[Beilage zu SM, Nr. 70/71, 1945]

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DER 20. JULI 1944

Inhalt

(Aus Berichten, die dem Vorstand der Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands
, Sitz London, vorliegen)

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I. Zur Geschichte eines politischen Umsturzversuches in Hitler-Deutschland

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ist in der Oeffentlichkeit bisher im wesentlichen nur als ein Umsturzversuch einer Gruppe hoher Offiziere bewertet worden. In Wirklichkeit war es der Hoehepunkt eines Umsturzversuches, der von politischen Gegnern des Naziregimes aus den verschiedensten Lagern vorbereitet worden war.

Diese bedeutsame Tatsache ergibt sich aus zuverlaessigen Berichten, die dem Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz London, vorliegen.

Die Berichte stammen von einem frueher fuehrenden sozialdemokratischen Funktionaer, der selbst eine aktive Rolle in den Vorbereitungen des Umsturzversuches gespielt hat.

Die politische und militaerische Situation des Hitlerregimes hat sich seit Sommer vorigen Jahres wesentlich geaendert. Sein Sturz im Gefolge einer vollstaendigen militaerischen Niederlage in naher Zukunft steht ausser Zweifel. Die Aussichten fuer eine Beschleunigung dieses Endes durch neue Aktionen der innerdeutschen Opposition sind durch die schweren Verluste, die die Opposition nach dem Scheitern ihres Umsturzversuches im vorigen Juli erlitten hat, sehr gering. Dennoch sind die jetzt bekannten Tatsachen ueber den Umfang der innerdeutschen Opposition und ueber ihre weitgehenden Vorbereitungen fuer den Sturz der Nazidiktatur auch heute noch ein wertvoller Beitrag fuer die Beurteilung der inneren Lage Hitlerdeutschlands im letzten Stadium seiner Existenz.


Wir bringen daher in diesem Bericht eine Zusammenstellung der uns vorliegenden Tatsachen, soweit ihre Veroeffentlichung mit Ruecksicht auf die Sicherheit der noch in Deutschland lebenden Beteiligten moeglich ist.

Unser Gewaehrsmann war einer der sozialdemokratischen Vertrauensleute, die nach dem Verbot der Partei im Juni 1933 staendig die Verbindungen unter den sozialdemokratischen Gruppen und Vertrauensleuten im Reich illegal aufrechterhalten haben.

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In den ersten Jahren bestand die Taetigkeit dieser aktiven Sozialdemokraten im wesentlichen im regelmaessigen Austausch von Informationen ueber die innen- und aussenpolitische Lage des Reichs und ueber den Stand der Bewegung in den einzelnen Bezirken. Es bestand seit 1935 keine organisierte Zentrale der Partei, aber es gab eine Gruppe fuehrender Sozialdemokraten, die die Moeglichkeit hatten, die eingehenden Informationen unter den verschiedenen Vertrauensleuten im Reich auszutauschen und Informationen von allgemeinem Interesse fuer die sozialdemokratische Opposition weiterzugeben.

Vorbereitungen fuer den Umsturz

Im Fruehjahr 1943 wurden die ersten praktischen Vorbereitungen fuer einen politischen Umsturzversuch aufgenommen. Den Vertrauensleuten im Reich wurden konkrete Aufgaben zugewiesen. Sie bestanden zunaechst darin, sich in ihrem Arbeitsbezirk eine Uebersicht ueber die zur Verfuegung stehenden zuverlaessigen Antinazis zu beschaffen, die im Falle eines Umsturzes sachlich und persoenlich qualifiziert waren, eine neue demokratische Staatsverwaltung zu uebernehmen. Es war dabei nicht nur an fruehere sozialdemokratische Funktionaere gedacht, die in der Weimarer Zeit praktische Erfahrungen in der Staats- und Kommunalverwaltung erworben hatten, sondern auch an Menschen anderer politischer Auffassungen, die durch ihr praktisches Verhalten in der Zeit seit 1933 ihre Antinazigesinnung unter Beweis gestellt hatten.

