ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
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Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Susanne Kreutzer, Vom ,,Liebesdienst" zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945 (Geschichte und Geschlechter, Bd. 45), Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 2005, 306 S. kart., 34,90 .

Die jüngste Geschichte der Pflege ist weitgehend unerforscht. Zwar hat sich die historische Forschung intensiv mit der Entstehung der Mutterhäuser im 19. Jahrhundert und der Kriegskrankenpflege der Weltkriege beschäftigt, die Phase nach 1945 blieb jedoch weitgehend ausgeblendet. In diese Forschungslücke tritt nun Susanne Kreutzer mit ihrer Dissertation ,,Vom Liebesdienst zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945." Sie widmet sich darin zugleich einem weiteren, bislang vergleichsweise wenig beachteten Themenfeld: der frauenspezifischen Politik in den westdeutschen Einzelgewerkschaften.(1)

Umso erfreulicher ist, dass Susanne Kreutzer am Beispiel des ,,Bundes freier Schwestern in der ÖTV" die frauenspezifische Gewerkschaftspolitik im Bereich der Krankenpflege der 1950er- und 1960er-Jahre untersucht. Dabei geht es ihr im Kern um folgende Fragen: Wie versuchte die ÖTV die Entwicklung des modernen Frauenberufes Krankenpflege zu beeinflussen und damit dem steigendem Pflegebedarf zu begegnen? Welche strukturellen Probleme gingen mit der Verberuflichung und Professionalisierung dieser eng bedürfnisorientierten Tätigkeit Krankenpflege einher? Welche Position nahm der ,,Bund freier Schwestern" in der ÖTV ein? Welche Möglichkeiten hatten Frauen überhaupt, ihre Belange in der ÖTV durchzusetzen? Kreutzer verfolgt also eine doppelte Ausrichtung. Sie zielt einerseits auf die Reform der Krankenpflege und des Schwesternberufs an sich, andererseits auf ein Stück Gewerkschaftsgeschichte.

Die Studie basiert weitgehend auf ungedruckten Quellen aus der Provenienz der ÖTV. Aufgrund der beschränkten Reichweite dieser Bestände greift Kreutzer zudem auf eine reichhaltige Auswahl gedruckter Quellen zurück. Sie erweitert ihre Untersuchung um das kommunale Fallbeispiel West Berlins. Diese Kontraststudie beruht auf Material aus dem Landesarchiv Berlin. Ergänzend hat Susanne Kreutzer leitfadengestützte Experteninterviews mit ehemaligen Gewerkschaftsfunktionärinnen und -funktionären geführt und sensibel überwiegend dort integriert, wo sie die Entwicklung des ,,Bundes freier Schwestern in der ÖTV" und die Situation der ersten Funktionärinnen untersucht.

Susanne Kreutzer hat ihre Studie sehr übersichtlich und strukturiert angelegt und ihre Fragestellung konsequent verfolgt. Sie beginnt mit einem Kapitel über die Reform des Berufsbildes Krankenpflege und die Leitbilder des Pflegewesens.

Im zweiten Kapitel folgt sie der Entwicklung des Bundes und verortet ihn in der Politik der Gesamtgewerkschaft. 1949 wurde der ,,Bund freier Schwestern in der ÖTV" auf Bundesebene aus lokalen Vorläufern zusammengeführt. Er integrierte moderne gewerkschaftliche Interessenvertretung und das Prinzip der Schwesternschaften - und litt aufgrund dieser Ausrichtung von Beginn an unter einem Funktionskonflikt. Dies beförderte die Ambivalenz seiner Arbeit. Zwar trug er wesentlich zur Modernisierung des Pflegeberufes bei, indem er etwa die Begrenzung der Wochenarbeitszeit einforderte und den Schwestern eine Interessenorganisation außerhalb der Mutterhäuser anbot. Schon ab Ende der 1950er-Jahre konnte der ,,Bund freier Schwestern in der ÖTV" aber mit dem Modernisierungsprozess des Berufsfeldes nicht mehr Schritt halten. So löste er sich zu langsam vom Ideal des Liebesdienstes und beharrte auf dem zölibatären Lebensentwurf der Krankenschwestern. Insofern überrascht Susanne Kreutzers Beobachtung nicht, dass die Abkehr vom Ledigenberuf Krankenpflege nicht auf den ,,Bund freier Schwestern" zurückzuführen ist. Entscheidend war vielmehr die Bereitschaft der öffentlichen Verwaltung, angesichts des Pflegenotstandes auf die neuen Lebensentwürfe jüngerer Frauen, die zunehmend Familie und Beruf verbinden wollten, mit Angeboten zu reagieren. Auch in der Tarifpolitik agierte der Bund aufgrund der tradierten Vorstellung vom immateriellen Lohn für den Dienst am Kranken nur verhalten. Zwar setzte er sich für die Anerkennung der Krankenpflege als moderner Erwerbsberuf ein, die beruflichen Kompetenzen der Pflegekräfte, so Kreutzer, galten jedoch eher als außerberufliche, von Natur aus weibliche Eigenschaften denn als entlohnbare Leistungen. So führte auch in dieser Frage eine strukturelle Bedingung - der Schwesternmangel - zu Gehaltsverbesserungen. In der Frage der Professionalisierung der Pflege hielt der ,,Bund freier Schwestern in der ÖTV" zunächst an der Tradition einer überwiegend praktischen Ausbildung fest und verteidigte das Konzept der Ganzheitspflege: Arbeitsteilige Modelle wurden abgelehnt, auch weil sie den Einsatz niedrig entlohnter Hilfskräfte implizierten, die den Status der examinierten Schwestern gefährdeten.

