ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
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Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Susanne Rolinek, Jüdische Lebenswelten 1945-1955. Flüchtlinge in der amerikanischen Zone Österreichs (Österreich-Israel-Studien, Bd. 4), Studien-Verlag, Innsbruck 2007, 215 S., kart., 26,90 €.

,,Ich bin eine verschleppte Person. Ja, und so bin ich jetzt bei Ihnen, in Ihrem gewiß sehr schönen Land, ich bin hier und warte: Auf die erste und beste Gelegenheit, Sie von meiner Anwesenheit und meinem Anblick befreien zu können, auf daß Sie und ich befreit aufatmen können, denn ich weiß: Sobald ich fort bin, wird es in Ihrem Land aufwärts gehen“ (aus einem öffentlichen Brief des jüdischen Flüchtlings Heinrich Goldmann; S. 76).

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzten die Alliierten diejenigen Personen, die sich innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs aufhielten, aber keine Deutschen waren, in den Status einer „Displaced Person“ (DP). Die DPs wurden von den Militärbehörden in Lagern gesammelt und sollten so schnell wie möglich mit Hilfe internationaler Hilfsorganisationen in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Die jüdischen DPs hatten keine Heimat, in die sie hätten zurückkehren können, so dass die Hilfsorganisationen sich bemühten, ihnen die Ausreise nach Palästina, in die USA, nach Großbritannien oder in andere Länder zu ermöglichen, um einen längeren Aufenthalt im „Land der Täter“ zu vermeiden.

Die Historikerin Susanne Rolinek aus Salzburg konzentriert sich in ihrer Monografie „Jüdische Lebenswelten 1945-1955. Flüchtlinge in der amerikanischen Zone Österreichs“ auf den Mikrokosmos in den jüdischen DP-Lagern. Für die Historiografie in Deutschland sind ihr Ansatz und ihre Milieustudie insofern interessant, als Rolinek sich vor allem mit den sozialen Interaktionen dieser fragilen Übergangsgesellschaft jüdischer DPs sowie der Beziehung zwischen DPs und den Österreichern beschäftigt. Ihrer Untersuchung zugrunde liegt die „social network"-Forschung, die der Funktion und Stabilität von sozialen Beziehungen bei Flüchtlingen nachgeht. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf die Netzwerke von Organisationen und Institutionen, sondern untersucht auch die persönliche Ebene.

Für ihre Arbeit analysierte Rolinek Quellen in österreichischen Archiven, die bis dato wenig berücksichtigt wurden, sowie Quellen in Israel und in den USA. Ausgangspunkt ihrer Arbeit war das Material des „Institute for Jewish Research Archives“ (YIVO), da es neue Einblicke in die zionistischen Netzwerke erlaubt. Der Widerspruch zwischen religiösen Gruppierungen in den Lagern, die sich nicht mit zionistischen Überzeugungen identifizieren konnten, wird auf dieser Grundlage dargestellt. Neben der Auswertung von Quellenmaterial zieht Rolinek auch Interviews heran, die sie mit ehemaligen jüdischen Flüchtlingen geführt hat.

Nach einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand stellt Susanne Rolinek die Rahmenbedingungen und Hintergründe der jüdischen DP-Lager dar. Dabei geht sie sowohl auf die Zusammenarbeit der Besatzungsbehörden mit den Hilfsorganisationen ein als auch auf die Verwaltung des Lagerlebens. Zudem beschäftigt sich Rolinek mit der Frage, inwieweit sich die Sozialstruktur in den Lagern veränderte.

Bei der Suche der DPs nach Heimat und Identität beschränkt die Autorin sich auf die Jahre 1945 bis 1947. Sie geht auf die Herausforderungen ein, der sich Hilfsorganisationen und die US-Besatzungstruppen im Umgang mit Überlebenden des sogenannten KZ-Syndroms ausgesetzt sahen. Dies führte zu Spannungen zwischen den jüdischen DPs und den Angehörigen der Besatzungstruppen, denn die Soldaten waren auf ihre Aufgabe nicht hinreichend vorbereitet. Die US Army entwickelte daraufhin ein Rehabilitierungsprogramm, das darauf abzielte, das Selbstbewusstsein der DPs wiederherzustellen, ihre Persönlichkeit zu stärken und sie mit den Grundregeln der Demokratie vertraut zu machen.

Weitere Konflikte entstanden zwischen zionistischen und anderen Organisationen sowie zwischen einzelnen DPs, aber auch zwischen den Vertretern der verschiedenen Nationen in den Lagern. So intensivierten sich die Spannungen zwischen polnischen und ungarischen Juden im Zusammenhang mit dem Massenexodus der Juden aus Polen im Sommer 1946. Im April 1947 erreichte überdies eine große Gruppe rumänischer Flüchtlinge die Lager. Die dort aktive Brichah zeigte sich allerdings wenig hilfsbereit. Für die Organisation waren die rumänischen Flüchtlinge nicht zionistisch eingestellt. Zudem galten sie nur als „Wirtschaftsflüchtlinge", die im Zuge der sogenannten rumänischen „Hungerflucht“ in die Lager kamen und laut Brichah keine beziehungsweise weniger Unterstützung verdienten als die polnischen Juden, die sechs Jahre in Ghettos, Konzentrations- oder Vernichtungslagern um ihr Überleben gekämpft hatten.

