ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Dierk Hoffmann, Aufbau und Krise der Planwirtschaft. Die Arbeitskräftelenkung in der SBZ/DDR 1945 bis 1963 (Veröffentlichungen zur SBZ-/DDR-Forschung am Institut für Zeitgeschichte, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte Bd. 60), Oldenbourg Verlag, München 2002, 586 + VIII S., geb., 74,80 €.

Der Verfasser "untersucht die Arbeitskräfteplanung und -steuerung", weil "das Thema ein zentraler Bestandteil der allgemeinen Wirtschaftsplanung [...] in der DDR" (S. 1) war. Es besteht somit die Chance daraus den zentralen Stellenwert der Arbeitspolitik für die Stabilisierung der kommunistischen Diktatur in ihrem langen Gründungsjahrzehnt (und noch zwei Jahre darüber hinaus) zu analysieren. In Hoffmanns umfangreichem Buch erfahren wir in enzyklopädischer Reichhaltigkeit Vieles über die administrativen Lenkungsmechanismen der DDR-Arbeitskräftelenkung und erhalten damit Einblick in die Machtmechanismen unterhalb der politischen Lenkungs-Ebene. Damit hat der Verfasser ein wichtiges Pendant zur politikhistorischen Studie von Friederike Sattler über den Aufbau der Planwirtschaft in den frühen Nachkriegsjahren vorgelegt. (1)

Eine Institutionen- und Verwaltungsgeschichte der Arbeitskräfteplanung in der SBZ und frühen DDR ist auch dann spannend, wenn wir mit ihr nicht die Subjekte dieser Planungen kennen lernen, die Planer-Bürokraten und ihre zeitgenössischen ideologischen Stereotypen, ihre Einschätzung der Arbeiter, sondern hauptsächlich den Inhalt ihres Geschäftsganges. Dennoch sagt sie viel darüber aus, wer die Objekte dieser Planungen waren, die Arbeiter, auch über deren Arbeitswelt und die darin wirksamen Erfahrungsschichten. Dies geschieht in Hoffmanns Buch durch die Optik und Funktionsweise der arbeitspolitischen Exekutive, der SMAD und der entstehenden DDR-Planbürokratie. Mit dem quantitativen Aufwand von immerhin 32 sozialstatistischen Tabellen werden die Vielfalt arbeitsmarktpolitischer Entwicklungen in Phasen dargestellt und ihre Veränderungen als Teil der langen Wellen in der Sozialstruktur der sich konstituierenden DDR-Gesellschaft.

Die Effizienz der autokratischen DDR-Planverwaltung erstreckte sich auf die davon betroffenen Arbeiter in unterschiedlichen Industriezweigen, von denen das Schicksal der Belegschaft in der Wismut AG, dem gefahrvollen Uran-Bergbau (S. 126 - 153, 308 - 348), schlaglichtartig die Gefährdungen in der regulierten Arbeitswelt der SBZ und frühen DDR erhellt. In den Kapiteln über die Wismut AG kann Hoffmann aufzeigen, dass die gesamte Planungsbürokratie bis hin zu Ulbricht die Missstände in den Übernachtungsheimen der Wismut-Arbeiter registrierte (S. 332). Hier lag ein großes Konflikt-Potential und es entlud sich auch in sporadischem Krawall (S. 336f.), der gegen die exekutive Steuerungskompetenz allerdings machtlos aufbegehrte.

Allenfalls anzumerken an der sorgfältig recherchierten und penibel aufbereiteten politikgeschichtlichen Studie ist, dass die beteiligten Akteure in dieser Konfliktlage zu wenig über die Motive ihre Entscheidungsprozesse Preis geben. Ulbrichts Arbeiter-Politik wird dadurch zu stark auf administrative Zwänge reduziert. Gabe es darin kein ideologisches Macht-Kalkül? Der Leser hat den Eindruck, dass ausschließlich Sachzwänge dominierten und sich die Arbeitspolitik der DDR in einem Selbstlauf abspulte. Um diesen Eindruck der Monokausalität von Sachzwängen zu durchbrechen, wären an manchen Stellen Querverweise und womöglich auch die Verwendung von Quellen aus der Perspektive der Betroffenen, der Arbeiter, hilfreich gewesen. Allerdings muss eingeräumt werden, dass damit möglicherweise eine Überfrachtung des Themas verbunden gewesen wäre.

Mit Hoffmanns Studie liegt jetzt eine weitere Ergänzung institutionengeschichtlicher Politikfeld-Analysen vor, wie sie in den vergangenen Jahren unser Wissen über die autoritäre DDR-Diktatur umfassend erweitert haben.

Georg Wagner-Kyora, Hannover/Halle


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