Die Fuehlungnahme mit den infragekommenden Sozialdemokraten und anderen geeigneten politischen Persoenlichkeiten ergab in dem Bezirk unseres Gewaehrsmannes eine sofortige Bereitschaft der Befragten zur Mitarbeit, obwohl sie in Einzelheiten des Planes nicht eingeweiht werden konnten. Diese Vorbereitungen wurden im Laufe der naechsten Monate weiter ausgebaut. Die Plaene fuer die Aktion in den einzelnen Bezirken wurden in zahlreichen Besprechungen mit den Vertrauensleuten der Zentrale verabredet.

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Schon zu diesem Zeitpunkt wurden die Verbindungen mit Vertrauensleuten anderer politischer Gruppierungen aufgenommen, so mit Kreisen des oppositionellen Buergertums und mit Vertrauensleuten der Bekenntniskirche und mit katholischen Kreisen. In manchen Bezirken mit starker katholischer oder buergerlicher Bevoelkerung lag die Vorbereitung der Aktion in den Haenden von Vertrauensleuten dieser Gruppen. Die Basis dieser "Koalition" bildete die gemeinsame Vorstellung, dass der Sturz der Diktatur nur durch das Zusammenwirken aller Gegner des Systems und aller Anhaenger einer neuen freiheitlichen demokratischen Staatsform, vor allem eines Rechtsstaates, erreicht werden konnte. Es gab selbstverstaendlich weiterhin Meinungsschwierigkeiten, vor allem in den weltanschaulichen Fragen, aber die allgemeine Vorstellung war doch, dass der neue Staat ein demokratischer und sozialer sein muesse.

Verbindungen mit oppositionellen Militaers

Allen Beteiligten war vom Beginn der Vorbereitungen an klar, dass das Naziregime nur mit militaerischen Machtmitteln zu beseitigen war. Die Arbeiterschaft verfuegte ueber solche Machtmittel ebensowenig wie die anderen Partner der politischen Oppositionsbewegung. Ihnen war auch jede andere Machtposition zerschlagen worden. Man musste daher den Sturz in Verbindung mit oppositionellen Militaerkreisen herbeizufuehren suchen. Auf der anderen Seite konnte eine Aktion der oppositionellen Militaers nur Erfolg haben, wenn sie von den antinazistischen Teilen der Bevoelkerung gestuetzt und getragen wurde. Ueber diesen Zwang zum einheitlichen Handeln waren sich alle klar. Fuer die beteiligten Sozialdemokraten schien in diesem Stadium es von untergeordneter Bedeutung, inwieweit die oppositionellen Militaers hofften, nach der Entmachtung der Nazis ihre Sonderinteressen durchsetzen zu koennen. Wesentlich war der Sturz der Diktatur und die Beendigung des Krieges. Jedenfalls wurden die Vorbereitungen fuer den Umsturz in enger Verbindung mit der Gruppe oppositioneller Militaers durchgefuehrt, die das Attentat am 20. Juli 1944 organisierten.

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Die lange Zeitspanne zwischen dem Beginn der Vorbereitungen im Fruehjahr 1943 und der Ausfuehrung des Planes war durch verschiedene Umstaende bedingt. Die Vorbereitungen der Militaers erforderten viel Zeit, denn es war zunaechst notwendig, die entscheidenden militaerischen Posten im Heimatheer so zu besetzen, dass mit Hilfe des Heimatheeres der mit Sicherheit zu erwartende Widerstand der SA und der SS niedergeschlagen werden konnte. Ausserdem mussten Massnahmen getroffen werden, um den Polizeiapparat in den einzelnen Laendern in den Schluesselstellungen mit zuverlaessigen Leuten im entscheidenden Augenblick besetzen zu koennen.

Das Attentat auf Hitler

In dem ganzen Aufstandsplan spielte schliesslich das Attentat auf Hitler eine entscheidende Rolle. Hitler musste fallen. Er ist die zentrale Figur im gesamten Aufbau der Diktatur. Ausserdem hoffte man, im Falle seines Todes grosse Teile der Wehrmacht, die sich an den Treueid auf Hitler als Obersten Befehlshaber gebunden fuehlten, fuer einen aktiven Kampf gegen die SA und die SS gewinnen zu koennen, wenn diese Naziorganisationen nach einem geglueckten Attentat noch den Versuch machen wuerden, die Macht im Staat mit Gewalt zu behaupten.

