ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Ludger Heid, Oskar Cohn. Ein Sozialist und Zionist im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Campus Judaica, Bd. 19), Campus-Verlag, Frankfurt/Main 2002, 450 S. geb., 49,90 €.

Ein deutscher Sozialdemokrat, der im burgfriedensbewegten Reichstag die Überwachung der Heeresleitung und von Hindenburgs fordert, in der kurzen Phase der deutschen Revolution als Vertreter der USPD eine führende Rolle spielt, sich dann von der politischen Bühne verabschiedet, um fortan in jüdischen Gremien die Interessen der linkszionistischen Poale Zion zu vertreten - ein solcher Politiker ist wahrlich einer Biografie würdig. Nach jahrelanger Recherchearbeit hat nun der Duisburger Historiker Ludger Heid die erste umfassende Lebensbeschreibung des Politikers Oskar Cohn vorgelegt.

Oskar Cohn, 1869 im oberschlesischen Guttentag geboren, stammte aus einem jüdisch-religiösen Elternhaus. Nach Studium und Dissertation ließ er sich 1897 in Berlin als Rechtsanwalt nieder, und war seit der Jahrhundertwende Mitglied der SPD. Seit 1909 vertrat er seine Partei in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, 1912 zog er in den Reichstag ein. Der erste Weltkrieg war, wie für so viele andere Sozialdemokraten, auch für Cohn ein zentrales biografisches Datum. Zum einen verschob sich sein politischer Standpunkt während des Krieges nach links. Mit anderen Sozialdemokraten, die die Burgfriedenspolitik ihrer Partei nicht mehr mittragen wollten, wie etwa Hugo Haase, Karl Kautsky und Eduard Bernstein, gründete Cohn zunächst die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft, dann die USPD. Zum anderen traf er während des Krieges sowohl als Soldat als auch als Politiker mit osteuropäischen Juden und Zionisten zusammen, was für sein späteres zionistisches Engagement von zentraler Bedeutung war.

In den wenigen Wochen der deutschen Revolution war Cohn Unterstaatssekretär im Reichsjustizamt und wirkte somit führend an den revolutionären Vorgängen mit. Er vertrat die USPD in der Nationalversammlung, wo er den aufsehenerregenden Vorschlag einbrachte, die Juden in Deutschland in der Verfassung als nationale Minderheit anerkennen zu lassen. Von 1920 bis 1924 war er Mitglied der Preußischen Landesversammlung. Danach zog sich Cohn von der Arbeit auf Reichs- bzw. Landesebene zurück, und vertrat bis 1933 die linkszionistische Poale Zion in der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde und im Preußischen Landesverband der Jüdischen Gemeinden. Nach der Machtergreifung floh Cohn aus Deutschland. Er starb im Oktober 1934 in Genf, mitten in den Vorbereitungen für seine Übersiedlung nach Palästina.

Dieses Leben beschreibt Ludger Heid in beeindruckender Weise auf über 400 Seiten in zehn Kapiteln, die sich aufgrund des Fehlens eines vollständigen Nachlasses nur lose an Cohns Biografie orientieren und jeweils einem thematischen Schwerpunkt gewidmet sind. So beschreibt Heid z. B. im dritten Kapitel Cohns Weg innerhalb von sozialdemokratischer Partei und Reichstagsfraktion, in der er sich schnell Respekt erwarb und zur anerkannten Autorität im Bereich Justiz und Recht wurde. Die Affäre um seine gegen die Parteiführung durchgesetzte erfolgreiche Kandidatur für den Reichstag in seinem Nordhauser Wahlkreis wird ebenso thematisiert wie die innerparteiliche Auseinandersetzung während des Ersten Weltkrieges und Cohns Zugehörigkeit zur Gruppe um Hugo Haase. Heid geht hier auch auf die latent antisemitischen Anfeindungen in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gegenüber der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft bzw. der USPD ein.

Oskar Cohns Rolle als Anwalt und Fürsprecher der Ostjuden wird von Heid in mehreren Kapiteln beschrieben. Cohn, der während des Ersten Weltkrieges mit Ostjuden zusammentraf, setzte sich wie nur wenige andere deutsche Politiker im Reichstag und in anderen Gremien für deren Interessen ein. Für ihn, den jüdischen Sozialisten, bedeutete der öffentliche Einsatz für Juden in anderen Ländern gleichzeitig auch die Einforderung der letzten vorenthaltenen Rechte für die deutschen Juden. Der Einsatz für die Ostjuden war ein Angelpunkt seines Lebens, ja gar seine raison d'ętre, wie Heid schreibt.

