ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
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Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Elisabeth Dickmann, Die italienische Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, Domus Editoria Europaea, Frankfurt/Main 2002, 560 S., brosch., 58,00 €.

In letzter Zeit wächst hierzulande das Bewusstsein von der Beschränktheit der Perspektive, welche die Fixierung der Forschung auf die Entwicklung der deutschen Frauenbewegung nach sich gezogen hat. Mit dem vorliegenden Band zur Geschichte der Frauenbewegung in Italien ist die Überwindung dieser Beschränkung wesentlich vorangekommen, beginnt er doch, eine Forschungslücke zu schließen, die auch in Italien selber besteht. In dieser Forschungslage positioniert sich die Verfasserin folgerichtig, die mit ihrer Studie zwei Ziele verfolgt. Durch die Darstellung der Frauenbewegung eines anderen Landes will sie zum vergleichenden und damit analytischen Rückblick auf die Geschichte der deutschen Frauenbewegung anregen und zugleich die Erinnerung an die Leistungen vergangener Frauengenerationen in Italien bewahren. Laut Dickmann besaßen frauenbewegte Italienerinnen selber bereits um 1900 offenbar keinerlei Kenntnis von den Anfängen der Bewegung in ihrem Land und schätzten zeitgenössische Bemühungen um eine Verbesserung der Lage von Frauen gering.

Die Begriffe ,,Emanzipation" - des Geschlechts wie auch der Klasse -, ,,Demokratisierung" und ,,Humanismus" bilden ein normatives Geflecht, das die Verfasserin bei der Auswahl der vorgestellten Entwicklungsstränge implizit angeleitet hat. Sie verortet die Ursprünge der Frauenbewegung allgemein und damit auch in Italien im demokratischen Aufbruch des 19. Jahrhunderts. Dadurch reduziert sie die Bewegung gleichsam auf eine Begleiterscheinung der Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen, wiewohl sie zugleich dem Subjektcharakter ihres Gegenstands breiten Raum gibt.

In Italien bildete die aktive Beteiligung von Frauen am Risorgimento die erste Phase der Frauenbewegung. Die durch den Kampf um nationale Freiheit und Einheit begründete Ausnahmesituation, so scheint es, eröffnete Frauen neue Handlungsräume, die sie sich nach der Staatsgründung zu bewahren trachteten. Anders als bei den deutschen Frauenvereinen zur Zeit der Befreiungskriege erscheint die italienische Frauenbewegung, so wie sie uns von der Verfasserin vorgestellt wird, trotz ihrer Einbettung in den nationalen Kampf weder patriotisch-nationalistisch eingefärbt, noch scheinen sich die Frauen mit ihren geschlechtsbezogenen Belangen der nationalen Einheit und Freiheit als dem Primärziel untergeordnet haben zu müssen, wie es etwa in Irland oder in Polen der Fall gewesen ist. Das mag wesentlich damit zusammenhängen, dass die Frauen, wie die Verfasserin herausstellt, einen positiven Beitrag zur Schaffung einer italienischen Nation leisteten, indem sie mit ihren sozialreformerischen Beiträgen den Blick auf vernachlässigte Bevölkerungsgruppen richteten und damit zugleich zur Schaffung weiblichen Selbstbewusstseins beitrugen.

Dieses Selbstbewusstsein gründete auf Überlegungen, die im Anschluss an Giuseppe Mazzini formuliert wurden und eine differenztheoretische Orientierung offenbaren. Nach seiner Auffassung konnten alle, die ihre Pflichten gegenüber der Gesellschaft erfüllten, auf die Gewährung entsprechender Partizipationsrechte zählen. Die besondere Pflicht, aber auch die besondere Fähigkeit von Frauen wurde in ihrer erzieherischen Funktion für die nachfolgende Generation sowie in ihrer besonderen Eignung zur tatkräftigen Milderung sozialen Elends gesehen. Auf internationaler Ebene wurde vom weiblichen Einfluss der harmonisierende Ausgleich zwischen allen Konfliktparteien erwartet. Doch der Republikanismus Mazzinis und seiner Anhängerschaft, in deren radikalen, demokratischen Ideen die Verfasserin den ideologischen Ursprung der italienischen Frauenbewegung verortet, blieb, wie sie ausführt, im vereinten Italien eine Minderheitenposition. Unklar bleibt, ob die anderen Gruppierungen und politischen Positionen im nationalen Freiheitskampf keine weibliche Unterstützung genossen.

