ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
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Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hrsg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Christoph Links Verlag, Berlin 2003, 276 S., kart., 22,90 € .

Dieser von Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller herausgegebene Sammelband bietet mehr und anderes, als Titel und Kurzbeschreibung erwarten lassen. Er behandelt den Krieg gegen die Herero und Nama, den deutsche Soldaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, führten. Beiträge von zwei Autorinnen und zwölf Autoren (die Herausgeber eingeschlossen) beziehen sich mehr oder weniger direkt und mit größerer oder geringerer zeitlicher Nähe auf diesen in der historischen Forschung und der öffentlichen Diskussion umstrittenen Gegenstand. Hierbei ist die Prämisse klar gewählt: Der Krieg wird als Völkermord beschrieben und analysiert. Diese Perspektive, die inzwischen von vielen Fachleuten geteilt wird, erfährt daher eine rein sachbezogene Begründung und wird keiner kontroversen Diskussion unterzogen.

Die Gliederung des Buches ist allerdings nicht auf die systematische Behandlung des Genozidthemas ausgerichtet. Die Kapitel sind vier Abschnitten zugeordnet, die die Entstehung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, den Krieg selbst, die afrikanische Perspektive auf den Krieg und mentalitätshistorische Aspekte in Bezug auf kollektives Erinnern und Gedenken behandeln. Diese teils thematische, teils chronologische Gliederung führt zu überraschenden und interessanten Perspektivwechseln. Wichtige Themen tauchen mehrfach in unterschiedlichen Kontexten auf, und dem Leser wird ein historisches Bild großer Tiefenschärfe vermittelt.

Bereits das erste Kapitel von Gesine Krüger zeichnet afrikanische Gesellschaften nicht als statische Gebilde, die durch europäische Einflüsse in Bewegung kamen, sondern als äußerst adaptions- und wandlungsfähige Gemeinschaften. Krüger schildert die historischen Entwicklungen, die im 19. Jahrhundert zu einer Umgestaltung der Lebensverhältnisse in der Region des heutigen Namibia führten - von der Einwanderung europäisierter und christianisierter Orlam-Gruppen aus dem Kapgebiet zu Beginn des Jahrhunderts bis zur Herausbildung zentralisierter Herero-Chieftaincies in den 1860er-Jahren.

Von hier aus wird das implizite Anliegen des Buches sichtbar, das nicht so sehr auf eine systematische Darstellung des Krieges zielt als vielmehr auf dessen Einbettung in eine namibische Geschichte der ,,longue durée". Jürgen Zimmerer behandelt im Anschluss an Krügers Darstellung die Errichtung der Kolonie Südwestafrika, also die allmähliche Einwanderung deutscher Siedler, den Aufbau der kolonialen Verwaltung ab 1893 und schließlich die Umsetzung deutscher ,,Herrschaftsphantasien" nach dem Krieg. Denn der Sieg über die Herero und Nama ermöglichte die Umsetzung der ,,Rassentrennung" als wesentliches Element deutscher ,,Herrschaftsutopien" sowie die Enteignung der Einheimischen und die Errichtung eines bürokratischen Kontrollsystems über die afrikanischen Arbeiter. Zimmerer vertritt denn auch die These, dass die deutschen Herrschaftsvorstellungen, die zum Aufbau eines rigiden Zwangsapparats führten, in ,,die Anfangszeit der Kolonie zurückreichen" (S. 36) und nicht erst vom Krieg ausgelöst wurden.

Dem Krieg selbst sind fünf Kapitel gewidmet, wobei es den beteiligten Autoren vor allem darum geht, dessen genozidalen Charakter hervorzuheben. Eine ausführliche und systematische Erklärung der Kriegsursachen im Kontext der kolonialen Situation bleibt aus, obwohl man sie unter der Überschrift ,,Der Kolonialkrieg 1904-1908" durchaus hätte erwarten können. Stattdessen wird auf allerdings überzeugende Weise gezeigt, dass der Krieg gegen die Herero und Nama nicht allein auf deren militärische Niederwerfung, sondern auf ihre physische Vernichtung zielte, und, soweit diese nicht möglich war, auf die Zerschlagung ökonomischer, politischer und sozialer Strukturen der afrikanischen Gemeinwesen. Nach der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904, als die Herero bereits besiegt waren, wurden sie von der Schutztruppe in das wasserarme Sandfeld der Omaheke getrieben und damit dem massenhaften Tod preisgegeben. Diesem ersten Schritt in den Genozid folgte ein zweiter, als General von Trotha Anfang Oktober mit seinem ,,Schießbefehl" den Auftrag zur Ermordung aller Herero-Männer gab, unabhängig davon, ob sie an Kriegshandlungen beteiligt waren oder nicht.

