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TITEL/INHALT

Chronologie der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis 1918 / Von Dieter Schuster. Mit einem Vorw. von Rüdiger Zimmermann und Registern von Hubert Woltering. - Bonn : Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1999

Stichtag:
1907

Die Fluktuation bei den Gewerkschaftsmitgliedern ist immer noch sehr stark. So stellt der Maurerverband in einem Rückblick fest, daß dem Maurerverband im Zeitraum von 1891 bis 1907 mehr als 600.000 Mitglieder beigetreten waren. Diese Zahl ist doppelt so hoch wie die Zahl der Maurer, die selbst während der Hochkonjunktur innerhalb eines Jahres im Baugewerbe beschäftigt gewesen waren: "Es ist also nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß bis auf einen winzigen Rest die übergroße Mehrzahl aller deutschen Maurer schon einmal, viele Tausende mehrere Male Mitglieder unseres Verbandes gewesen sind."
Für die Ursachen dieser Lage gibt es auch für den Maurerverband keine eindeutige Begründung.
Erklärbare Mitgliederverluste durch Tod, Militärdienst, Berufswechsel oder Auswanderung machen nur einen geringen Prozentsatz aus; Arbeitslosigkeit will die Verbandsleitung nicht als hinreichenden Austrittsgrund gelten lassen, weil den betroffenen Mitgliedern eine Beitragsstundung gewährt wird. Als Ursache wird nur die "abgrundtiefe Gleichgültigkeit und Böswilligkeit" vieler Maurer genannt.

Eine neue Berufszählung zeigt u.a. folgende Ergebnisse: Die Erwerbsquote der Bevölkerung in Deutschland liegt bei 45,5 Prozent gegenüber 41,9 Prozent 1882.
In der Land- und Forstwirtschaft, Tierhaltung und Fischerei sind 35,2%, im Produzierenden Gewerbe 40,1%, im Handel 12,4% und im Dienstleitungsbereich ebenfalls 12,4% der Erwerbspersonen beschäftigt.
19,6% sind als Selbständige, 15,3% als mithelfende Familienangehörige, 10,3% als Beamte und Angestellte und 54% als Arbeiter tätig.
26,4% aller Frauen sind erwerbstätig. Der Frauenanteil an den Erwerbstätigen beträgt 35,8%.
Die Zahl der ungelernten Arbeiter ist von 1,7 Millionen 1895 auf rund 6 Millionen gestiegen, die der gelernten Arbeitskräfte von 6 auf 6,9 Millionen.
Ungelernte Arbeitskräfte sind neben der Landwirtschaft vor allem im Handel, Verkehr, Bergbau, in der Chemie und der Industrie der Steine und Erden beschäftigt.
Die Zahl der kleingewerblichen Betriebe (1-5 Personen) steigt seit 1882 kaum an, während sich die der Mittelbetriebe (6-50 Personen) mehr als verdoppelt und die der Großbetriebe (51 und mehr Personen) sogar verdreifacht hat.
Die Anzahl der in den Großbetrieben beschäftigten Personen steigt von 1,6 Millionen auf 5,6 Millionen. In Alleinbetrieben werden 1,45 Mill., in Kleinbetrieben 1,52 Mill., in Mittelbetrieben 2,59 Mill., in der Hausindustrie zwischen 0,5 und 1,0 Mill. Beschäftigte gezählt.
Seit 1882 ist die Zahl der Betriebe mit mehr als 1.000 Beschäftigten von 127 auf 506 gestiegen.

Auch in diesem Jahr werden Lohnbewegungen der Gewerkschaften mit Aussperrungen bekämpft, so vor allem in der deutschen Holzindustrie, bei den Schneidern und Hamburger Hafenarbeitern.

Bei Streiks zahlt der Fabrikarbeiterverband dem Mitglied nach einem Jahr Organisationszugehörigkeit eine Unterstützung von 12 Mark bei einem durchschnittlichen Wochenverdienst von 22 Mark, weiblichen Mitgliedern eine von 8 Mark bei einem Wochenverdienst von durchschnittlich 11 Mark.

In der "Holzarbeiter-Zeitung" faßt Adolf Braun alle gewerkschaftlichen Argumente für Tarifverträge zusammen: Einschränkung der Streiks, dadurch Stärkung der finanziellen Kraft der Gewerkschaften; Beständigkeit der oft bei guter Konjunktur errungenen tariflichen Arbeitsbedingungen, vor allem Schutz vor Lohnsenkungen bei Verschlechterung der Wirtschaftslage; Anerkennung der Gewerkschaften und der Gleichberechtigung von Arbeit und Kapital durch die Unternehmer; verbesserte taktische Ausgangslage zur Durchsetzung vorteilhafter Arbeitsbedingungen, da die Arbeitgeber angesichts der gewerkschaftlichen Bereitschaft zu einem längeren Arbeitsfrieden ein höheres Entgegenkommen zeigten.

Die Vorstände des Fabrikantenverbandes und des Zentralverbandes der Schuhmacher einigen sich, Konflikte, welche wegen Personen und Organisationsfragen entstehen, vor einer eventuellen Arbeitseinstellung durch gemeinsame Verhandlungen einer friedlichen Lösung zuzuführen.

Der "Arbeiter-Samariter-Bund" wird gegründet, der sich 1909 in Magdeburg seine endgültige Organisationsstruktur gibt. Die Aufgaben des Bundes liegen u.a. in der Ausbildung der Hygiene, Krankenpflege und Erster Hilfe sowie in Hilfeleistungen bei Unfällen und Erkrankungen sowie in der Überwachung von Arbeitsschutzbestimmungen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges zählt der ASB 5.500 Mitglieder.

Auf seiner Generalversammlung verabschiedet der "Bund der Industriellen" Leitsätze zum Tarifvertragswesen: "Der Abschluß von Tarifverträgen in geeigneten Industrien kann befürwortet werden. Obwohl unter den gegebenen Verhältnissen nicht empfehlenswert, kann die Verhandlung der Arbeitgeber mit den Arbeitnehmern von Koalition zu Koalition grundsätzlich nicht abgelehnt werden. Die Ablehnung ist vielmehr von Fall zu Fall zu entscheiden."


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