau als weiterer, enger auf die aktuellen Arbeitsmarkt- und Einkommenserzielungschancen bezogener Indikator für die Wahrscheinlichkeit der Wahrnehmung von Interessenkonflikten gegenüber „Ausländern";
  • momentane oder in der Vergangenheit erfahrene Arbeitslosigkeit als Indikator für aktuelle Erwerbschancen und eventuell wahrgenommene Interessenkonflikte, vor allem hinsichtlich des Zugangs zu Arbeitsplätzen;
  • das Alter der Befragten, von dem anzunehmen ist, daß es in Beziehung steht zu (a) unterschiedlichen Bildungschancen und Lerninhalten verschiedener Generationen, (b) unterschiedlichen Leitvorstellungen in den sozialen Milieus verschiedener Altersgruppen und (c) einer möglicherweise mit zunehmendem Alter abnehmenden kognitiven Flexibilität gegenüber ungewohnten „Störungen" des Alltags;
  • die Größe des Wohnorts der Befragten, die nach den verfügbaren Erkenntnissen zumindest als grober Indikator für die (mit Gemeindegröße positiv korrelierten) „objektiven" Wahrscheinlichkeiten regelmäßiger Begegnungen mit „Ausländern" anzusehen ist und darüber hinaus auf unterschiedliche strukturelle Bedingungen für die Ausbildung sozialer Milieus verweist;
  • die Lage des Wohnorts der Befragten in Ost- oder Westdeutschland, die als Kontrollvariable mit einbezogen wird, um festzustellen, ob es unter Berücksichtigung der genannten Faktoren wesentliche systematische Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen gibt;
  • das Geschlecht der Befragten als zusätzliche Kontrollvariable zur Überprüfung systematischer Unterschiede im Ausmaß fremdenfeindlicher Tendenzen zwischen Frauen und Männern (unter Berücksichtigung der genannten Faktoren).

Diese Variablen werden schrittweise in aufeinander aufbauende Regressionsmodelle eingeführt, weil so die relevanten Wirkungszusammenhänge besser verdeutlicht werden können. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet ein sehr einfaches Modell (Modell 1), das lediglich die Variablen Alter, Geschlecht, Gemeindegröße, Ost/West und das Bildungsniveau enthält. In Modell 2 sind darüber hinaus Variablen berücksichtigt, die sich auf das berufliche Ausbildungsniveau - und damit indirekt auf die Einkommenserzielungschancen - sowie auf momentan oder in der Vergangenheit erfahrene Arbeitslosig-

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keit beziehen. Diese Analysen bilden die Basis der nachfolgenden Berechnungen, in denen weitere Einflußfaktoren mit berücksichtigt werden. Die Einzelheiten und Ergebnisse der berechneten Modelle, die im Folgenden erläutert werden, finden sich im Anhang dieser Studie.

Alter und Bildung

Wie die Ergebnisse der Regressionsanalysen für das Modell 1 zeigen, steht ein beträchtlicher Teil der beobachteten Unterschiede im Ausmaß fremdenfeindlicher Haltungen in einem deutlichen Zusammenhang mit Unterschieden des Alters und Bildungsniveaus der befragten Personen: Der Koeffizient der Variablen Alter ist positiv und zeigt an, daß die Tendenz zu Fremdenfeindlichkeit mit zunehmendem Alter wächst. Wie am negativen Vorzeichen des Koeffizienten zu erkennen ist, sinkt dagegen die Neigung zu fremdenfeindlichen Einstellungen mit zunehmendem Bildungsniveau. [ Der Bestimmung des Bildungsniveaus liegt eine Ordinalskala zugrunde, die folgende Zuordnungen beinhaltet: 1 = „Schule beendet ohne Abschluß"; 2 = Volks- oder Hauptschulabschluß bzw. Polytech nische Oberschule mit Abschluß der 8. oder 9. Klasse; 3 = Mittlere Reife, Realschulabschluß, Poly technische Oberschule mit Abschluß der 10. Klasse und sonstige Schulabschlüsse; 4 = Fachhochschul reife; 5 = Abitur.] Daß es sich in beiden Fällen um signifikante Effekte handelt, ist am angegebenen t-Wert abzulesen; dieser liegt deutlich über dem Richtwert von 1.96, was darauf schließen läßt, daß der festgestellte Zusammenhang mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% systematisch und nicht zufällig ist. Die Werte der ausgewiesenen Beta-Koeffizienten sind ein Hinweis darauf, welchen Anteil die jeweilige Variable an der gesamten durch das Modell erklärten Varianz hat. Welcher Anteil der beobachteten Unterschiede im Ausmaß fremdenfeindlicher Einstellungen mit den betrachteten Faktoren insgesamt erklärt werden kann, wird durch den (korrigierten) R²-Wert ausgewiesen; er beträgt beim Modell 1 rund 23%.

Der in Bezug auf das Bildungsniveau bereits in Modell 1 erkennbare Zusammenhang tritt noch deutlicher hervor, wenn man die für das Modell 1a ausgewiesenen Schätzergebnisse für die einzelnen Schulabschlüsse betrachtet: Personen mit einem Realschulabschluß weisen im Vergleich zu Personen mit einem Grund- oder Hauptschulabschluß (der Referenzkategorie) im Durchschnitt eine deutlich geringere Tendenz zu Fremdenfeindlichkeit auf. Bei Personen mit Fachhochschulreife oder Abitur ist sie vergleichsweise am geringsten. Über die Gruppe der Personen ohne Schulabschluß lassen sich, vermutlich wegen der zu geringen Zahl entsprechender Fälle, zwar keine statistisch abgesicherte Aussagen treffen. Aufgrund des ausgewiesenen Koeffizienten kann aber zumindest vermutet werden, daß diese im allgemeinen noch stärker zu Fremdenfeindlichkeit neigen als Personen mit einem Grund- oder Hauptschulabschluß. Demnach kann also davon ausgegangen werden, daß es einen nahezu linearen (negativen) Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Fremdenfeindlichkeit gibt, der nichts anderes besagt, als daß sich die Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen im allgemeinen mit zunehmendem Bildungsniveau kontinuierlich verringert. [ Die Schätzergebnisse für das Modell 1a sind auch insofern von Interesse, als sie deutlich machen, daß die inhaltlichen Voraussetzungen für die zuvor verwendete Ordinalskala zur Messung des Bil dungsniveau tatsächlich hinreichend erfüllt sind. Um die Darstellung zu vereinfachen, wird deshalb im Folgenden nur noch die ordinal skalierte Variable berücksichtigt.]

Die Wirkungsmechanismen, die diesen Effekten im einzelnen zugrunde liegen, können auf der Basis der verwendeten Daten nicht genauer aufgeschlüsselt werden. Insofern kann auch keine Gewichtung der zuvor genannten Aspekte des Zusammenhangs zwischen Fremdenfeindlichkeit und Alter bzw. Bildung vorgenommen werden. Doch der

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grundlegende Befund steht innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung außer Frage (vgl. z.B. Hill 1993; Küchler 1996; Kühnel/Terwey 1994; Zick 1997).

Ost und West, Stadt und Land

Die bereits bei der deskriptiven Momentaufnahme festgestellten Unterschiede der Einstellungen gegenüber „Ausländern" in den westlichen und östlichen Bundesländern (vgl. Abschnitt 4) werden in den Ergebnissen der Regressionsanalysen für das Modell 1 noch klarer sichtbar. Es zeigt sich, daß sich Ostdeutsche im Durchschnitt auch dann als fremdenfeindlicher erweisen, wenn Unterschiede des Alters, des Geschlechts, der Wohnortgröße und des Bildungsniveaus berücksichtigt werden. Das heißt, daß ein/e Ostdeutsche/r bei vergleichbarem Bildungsniveau und ähnlichem Wohnumfeld im allgemeinen eine stärkere Tendenz zu Fremdenfeindlichkeit erkennen läßt als ein/e Westdeutsche/r. Aber auch mit der Siedlungsstruktur sind offenbar beträchtliche Unterschiede verknüpft. Personen, die in größeren Städten leben, weisen unter sonst ähnlichen Bedingungen (in Bezug auf Alter, Geschlecht und Bildung) im Durchschnitt ein wesentlich niedrigeres Niveau der Fremdenfeindlichkeit auf als jene, die in kleineren Gemeinden leben.