Neben diesen in der Forschung bekannten, wenn auch in ihrer Bedeutung umstrittenen Fakten wird ein weiteres Element deutscher Vernichtungspolitik genannt: die Errichtung von Gefangenenlagern für Herero und Nama gegen Ende des Jahres 1904. Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller und Casper W. Erichsen beschreiben sie als eigentliche Konzentrationslager, die der Internierung aller Bevölkerungsgruppen, d.h. auch von Frauen, Greisen und Kindern, dienten. Die Lager fungierten einerseits als Sammelstellen, in denen Farmer und Minengesellschaften Arbeitskräfte beschaffen konnten, andererseits führten sie die ,,von General Lothar von Trotha eingeleitete[n] Vernichtungspolitik" (S. 76) fort, da viele Gefangene aufgrund der grauenvollen Lebensbedingungen einen Tod "durch Vernachlässigung" (S. 58) starben.

Die Kapitel über die Konzentrationslager gehören zu den eindrücklichsten des Buches. Ihre Wirkung wird durch die über den Band verteilten historischen Fotografien verstärkt, die etwa Gefangenenlager, afrikanische Zwangsarbeiter, hungernde Herero-Kinder zeigen. Auf überzeugende Weise wird die These von der umfassenden deutschen Vernichtungsstrategie auch durch Ausführungen zur literarischen und politischen Rezeption des Krieges im Deutschen Reich untermauert. Medardus Brehl zeigt in einem mit Zug und Eleganz geschriebenen Beitrag, dass die heutige Abscheu über die den Herero und Nama angetane Gewalt von bürgerlichen Kreisen des Kaiserreiches nicht geteilt wurde. Erzählungen und Romane, die während und kurz nach den Kriegsjahren erschienen, blendeten die Vernichtung der Afrikaner gerade nicht aus, sondern stellten sie ,,als ein notwendiges Ziel kolonisierender und kultivierender Arbeit" (S. 87) dar. An die Einsicht, dass koloniales Engagement in Deutschland als Ausdruck eines legitimen Kampfes von ,,Weißen" gegen ,,Schwarze" gesehen wurde, knüpft Ulrich van der Heyden mit seinen Ausführungen zu den Reichstagswahlen vom Januar 1907 implizit an. Denn er schildert, wie Politikern der Sozialdemokratie und des Zentrums aufgrund ihrer kolonialkritischen Haltung ,,Vaterlandsverrat" bzw. ,,nationale Unzuverlässigkeit" vorgeworfen wurde (S.  100).

Trotz der Überzeugungskraft dieses zentralen Abschnitts fallen einige konzeptionelle Schwächen auf. Indem vor allem Zimmerer die Konzentrationslager in den Kontext der deutschen Vernichtungsstrategie stellt, gelangt er zu einer Neudatierung des Krieges. Dessen Ende wird in diesem Buch mit der Auflösung der Lager im Januar 1908 und nicht mit dem offiziellen Kriegsende am 31. März 1907 angesetzt. Die zeitliche Erweiterung erscheint in Bezug auf die Gesamtargumentation auf den ersten Blick als konsequent. Denn die Bewertung des deutschen Vorgehens als Genozid geschieht auf der Grundlage der UN-Definition, von der sich mehrere Aspekte auf die beschriebene Vernichtungspolitik anwenden lassen: die Intention zur Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die ,,Tötung von Mitgliedern der Gruppe" sowie das ,,Auferlegen von Lebensbedingungen", die ihre Zerstörung herbeiführen (S. 52). Dennoch bleibt hier - wie durchgehend in diesem Buch - unklar, wie die Herausgeber die Begriffe ,,Kolonialkrieg" und ,,Genozid" im Verhältnis zueinander definieren. Impliziert ist eine Gleichsetzung, die jedoch durchaus der Begründung bedürfte. Wenn der Krieg gegen die Herero und Nama einen Genozid einschloss, war er darum mit diesem identisch? Wenn die Lager nicht Kriegsgefangenen-, sondern Konzentrationslager waren, bedeutete ihre Auflösung dann das Ende des Krieges? Nicht ausgereift ist ebenfalls die Einordnung des Genozids in eine 'Vorgeschichte des Holocaust' und eine allgemeine ,,Geschichte des Völkermordes in der Neuzeit" (S. 60). Hier fehlen überzeugende Argumente und vielleicht auch - in diesem Buch - der Raum, um Kontinuitäten konkret zu belegen. Die entsprechenden Thesen sollte man daher vor allem als Aufforderung zu weiterer Forschung verstehen.

Nach der Darstellung des Krieges wendet sich das Buch wieder der langfristigen Geschichtsbetrachtung zu, indem die Entwicklung verschiedener namibischer Bevölkerungsgruppen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit in den Blick genommen wird. Explizit wird hierbei die Fähigkeit der Afrikaner zur aktiven Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse auch unter schwierigen Bedingungen berücksichtigt. Jan-Bart Gewald, Werner Hillebrecht und Dominik Schaller beschreiben die Lebensverhältnisse von Herero und Nama sowie der nicht am Kolonialkrieg beteiligten Ovambo vor, während und nach dem Krieg und unter Berücksichtigung seiner Folgen. Vor allem Hillebrecht wird dem Anspruch gerecht, die Perspektive der Nama zu beleuchten. Er schildert den politischen Weg des Nama-Führers Hendrik Witbooi: dessen frühen Widerstand gegen die Machtausdehnung der Deutschen, seine vorübergehende Unterordnung ab 1894 und den zehn Jahre später wieder aufbrechenden Widerstandswillen. Hier findet man eine sorgfältig abwägende Darstellung der Ursachen für den Kriegseintritt der Nama. Sie unterscheidet zwischen langfristigen Tendenzen, also der Enteignung und Entrechtung durch die Deutschen, kurzfristigen Entwicklungen, d.h. Erfahrungen von Nama-Soldaten im Krieg gegen die Herero, und politischen Einsichten der Nama in die eigene Lage, nämlich die bevorstehende völlige Unterwerfung durch die Siedlergesellschaft.