Vor allem im achten Kapitel beschreibt Heid Cohns Engagement für die zionistische Partei Poale Zion. Cohn war erstmals im Juni 1917 auf der Stockholmer Friedenskonferenz mit Vertretern der Poale Zion zusammengetroffen. Insbesondere beeindruckten ihn die Forderungen nach einem nationalen Minderheitenschutz, die er in seine politische Argumentation übernahm. Ab 1924 vertrat er dann, offensichtlich ohne jemals offiziell Mitglied geworden zu sein, die Poale Zion in der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde und im Preußischen Landesverband der Jüdischen Gemeinden.

Die Abkehr Cohns von der großen politischen Bühne und sein Engagement in vermeintlich kleinen jüdischen Gremien erstaunt zunächst und erscheint als Bruch in der Cohnschen Biografie. Doch für Cohn selber war dieser Schritt, wie Heid schreibt, lediglich der Wechsel von Gremien, ohne dass sich sein Betätigungsfeld geändert hätte. Dieses war und blieb der Kampf für jüdische Angelegenheiten. Cohn empfand den Rückzug von der Ebene der Reichs- und Landespolitik also nicht als solchen, wenngleich, wie Heid ausführt, die Enttäuschung über die deutsche Politik und die Ausbreitung des Antisemitismus sowie über die in seinen Augen geringe Gegenwehr der Sozialdemokratie seine Entscheidung zumindest mit beeinflusst haben dürfte.

Heid beschreibt des Weiteren Cohns Beteiligung an Ereignissen, die seiner Zeit großes Aufsehen erregten. So stand er etwa 1918/1919 im Mittelpunkt eines vermeintlichen Skandals als ihm vorgeworfen wurde, als Rechtsbeistand der sowjetischen Botschaft in Berlin von der bolschewistischen Regierung Gelder angenommen zu haben, um sie für die deutsche Revolution zu verwenden. Später stand er erneut im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, als der deutschnationale Politiker Karl Helfferich vor dem ,,Parlamentarischen Untersuchungsausschuss für die Schuldfrage des Weltkrieges" mehrfach die Beantwortung von Fragen Cohns aufgrund dessen jüdischer Herkunft verweigerte.

Anhand dieser Episoden gelingt es Heid, die Person Cohns in die jeweiligen Zeitumstände einzubinden und die Hintergründe und größeren Zusammenhänge der jeweiligen Ereignisse prägnant zu schildern. Die Studie profitiert hier von Heids profunder Sachkenntnis der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, der deutsch-jüdischen Geschichte sowie insbesondere der Geschichte der Ostjuden in Deutschland.(1) Durch die Einordnung von Cohns Biographie in die Geschichte der Kaiserzeit und der Weimarer Republik hebt sich dieses Buch von anderen Lebensbeschreibungen ab. Betont werden sollte auch die Leistung, den weit verstreuten und zu großen Teilen vernichteten Nachlass Cohns überhaupt wieder zusammen getragen zu haben.

Ludger Heid hat einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und zur jüdischen Geschichte in Deutschland geleistet. Er hat anhand der Person Oskar Cohns das Verhältnis der deutschen Sozialdemokratie zum Judentum und zum Zionismus in den Blick genommen und so die Schwierigkeiten beschrieben, innerhalb der deutschen Sozialdemokratie Zionist zu sein. Außerdem hat er verdeutlicht, dass es ,,der Quadratur eines Kreises" gleichkam, in der Weimarer Republik gleichzeitig Sozialist und Zionist zu sein. ,,Als Sozialist blieb Cohn ebenso auf die Rolle des missliebigen Warners und Mahners beschränkt wie er es als Zionist, zumal hier auf der äußersten Linken stehend, im deutsch-jüdischen Innenbereich blieb" (S. 367). Genau hierin liegt die Tragik des bemerkenswerten Lebens und Wirkens von Oskar Cohn, das Ludger Heid in beeindruckender und würdiger Weise beschrieben und dadurch dem öffentlichen Vergessen entzogen hat.

Christoph Moß, Moers


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