Beide Befunde verstärken einmal mehr die Zweifel an der Stichhaltigkeit der immer wieder vorgebrachten Behauptung, daß Fremdenfeindlichkeit die mehr oder weniger zwangsläufige Folge einer zunehmendem „Überfremdung" durch „zu viele Ausländer" in der unmittelbaren Lebensumgebung sei. Nach dieser, vor allem zu Wahlkampfzeiten oft bemühten Behauptung wäre nämlich zu erwarten, daß gerade in den alten Bundesländern und in größeren Städten, wo die überwiegende Mehrzahl der „Ausländer" lebt, Fremdenfeindlichkeit am stärksten verbreitet ist. Tatsächlich zeigt sich jedoch genau das Gegenteil: Dort, wo nur wenige oder überhaupt keine „Ausländer" leben, ist das Niveau der Fremdenfeindlichkeit im Durchschnitt deutlich höher. Darauf ist bereits in einigen anderen Studien hingewiesen worden (vgl. z.B. Böltken 1994b; Küchler 1996; Silbermann/Hüsers 1995). Worauf die festgestellten Zusammenhänge im einzelnen zurückgeführt werden können, läßt sich allerdings erst dann genauer klären, wenn zum einen weitere Indikatoren der sozialen Lage und zum anderen der Einfluß persönlicher Kontakte zu „Ausländern" kontrolliert worden sind.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Bereits die Schätzergebnisse für das Modell 1 lassen erkennen, daß zwischen Frauen und Männern im Durchschnitt keine bedeutenden Unterschiede in Bezug auf die Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen bestehen. Der ausgewiesene Koeffizient für die Variable Geschlecht scheint zwar darauf hinzudeuten, daß Frauen eher etwas fremdenfeindlicher eingestellt sind als Männer. Doch die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschlusses ist, wie der t-Wert zeigt, viel zu hoch, als daß darüber irgendwelche zuverlässigen Aussagen gemacht werden könnten. Selbst wenn weitere Merkmale der befragten Personen mit berücksichtigt werden, ändert sich dies nicht. Insofern muß - anders als im Fall der Gewalt- und Straftaten, wo deutliche geschlechtsspezifische Unterscheide zu erkennen sind – davon ausgegangen werden, daß das Geschlecht in Hinsicht auf die beobachtbaren Unterschiede in fremdenfeindlichen Einstellungen keine empirisch nachweisbare Rolle spielt. Dies wurde auch in anderen empirischen Untersuchungen festgestellt, die sich auf frühere Erhebungen im Rahmen des ALLBUS (Hill 1993) oder auf Eurobarometer-Daten (Küchler 1996) stützen. Auf die Berücksichtigung dieser Variablen kann deshalb in den nachfolgenden Analysen mit guten Gründen verzichtet werden.

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Berufliches Qualifikationsniveau und Arbeitslosigkeit

Wie sicher leicht ersichtlich ist, erfassen die bislang präsentierten Analysen nur einen kleinen Ausschnitt der Merkmale, die im Hinblick auf Unterschiede der sozialen Lage, der Einkommenserzielungschancen und der damit eventuell verknüpften, strukturell bedingten Interessenkonstellationen von Interesse sind. Insbesondere fehlen darin Informationen über die beruflichen Qualifikationen und die aktuelle Erwerbslage, von denen angenommen werden kann, daß sie von grundlegender Bedeutung für die konkreten Lebensverhältnisse und daran gekoppelten Interessenlagen sind. Zwei dafür zentrale Indikatoren sind einerseits der höchste erreichte berufsbezogene Ausbildungsabschluß und andererseits momentane oder in der Vergangenheit erfahrene Arbeitslosigkeit. Der höchste erreichte Ausbildungsabschluß gibt Aufschluß über die „Marktlage" der jeweiligen Personen, die sich aus den spezifischen Leistungsqualifikationen ergeben und in der Regel eng mit dem Einkommensniveau verknüpft sind. Je höher dieser Abschluß ist, desto geringer ist vermutlich die subjektiv wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, mit „Ausländern" um Arbeitsplätze oder andere Güter zu konkurrieren. Demnach wäre vor dem Hintergrund der Konkurrenzhypothese zu erwarten, daß ein höheres Ausbildungsniveau mit einem geringeren Niveau der Fremdenfeindlichkeit einher geht. Ausgehend von derselben Grundüberlegung wäre ferner anzunehmen, daß Arbeitslosigkeit mit relativ stark ausgeprägten fremdenfeindlichen Tendenzen verbunden ist. Diese Annahmen können auf der Basis der Schätzergebnisse für die Modelle 2 und 2a überprüft werden. [ Das berufliche Ausbildungsniveau wird in Modell 2 in Form einer Ordinalskala erfaßt, die die fol genden Ausprägungen aufweist: 0 = „ohne Berufsabschluß"; 1 = „Angelernt oder Teilfacharbeiterab schluß"; 2 = „Lehre oder Fachschulabschluß"; 3 = „sonstiger Berufsabschluß" (einschließlich Prakti kum oder Volontariat); 4 = „Meister oder gleichwertiger Fachhochschulabschluß"; 5 = „Hochschul- oder Fachhochschulabschluß".]

Den Ergebnissen für das Modell 2 läßt sich entnehmen, daß der vermutete Zusammenhang zwischen beruflichem Qualifikationsniveau und Fremdenfeindlichkeit tatsächlich zu beobachten ist: Mit zunehmenden Niveau der beruflichen Ausbildung verringert sich - unter Berücksichtigung von Unterschieden des Alters, des Bildungsniveaus, des Geschlechts und des Wohnorts - die Neigung zu fremdenfeindlichen Haltungen. Dieser Effekt ist hochsignifikant und vermindert im übrigen den Beitrag des schulischen Bildungsniveaus zur Erklärung der Unterschiede in fremdenfeindlichen Einstellungen. Der Koeffizient der Schulbildung geht unter Kontrolle der Berufsausbildung (im Vergleich zu Modell 1) zurück (von –1.59 auf –1.21) und auch der Beta-Koeffizient wird reduziert (von –0.28 auf –0.21). Das ist kaum überraschend, da zwischen Schulabschlüssen und Berufsausbildungsmöglichkeiten bekanntlich enge Zusammenhänge bestehen. Dennoch ist der Befund bemerkenswert, weil er klar macht, daß der starke Einfluß des allgemeinen (schulischen) Bildungsniveaus leicht überschätzt werden kann, wenn nicht berücksichtigt wird, daß dieser zumindest teilweise durch unterschiedliche Berufsausbildungen vermittelt und modifiziert wird.

Noch besser läßt sich der Zusammenhang zwischen beruflichem Qualifikationsniveau und Fremdenfeindlichkeit verdeutlichen, wenn die Ergebnisse für das Modell 2a betrachtet werden, in dem die verschiedenen Berufsabschlüsse getrennt berücksichtigt worden sind. Sie zeigen, daß dieser Zusammenhang weitestgehend linear ist, daß also, anders formuliert, mit jeder Stufe des erreichten Berufsabschlusses die durchschnittliche Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen zurückgeht. Sie ist (jeweils im Vergleich zur Referenzkategorie: Personen mit abgeschlossener Lehre) am höchsten bei Personen ohne Berufsabschluß, ebenfalls sehr hoch bei Angelernten, wesentlich geringer bei Meistern und Fachschulabsolventen und am geringsten bei Hochschulabsolventen.

