ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Julia Obertreis/Anke Stephan (Hrsg.), Erinnerungen nach der Wende. Oral History und (post)sozialistische Gesellschaften/Remembering after the Fall of Communism. Oral History and (post-)socialist Societies, Klartext Verlag, Essen 2009, 401 S., brosch., 39,95 €.

„Die größte Errungenschaft des Kommunismus - eine Errungenschaft, die sich auf dramatische Weise erst nach 1989 zeigte - bestand in der Schaffung des Menschen ohne Erinnerung, des neuen Menschen nach der Gehirnwäsche, der sich nicht daran erinnern sollte, was er war, was er hatte, noch was er in der Zeit vor dem Kommunismus getan hat.“ Mit diesen paradigmatischen und für westliche Ohren etwas pathetisch klingenden Worten leitet die Gedenkstätte „Memorial Sighet“ für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands in Rumänien ihre Website ein. (1)

Der aus 23 Einzelbeiträgen bestehende Sammelband, der eine Tagung über „Oral History und (post)sozialistische Gesellschaften“ dokumentiert, die von den Herausgeberinnen Julia Obertreis und Anke Stephan im November 2005 organisiert wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Erklärung zu widerlegen. Die Beiträge sind in fünf thematische Abschnitte unterteilt, denen eine pointierte Einleitung der Herausgeberinnen über den state of the art hinsichtlich Oral History und Erinnerungskultur vorangestellt ist. Beginnend mit „Systemwechsel, Identitätskonstruktionen und aktuelle Debatten um die Vergangenheit“, gefolgt von „Emanzipation ‚von oben': Weibliche Erfahrungen und Geschlechterrollen im Sozialismus und Postsozialismus“, schließen sich Beiträge über „Konkurrierende Geschichtsbilder: öffentliches und privates Erinnern, regionale und nationale Identitäten“ an. Der vierte Abschnitt widmet sich „Opfer und Täter[n]: Erfahrungen mit repressiven Systemen“. Der Band endet mit einem klassischen Thema innerhalb der Oral History, der Erforschung des „Alltag im Sozialismus - Spielräume in der Diktatur“. Neben einem biografischen Anhang rundet eine sehr nützliche Übersicht über „Oral History Centers in Central Eastern, South Eastern and Eastern Europe“, samt Internet- und Email-Adressen, die Veröffentlichung ab.

Die Bandbreite der angesprochenen Themen ist groß, ebenso die Disziplinen, innerhalb derer Oral History angewendet wurde. Daher sind die Beiträge über die Gemeinsamkeit von Oral History und Nachwendezeit schwer auf einen Nenner zu bringen. Manchen Artikeln merkt man an, dass die Autorinnen und Autoren sich verpflichtet fühlten, sich theoretisch auszuweisen, die eigentliche empirische Arbeit und Analyse kam dann gelegentlich zu kurz. Dies mag an der an sich erfreulichen Tatsache liegen, dass das Buch überwiegend Arbeiten von Forscherinnen und Forschern veröffentlicht, die noch am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen.

Nachfolgend werden einige Beiträge eingehender vorgestellt. Alexander von Plato erläutert unter Rückgriff auf Ernst Blochs These über die Ungleichzeitigkeit von Systembrüchen und Mentalitätsveränderungen, wie sich eine Erfahrungsgeschichte in Bezug auf die sich wandelnde Einstellung der Deutschen nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes entwickelte, und verweist dabei auf den Abstand zum Geschehen, der für biografische und historiografische Forschungen zum NS-Regime sowie zu dessen Verbrechen und Auswirkungen erforderlich war. Ohne die bundesrepublikanische Wissenschaft als Vorbild zu preisen, plädiert er für die Entwicklung einer europäischen Erinnerungskultur, für die er Tagungen und Tagungsbände wie den vorliegenden für gut geeignet hält.