Das Heer sollte sofort nach dem geglueckten Attentat auf den Generalobersten Beck vereidigt werden. Es sollte eine neue Regierung Goerdeler-Leuschner gebildet werden, die das Volk sofort zur Unterstuetzung des Kampfes gegen SA und SS und die Nazipartei aufrufen sollte.

Die Durchfuehrung des Attentates erwies sich als die groesste Schwierigkeit. Verschiedene Versuche im Jahr 1943 kamen nicht zur Ausfuehrung, weil die Sicherheitsmassnahmen fuer Hitler zu stark waren. Im Maerz 1943 waren die weitestgehenden politischen und militaerischen Vorbereitungen getroffen, aber das Attentat kam nicht, weil eine angesetzte Konferenz im Fuehrer-Hauptquartier in letzter Stunde abgesagt wurde.

Im Mai 1944, kurz vor der Invasion, hatte sich die militaerische Lage Hitlerdeutschlands so verschlechtert, dass es fuer einen Umsturz mit dem Ziel eines guensti-

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geren Friedens fuer die neue demokratische Regierung fast zu spaet schien. Das Attentat fand aber dann trotzdem statt. Hitler entkam, und die oppositionelle Offiziersgruppe in Berlin wurde ueberwaeltigt, ehe sie noch die verabredeten Losungen an die Stellen im Lande weitergeben konnte. An die militaerischen und politischen Vertrauensleute in den verschiedenen Landesteilen gelangten im Laufe der entscheidenden Tagesstunden des 20. Juli keine der verabredeten Losungsworte. Sie erfuhren von der Tatsache des missglueckten Attentats erst durch die amtlichen Nazimeldungen im Rundfunk in den spaeten Nachmittagsstunden des 20. Juli. Das Attentat war gescheitert und mit ihm der Versuch eines inneren Umsturzes in Deutschland, der dem deutschen Volk und der Welt ueber Nacht das Ende des Krieges gebracht haette.

Terrormassnahmen der Nazis

Die dann folgenden Terrormassnahmen der Nazis sind bekannt. Zunaechst wurden die Fuehrer der Offiziersrevolte gehaengt. Offensichtlich glaubten die Nazis zunaechst, es nur mit einer vorwiegend [!] Offiziersrevolte zu tun zu haben. Es kam daher auch in den ersten Tagen nur zu weiteren Verhaftungen und Ermordungen von hohen Offizieren und die Unterstellung der Heimatarmee unter den Befehl von Himmler. Das Ausmass der politischen Oppositionsbewegung wurde den Nazis erst spaeter klar. Ihre Massnahmen gegen sie begannen mit der Suche nach dem frueheren Oberbuergermeister von Leipzig, Goerdeler. Sie fuehrten dann zu einem wahren Terrorfeldzug gegen alle, die durch ihre fruehere politische Betaetigung oder Auffassung an der Beteiligung verdaechtig erschienen. Die Tatsache, dass in den Tagen um Mitte August wahllose Massenverhaftungen erfolgten, spricht dafuer, dass es den Nazis nicht gelungen war, den Kreis der unmittelbar Beteiligten festzustellen. Das einzige sichtbare Zeichen fuer den breiten Rahmen dieser politischen Oppositionsbewegung war der Prozess gegen die Gruppe von deutschen Politikern, Goerdeler-Leuschner, der mit Todesurteilen gegen alle Angeklagten endete.

Unser Gewaehrsmann entzog sich seiner Verhaftung im letzten Augenblick durch eine abenteuerliche Flucht.

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Ein gross angelegter Versuch - in seinen Formen bedingt durch die einzigartigen Kampfbedingungen der Opposition in einem totalitaeren Regime - war gescheitert.