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Während dieses Resultat mit den zuvor genannten Vermutungen übereinstimmt, trifft dies für den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit offenbar nicht zu. Die Koeffizienten für die Arbeitslosigkeitsvariablen (in Modell 2 bzw. 2a) deuten zwar darauf hin, daß Arbeitslosigkeit fremdenfeindliche Einstellungen zu begünstigen scheint. Aber es läßt sich aufgrund der Schätzergebnisse nicht mit der nötigen Sicherheit sagen, daß Arbeitslose im allgemeinen fremdenfeindlicher sind als Personen, die nicht von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder waren, wenn Unterschiede des Alters, des Bildungsniveaus, des Wohnorts und des beruflichen Ausbildungsniveaus berücksichtigt werden. Das gilt sowohl für aktuell Arbeitslose als auch für Personen, die in den vorangegangenen zehn Jahren für kürzere Zeiträume (insgesamt weniger als 12 Monate) oder längere Zeit ohne Arbeit waren. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte Hill, der diesen Zusammenhang auf der Grundlage von Daten aus der ALLBUS-Umfrage von 1992 besonders ausführlich analysiert hat (Hill 1993). Darüber hinaus zeigt dessen Analyse, daß sich Arbeitslose auch in Bezug auf die Einstellung gegenüber der Zuwanderung von Immigranten sowie hinsichtlich der Präferenz für extrem rechte Parteien nicht wesentlich von der „Restbevölkerung" unterscheiden.

Dieser Befund steht in einem klaren Gegensatz zu der von vielen aufgestellten Behauptung, daß Arbeitslosigkeit Fremdenfeindlichkeit erzeuge. Für diese Behauptung gibt es keine empirisch stichhaltige Grundlage. Die vorliegenden Ergebnisse lassen jedenfalls keinen Zweifel daran, daß Arbeitslosigkeit als solche keinen negativen Effekt auf die Einstellung zu „Ausländern" hat. Viel wichtiger sind offenbar andere Faktoren, zu denen neben dem Alter, dem Bildungsniveau und dem Wohnort vor allem das berufliche Qualifikationsniveau und die damit verknüpfte allgemeine soziale Lage zählt. Untersuchungen, in denen diese Faktoren nicht berücksichtigt werden und lediglich auf bivariate Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Fremdenfeindlichkeit verwiesen wird, sind insofern mit großer Skepsis zu betrachten.

Weitere Indikatoren der sozialen Lage

Das berufliche Ausbildungsniveau ist in der Regel eng mit dem beruflichen Status und den damit einher gehenden Einkommenserzielungschancen verknüpft und kann insofern als ein wichtiger Indikator der sozialen Lage aufgefaßt werden. Dafür gibt es in der sozialwissenschaftlichen Forschung genügend Anhaltspunkte. Dennoch ist dieser Indikator allein nicht hinreichend aussagekräftig, wenn es darum geht, die tatsächliche ökonomische und soziale Lage der Bevölkerung zu erfassen. Es ist ja zum Beispiel durchaus möglich, daß auch jemand mit einem relativ niedrigen beruflichen Ausbildungsniveau eine hohe berufliche Stellung und eine privilegierte soziale Lage erreicht. Deshalb liegt es nahe, die Analyse der Zusammenhänge zwischen sozialstruktruellen und soziodemographischen Faktoren einerseits und fremdenfeindlichen Einstellungen andererseits durch die Berücksichtigung anderer Indikatoren der ökonomischen und sozialen Lage zu vertiefen.

Von besonderem Interesse sind dabei Angaben über die aktuelle oder zuletzt ausgeübte berufliche Tätigkeit, die zusammen mit der beruflichen Stellung als Indikator der Klassenlage verstanden werden kann. Diese ist zwar mit dem beruflichen Ausbildungsniveau hoch korreliert, bezieht sich aber direkter als jene auf den tatsächlich erreichten ökonomischen und sozialen Status. [ Aufgrund der hohen Korrelation zwischen Ausbildungsniveau und Klassenlage ist es nicht sinnvoll, beide Variablen in ein Modell zu integrieren. Deshalb wird im Folgenden das berufliche Ausbildungs niveau ausgeklammert und lediglich die Klassenlage berücksichtigt.] Im ALLBUS-Datensatz sind die entsprechenden Angaben nach der internationalen Standardklassifikation der Berufe (ISCO) codiert, die wie-

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derum nach einem einschlägigen Klassenschema von Goldthorpe kategorisiert werden können. Dieses Klassenschema umfaßt insgesamt zwölf Klassen, die für die folgenden Analysen zu sieben Klassen zusammengefaßt wurden, um zum einen eine ausreichende Besetzung der einzelnen Kategorien zu gewährleisten und zum anderen die Darstellung übersichtlicher gestalten zu können. [ Die zwölf von Goldthorpe unterschiedenen Klassen wurden wie folgt zusammengefaßt: Klasse 1: höhere und mittlere Ränge der akademischen Berufe sowie der Verwaltungs- und Managementberufe und Großunternehmer; Klasse 2: Selbständige mit kleinen und mittleren Unternehmen sowie selbstän dige Landwirte; Klasse 3: untere Dienstklasse (z.B. Beamte im mittleren oder gehobenen Dienst, Sach bearbeiter, Abteilungsleiter usw.); Klasse 4: leitende Arbeiter und Angestellte (Meister, Vorarbeiter etc.); Klasse 5: Facharbeiter; Klasse 6: Beschäftigte in nicht-manuellen Berufen mit Routinetätigkeiten (Büroberufe, Verkaufsberufe etc.); Klasse 7: un- und angelernte Arbeiter u.ä.] Sie sind im Modell 3 berücksichtigt.

Die Schätzergebnisse für dieses Modell (mit der Referenzkategorie „Facharbeiter") zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Klassenlage und Fremdenfeindlichkeit, der im wesentlichen den bereits angeführten Vermutungen entspricht: Je höher die Klassenlage ist, um so geringer ist im Durchschnitt die Neigung zu fremdenfeindlichen Haltungen. Un- und angelernte Arbeiter (Klasse 7) neigen vergleichsweise am stärksten zu fremdenfeindlichen Orientierungen, während Angehörige der sogenannten „unteren Dienstklasse" (Klasse 3), zu denen unter anderem Sachbearbeiter, Abteilungsleiter und Beamte im mittleren und gehobenen Dienst zählen, im Vergleich zu ihnen und auch im Vergleich zu den Facharbeitern eher positive Einstellungen gegenüber „Ausländern" aufweisen. Am geringsten ist die Tendenz zu fremdenfeindlichen Einstellungen in der obersten Klasse (Klasse 1), die vor allem Personen in akademischen, Verwaltungs- und Managementberufen sowie Großunternehmer umfaßt. Über die Selbstständigen (Klasse 2), die Gruppe der leitenden Arbeiter und Angestellten (Klasse 4) und die Gruppe der (größtenteils weiblichen) Beschäftigten in nicht-manuellen Berufen (Klasse 6) können keine hinreichend gesicherten Aussagen getroffen werden, was unter anderem daran liegen dürfte, daß sich diese relativ groben Kategorien auf sehr unterschiedliche berufliche Positionen und Tätigkeiten beziehen. Allerdings kann aufgrund der Vorzeichen der geschätzten Koeffizienten zumindest vermutet werden, daß auch diese Personengruppen im Durchschnitt eine erheblich geringere Tendenz zu fremdenfeindlichen Einstellungen erkennen lassen als un- oder angelernte Arbeiter.

