ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Wolfgang Stegemann/Wolfgang Jacobeit (Hrsg.), Fürstenberg/Havel - Ravensbrück im Wechsel der Machtsysteme des 20. Jahrhunderts (Beiträge zur Alltags- und Sozialgeschichte einer Region zwischen Brandenburg und Mecklenburg, Bd. 2), Hentrich & Hentrich, Teetz 2004, 566 S., geb., 23.

Ortsgeschichtliche Veröffentlichungen erregen selten das Interesse des Allgemeinhistorikers, obwohl es Ausnahmen wie die vorliegende gibt, die solche Aufmerksamkeit durchaus verdienen. Nicht nur, weil das idyllische Städtchen am Südrand der mecklenburgischen Seenplatte als Standort des Frauen-KZs Ravensbrück, später als Stabssitz der 2. sowjetischen Garde-Panzerarmee mit Atomraketen und 30 000 Soldaten gegenüber 5000 Einwohnern besonderes Interesse verdient, sondern vor allem, weil die beiden Herausgeber, die zugleich Verfasser großer Teile des Buches sind, erfolgreich bemüht waren, nach Inhalt wie Methode den heutigen Ansprüchen historischer Forschung gerecht zu werden. Gewiss, vor allem gegen Ende fehlen nicht die üblichen Abschnitte über Schützenzünfte und Radsportvereine. Überwiegend aber handelt es sich um eine quellengesättigte, mit Dokumenten und Illustrationen durchschossene, sorgfältig belegte und behutsam in die allgemeinen historischen Verhältnisse eingeordnete Darstellung des gewöhnlichen Lebens der Menschen, die den Anforderungen moderner Alltags- und Mikrogeschichte vollauf entspricht und insofern einen Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts ,,von unten" leistet, der Beachtung verdient.

Die sechs Großabschnitte betreffen Kaiserreich und ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, sowjetische Besatzungszeit, DDR und, verständlicherweise am schwächsten, das wiedervereinigte Deutschland 1989-2000. Dabei ist detailliert von der Entwicklung der Wirtschaft und des Stadtbilds sowie den politischen Verhältnissen die Rede, dem Aufstieg der SPD im ursprünglich nationalliberalen Milieu, zunächst unter den archaischen Bedingungen des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz, dann in der Weimarer Republik, bald in Konkurrenz mit der KPD, schließlich von der Dominanz der Nationalsozialisten, später der SED, und der unterschiedlichen Mischung von Zustimmung und Zwang, auf der sie jeweils beruhte. Nicht nur die antisemitischen Aktivitäten im ,,Dritten Reich" kommen zur Sprache, sondern vor allem das KZ Ravensbrück, das Schicksal seiner Insassinnen und seine keineswegs selbstverständlichen Umwandlung in eine nationale Gedenkstätte. Die sowjetische Besatzungsherrschaft wird offen, aber sachlich geschildert, ebenso die sozio-ökonomische Transformation samt Durchsetzung des VEB- und der LPG-Systems sowie die gesellschaftlichen Aktivitäten in der DDR. Bei der Behandlung der massiven russischen Militärpräsenz zu DDR-Zeiten hingegen klaffen eindeutige Informationslücken, die der damals gewollten Distanz zur deutschen Bevölkerung entsprechen, obwohl in dieser Hinsicht auch sympathische Ausnahmen zur Sprache kommen. Vom Schulwesen ist die Rede und von den beiden Kirchengemeinden, der marginalen katholischen und der evangelischen, die vor allem für das Ende der DDR wichtig war. Aber bereits der Olof-Palme-Friedensmarsch nach Ravensbrück hatte 1987 Aufbruchstimmung hervorgerufen.

Die Stärke des Buches ist, dass all diese Dinge und mehr überwiegend als Erfahrung gewöhnlicher Menschen, von Männer, Frauen und Kindern wahrgenommen und geschildert werden, dass diese Menschen weithin selbst zu Wort kommen, ohne dass dabei der Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte verloren ginge. Das gilt auch für die verschiedenen Porträts historischer Personen und persönlichen Erinnerungen, die eingestreut werden, und zwar mit bemerkenswerter Ausgewogenheit. So berichtet beispielsweise der ukrainische Zwangsarbeiter Michail Tschernenko über sein Leben in Fürstenberg. Ebenso wird die diskrete, aber wirkungsvolle Hilfe geschildert, die der Bauunternehmer Hermann Ahlgrimm KZ-Häftlingen leistet, samt der Verfolgung dieses Mannes und seiner Familie durch die DDR, obwohl er 1945 Rosa Thälmann das Leben gerettet hatte. Manfred Hildebrandt präsentiert sich als aufrechten Kommunisten, für den 1989 eine Welt zusammenbrach, aber der Herausgeber Wolfgang Stegemann berichtet auch mit bemerkenswerter Gelassenheit von seiner Verfolgung durch die Stasi, die ihn zum querschnittgelähmten Rollstuhlfahrer machte. So wird der Leser nicht nur unmittelbar an erfahrener Geschichte beteiligt, sondern legt das Buch schließlich bewegt und nachdenklich aus der Hand.

Wolfgang Reinhard, Freiburg


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