Jedoch setzte sich um 1960 auch im Bund ein neues Verständnis der Krankenpflege durch. War die Bedeutung der Behandlungspflege durch die technisierte Medizin im Verhältnis zur Grundpflege gewachsen, so sollten die Schwestern nun auch offiziell in ihrer neuen Rolle als ,,Gehilfinnen des Arztes" anerkannt werden. Deshalb wurden Pflegehilfskräfte nun akzeptiert und eine deutlich theoretischere Ausbildung eingefordert.

In diesem Zusammenhang setzt sich Kreutzer, insbesondere im dritten Kapitel ihrer Studie, sehr engagiert mit den Folgen und Nebenfolgen der Modernisierung auseinander. Sie stellt die Berufszufriedenheit der Schwestern in der neuen arbeitsteiligen, einem lokalistischen medizinischen Leitbild verantworteten Pflege in Frage. Darüber hinaus verweist sie auf die ohne gewerkschaftliche Kritik vonstatten gegangene Abwertung der Grundpflege zur Niedriglohntätigkeit und die Entstehung eines am Ende der Gehaltsskala angesiedelten Sektors der nichtpflegerischen Tätigkeiten. Zudem habe die Funktionspflege die ganzheitliche Pflege verdrängt, ohne dass die sozialen Kosten dieses Vorgangs bedacht wurden. Einschneidend für die Geschichte des Berufsstandes, so Kreutzer, war auch der relative Bedeutungsverlust der Schwestern gegenüber den Ärzten, deren bloße Zuarbeiterinnen sie wurden, ohne einen eigenständigen autonomen Arbeits- und Wissensbereich bewahren zu können.

Darüber hinaus nimmt die Studie die gewerkschaftliche Frauenpolitik im Allgemeinen ins Visier und kommt zu überwiegend negativen Ergebnissen. Indem die ÖTV ihre Frauenpolitik bis zur Mitte der 1950er-Jahre ganz auf die Krankenschwestern konzentrierte - diesen Berufsstand sogar gleichsam als außenwirksames Symbol benutzte, was die gemeinwohlorientierte, quasi mütterliche Ausrichtung der Gewerkschaft demonstrieren sollte - vernachlässigte die Gewerkschaft gleichzeitig andere weibliche Schlüsselberufsgruppen wie die Reinigungs- und Schreibkräfte. Parallel dazu argumentierte die ÖTV am Beispiel der tatsächlich schwerer zu organisierenden Krankenschwestern, dass sich Frauen letztlich trotz wohlgemeinter Versuche eben nicht gewerkschaftlich vertreten ließen. Dahinter entdeckt Kreutzer unter anderem das Motiv männlicher Konkurrenzangst. Mit der allmählichen Ablösung des gewerkschaftlichen Differenzkonzepts durch die Vorstellung von der Gleichheit der Geschlechter erschien eine gewerkschaftliche Sonderpolitik für Frauen grundsätzlich überholt. Damit schwand schließlich die Bedeutung des ,,Bundes freier Schwestern" in der ÖTV.

Auf der Grundlage ihrer Ergebnisse formuliert Susanne Kreutzer eine weiterführende Forschungsfrage, die noch einer Behandlung harrt: Unter welchen Bedingungen öffneten sich auch die Mutterhäuser in den 1950er- und 1960er-Jahren dem Wandel des Berufsfeldes? Hatte die Politik des ,,Bundes freier Schwestern" an der Entwicklung der Mutterhäuser Anteil? Susanne Kreutzer hat eine sachlich und konzise geschriebene, durch und durch lesbare Studie vorgelegt. Vom ,,Liebesdienst zum modernen Frauenberuf. Die Reform der Krankenpflege nach 1945" ist ein ausgesprochen nützliches Buch.

Elsbeth Bösl, München


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