Aufrechte tapfere Maenner haben den Fehlschlag mit dem Leben gebuesst, sie sind wie gemeine Verbrecher gehaengt worden. Die Nazis hatten eine neue Schlacht ueber das eigene Volk gewonnen. Jetzt - neun Monate spaeter - haben sie das deutsche Volk an den Rand der grossen Katastrophe gefuehrt, von dem der geplante Aufstand am 20. Juli es in letzter Stunde zurueckreissen sollte. Niemand vermag zu sagen, ob noch ein neuer und erfolgreicherer Versuch, das System von innen her zu stuerzen, moeglich ist. Man kann nur die Hoffnung haben, dass die militaerischen Sieger in diesem Krieg, im Augenblick ihres Sieges sich bewusst sein moegen, dass es in diesem Ringen fuer Freiheit und Recht auch innerhalb des Dritten Reiches Mitstreiter gegeben hat.

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II. Gab es eine Massenbasis fuer den Umsturzversuch?

Die Frage liegt nahe, ob es sich bei dem vorstehend geschilderten Versuchen, einen gewaltsamen Umsturz in Hitlerdeutschland herbeizufuehren, nur um eine Aktion einer kleinen Gruppe von Militaers oder Politikern handelte, die schon deshalb scheitern musste, weil sie nicht auf die Unterstuetzung breiter Massen des Volkes rechnen konnte.

Auch auf diese Frage geben die Informationen unseres Gewaehrsmannes interessante Auskuenfte.

Die Haltung der Sozialdemokraten

Als Sozialdemokrat ist er natuerlich in erster Linie in Verbindung mit seinen Parteifreunden gewesen. Ueber seine Erfahrungen, vor allem in der Zeit seit 1943, als er die Vorbereitungsarbeit fuer seine neue politische Aufgabe aufnahm, berichtete er:

Unsere frueheren Genossen sind heute noch fast vollstaendig vorhanden. Sie sind selbstverstaendlich auch

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sofort bereit, politische Funktionen wieder zu uebernehmen. Elf Jahre Naziherrschaft haben nicht vermocht, ihre Gesinnung auch nur im geringsten zu aendern. Sie sind Sozialdemokraten geblieben und von dem Willen beseelt, wieder ihren Mann im politischen Kampf zu stellen. Sie warten darauf, mit den Nazis abzurechnen, die unsere Ehre in den Dreck getreten, die uns diffamiert und deklassiert haben. Der Wille, wieder zu kaempfen, ist bei allen diesen Menschen heute lebendiger denn je. In den mehr als 200 Ortsgruppen unseres Bezirks mit ueber 30.000 Mitgliedern ist die grosse Masse der Mitglieder der Partei absolut treu geblieben. Vielleicht sind ein paar Hundert Nazis geworden, aber das faellt nicht ins Gewicht. Ausserdem kennt sie jeder, sie sind keine Gefahr. Wenn wir morgen die Freiheit haetten, die Partei wieder zu organisieren, wir wuerden sofort ebenso gross und geschlossen dastehen wie 1932. Selbstverstaendlich haben wir neben den wenigen Abtruennigen auch den Abgang an Toten, aber diesen Verlust werden wir aufholen. Das gleiche gilt auch fuer das Reichsbanner "Schwarz-Rot-Gold", das ja in unserem Bezirk fast identisch mit der Partei war. Diese Feststellung gilt natuerlich nur fuer meinen Bezirk, aber fuer ihn ist meine Beurteilung nicht zu optimistisch.

Ueber die allgemeine Stimmung der Bevoelkerung

sagt unser Gewaehrsmann:

In den letzten Monaten hat sich der allgemeine Stimmungsumschwung beschleunigt. Leute, die jahrelang fruehere Sozialdemokraten nicht kennen wollten, draengen sich jetzt geradezu auf. Niemand wollte mehr Nazi sein, und diejenigen, die Nazis waren, bemuehen sich zu zeigen, dass sie nicht mehr Nazis sind.

Es gibt hoechstens noch 20 Prozent wirkliche Nazis, alle Amtswalter, Beamten und Militaers eingerechnet, also alle, die an der Existenz des Regimes auch materiell interessiert sind. Ausserdem gibt es noch eine Gruppe von etwa 10 Prozent, deren materielle Interessen ebenfalls beim Sturz des Regimes gefaehrdet sind, ohne dass sie selbst zu bewussten Anhaengern des Regimes gehoeren, also vor allem Fabrikanten und Geschaeftsleute der verschiedensten Art. Diese Schicht unterliegt jedoch

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einem Abbroeckelungsprozess.

