ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Vladimír Votýpka, Böhmischer Adel. Familiengeschichten, Böhlau Verlag, Wien 2007, 383 S., geb., 24,90 €.

Das Buch des Journalisten und Publizisten Vladimír Votýpka ist im tschechischen Original erstmals Mitte der 1990er Jahre erschienen (Příběhy české šlechty. Mladá fronta, Prag 1995); zwei weitere Auflagen folgten (2001 und 2002). Es handelte sich damals um den ersten Teil eines insgesamt dreibändigen, nur frei aneinander anschließenden Werks, das einer breiteren Leserschaft die Geschichte bedeutender böhmischer Adelsfamilien vorstellte. In einer qualitativ guten Übersetzung gelangt diese Arbeit nun in die Hände des deutschsprachigen Publikums. Die Wurzeln der Entstehung des ersten Buchs von Votýpka reichen jedoch bis zum Anfang der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück.

Aus seinem Interesse an der Denkmalpflege in der kommunistischen Tschechoslowakei heraus beschäftigte sich Votýpka damals mit der Geschichte der ehemaligen Besitzer der böhmischen und mährischen Burgen und Schlösser, denen diese oft imposanten Objekte zusammen mit anderen Immobilien ohne Ausnahme und ohne Entschädigung enteignet worden waren. Wie lebte diese alte, durch den kommunistischen Umsturz 1948 liquidierte Elite in der ‚neuen‘ sozialistischen Gesellschaft der Arbeiter, Bauern und der arbeitenden Intelligenz? Votýpkas Interesse an dieser Frage speiste sich auch aus der Tatsache, dass es sich um ein lange Zeit tabuisiertes Thema handelte, um ein Thema, zu dem jegliche öffentlich erreichbare Information fehlte.

Der Großteil der Adelsfamilien emigrierte 1948 aus der Tschechoslowakei und die wenigen, die blieben, hatten zweifelsohne viele Gründe dafür, nicht auf sich aufmerksam zu machen und auf alle Fragen, die mit ihrer politisch verurteilten Herkunft zusammenhingen, mit Misstrauen zu begegnen. Vladimír Votýpka gelang es zwar mit Hilfe des Priesters (und späteren Bischofs) František Lobkowicz, in der Tschechoslowakei einige Nachfahren alter Adelsfamilien ausfindig zu machen, es gelang ihm sogar ihr Misstrauen und ihre Zweifel zu überwinden, aber Ergebnisse aus den Gesprächen zu publizieren, sei es auch nur in einem populärwissenschaftlichen Werk, war in den 1970er und 1980er Jahren unmöglich. Erst nach 1989 konnte sich Votýpka diesem Thema wieder zuwenden; er schloss an die damalige Recherchen und Gespräche an und machte seine Resultate schließlich der tschechischen und nun auch der deutschen Öffentlichkeit zugänglich.

Der Band „Böhmischer Adel“ bietet insgesamt 17 umfangreiche Texte, die auf der Grundlage von Gesprächen und Erzählungen der Nachfahren bedeutender Adelshäuser entstanden sind (Schwarzenberg, Kinsky, Lobkowicz, Czernin, Wratislaw, Sternberg, Bubna-Lititz und andere). Es handelt sich um eine sehr subjektive Form der Erzählung, die sich vor allem auf die biografische Ebene konzentriert. Die ehemaligen Aristokraten erinnern sich nicht nur an ihre Geschichte, sondern auch an das Schicksal ihrer Familien und Vorfahren, von fernen Verwandten und Freunden. Der chronologische Text umfasst, neben verschiedenen familiären und historischen Reminiszenzen, vor allem die moderne Geschichte Mitteleuropas Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Inhaltliche Schwerpunkte liegen auf dem Leben des Adels in der späten Habsburgermonarchie, seinem Niedergang, seinem Kriegserlebnis, der Gründung der Tschechoslowakischen Republik und auf dem damit verbundenen Verlust der Adelstitel und der gesellschaftlichen Stellung und eines Großteils des Gutbesitzes als Folge der Bodenreform von 1920. Weiterhin spielt die Thematik der Zwischenkriegszeit in der Tschechoslowakei eine große Rolle, insbesondere die Solidarisierung des Adels mit diesem Staat, die sich vor allem in den Loyalitätsbekundungen von 1938 und 1939 manifestierte. Von großer Relevanz sind auch die Passagen der Biografien, die die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg darstellen, nicht zuletzt den Verlust des übrig gebliebenen Grundbesitzes, politische Verfolgung und soziale Degradierung. In diesen Abschnitten ist es notwendiger denn je, die Zeit zu berücksichtigen, in der die Gespräche und Erzählungen entstanden sind, da man mit einer gewissen Selbstzensur der Befragten rechnen muss.

Aus formaler Sicht ist es schwierig, Vladimír Votýpkas gesammelte Texte klar einzuordnen. Es handelt sich nicht um klassische Interviews, da Vladimír Votýpka für sein Buch nicht durchgehend auf die Frage-Antwort-Methode zurückgegriffen hat. Zudem ist die Art und Weise der Befragung des Autors noch weit entfernt von der Methode der modernen Oral History. Das heißt jedoch nicht, dass er seine Gesprächspartner nicht zu bestimmten Themen und Momenten gelenkt hat, die ihn interessierten und von denen er gedacht hat, dass sie auch seine potenzielle Leserschaft interessieren könnten. Die Texte zeugen von dem Bemühen, die biografische Erzählung der individuellen, aber auch familiären Geschichten im komplizierten 20. Jahrhundert zu verorten.

Vladimír Votýpkas Buch ist kein wissenschaftlicher Text, auch keine kritische Edition von Memoiren. Allerdings ist es nicht nur als populäre Arbeit, die für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist, zu betrachten. Vielmehr ist der Wert des Ensembles der Texte als Quelle zu berücksichtigen: nicht nur zur Geschichte der Adelsfamilien und ihrer wichtigsten Vertreter, sondern auch zur Alltagsgeschichte einer klar definierten und abgegrenzten sozialen Gruppe, zum Kennenlernen der kulturellen Werte und sozialen Bindungen sowie der sich schnell verändernden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die den extremen Fall des Adels zu einer Randgruppe in der neuen ‚klassenlosen‘ sozialistischen Gesellschaft bewirkten.

Einzelaussagen ergänzen wichtige und aus den schriftlichen Quellen unbekannte Aspekte der ‚großen Geschichte`, sie geben die subjektive Seite der Entscheidungen, der Motivation und die konkrete Einstellung des Adels wieder. Aus den Aussagen des Adels können die Einstellungen und Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft zu dieser traditionellen Elite erkannt werden. Einen großen Wert besitzen zudem die Auswertung privater Archive durch Votýpka und die im Buch abgedruckten Fotografien. Zum Schluss muss jedoch mit Bedauern festgestellt werden, dass der Arbeit ein Namensregister fehlt.

Luboš Velek, Prag


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