Dieses Ergebnis ist zunächst ein klarer Beleg dafür, daß Unterschiede in der ökonomischen und sozialen Lage, die hier vereinfacht als Klassenlage bezeichnet werden, mit unterschiedlich stark ausgeprägten Tendenzen zu Fremdenfeindlichkeit verbunden sind. Angesichts der Tatsache, daß nach wie vor der größte Teil der Immigranten und ihrer Nachkommen der Gruppe der un- und angelernten Arbeiter zuzurechnen ist und auch sonst, etwa in Bezug auf das Einkommen und die Chancen am Wohnungsmarkt, eher typische Merkmale der Unterschicht aufweist, können diese Befunde außerdem als ein bemerkenswerter Hinweis auf den Einfluß unterschiedlicher Interessenlagen verstanden werden. Diejenigen Personen, die aufgrund ihrer sozialen Positionierung am ehesten mit „Ausländern" um Arbeitsplätze, Wohnungen und andere Güter konkurrieren, scheinen tatsächlich besonders stark zu Fremdenfeindlichkeit zu neigen, während andere, die sich in einer relativ privilegierten Position befinden, eine relativ positive und offene Haltung gegenüber „Ausländern" einnehmen. Ob dies allerdings hauptsächlich oder gar ausschließlich auf Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung von Interessenkonflikten beim Zugang etwa zu Arbeitsplätzen zurückzuführen ist, kann auf der Grundlage der verfügbaren Daten nicht im Detail geklärt werden.

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Zum Einfluß persönlicher Kontakte

Nachdem sich bereits bei der Analyse der Siedlungsstruktur und der Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bundesländern herausstellte, daß Fremdenfeindlichkeit eher dort stark verbreitet ist, wo wenige „Ausländer" leben, soll nun geprüft werden, welchen Einfluß persönliche Kontakte zu „Ausländern" unter Kontrolle der genannten sozialstrukturellen Faktoren haben. Dazu ist es notwendig, erneut zwei getrennte Modelle zu betrachten. Im ersten, dem Modell 4, wird berücksichtigt, ob die Befragten überhaupt irgendwelche persönlichen Kontakte zu „Ausländern" in der eigenen Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis haben. Das zweite, das Modell 5, beinhaltet hingegen lediglich Kontakte am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Eine gesonderte Betrachtung des zweiten Modells ist vor allem deshalb von Interesse, weil nicht auszuschließen ist, daß Kontakte in der eigenen Familie oder im Freundeskreis größtenteils von Personen aufgenommen werden, die generell keine Vorbehalte gegen „Ausländer" haben. Es wäre deshalb problematisch, solche Kontakte als eine unabhängige oder exogene Variable in Bezug auf fremdenfeindliche Haltungen aufzufassen. Bei persönlichen Kontakten am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft kann dagegen viel eher angenommen werden, daß sie sich auch unabhängig von zuvor bestehenden fremdenfeindlichen Orientierungen ergeben können und dann auf diese zurückwirken.

Betrachtet man zunächst die Ausprägung fremdenfeindlicher Einstellungen in Abhängigkeit davon, ob überhaupt irgendwelche persönlichen Kontakte zu „Ausländern" bestehen, zeigt sich ein sehr starker und hochsignifikanter Zusammenhang: Diejenigen, die solche Kontakte in der eigenen Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis haben, sind im Durchschnitt – und unter Berücksichtigung von Unterschieden des Alters, des Bildungsniveaus, des Wohnorts und der Klassenlage - deutlich weniger fremdenfeindlich eingestellt als andere, die überhaupt keine persönlichen Kontakte haben. Ein Vergleich der geschätzten Koeffizienten für die anderen Einflußfaktoren mit denen der vorherigen Modelle läßt außerdem einige bemerkenswerte Veränderungen erkennen. Für sämtliche zuvor betrachteten Variablen ergeben sich erhebliche Verminderungen der Koeffizienten. Der abgeschwächte Effekt altersspezifischer Unterschiede kann dabei vor allem als ein Hinweis darauf gewertet werden, daß ältere Personen unter anderem auch deshalb eher fremdenfeindliche Einstellungen aufweisen, weil sie im allgemeinen weniger direkte persönliche Erfahrungen mit „Ausländern" gemacht haben als die Angehörigen jüngerer Generationen, von denen viele schon mit den Kindern italienischer, türkischer und anderer Immigranten aufgewachsen sind. Daß sich der Einfluß unterschiedlicher Gemeindegrößen unter Kontrolle tatsächlich bestehender Kontakte verringert, deutet darauf hin, daß die zuvor festgestellten Unterschiede zwischen Bewohnern kleiner Gemeinden und größeren Städten zu einem erheblichen Teil tatsächlich auf unterschiedliche „objektive" Wahrscheinlichkeiten für regelmäßige Begegnungen mit „Ausländern" zurückgeführt werden können.

Besonders bemerkenswert sind jedoch die Veränderungen in Hinsicht auf die Zusammenhänge zwischen Fremdenfeindlichkeit und sozialer Lage einerseits und die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland andererseits. Offensichtlich verringern sich die Unterschiede in der Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen zwischen Angehörigen der relativ privilegierten Gruppen im Vergleich zur Gruppe Facharbeiter sowie der un- und angelernten Arbeiter erheblich, wenn persönliche Kontakte zu „Ausländern" berücksichtigt werden. Den Schätzergebnissen zufolge kann zum Beispiel vermutet werden, daß un- und angelernte Arbeiter mit persönlichen Kontakten zu „Ausländern" im Durchschnitt kaum fremdenfeindlicher sind als Personen in privilegierten sozialen Positionen, die keine persönlichen Kontakte haben. Noch augenfälliger sind indessen die

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Veränderungen der festzustellenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Während zuvor durchgängig eine deutlich höhere Tendenz zu fremdenfeindlichen Einstellungen bei Befragten aus den neuen Bundesländern zu beobachten war, wird der „Ost-Effekt" nunmehr statistisch insignifikant. Demnach ist ein/e Ostdeutsche/r - unter sonst gleichen Bedingungen (in Bezug auf Alter, Bildungsniveau, Gemeindegröße oder soziale Lage) -, der/die persönliche Kontakte zu „Ausländern" hat, im Durchschnitt kaum fremdenfeindlicher als jemand, der in den alten Bundesländern wohnt.

Diese Veränderungen im Gewicht der einzelnen Hintergrundfaktoren werden allerdings abgeschwächt, wenn man aus den angeführten Gründen Kontakte in der Familie oder im Freundeskreis ausklammert und lediglich Kontakte am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft berücksichtigt. Doch auch die Schätzergebnisse für das Modell 5 machen deutlich, daß Personen, die am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft einigermaßen regelmäßige Kontakte zu „Ausländern" haben, unabhängig von sonstigen Unterschieden in Bezug auf das Alter, das Bildungsniveau, den Wohnort oder die soziale Lage weniger zu fremdenfeindlichen Haltungen neigen als andere, für die dies nicht zutrifft. Anders als beim zuvor analysierten Modell, sind zwar nun erneut stärkere Unterschiede zwischen Personen in verschiedenen sozialen Lagen und zwischen Ost- und Westdeutschen festzustellen. Doch deuten die ausgewiesenen Koeffizienten darauf hin, daß zum Beispiel auch un- und angelernte Arbeiter oder Ostdeutsche, die nur am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft persönliche Kontakte zu „Ausländern" haben, im Durchschnitt keine höhere Tendenz zu fremdenfeindlichen Orientierungen erkennen lassen, als diejenigen, die über keine Kontakte verfügen.