Des Weiteren beschreibt Rolinek das Verhältnis zwischen den jüdischen DPs und den einheimischen Österreichern. Diese behaupteten, dass die DPs eine privilegierte Stellung seitens der Militärbehörden und Hilfsorganisationen genossen; ein Vorwurf, der auch in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands immer wieder an die Militärverwaltung herangetragen wurde. Susanne Rolinek kommt zu dem Schluss, dass jüdische DPs bei der Bevölkerung Österreichs zusehends als Personen galten, die der „nationalen Versöhnung“ und dem Wiederaufbau des Landes im Wege standen, was das eingangs erwähnte Zitat einer DP illustriert.

Wichtig für die Bildung einer individuellen Identität waren familiäre Beziehungen. Die meisten Überlebenden verloren ihre Familienangehörigen jedoch im Holocaust. Jugendgruppen oder Kibbuzim gaben nicht allen Beteiligten das Gefühl, Teil einer Familie zu sein. Dieser Faktor spielte in Verbindung mit einer Auswanderung nach Palästina/Israel eine immer stärker werdende Rolle. Zionistische Ideale oder religiöse Überzeugungen ordneten sich oft dem kollektiven Wunsch der Familie oder des Partners unter. Doch auch die Entscheidung, im „Land der Täter“ zu bleiben, hing mit Konstellationen innerhalb der Familie zusammen oder damit, in Österreich eine Ausbildungschance zu bekommen, die in einem anderen Land nicht ohne Weiteres möglich gewesen wäre. Dazu kamen Faktoren wie Alter, psychischer und körperlicher Zustand sowie Assimilationsgrad der Juden, die vor dem Holocaust bereits in Österreich ihre Heimat gefunden hatten.

Die Jewish Agency, die offizielle Einwanderungsbehörde Israels, erstellte anhand medizinischer Ergebnisse Prioritätenlisten und diskriminierte damit diejenigen Personen, die alt oder krank waren, sowie alleinerziehende Mütter. In den DP-Lagern kam es zudem zu Rekrutierungen der Bewohner. Die Haganah, eine zionistische Untergrundorganisation, die einen bewaffneten Kampf gegen die britische Mandatsmacht in Palästina führte, forderte alle kinderlosen Frauen und Männer auf, für den jungen Staat Israel zu kämpfen, und warb an eigens eingerichteten Rekrutierungsstellen um Jugendliche und Erwachsene. Oft wurde der Druck dadurch erhöht, dass man den DPs beispielsweise den Entzug von Lebensmittelrationen androhte, so dass die US-Militärbehörden reagieren mussten und es untersagten, durch Zwang Bewohner der Lager zu militärischen Übungen heranzuziehen. Die zionistischen Gruppen verloren indessen schnell das Interesse an den Überlebenden der Lager, wenn diese sich nicht eindeutig als potenzielle Kämpfer oder Pioniere für Israel ausgaben.

Im abschließenden Teil des Buchs geht die Autorin auf die Integration in Israel, den USA und anderen Aufnahmeländern ein sowie auf die Erfahrungen, die die Überlebenden in diesen Staaten machten. Sie attestiert Österreich darüber hinaus einen sehr leichtfertigen Umgang mit seiner eigenen Geschichte im Nationalsozialismus und mit den jüdischen Überlebenden. Deren Nachkommen, die heute noch das politische, kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Leben Österreichs beeinflussen, werden bis dato aus dem öffentlichen Bewusstsein der österreichischen Gesellschaft nahezu ausgeklammert. Die Legende, Österreich sei das erste Opfer der nationalsozialistischen Okkupationspolitik gewesen, wurde über Jahrzehnte durch österreichische Politiker gepflegt. Die Überlebenden und vor allem diejenigen, die sich dann in diesem Staat dauerhaft niederließen, stellten den Opferstatus Österreichs durch ihre Anwesenheit nachhaltig in Frage, so Rolinek.

Susanne Rolinek ist eine sehr lesbare, gut strukturierte Studie über den Mikrokosmos der Lagerwelt jüdischer Displaced Persons in Österreich gelungen. Ihren Schwerpunkt legt sie dabei auf die sozialen Netzwerke, die sich in den DP-Lagern entwickelten. Besonders das Offenlegen der alltäglichen Konflikte, die in den Lagern auftraten, macht die Arbeit lesenswert, da Rolinek ein gegensätzliches Bild der vorherrschenden beziehungsweise Mainstream-Identitäten entwirft, die besonders unter den Historikern verbreitet sind, die sich eingehend mit dem Schicksal der jüdischen Displaced Persons als einer homogenen Gruppe von Überlebenden des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Der soziologische Forschungsansatz der „affinity groups", der sich mit den individuellen Identitätsfaktoren der einzelnen Akteure auseinandersetzt, macht die Studie bemerkenswert, da vergleichbare Arbeiten in der deutschsprachigen Historiografie bislang kaum zu finden sind.

Iris Helbing, Berlin


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