Die Zahl der bewussten Nazigegner betraegt 35 bis 40 Prozent. Den groessten Anteil stellen die sozialdemokratischen Arbeiter. Zu dieser Gruppe gehoeren aber vor allem zahlreiche Intellektuelle der verschiedensten politischen Grundeinstellung. Aerzte, Rechtsanwaelte usw. waren mit die ersten, die erkannten, dass Hitler den Krieg verloren hat.

Die restlichen ca. 30 Prozent sind politischer Schwemmsand, der in immer staerkerem Masse den Frieden will und jener Kraft folgen wird, die den Frieden bringen wird.

Ueber die Stimmung in den Betrieben

berichtet unser Gewaehrsmann an Hand seiner Beobachtungen in zwei Grossbetrieben seines Wohnortes. Der eine ist ein alter Betrieb, der schon vor den Nazis bestand und zur Zeit etwa 4.000 Arbeiter beschaeftigt. In diesem Betrieb ist groesstenteils der alte Arbeiterstamm verblieben. Er ist in seiner gewerkschaftlichen und politischen Gesinnung fast ohne jede Ausnahme fest geblieben. Interessant ist, dass auch die jungen Leute, die neu eingestellt wurden, die vorhandene Tradition akzeptierten oder sich ihr anpassten.

In dem zweiten Betrieb, einem reinen Kriegsbetrieb, der erst unter den Nazis den jetzigen Umfang annahm, gibt es unter den 12 bis 15.000 Beschaeftigten viele neue Arbeiter. Dort ist die alte Tradition an Umfang geringer, aber sie ist vorhanden.

Die wirklichen Nazis muessen in den Betrieben erstaunlich viel einstecken. Unser Gewaehrsmann erzaehlt eine Episode, die er selbst miterlebt hat.

Unter den Arbeitern war ein SA-Mann, der auch immer mit grossem Stolz in seiner Uniform zur Arbeit gekommen war. Da er sonst ein anstaendiger Kerl war, wurde die Kameradschaft leidlich mit ihm aufrechterhalten. Jetzt aber kam unser Gewaehrsmann dazu, als ihn seine Kollegen "durch den Kakao" zogen. "Hast du Dir denn schon den Baum ausgesucht, an dem Du Dich aufhaengen willst?" "Nee, Du", sagte ein anderer, "nimm lieber einen Laternenpfahl." "Aber wo kriegst Du denn bloss einen Strick her?", fragte der Dritte. Das Opfer der Unterhaltung setzte sich mit keinem Wort zur Wehr.

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Auf der anderen Seite berichtet unser Freund ueber seine eigenen Erfahrungen, als er im Februar 1939 selbst in einen Ruestungsbetrieb in seinem Heimatort gesteckt wurde. Er kam in eine Betriebsabteilung mit etwa 50 Arbeitern. Darunter waren 3 oder 4 Nazis oder die als solche galten. Alle anderen bemuehten sich vom ersten Tage an, ihm zu zeigen, dass sie nichts mit den Nazis zu tun haetten und zu seiner Partei gehoerten. Jeder im Betrieb wusste von der frueheren politischen Betaetigung unseres Freundes. Nun wetteiferten alle, ihm die Arbeit zu erleichtern, die ihm nach fast zwei Jahrzehnten Entfremdung vom Beruf einige Schwierigkeiten machte. Mit Ausnahme der wenigen Nazis bildeten diese Kollegen eine so einige und geschlossene Gesinnungsgemeinschaft, wie sie auch in der Zeit vor 1933 nicht haette besser sein koennen. Die Freude dauerte allerdings nicht lange. Nach knapp vier Wochen erfuhr unser Gewaehrsmann durch einen Genossen in der Personalabteilung, dass ein Schreiben der Gestapo eingegangen sei, in dem gefordert werde, dass er als "gefaehrlicher Marxist" sofort zu entlassen sei. Gleich darauf wurde er zum Betriebsleiter gerufen, der ihm eroeffnete: "Herr X, Sie sind durchleuchtet worden. Ich bin gezwungen, Sie sofort zu entlassen." Unser Gewaehrsmann bemerkt dazu abschliessend: "Diese knapp vier Wochen unter den Kollegen im Betrieb gehoeren zu den schoensten Erlebnissen, die ich im Dritten Reich hatte. Sie trugen ungemein dazu bei, mein Vertrauen in die deutschen Arbeiter als Hoffnung fuer die Zukunft zu verstaerken."