Religiöse Motivation scheint bei der Entstehung der italienischen Frauenbewegung keine Rolle gespielt zu haben. Während etwa ihr britisches Gegenstück sein Personal in starkem Maße unter den Mitgliedern der zahlreichen nonkonformistischen Kirchen rekrutierte, in deren Reihen der religiös begründete Gedanke der spirituellen Gleichheit der Geschlechter eine lange Tradition hatte, konstituierte sich in Italien erst in den 1890er-Jahren eine katholische Frauenbewegung, nicht zuletzt um dem Einfluss von Sozialismus und Arbeiterbewegung auf die Arbeiterinnen entgegen zu wirken. Etwa zur gleichen Zeit begann sich innerhalb der Sozialistischen Partei eine Frauenbewegung zu formieren, die allerdings keine organisatorische Eigenständigkeit erlangte

und damit das Schicksal der meisten derartigen Gruppierungen in anderen Ländern teilte.

Da die Verfasserin sich nicht an einem wie auch immer gearteten organisatorischen Idealtypus von Frauenbewegung ausrichtet, bewahrt sie sich eine Offenheit für unterschiedlichste Formen aktionsorientierten weiblichen Engagements. So vermag sie das weit gespannte kommunikative Netzwerk zu erkennen, in das zahlreiche Initiativen und Organisationen, die auch über weibliche Mitglieder verfügten, im ganzen Land verwoben waren, bevor Anfang der 1880er-Jahre mit der Gründung der ersten feministischen Organisation, der von Frauen für Frauen geführten Lega promotrice degli interessi femminili, die organisierte Frauenbewegung Italiens begann.

Die Offenheit des Blicks der Verfasserin gründet auf der Unterscheidung zwischen Frauenemanzipation und Feminismus. Mit ersterem Begriff fasst sie das massenhafte Engagement italienischer Frauen für die sozial benachteiligten unter ihnen in einer Fülle sozialreformerischer Projekte und Vereine, während sie den Kern des Feminismus im Streben nach individueller Selbstverwirklichung sieht. Offenbar ist Selbstverwirklichung über die Hinwendung zu anderen für die Verfasserin nicht vorstellbar.

Organisatorische Form nahm die Emanzipation in selbständigen Arbeiterinnenvereinen an, denen bürgerliche Demokratinnen beitraten. Dies ist in doppelter Hinsicht höchst bedeutsam. Zum einen ist die Pionierrolle von Arbeiterinnen in der eigenständigen Organisation im europäischen Maßstab außergewöhnlich, zum andern überrascht die anscheinend unproblematische gemeinsame Organisation von Frauen über alle Klassenschranken hinweg. In Großbritannien etwa, wo die bürgerliche weibliche Philanthropie im 19. Jahrhundert massenhafte Formen annahm, offenbarte sich im Aufeinandertreffen von bürgerlicher Wohltäterin und proletarischer Adressatin das in der Klassengesellschaft begründete Machtverhältnis: Bürgerliche Frauen versuchten, Proletarierinnen nach ihrem Bilde zu formen, und sie verfügten über die Mittel, diese Absicht zu sanktionieren. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich hier punktuell eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft.