Auf die Diskrepanz zwischen deutschen Vorstellungen von einer effizienten ,,Rassentrennung" und den tatsächlichen sozialen Beziehungen in der Kolonie weisen die Kapitel hin, die sich mit der Rolle von Frauen und ihrer Lebenssituation in der Kriegszeit beschäftigen (Gesine Krüger, Dag Henrichsen). In der deutschen Presse wurden Afrikanerinnen, deren Rolle im Kriegsgeschehen unklar blieb, als ,,schwarze Bestien" beschrieben und hierdurch ein Bild mit zweifacher propagandistischer Funktion erzeugt: Es diente einerseits der Rechtfertigung von Grausamkeit im Umgang mit Afrikanerinnen, andererseits der Herstellung einer ,,rassischen Ordnung", d.h. der Trennung von ,,Weiß" und ,,Schwarz", die im sozialen Leben der Kolonie vor 1904 nicht existierte. Erst im September 1907 legte ein deutsches Kolonialgericht ,,rechtsverbindlich fest, wer in Deutsch-Südwestafrika als 'Eingeborener' und wer als 'Weißer' einzustufen" war (S. 161).

Der Fluss gesellschaftlicher Verhältnisse wird auch in den Beiträgen deutlich, die sich mit der Erinnerungskultur von Herero, Witbooi und Deutschen beschäftigen (Jan-Bart Gewald, Reinhart Kößler, Joachim Zeller, Larissa Förster). Herero und Nama fanden nach dem 1. Weltkrieg und der Übernahme der deutschen Kolonie durch Südafrika zu je eigenen Formen des Gedenkens an den Kolonialkrieg sowie an ihre großen Führergestalten Samuel Maherero und Hendrik Witbooi, aus denen sie Ansätze zu einer gesellschaftlichen Neuformierung entwickelten. Die Deutschen in Namibia gerieten hingegen seit den 1960er-Jahren unter Druck, ihre kolonialrevisionistische Gedenkkultur zugunsten eines versöhnlichen Erinnerns an die Toten aller Bevölkerungsgruppen aufzugeben.

Auf äußerst gelungene Weise knüpfen diese Kapitel, die die Perspektive afrikanischer Bevölkerungsgruppen aufgreifen, an den Anfang des Buches an. In der Gesamtschau aller Beiträge entsteht ein lebendiges, konkretes und stellenweise erschütterndes Bild, das Veränderungen in den Herero- und Nama-Gesellschaften von der Mitte des 19. Jahrhunderts über den Kolonialkrieg, das massenhafte Sterben und die beginnende Neuorganisation afrikanischer Bevölkerungsgruppen nach 1915 sichtbar macht. In überzeugender und einer heutigen Geschichtsschreibung angemessenen Weise werden Interaktionen von Afrikanern/innen und Europäern sowie verschiedener afrikanischer Gruppen untereinander erkennbar - eine Tatsache, die dieses für ein breites Publikum geschriebene Buch auszeichnet.

Fazit: In diesem Buch gibt es keinen Abschnitt, der systematisch ,,Ursachen, Verlauf und Folgen" des Kolonialkriegs beschreibt. Stattdessen dient der Krieg als Bezugspunkt einer Darstellung, die in zentrale Themen namibischer Geschichte einführt. Diese Stärke kommt nicht zuletzt in den beiden Schlusskapiteln zum Ausdruck, die weiter gefasste historische und politische Betrachtungen bieten. Henning Melber beschreibt die schwierigen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Namibia, die dadurch belastet werden, dass deutsche Politiker zwar eine ,,besondere Verantwortung" (S. 220) ihres Landes gegenüber der ehemaligen Kolonie anerkennen, hieraus jedoch keine Verpflichtungen etwa zu finanzieller Hilfe bei einer Landreform ableiten. Andreas Eckert wiederum weist darauf hin, dass der Kolonialkrieg an sich die deutsche Kolonialgeschichte nicht von der anderer europäischer Länder unterscheide. Denn ,,das generelle, sich aus enttäuschten Allmachtsphantasien und Ängsten speisende [...] Gewaltpotential" sei ein typisches Merkmal kolonialer Siedlergesellschaften. Das Besondere an der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia und dem Genozid an Herero und Nama liege denn auch in ,,der möglichen Verknüpfung [...] mit der späteren Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus" (S. 236).

Sonia Abun-Nasr, Basel


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