Diese Befunde über den Einfluß persönlicher Kontakte stimmen im wesentlichen mit den Ergebnissen zahlreicher anderer Untersuchungen überein, die teilweise ebenfalls auf der Basis von ALLBUS-Daten, teilweise aber auch mit anderen Daten und Operationalisierungen vorgenommen wurden (vgl. Böltken 1994a; Krauth/Porth 1984; Küchler 1994, 1996). Um sie zu vertiefen wären jedoch weiterführende Analysen erforderlich, in denen zum Beispiel nicht nur das Bestehen oder Nicht-Bestehen von persönlichen Kontakten, sondern auch deren Häufigkeit und Qualität sowie zusätzliche Angaben etwa über die jeweils „objektiv" bestehenden Kontaktmöglichkeiten und die tatsächlich aufgenommen Kontakte zu berücksichtigen wären. Umfangreiche Beobachtungen über längere Zeiträume wären nötig, um feststellen zu können, ob persönliche Kontakte wirklich zu einer Abschwächung fremdenfeindlicher Haltungen führen oder selbst schon eine relativ „fremdenfreundliche" Grundhaltung voraussetzen. Solche Fragen können auf der Grundlage der verfügbaren Daten nicht geklärt werden.

Gleichwohl bleibt festzuhalten, daß die dargestellten Resultate der Regressionsanalyse genügend Grund zur Annahme geben, daß persönliche Kontakte im allgemeinen eher positive Orientierungen gegenüber „Ausländern" begünstigen. Dieser Befund ist nicht unbedingt selbstverständlich. Grundsätzlich ist nicht auszuschließen, daß sich persönliche Beziehungen zu „Ausländern" auch in umgekehrter Richtung auswirken können und eine Verschärfung fremdenfeindlicher Einstellungen nach sich ziehen. Letzteres dürfte nach den vorliegenden Resultaten aber eher selten der Fall sein. Jedenfalls scheint nach den angeführten Ergebnissen der positive Einfluß persönlicher Beziehungen zu Angehörigen von Immigrantengruppen insgesamt deutlich zu überwiegen. Über die dabei maßgeblichen Wirkungszusammenhänge können auf der Grundlage der hier verwendeten Daten keine eindeutigen Aussagen gemacht werden. Doch die Vermutung liegt nahe, daß persönliche Kontakte dazu beitragen, vermeintliche Gewißheiten und Vorurteile gegenüber „den Ausländern" in Frage zu stellen und eine differenziertere Sichtweise zu entwickeln. Daß solche Kontakte von Personen gezielt gesucht werden, die eher fremdenfeindlich eingestellt sind, ist freilich wenig wahrscheinlich. Es ist aber

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durchaus möglich, daß auch sie durch eher zwangsläufig sich ergebende Kontakte am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft dazu gebracht werden können, gewohnte Orientierungsmuster und Verhaltensweisen zu relativieren. Mangelt es hingegen an solchen eher zwangsläufigen Kontaktgelegenheiten, wie zum Beispiel in den östlichen Bundesländern oder im Lebensalltag vieler älterer Personen, können solche Herausforderungen an gewohnte Denk- und Verhaltensweisen wahrscheinlich nur allzu leicht vermieden werden.

„Typische Kovariate"

Die bislang dargestellten Ergebnisse beschränkten sich im wesentlichen auf sozialstrukturelle und soziodemographische Faktoren, von denen anzunehmen ist, daß sie sich mehr oder weniger unmittelbar auf die soziale Positionierung und Lebenslage der befragten Personen, auf ihre Ausstattung mit allgemeinen kognitiven und ausbildungsspezifischen Fähigkeiten und auf Erfahrungen mit „Ausländern" beziehen. Auf die Berücksichtigung irgendwelcher allgemeiner ideologischer Orientierungen und Werthaltungen wurde bisher bewußt verzichtet, da fraglich ist, inwieweit diese tatsächlich „unabhängige" Variablen darstellen. Sowohl in der sozialwissenschaftlichen Literatur als auch in der öffentlichen Diskussion wird in Bezug auf die Ursachen fremdenfeindlicher Tendenzen allerdings immer wieder nachdrücklich auf solche Faktoren hingewiesen. Genannt werden vor allem: (i) die allgemeine politische Orientierung entlang des „links"-"rechts"-Kontinuums; (ii) die Bewertung der Wichtigkeit „materialistischer" oder „postmaterialistischer" Werte; (iii) die Parteipräferenz; (iv) das Ausmaß relativer Deprivation bzw. das Ausmaß subjektiver Benachteiligung im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen; und schließlich (v) die Stärke des Nationalstolzes. Wegen der Bedeutung, die diesen Faktoren als „typischen Kovariaten" (Hill 1993) zugemessen wird, soll im Folgenden wenigstens kurz auf deren Zusammenhang mit fremdenfeindlichen Einstellungen eingegangen werden. Als Bezugsrahmen dient dabei das zuletzt vorgestellte Modell 5, mit dem die jeweiligen Schätzergebnisse verglichen werden. Die Ergebnisse werden erneut getrennt präsentiert, um eine übersichtlichere Darstellung der Zusammenhänge zu ermöglichen und problematische Verzerrungen der Effekte (durch Interkorrelationen) zu vermeiden.

Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit

Ein häufig verwendeter Indikator für die Stärke der Identifikation mit der Nation oder dem Volk der Deutschen ergibt sich aus den Angaben zur Frage, ob jemand von sich selbst sagt, er/sie sei „sehr stolz", „ziemlich stolz", „nicht sehr stolz" oder „überhaupt nicht stolz" darauf, Deutsche/r zu sein. Diese Angaben, die in der ALLBUS-Umfrage von 1996 enthalten sind, sind im Modell 5 berücksichtigt. [ Die Angaben liegen für insgesamt 3222 Befragte (mit deutscher Staatsbürgerschaft) vor, von denen rund 19% erklärten, sie seien „sehr stolz", Deutsche zu sein; als „ziemlich stolz" bezeichneten sich rund 45%; als „nicht sehr stolz" fast 23% und als „überhaupt nicht stolz" etwas mehr als 13% der Be fragten.] Die entsprechenden Schätzergebnisse zeigen ein wenig überraschendes Resultat, das auch aus anderen empirischen Untersuchungen bekannt ist (vgl. z.B. Hill 1993): Wer „sehr stolz" oder „ziemlich stolz" darauf ist, deutsch zu sein, neigt weitaus eher zu fremdenfeindlichen Einstellungen als Personen ohne ausgeprägten Nationalstolz. Es stellt sich allerdings die Frage, wie dieser starke und hochsignifikante Zusammenhang zu interpretieren ist. Geht man davon aus, daß Fremdenfeindlichkeit im Kern auf einer ethnischen Grenzziehung beruht, die immer schon den Bezug auf eine (vermeintlich) durch Herkunft und kulturelle Eigenheiten ab-

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grenzbare „Wir-Gruppe" voraussetzt (vgl. Abschnitt 2), dann liegt der Verdacht nahe, daß ausgeprägter Nationalstolz und fremdenfeindliche Orientierungen letztlich nur unterschiedliche Ausformungen eines Phänomens darstellen. Damit ist zwar nicht gesagt, daß jeder, der angibt, er sei sehr stolz darauf, Deutscher zu sein, zwangsläufig fremdenfeindlich eingestellt ist (oder umgekehrt). Doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle scheint dies zuzutreffen. Wenn aber starker Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit derart eng miteinander verquickt sind, daß das eine fast immer auf das andere verweist, dann ist die Stärke des statistisch ausgewiesenen Effekts wenig verwunderlich, da die Variable im Grunde selbst Bestandteil des zu erklärenden Phänomens ist. Sie kann dann allenfalls als eine „Kovariate" verstanden werden, die auf ein typisches Einstellungssyndrom verweist, nicht aber als eine ursächliche Komponente, die einen Beitrag zur Erklärung der Unterschiede im Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit leistet.