Mit besonderer Vehemenz wendet sich die Verfasserin gegen die Allgemeingültigkeit der Kennzeichnung ,,verspätet" für sämtliche Aspekte der Entwicklung Italiens. So hebt sie besonders den früh ausgeprägten Internationalismus der italienischen Frauenbewegung hervor, der sich in einem starken Interesse an den Entwicklungen der Frauenbewegungen anderer Länder sowie in der Teilnahme am ersten internationalen Frauenkongress 1878 in Paris manifestierte. Auch gegen die Vorstellung einer sich beständig erweiternden Kluft zwischen Nord- und Süditalien wendet sich die Verfasserin. Zwar hatte die Frauenbewegung ihren geographischen Schwerpunkt im Norden, wo die geistigen Zentren des Landes ihren Sitz hatten und die Industrialisierung ihren Anfang nahm, doch sollen auch die Süditalienerinnen aktiv gewesen sein, so die Behauptung der Verfasserin in Verbindung mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, dieses weiter zu erforschen.

In ihren Forderungen unterschied sich die italienische Frauenbewegung in nichts von jenen in anderen Ländern, und genau wie diese verzeichnete sie ihre größten Erfolge in der Mädchen- und Frauenbildung. Die Forderung nach dem Stimmrecht blieb in Italien von untergeordneter Bedeutung, wobei die Begründung der Verfasserin nicht zu überzeugen vermag, denn nicht nur dort wurde die Forderung nach dem Frauenwahlrecht von Anfang an in einer politischen Konstellation formuliert, in der es kein allgemeines Männerwahlrecht gab. Zudem zieht die Verfasserin aus ihrer Quellenlektüre den Schluss, der Forderung nach dem Stimmrecht hätte es an massenhafter Unterstützung unter den Italienerinnen gefehlt, für die nicht das abstrakte Prinzip der Gleichheit zwischen den Geschlechtern, sondern die uneingeschränkte reale Gleichberechtigung als wesentliche Voraussetzung für Entfaltung und Selbstbehauptung von Bedeutung gewesen seien. An dieser Stelle hätte sich zumindest diese Leserin eine Auseinandersetzung gewünscht, die sich weder an einer angenommenen Unverzichtbarkeit des Wahlrechts im Forderungskatalog einer ,,voll entfalteten" Frauenbewegung noch am Bemühen orientiert hätte, die italienische Frauenbewegung um jeden Preis vom Ruch der ,,Verspätung" zu befreien.

Durch die Einnahme einer Vielzahl von Perspektiven - neben die räumliche tritt die zeitliche, neben die biographische die organisationsgeschichtliche, neben eine Analyse der Zeitschriften der Bewegung tritt jene ihrer inhaltlichen Schwerpunkte sowie ihres Internationalismus - entsteht ein überaus facettenreiches Bild der italienischen Frauenbewegung, allerdings um den Preis mehrfacher Wiederholungen. Zudem hat die Verfasserin eine Fülle von Quellenmaterial nach aufwendiger Recherche lokalisieren und auswerten können. Doch wird die Lektüre ihrer Studie dadurch erschwert, dass sie weder durch eine eingeführte Begrifflichkeit noch durch eine Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschungsliteratur zur Geschichte des Feminismus allgemein Wegmarken setzt, die eine das Material einordnende Orientierung erleichtern würden. Eine solche Auseinandersetzung hätte ebenfalls die Eingrenzung des Gegenstands verdeutlicht, welche die Verfasserin, vermutlich wohlbegründet, vorgenommen hat. So aber bleibt etwa offen, warum sie den um 1900 entstehenden katholischen Flügel der Frauenbewegung mit seiner Massenbasis nur beiläufig erwähnt, die rein quantitativ sehr viel unbedeutendere säkulare Frauenbewegung aber ins Zentrum ihrer Untersuchung stellt. Die Offenlegung der Gründe für diese Schwerpunktsetzung wäre vor allem auch deshalb geboten, weil die Verfasserin die aus erkenntnistheoretischer Sicht ohnehin problematische Absicht verfolgt, die ,,eigentliche" Geschichte der Frauenbewegung Italiens aufzuhellen. Dennoch ist es Elisabeth Dickmann mit dem vorliegenden Band gelungen, den Grundstein für die Auseinandersetzung mit der italienischen Frauenbewegung zu legen.

Jutta Schwarzkopf, Hannover


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