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TITEL/INHALT

Chronik der deutschen Sozialdemokratie / Franz Osterroth ; Dieter Schuster. - [Electronic ed.]. - Berlin [u.a.]
1. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. 2., neu bearb. und erw. Aufl. 1975.
Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2001

Stichtag:
17./23. Sept. 1905

Parteitag in Jena mit 251 Delegierten. Tagesordnung: Parteiorganisation (G. v. Vollmar), Maifeier (R. Fischer); der politische Massenstreik und die Sozialdemokratie (A. Bebel).

Nach einem ausführlichen Referat und anschließender Diskussion nimmt der Parteitag eine Resolution A. Bebels mit 287 gegen 14 Stimmen, bei 2 Enthaltungen an, daß es Pflicht der gesamten Arbeiterklasse sei, namentlich im Falle eines Anschlages auf das Reichstagswahl- und Koalitionsrecht, jedes geeignet erscheinende Mittel zur Abwehr nachdrücklich anzuwenden. Als eines der wirksamsten Kampfmittel, um ein solches politisches Verbrechen abzuwehren oder um sich ein gewichtiges Grundrecht für die Befreiung der Arbeiterklasse zu erobern, betrachtet der Parteitag gegebenenfalls die umfassendste Anwendung der Massenarbeitseinstellung.

Jeder Parteigenosse sei verpflichtet, einer Gewerkschaft beizutreten und die Ziele und Zwecke der Gewerkschaften zu unterstützen.

Junge Leute sollen vor ihrer Aushebung zum Militär über ihre Rechte in öffentlichen Versammlungen aufgeklärt werden.

Der Parteitag spricht den Sozialisten und Arbeitern Rußlands seine tiefste Sympathie und Bewunderung aus.

Die Reichstagsfraktion wird beauftragt, Gesetzentwürfe für Handelshilfsarbeiter, für die Änderung des Militärstrafgesetzes, für die Demokratisierung Elsaß-Lothringens, für die Trennung von Staat und Kirche einzubringen. Die Fraktion soll künftig statt für paritätische Arbeitskammern für Arbeiterkammern eintreten.

Der Parteitag verabschiedet ein Organisationsstatut. Die Grundlage der Organisation ist nun der Verein des Wahlkreises. Für den Fall, daß der Wahlkreis sich über mehrere Orte erstreckt, können Ortsvereine gebildet werden. Die Vereine schließen sich zu Bezirksverbänden und Landesorganisationen zusammen, deren selbständige Führung der Geschäfte nicht mit dem Statut der Gesamtpartei in Widerspruch stehen darf. Mindestens 20 % ihrer Einnahmen sind an die Parteileitung abzuführen. Kein Wahlkreis darf durch mehr als drei Delegierte auf dem Parteitag vertreten werden.

Einstimmig wird die bisherige Auffassung der Partei zum 1. Mai bekräftigt.

Die Zahl der Sekretäre (in den Statuten werden sie Schriftführer genannt) wird zahlenmäßig nicht mehr festgesetzt.

Bei 283 gültigen Stimmen werden A. Bebel (279), P. Singer (278), A. Gerisch (278), W. Pfannkuch (276),I. Auer (276), H. Molkenbuhr (276), als neuer Sekretär F. Ebert (174); als Kontrolleure bei 270 gültigen Stimmen H. Meister (257), W. Bock (247), A. Kaden (240), F. Brühne (239), H. Koenen (228), E. Ernst (219), F. J. Ehrhart (213), A. Geck (193) und Clara Zetkin (180) gewählt. R. Wengels und W. Eberhardt bleiben Beisitzer.

In der Presse beginnt bald nach dem Parteitag eine lebhafte Diskussion über die richtige Auslegung der Massenstreikresolution.


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net edition fes-library | Juni 2001