Wie differenziert eine mündliche Geschichte der Systemwechsel ausfallen muss und welche besonderen Ansprüche an Quellenkritik nötig sind, erläutert Sidonia Nedaianu Grama am Beispiel eines Ereignisses im rumänischen Cluj im Dezember 1989. Ihr Beitrag geht darauf ein, wie sehr aktuelle politische Machtverhältnisse das Sprechen über Erfahrungen innerhalb von Systembrüchen beeinflussen. Denn die hier untersuchten Ereignisse liegen erst eine vergleichsweise kurze Zeit zurück. Wie Ulrike Jureit in ihrem Kommentar bemerkt, wird daran sichtbar, dass „Oral History nur einen begrenzten Gegenwartsbezug vertragen kann“ und dass diese Methode, um über individuelle Aussagen hinaus von übergreifendem Aussagewert zu sein, nicht auf die allerneuste Zeitgeschichte angewendet werden sollte.

Die Beiträge sind, wie könnte es anders sein, von unterschiedlicher Qualität. Kobi Kabalek gibt einen Einblick in seine Dissertation und analysiert als Beispiel für „Die ‚NS-Zeit‘ in Interviews mit jungen Deutschen aus der ehemaligen DDR“ Auszüge eines Interviews mit einem Studenten, der Kindheit und Jugend in der DDR verlebt hat. Dabei interessiert er sich auch dafür, wie und ob Residuen von DDR-Geschichtsbildern in Interviews erkennbar sind. Sein Beispiel vermag allerdings nicht ganz zu überzeugen. Der von seinem Interviewpartner unhinterfragt reproduzierte „Versprecher“ seiner Großmutter, die ihre Dienstverpflichtung als „Zwangsarbeit“ bezeichnet hatte, hat weniger mit Geschichtsbildern der DDR zu tun, sondern wohl eher mit dem auch aus anderen Kontexten bekannten Wunsch, sich einem stärker anerkannten Opferkollektiv anzuschließen.

In Yulia Gadskovas Beitrag über Einblicke in die Sozialgeschichte der Sowjetunion anhand von Gesprächen über „weibliche Erfahrungen“ wie Mutterschaft und Schönheit wird deutlich, dass die Nähe zu erinnerten Ereignissen oder Zeitabschnitten in Interviews auch von Vorteil sein kann. Dann nämlich, wenn über eine Epoche gesprochen wird, über deren Einschätzung es noch keinen gesellschaftlichen Konsens gibt. An diesem Beitrag offenbart sich, und darauf macht Natalie Stegman in ihrem Kommentar aufmerksam, dass es nicht ausreicht, Themen wie Schönheit oder Fortpflanzung als ausschließlich weibliche Erfahrungen zu diskutieren. Die Bewertung der Geschlechterbeziehungen in der Sowjetunion in den 1930er bis 1960er Jahren hängt allerdings wesentlich auch von Kategorien ab, die Gadskova nicht ins Zentrum ihrer Analyse gestellt hat. Dabei wären vor allem die ethnische Herkunft ihrer Interviewpartnerinnen, der Stadt-Land-Unterschied, die berufliche Bildung, das Verhältnis zur staatlichen Herrschaft und zu regional ausgeprägten Traditionen zu nennen.

Marianne Kamp problematisiert anhand eines umfangreichen Oral History-Projekts mit ehemaligen usbekischen Landarbeitern und Bauern (zu den Auswirkungen der Kollektivierung der Landwirtschaft) die Interaktion zwischen Interviewten und Interviewer, um herauszuarbeiten, wie kulturelle Normen bezüglich des Verhältnisses von Jung und Alt und hinsichtlich traditioneller räumlicher Ordnungen in der häuslichen Sphäre sichtbar sind und noch heute wirken. Zwar hat Kamp zwischen sozialer und Klassenzugehörigkeit unterschieden, überraschenderweise aber nicht die Kategorie „Geschlecht“ ihrer Analyse zugrunde gelegt, die in der Regel innerhalb von Traditionssystemen eine große Rolle spielt. Offenbar muss das aber dann kein Kriterium mehr sein, wenn die Artikel unter die Überschrift „Konkurrierende Geschichtsbilder“ gestellt werden. Jedenfalls nimmt auch Daniela Koleva in ihrem Kommentar, in dem sie für eine genaue Betrachtung der politischen, moralischen und sozialen Implikationen von Interviews in postsozialistischen Settings plädiert, darauf bedauerlicherweise keinen weiteren Bezug.