... relative Deprivation

Ebenfalls auf der Ebene subjektiver Wahrnehmungs- und Einstellungsmuster ist die sogenannte „relative Deprivation" einzuordnen. Anders als die zuvor betrachteten Faktoren bezieht sich dieses Konstrukt nicht auf „objektive" sozialstrukturelle und soziodemographische Gegebenheiten, sondern auf subjektive Eindrücke einer sozialen Benachteiligung oder Bevorzugung. Ein Maßstab dafür sind die im ALLBUS enthaltenen Angaben zur Frage, ob die jeweiligen Befragten der Meinung sind, sie erhielten „im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben" „sehr viel weniger", „etwas weniger", ihren „gerechten Anteil" oder „mehr als den gerechten Anteil". Die daraus gebildete Variable ist im Modell 7 berücksichtigt. Die entsprechenden Schätzergebnisse zeigen einen starken und hochsignifikanten Effekt, der darauf hinweist, daß Personen, die meinen, sie würden im Vergleich zu anderen (Deutschen oder „Ausländern") benachteiligt, im allgemeinen wesentlich stärker zu fremdenfeindlichen Einstellungen tendieren als andere, die der Auffassung sind, sie erhielten ihren „gerechten Anteil" oder sogar „mehr als den gerechten Anteil".

Dies könnte man als eine Art „Sündenbockeffekt" oder als Resultat „ökonomisch und sozial motivierten Neids" (Küchler 1996: 261) auffassen. Möglicherweise ist dabei auch die Erwartung der (vermeintlich) Benachteiligten bedeutsam, ihre soziale Lage würde sich verbessern, wenn weniger „Ausländer" in Deutschland lebten. Unterstützt wird diese Vermutung dadurch, daß die festgestellten Unterschiede dann besonders deutlich zu erkennen sind, wenn die diskriminierende Forderung nach einer Ausweisung von „Ausländern" bei knappen Arbeitsplätzen betrachtet wird. [ Die Korrelationen zwischen dem Deprivationsindikator und den einzelnen „Ausländerfragen" betra gen bei der Forderung nach mehr Lebensstilanpassung 0.0743, bei der Forderung nach einem Verbot politischer Betätigung 0.1295, bei der Forderung nach endogamen Heiraten 0.1682 und bei der Forde rung nach einer Ausweisung von „Ausländern" bei Arbeitsplätzeknappheit 0.2424. In bivariaten Re gressionsanalysen zeigt sich, daß die durch den Deprivationsindikator erklärbare Varianz im letzteren Fall am größten ist.] Befragte, die angeben, benachteiligt zu sein, stimmen vor allem dieser Forderung überdurchschnittlich stark zu. Gerade diese Personengruppe ist unter den Befragten aus den neuen Bundesländern überproportional vertreten und es ist insofern wenig überraschend, daß die zuvor festgestellten Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen nunmehr - statistisch betrachtet - insignifikant werden. Dies ist ein Hinweis darauf, daß die überdurchschnittlich hohe Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern neben den „objektiv" geringeren Gelegenheiten zu persönlichen Kontakten zu einem erheblichen Teil auch auf (vermeintliche) Benachteiligungen zurückzuführen sind, deren Minderung sich zumindest einige wohl von einer Diskriminierung oder gar Ausweisung von „Ausländern" ver-

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sprechen. Allerdings deuten auch in diesem Fall die geschätzten Koeffizienten darauf hin, daß sich dieser Effekt deutlich abschwächen dürfte, wenn persönliche Kontakte zu „Ausländern" bestehen.

... Parteipräferenzen

Um Zusammenhänge zwischen Parteipräferenzen und fremdenfeindlichen Einstellungen festzustellen, soll nun ein Modell analysiert werden, in dem Angaben der befragten Personen über die Partei, die sie bei der letzten Bundestagswahl (1994) mit der Zweitstimme gewählt haben, enthalten sind. Darauf beziehen sich die Schätzergebnisse für das Modell 8, die einige deutliche und hochsignifikante Zusammenhänge erkennen lassen. Es zeigt sich, daß Befragte, die bei der Bundestagswahl ihre Zweitstimme den Grünen oder der PDS gegeben haben, im allgemeinen eine deutlich geringere Fremdenfeindlichkeit zu erkennen geben, als diejenigen, die die CDU/CSU (die Referenzkategorie) oder eine andere Partei gewählt haben. Wählerinnen und Wähler der SPD und - in geringerem Maß - die der FDP lassen im Durchschnitt ebenfalls eine geringere Neigung zu fremdenfeindlichen Haltungen erkennen als diejenigen, die ihre Zweitstimme der CDU/CSU gegeben haben. Mit weitem Abstand vergleichsweise am fremdenfeindlichsten sind jedoch, erwartungsgemäß, Wählerinnen und Wähler der Republikaner. Wer Republikaner wählt, ist offenbar auch unabhängig von allen sonstigen bislang betrachteten Merkmalen fremdenfeindlicher als die übrige Bevölkerung.

Besonders der Fall der Wählerinnen und Wähler der Republikaner macht indes deutlich, daß Parteipräferenz und fremdenfeindliche Orientierungen oft eng miteinander verflochten sind. Kausale Zuordnungen sind hier problematisch. Möglicherweise ließen sich diejenigen, die ihre Zweitstimme für die Partei der Republikaner abgaben, von deren fremdenfeindlichen Parolen beeinflussen und sind deshalb fremdenfeindlich eingestellt. Ebenso ist aber denkbar, daß sie diese Partei wählten, weil sich deren Parolen mit den eigenen Einstellungen gegenüber „Ausländern" decken. Letzteres ist zwar plausibler, doch es bleibt unklar, welche Vermutung eher zutrifft. Ähnliche Interpretationsprobleme ergeben sich auch bei Präferenzen für andere Parteien. Allein dies spricht für eine Zurückhaltung gegenüber allgemeinen Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen Parteipräferenz und Fremdenfeindlichkeit. Wie bereits beim Nationalstolz wäre es sinnvoller, Parteipräferenzen als Kovariate und nicht als „Ursache" fremdenfeindlicher Orientierungen aufzufassen.

... „linke"/"rechte" Orientierungen und „(post-)materialistische" Werthaltungen

Abschließend sollen nun noch die oft unterstellten Zusammenhänge zwischen Fremdenfeindlichkeit einerseits und „linken" bzw. „rechten" politischen Orientierungen sowie „materialistischen" bzw. „postmaterialistischen" Werthaltungen andererseits genauer in den Blick genommen werden. Die Feststellung der allgemeinen politischen Orientierungen stützt sich dabei auf Angaben über die subjektive Selbsteinschätzung auf einer zehnstufigen „links"-"rechts"-Skala. Zur Beschreibung „materialistischer" bzw. „postmaterialistischer" Werthaltungen dient der sogenannte Inglehart-Index, der auf vier Items beruht, welche sich wiederum auf die relative Bewertung von eher „materialistischen" Zielen („Ruhe und Ordnung" sowie „Kampf gegen steigende Preise") und eher „postmaterialistischen" Zielen („Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung" sowie „Einfluß der Bürger auf Regierungsentscheidungen") beziehen. Für beide Variablen wurden bereits in anderen Untersuchungen starke Zusammenhänge mit fremdenfeindlichen Einstellungen beobachtet, wobei durchwegs enge Beziehungen

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zwischen Fremdenfeindlichkeit und „rechten" sowie „materialistischen" Orientierungen festgestellt wurden (vgl. Fuchs/Gerhard/Roller 1993; Hill 1993; Küchler 1994, 1996; Kühnel/Terwey 1994; Silbermann/Hüsers 1995).

