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TITEL/INHALT

Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1918 / Von Dieter Schuster. Mit einem Vorw. von Rüdiger Zimmermann und Registern von Hubert Woltering. - Bonn : Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999

Stichtag:
7. August 1909

Das "Correspondenzblatt" schreibt zum christlichen Gewerkschaftskongreß: "So wenig die christlichen Gewerkschaften schließlich, wenn es zur Entscheidung kommt, andere als Arbeiterinteressen vertreten können, so wenig kann den Kapitalisten mit einer Gruppe von Gewerkschaften gedient sein, die ihre Existenz lediglich aus der Tendenz der Zersplitterung der Kräfte herleitet. Die Entwickelung der "Gelben" einer- und das Wachstum der freien Gewerkschaften und die festere Gestaltung der Tariforganisation, die sich in den sogenannten Monopolverträgen bekundet, andererseits, sind wichtige Faktoren für die Einheit des Gewerkschaftswesens, die sich schließlich durchsetzen wird.
Unter diesen Gesichtspunkten verdient die christliche Gewerkschaftsbewegung vollauf das Interesse der freien Gewerkschaften. Sie ist ein Teil der Arbeiterbewegung, der trotz aller gegenwirkenden Einflüsse seiner natürlichen Bestimmung zustrebt, eins zu werden mit den Organisationen der Arbeiterschaft, und es erscheint selbstverständlich, daß dieser Entwickelungsprozeß nicht gehemmt werden darf, sondern eher gefördert werden muß. Die beste Förderung besteht darin, den christlichen Gewerkschaften reichlich Gelegenheit zu geben, sich an gewerkschaftlichen Kämpfen zu beteiligen und zu Klassenforderungen der Arbeiterschaft Stellung zu nehmen. Klassenkämpfe und Arbeiterpolitik wirken genau so erzieherisch im christlichen Lager wie in der Arbeiterbewegung überhaupt.
Stehen die christlichen Gewerkschaften auch noch bedeutend hinter unseren Gewerkschaften an Leistungen zurück, so verringert sich doch die Distanz von Jahr zu Jahr. Im selben Maße entwickeln sich die christlichen Organisationen immer mehr zu Gewerkschaften. Sie verfügen über einen ansehnlichen Stab geschulter Beamten und Arbeitersekretäre; ihre Presse und Literatur entwickelt sich zusehends und die Unterrichtskurse des Volksvereins für das katholische Deutschland zu M.-Gladbach sind auf das geistige Niveau der Bewegung nicht ohne Einfluß. Alles dies weist darauf hin, die christliche Gewerkschaftsorganisation als ernsten Faktor auf dem Gebiete der Arbeiterbewegung zu werten. Zweifellos ist sie ein Kampffaktor, dessen Spitze sich in erster Linie gegen das Unternehmertum kehrt, - das erheischt das gewerkschaftliche Interesse der Arbeiter. Ebenso unzweifelhaft ist sie ein etwas unbequemer Mitkämpfer, der oft genug lieber auf eigene Faust kämpft und sich verträgt und nicht selten den Kampfgenossen in die Flanken fällt. Das sind die Nachteile jeder Sonderorganisation die, je fühlbarer sie sich für die Arbeiter geltend machen, um so mehr zur Beseitigung der künstlich errichteten Schranken drängen müssen."



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