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TITEL/INHALT

Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1918 / Von Dieter Schuster. Mit einem Vorw. von Rüdiger Zimmermann und Registern von Hubert Woltering. - Bonn : Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999

Stichtag:
20./27. Mai 1907

Der Verbandstag der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine in Berlin diskutiert die Politik der Gewerkvereine; zahlreiche Delegierte u.a. A. Erkelenz fordern weniger Friedfertigkeit und Harmonie, da in der Gegenwart der Kampf überwiege, da die Arbeitgeber sich dem friedlichen Vorgehen durchaus unzulänglich gezeigt hätten.
Der Verbandstag verabschiedet ein Programm:
"Die Gewerkvereine stehen auf nationalem Boden, sie erwarten daher die Besserung der Arbeiterlage nicht von einer internationalen Verbrüderung, wohl aber erstreben sie den Austausch der Erfahrungen mit ausländischen Gewerkvereinen und die gegenseitige Förderung der Arbeiterinteressen. Die Gewerkvereine sind religiös neutral und parteipolitisch unabhängig. Die grundlegende Richtung der Gewerkvereine ist eine volkstümlich freiheitliche. Die Gewerkvereine fördern die soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung beider Geschlechter. Sie erstreben in wirtschaftlicher Hinsicht für den Arbeiter einen wachsenden Anteil an dem Ertrage der Arbeit. Die Festsetzung der Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge hat unter gleichberechtigter Mitwirkung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu erfolgen. Sie geben grundsätzlich dem Weg der Verständigung den Vorzug, scheuen aber den Kampf nicht, wo ihren berechtigten Forderungen die Anerkennung versagt wird oder ihre Rechte und Interessen verletzt werden.
Die Gewerkvereine verlangen von der Gesetzgebung: Umfassende Sicherung und Ausbau des allgemeinen Arbeiterschutzes, Beseitigung aller Gesetze, die die Aufwärtsbewegung der Arbeiterschaft hemmen, sowie ausgedehnte Einwirkung auf bessere geistige und sittliche Erziehung des Volkes.
Zur Durchführung ihrer Aufgaben bedienen sich die Gewerkvereine folgender Mittel:
1. Des gemeinsamen Vorgehens bei Vertretung der Arbeiterinteressen gegenüber den Arbeitgebern und der Gesetzgebung;
2. der Arbeitsvermittlung durch eigene oder paritätische Nachweise;
3. der materiellen Unterstützung der Mitglieder in allen Notlagen des Lebens;
4. der Förderung der beruflichen und allgemeinen Bildung;
5. des genossenschaftlichen Zusammenschlusses zur gemeinsamen Beschaffung der Wohn- und Wirtschaftsbedürfnisse.
Die Gewerkvereine werden aufgefordert, darauf zu dringen, daß die Mitglieder ihre Pflicht als Staatsbürger erfüllen durch Eintritt in die entsprechenden politischen Wahlvereine und in diesen mit Besonnenheit aber voller Energie sich für die Verwirklichung der Gewerkvereinsforderungen betätigen. Das soll geschehen auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, dessen Ansehen, Kraft und Größe zu fördern, uns als eine Ehrensache auch aller deutschen Arbeitnehmer gilt.
Der Verbandstag erklärt es als wünschenswert, daß in denjenigen Gewerkvereinen wo der Revers noch besteht, derselbe sobald als möglich beseitigt wird.
Die Ausbreitungs- bezw. Bezirks- oder Agitationsverbände sind freiwillige Zusammenschließungen von Ortsverbänden. Einer statuarischen Anerkennung dieses Zusammenschlusses vom Verbandstag bedarf es nicht. Etwa in den Verbänden zu errichtende Arbeitersekretariate sind vom Verbande möglichst zu unterstützen. Die Schaffung einer Versicherungseinrichtung für die Verbandsbeamten wird von neuem grundsätzlich beschlossen."
Als Nachfolger von M. Hirsch wird mit knapper Mehrheit Karl Goldschmidt zum Vorsitzenden des Verbandes, A. Erkelenz zum Vertreter vor dem Reichsversicherungsamt gewählt.



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