Diese Befunde werden durch die Schätzergebnisse für die Modelle 9 und 10 im Prinzip bestätigt. An den für das Modell 9 ausgewiesenen Koeffizienten ist abzulesen, daß Personen, die sich selbst als „rechts" bezeichnen, im allgemeinen – und unter Kontrolle von sonstigen soziodemographischen und sozialstrukturellen Unterschieden - deutlich fremdenfeindlicher sind als „Linke". [ Nur am Rande sei darauf hingewiesen, daß die beobachtbaren Zusammenhänge zwischen fremden feindlichen Einstellungen und linken Orientierungen nicht ganz eindeutig sind. Zwar weisen „Linke" im Durchschnitt deutlich geringere Tendenzen zu Fremdenfeindlichkeit auf, doch unter denjenigen, die sich am linken Extrempunkt der Skala einordnen, nimmt die Zustimmung zu diskriminierenden Aussa gen wieder zu. Darauf hatten bereits Kühnel und Terwey (1994) in einer Analyse der Daten aus älteren ALLBUS-Umfragen hingewiesen. Auf der Basis des ALLBUS 1996 ergibt sich der gleiche Befund.] Eine stärkere Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen läßt sich (unter sonst gleichen Bedingungen) gemäß den Schätzergebnissen für Modell 10 auch bei Personen beobachten, für die eher „materialistische" politische Zielsetzungen wichtiger sind als „postmaterialistische" Werte. Für beide Variablen sind die dargestellten Effekte hochsignifikant und auch in Hinsicht auf die Größe der Koeffizienten beträchtlich; der Koeffizient für den (Post-) Materialismus-Index hat sogar von allen betrachteten Variablen den höchsten Wert. Es stellt sich nur die Frage, wie diese Zusammenhänge zu interpretieren sind und welche Bedeutung ihnen bei der Erklärung fremdenfeindlicher Orientierungen zugemessen werden kann.

In Bezug auf die Unterschiede zwischen „Linken" und „Rechten" wird in der Regel ganz einfach darauf hingewiesen, daß Fremdenfeindlichkeit ein wesentlicher Bestandteil rechter und rechtsextremer Ideologien und Orientierungen sei, während umgekehrt linke Orientierungen typischerweise mit Forderungen etwa nach internationaler Solidarität und sozialer Gerechtigkeit verbunden seien. Ähnlich wird hinsichtlich materialistischer bzw. postmaterialistischer Wertorientierungen argumentiert. So wird zum Beispiel behauptet, „kosmopolitische Orientierungen" seien „Elemente postmaterialistischer Ideologien" (Fuchs/Gerhard/Roller 1993: 250), woraus sich mehr oder weniger zwangsläufig positive Einstellungen gegenüber „Ausländern" ergeben sollen. Im Prinzip wird damit der Versuch gemacht, fremdenfeindliche Orientierungen zu allgemeineren Orientierungsmustern oder Ideologien in Beziehung zu setzen. Daran müßte sich dann allerdings die Frage anschließen, worauf es zurückzuführen ist, daß sich die einen eher von linken oder postmaterialistischen und die anderen eher von rechten oder materialistischen Orientierungen leiten lassen. Allein aus der Eigenlogik der Einstellungsmuster und Wertorientierungen heraus läßt sich dies wohl kaum erklären. Doch darauf wird in den vorliegenden Untersuchungen allenfalls am Rande eingegangen.

Einige aufschlußreiche Hinweise für eine genauere Überprüfung der Zusammenhänge zwischen Fremdenfeindlichkeit und linken bzw. rechten sowie materialistischen bzw. postmaterialistischen Orientierungen können indessen schon den Ergebnissen der Regressionsanalysen entnommen werden. Beim Vergleich der Koeffizienten der Modelle 9 und 10 mit denen des als Bezugsrahmen dienenden Modells 5 fällt nämlich auf, daß linke oder rechte politische Einstellungen, insbesondere aber materialistische bzw. postmaterialistische Werthaltungen offenbar in einem erheblichen Maß mit dem Alter, dem Bildungsniveau, dem Wohnort und der sozialen Lage der jeweiligen Personen verknüpft sind. Wie auch aus weiteren (hier nicht im Detail berichteten) Analysen hervorgeht, sind in der Gruppe der „Postmaterialisten" Personen jüngeren Alters, mit hohem Bildungsabschluß, günstiger beruflicher Position und/oder solche, die in einer größeren Stadt (vor allem in den westlichen Bundesländern) wohnen, deutlich überrepräsentiert.

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Hingegen finden sich „Materialisten" hauptsächlich unter den Älteren, Personen mit relativ schlechter beruflicher Position und Ostdeutschen. Befragte, die sich eher als „links" bezeichnen, haben im Durchschnitt ein relativ niedriges Alter und ein hohes Bildungsniveau, wobei sich Ostdeutsche im allgemeinen eher als „links" einstufen als Westdeutsche; umgekehrt neigen Ältere, Personen mit einem relativ niedrigen Bildungsabschluß und Befragte aus den alten Bundesländern eher dazu, sich als „rechts" einzuordnen.

Diese Befunde weisen deutlich darauf hin, daß fremdenfeindliche Einstellungen und die oft genannten allgemeinen politischen Orientierungen und Werthaltungen zu einem Großteil mit ähnlichen sozialstrukturellen und soziodemographischen Hintergrundfaktoren verknüpft sind. Möglicherweise ist dies ein Schlüssel zur Erklärung der festgestellten Zusammenhänge. Ein weiterer Ansatzpunkt ergibt sich aus den bereits angeführten Überlegungen über die soziale Einbettung von Einstellungs- und Verhaltensmustern (vgl. Abschnitt 5.2). Die Vermutung liegt nahe, daß „rechte" bzw. „linke" Orientierungen und vielleicht mehr noch „materialistische" bzw. „postmaterialistische" Werthaltungen auch als Ergebnis der Einbindung in unterschiedliche soziale Milieus aufgefaßt werden können, in denen wiederum unterschiedliche Einstellungs- und Verhaltensmuster gegenüber „Ausländern" (und möglicherweise auch bestimmte politische Präferenzen) für „richtig" und „angemessen" gehalten werden. Geht man weiterhin davon aus, daß die Zusammensetzung solcher Milieus ihrerseits wesentlich durch sozialstrukturelle und soziodemographische Faktoren beeinflußt wird, gibt es gute Gründe für die Annahme, daß sich auf diesem Weg die bislang weitgehend „unerklärlichen" Beobachtungen zum einem Großteil aufklären lassen müßten. Für eine sorgfältige empirische Überprüfung dieser Überlegungen mangelt es allerdings noch an den erforderlichen Daten. Ob sie zutreffen (oder nicht), muß deshalb vorerst offen bleiben.

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5.4. Bilanz der empirischen Befunde

Ziel dieser empirischen Analysen war es, einige grundlegende, mit fremdenfeindlichen Tendenzen verknüpfte Faktoren aufzuzeigen und deren Auswirkungen zu verdeutlichen. Ausgehend von den theoretischen Vorüberlegungen wurde dabei der Schwerpunkt hauptsächlich auf sozialstrukturelle und soziodemographische Faktoren gelegt, von denen anzunehmen ist, daß sie bei der Herausbildung und Verfestigung von Einstellungs- und Verhaltensmustern gegenüber „Ausländern" von zentraler Bedeutung sind. Wie die einzelnen Ergebnisse der Analyse gezeigt haben, lassen sich auf diese Weise einige wichtige Determinanten bestimmen, die auf typische Entstehungsbedingungen fremdenfeindlicher Haltungen verweisen. Betrachtet man die Koeffizienten der erklärten Varianz (der korrigierte R²-Wert), wird allerdings deutlich, daß sich damit kaum mehr als 25% der für die (deutsche) Bevölkerung beobachtbaren Unterschiede in der Tendenz zu fremdenfeindlichen Haltungen (statistisch) erklären lassen. Den Beta-Koeffizienten zufolge entfällt davon der größte Teil auf die Variablen „Bildung" und „Alter". Die Effekte anderer sozialstruktureller und soziodemographischer Variablen erweisen sich im Vergleich dazu als eher schwach und erhöhen den Anteil der erklärten Varianz nur geringfügig. Am ehesten sind noch die analysierten Einstellungs- und Orientierungsmuster geeignet, diese statistischen Kennziffern zu erhöhen. Das gilt sowohl für linke bzw. rechte politische Orientierungen, materialistische bzw. postmaterialistische Werthaltungen, relative Deprivation, das Ausmaß des Nationalstolzes als auch für Parteipräferenzen. Würde man alle diese Variablen zusammen mit den sozialstrukturellen und sozio-demographischen Faktoren in ein Regressionsmodell einbeziehen, lassen sich sogar R²-Werte erzielen, die auf eine erklärte Varianz von mehr als 33% hindeuten.