Innerhalb des Abschnitts „Opfer und Täter. Erfahrungen mit repressiven Systemen“ problematisiert Mary Beth Stein in ihrem Kommentar unter anderem die Verwendung des Begriffspaars „Opfer und Täter“ als „unique German tradition“, die sich aus dem Umgang mit dem NS-System speise. Dieses eindimensionale Begriffspaar sei nur um den Preis der Komplexitätsreduktion auf andere repressive Gesellschaften übertragbar. Während sie also für eine genaue Konturierung dieser Begriffe plädiert, verwendet sie ebenso wie Anselma Gallinat in ihrem lesenswerten Beitrag über die Erzählgenres von Zeitzeugen in DDR-Gedenkstätten den Begriff „Trauma“ zu oberflächlich als Synonym für negativ belastende Erfahrungen. Im Gegensatz dazu orientiert sich Alexey Goluveb in seinem Aufsatz über die Erinnerungen der karelischen Bevölkerung an Erfahrungen mit politischer Polizei am Begriff des „historischen Traumas“ in Anlehnung an Jörn Rüsen. Nicht nur für die Geschichtswissenschaft wäre es wünschenswert, wenn der Trauma-Begriff nicht weiterhin dekontextualisiert und lediglich als Synonym für jegliches zweifelsfrei schreckliche Erlebnis herangezogen würde.

Dorothee Wierling schließlich macht in ihrem Kommentar zum letzten Abschnitt des Bands auf eine zentrale Aufgabe von Oral History aufmerksam, die darin bestehe, die dominanten scripts, die sozial verfassten Drehbücher, denen ein Interview folgen würde, zu erkennen und die Interviewpartner zu motivieren, von diesen scripts abzuweichen, da nur dann komplexe Erzählungen auch widersprüchlicher Erfahrungen möglich würden. Ihre These basiert auf der Einschätzung, dass insbesondere Interviewpartner, die Umbrüche und Desorientierung erlebt haben, sich eher motiviert fühlten, eindimensionale, eindeutige Lebenserzählungen zu präsentieren. Diesem Appell liegt die grundlegende Forderung nach der Rekonstruktion des subjektiven Relevanzsystems zugrunde, wie es vor einigen Jahren noch genannt wurde, und gilt wohl für alle Interviews, nicht nur für diejenigen, die von Umbruchsphasen und erlebter Desorientierung handeln. Damit geht Wierlings Kommentar weit über die Beiträge der letzten Sektion, über den „Alltag im Sozialismus“, hinaus und gilt letztlich für alle ernstzunehmenden Oral History-Projekte.

Der Sammelband ist insbesondere deshalb lesenswert, weil sich Querverbindungen zwischen einzelnen Texten ergeben, die aufschlussreich diskutiert werden könnten; zum Beispiel wenn Marianne Kamp darauf aufmerksam macht, dass in ihren usbekischen Interviews unverstellte sowjetisch ideologisierte Begrifflichkeiten auftauchen, Kristi Jõesalu in ihrem Projekt über das Aufscheinen des sowjetischen Alltags in der estnischen Erinnerungskultur darauf verweist, dass in ihren Interviews jener Alltag auf nichtideologische private Weise geschildert wird.

Die Methode der Oral History ist gewissermaßen notwendigerweise qualitativ angelegt. Wie aufschlussreich dieser Ansatz sein kann, wird im besprochenen Band deutlich sichtbar. Ob aber er tatsächlich dazu führt, einer „europäischen Erinnerungskultur“ näher zu kommen, wie die Herausgeberinnen und auch Alexander von Plato vermuten, werden zukünftige Diskussionen auch über die Notwendigkeit einer solchen Erinnerungskultur zeigen.

Linde Apel, Hamburg

Fußnoten:


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