Ueber die Aussichten der Kommunisten

heisst es in dem Bericht: Von den Kommunisten ist in meinem Bezirk so gut wie nichts uebrig geblieben. Die Masse der Mitlaeufer ist schon zu Beginn der Naziherrschaft mit fliegenden Fahnen zu den Nazis uebergegangen. Die anstaendigen Kommunisten haben schwer durch die Verfolgungen gelitten. Es hat ihnen auch der ideologische Zusammenhalt gefehlt. Diese Feststellung besagt nichts ueber die Position der Kommunisten nach dem Krieg.

Sie wird stark von der Machtstellung abhaengen, die Russland dann in Deutschland und Europa haben wird. Man muss in diesem Fall damit rechnen, dass viele, die frue-

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her bei den Kommunisten standen und dann zu den Nazis gingen, wieder in die alte Front einschwenken werden und dass auch viele Nazis diesen Weg gehen werden.

Der Eindruck der Propaganda des Moskauer Generalkomitees ist gleich null oder sehr negativ. Die Reaktion ist im allgemeinen: Die Generale haben jetzt leicht zu reden, nachdem sie in Sicherheit sind. Vorher haben sie auch Hitlers Krieg gefuehrt. Ausserdem glauben viele, dass diese Reden nicht echt sind. Es ist ueberhaupt festzustellen, dass die Moskauer Propaganda wenig beachtet wird. Sie wird als zu grob und zu plump empfunden. Dagegen hoeren Hunderttausende die deutschen Sendungen aus England, auch wenn man nicht immer mit der Tendenz einverstanden ist. Man haelt sie fuer zuverlaessiger. Am meisten werden Nachrichten beachtet, die Vortraege von Thomas Mann werden besonders geschaetzt. Das Anhoeren auslaendischer Sendungen ist nicht mehr zu unterbinden.

Auf die Frage, wie angesichts dieser allgemeinen Situation die Meldung von dem Attentat eine so geringe sichtbare Wirkung in der Bevoelkerung ausueben konnte, gibt unser Gewaehrsmann folgende Erklaerung:

Ich habe am Morgen nach der amtlichen Mitteilung ueber das Attentat mit Menschen der verschiedensten politischen Auffasssungen gesprochen. Ich habe nicht einen einzigen gefunden, der an das Attentat geglaubt haette. Man verfolgte seit Monaten, meistens mit einer schadenfrohen Spannung, die krampfhaften Versuche der Nazis, auf irgendeine Art die katastrophale Stimmung aufzubessern. Nachdem die gemeine Wunderwaffe sich fuer diesen Zweck als Niete erwiesen hatte, war man darauf gefasst, in Kuerze mit einem neuen Bluff ueberrascht zu werden. Mit dem "Attentat" ging diese Erwartung prompt in Erfuellung.


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Der Gesamtbericht schliesst mit der Feststellung, dass die Widerstandsbewegung, die in den Traegern des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 ihren organisatorischen und politischen Ausdruck fand, einen Umfang hatte, wie er unter den gefahrvollen Umstaenden einer totalen Diktatur ueberhaupt nur zu denken war.

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The Third Reich during the Spring and Summer of 1942

Hitlerite Germany during the Autumn of 1942

Total War in Hitlerite Germany

Hitler's Total War and the Reactions of the German People

At the Turning Point of the War (Early Summer 1943)

Germany a Battleground

Kampffront Innerdeutschland (Das Dritte Reich am Vorabend der Invasion)

The Inner German Front


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Eine englische Ausgabe des vorliegenden Berichtes kann bei untenstehender Adresse angefordert werden.


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