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Die Frage ist nur, inwiefern damit für die Klärung der Entstehungsbedingungen und Ursachen fremdenfeindlicher Tendenzen wirklich etwas gewonnen ist. Daß sich zum Beispiel die (statistisch) erklärte Varianz erhöht, wenn nationalistische oder ethnozentristische Haltungen in ein Regressionsmodell integriert werden, kann, wie bereits erläutert, wenig überraschen, da sie sich - jedenfalls in ihren extremen Ausprägungen - schon inhaltlich stark mit fremdenfeindlichen Einstellungen überschneiden. In diesem Fall zum Beispiel von einem typischen Zusammenhang zu sprechen, ist sicherlich gerechtfertigt. Nationalstolz oder Ethnozentrismus jedoch als ein „unabhängiger" Faktor oder gar als „Ursache" fremdenfeindlicher Orientierungen zu behandeln, dürfte dagegen kaum zu neuen substantiellen Erkenntnissen führen, auch wenn damit scheinbar die Erklärung verbessert wird. Etwas anders gelagert sind die Schwierigkeiten zum Beispiel bei der Interpretation des Zusammenhangs zwischen materialistischen oder postmaterialistischen Werthaltungen und fremdenfeindlichen Einstellungen. In diesem Fall ergibt sich vor allem die Notwendigkeit, genauer zu bestimmen, welche Hintergrundfaktoren und Wirkungsmechanismen dabei im einzelnen von Bedeutung sind. Der Ausweis eines signifikanten Zusammenhangs zwischen Fremdenfeindlichkeit und materialistischen Werthaltungen (oder rechten politischen Orientierungen, Parteipräferenzen usw.) kann schließlich nur ein Ausgangspunkt und nicht das Ergebnis einer weiterführenden Analyse sein.

Die vorangegangene Darstellung hat sich im wesentlichen darauf beschränkt, anzudeuten, in welcher Weise die empirisch feststellbaren Zusammenhänge im Rahmen der theoretischen Vorüberlegungen interpretiert werden können. Bei vielen der angeführten Argumente und Hypothesen handelt es sich notgedrungen eher um theoretisch begründete Vermutungen als um eindeutige, empirisch gesicherte Erkenntnisse. Das ist insofern nicht zu vermeiden als der verwendete Datensatz, wie bereits erwähnt, zur Überprüfung komplexer Erklärungsmodelle nur sehr eingeschränkt geeignet ist. Häufig muß auf sehr indirekte Indikatoren zurückgegriffen werden. So handelt es sich zum Beispiel bei den verwendeten Indikatoren der sozialen Positionierung und daran anknüpfender Interessenlagen nur um relativ grobe Meßinstrumente. Die erforderlichen Informationen zur Überprüfung der Annahmen über die Einbettung von Einstellungs- und Verhaltensweisen in sozialen Milieus fehlen gänzlich. Die zwangsläufige Folge davon ist, daß manche Aussagen über kausale Zusammenhänge eher mit Vorbehalten formuliert sind, auf die nur dann verzichtet werden kann, wenn die Analyseergebnissen auf einer wirklich zuverlässigen Basis beruhen.

Eine wichtige Einschränkung, die bei der Einschätzung der empirischen Befunde im Blick behalten werden müssen, ergibt sich des weiteren aus der Tatsache, daß sie sich lediglich auf Meinungen und Einstellungen gegenüber „Ausländern" bezogen haben. Inwiefern sich daraus Rückschlüsse über das tatsächliche Verhalten und Handeln ziehen lassen, ist aus den schon zuvor genannten Gründen nicht ganz klar (vgl. Abschnitt 2). Zwar kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, daß Personen mit stark ausgeprägten negativen Einstellungen gegenüber „Ausländern" eher zu diskriminierenden Handlungsweisen neigen. Ob und in welcher Weise eine solche latente Handlungstendenz aber tatsächlich in konkretes Handeln umgesetzt wird, hängt nicht allein von den individuellen Einstellungen ab. Konkrete situationale Gegebenheiten spielen dabei ebenfalls eine zentrale Rolle. So wird etwa die Aussicht auf unangenehme Folgen diskriminierenden Handelns - zum Beispiel rechtliche Strafandrohungen oder Mißbilligung im eigenen sozialen Umfeld - wohl manchen Verfechter fremdenfeindlicher Parolen zur Zurückhaltung zwingen (was freilich subtile Formen der Diskriminierung nicht ausschließt). In der sozialwissenschaftlichen Forschung gibt es eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich mit den spezifischen Bedingungen befassen, unter denen damit zu rechnen ist, daß sich das Handeln unmittelbar an inneren Einstellungen orientiert. Doch empirisch gesi-

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cherte Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen fremdenfeindlichen Einstellungen und eher alltäglichen und subtilen Formen diskriminierenden Handelns sind spärlich, was nicht zuletzt daran liegt, daß solche Verhaltensweisen und die relevanten situationalen Gegebenheiten nur schwer einer systematischen Beobachtung zu unterziehen sind.

Vergleichsweise günstig ist dagegen der Kenntnisstand bei jenen besonders drastischen Fällen fremdenfeindlicher Handlungs- und Verhaltensweisen, die sich in Gewalt und anderen Formen offener Diskriminierung äußern. Hier ermöglichen die vorliegenden empirischen Erkenntnisse weitaus eher klare Rückschlüsse über deren Entstehungsbedingungen und Ursachen. Insbesondere geht aus den Untersuchungen etwa von Willems und seinen Mitarbeitern und zahlreicher anderer Sozialwissenschaftler klar hervor, wie stark diese vom aktuell bedeutsamen sozialen Umfeld beeinflußt werden (vgl. Abschnitt 4.1). Vor allem der wechselseitigen Bestätigung fremdenfeindlicher Orientierungen und die Verstärkung entsprechender Handlungsabsichten innerhalb oft nur lose organisierter Cliquen kommt den Analysen zufolge eine zentrale Bedeutung zu. Aber auch andere situationale Gegebenheiten spielen eine offenbar wichtige Rolle. So gibt es zum Beispiel wenig Zweifel daran, daß fremdenfeindliche Gewalt in den neuen Bundesländern nicht zuletzt dadurch begünstigt wurde, daß die Täter zumindest zeitweise mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen konnten, von den staatlichen Behörden weder an der Tat gehindert, noch deshalb belangt zu werden. Die Taten richten sich im übrigen sehr häufig gegen Einzelpersonen, von denen keine gravierende Gegenwehr zu erwarten ist. Berichte über „erfolgreiche", von Polizei und Justiz nicht geahndete Straf- und Gewalttaten haben möglicherweise ebenfalls dazu beigetragen, die Furcht vor Sanktionen zu verringern. Und auch die mitunter verständnisvolle Reaktion oder die nicht recht deutlich gemachte Mißbilligung der Gewalt gegen „Ausländer" im weiteren sozialen Umfeld dürfte den Abbau noch bestehender Hemmschwellen befördert haben. Die Liste der relevanten situationalen Faktoren ließe sich problemlos noch verlängern. Doch schon die genannten dürften hinreichend verdeutlichen, daß und weshalb fremdenfeindliche Gewalt nicht allein auf entsprechende Einstellungen zurückgeführt werden kann. Wenngleich die relevanten situationalen Faktoren sicherlich nicht dieselben sind, dürfte dies im Großen und Ganzen auch für die eher subtilen und unterschwelligen Formen des diskriminierenden Handelns gelten.


© Friedrich Ebert Stiftung | technical support | net edition fes-library | Oktober 1999

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