ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Gerhard Paul/Bettina Goldberg, Matrosenanzug - Davidstern. Bilder jüdischen Lebens aus der Provinz (=Quellen und Studien zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung Schleswig-Holsteins, Band 3), Wachholtz Verlag, Neumünster 2002, 373 S., geb., 50 EUR.


Der hier angezeigte Bildband erscheint in der von Gerhard Paul kundig betreuten Reihe der Quellen und Studien zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Schleswig-Holstein. Nicht nur in seiner verlegerischen Präsentation folgt der Band dem Sammelband "Menora und Hakenkreuz" (1998), sondern auch in seinen Zielen. Den beiden Autoren, Gerhard Paul und Bettina Goldberg, geht es darum, jenseits der vielfach behandelten und auch von ihnen dokumentierten Verfolgungsgeschichte das Leben der deutschen Juden gerade in dessen Alltäglichkeit aufzuweisen. Dazu dient ihnen als formale Zielvorgabe der durchaus plakativ gemeinte, indes nur scheinbare Gegensatz von "Matrosenanzug" und "Davidstern" in seiner signifizierenden Symbolik. Das gilt namentlich für den Davidstern. Erfasst wird die Zeit vom Wilhelminischen Kaiserreich bis in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gliederung folgt naheliegenden Zeitphasen und Segmenten, nämlich Kaiserreich (1871-1918), Weimarer Republik (1918/19-1933), NS-Regime (1933-1945) -hier gegliedert in die Zeit der Verfolgung (1933-1941), Alltag und Selbstbehauptung (1933-1945), Emigration (1933 ff.) und Holocaust (1941-1945) - sowie der Neubeginn nach 1945. Der Bildband wird mit einer weiterführenden Auswahlbibliografie ergänzt.

Das dem Bildband zugrunde liegende Material erstreckt sich faktisch über einen Zeitraum von etwa 100 Jahren. Das eröffnet den Autoren zwar die begrüßenswerte Möglichkeit, neben den dokumentarischen Bildberichten über Einzelpersonen auch ganze Familiengeschichten über mehrere Generationen in den sich verändernden sozialen und politischen Umständen nachzuzeichnen. Diese Zielsetzung zeigt aber auch zugleich die quellenbezogenen Schwierigkeiten, eine hinreichend geschlossene und zudem repräsentative Darstellung zu offerieren. Zu Beginn der Fotografie ist diese ein durchaus elitäres Medium eher begüterter Schichten und zudem kein übliches Mittel der eigenen "Erinnerungskultur". Das anfänglich Besondere der Fotografie kommt in der Selbstrepräsentation "im guten Anzug" und fehlender Spontanität der Aufnahmen deutlich zum Ausdruck. Diese Intensität der Inszenierungen einer selbst als "abbildwürdig" beurteilten Situation verliert sich erst im Verlaufe der Weimarer Zeit. Die Autoren haben dies zu Recht als dem zeitgenössischen Gegenstand der fotografischen Vermittlung gemäß hingenommen. Jeder Abschnitt des Bildbandes wird durch einprägsame "Schlüsselfotografien" und mit einer zusammenfassenden Erläuterung eingeleitet. Das erlaubt, das Besondere und das Allgemeine in ihrer Wechselbezüglichkeit zu thematisieren. Dies ist sehr hilfreich, um sich als Betrachter und Leser die behandelten Themen in ihrer Alltäglichkeit vergegenwärtigen zu können. Soweit das Bildmaterial es zuließ, ist diese Alltäglichkeit im Gemeinde- und Vereinsleben, im Berufsalltag, in der Freizeitgestaltung, in der Familienfeier dargestellt. Ergänzend treten Aufnahmen von Gebäuden und zur Wohnkultur hinzu. Die Autoren haben außerdem den Versuch unternommen, in acht Fällen gleichsam exemplarisch Familienbiografien im Stile eines Fotoalbums zu rekonstruieren. Das ist von besonderem Reiz, weil damit eine Art familienbiografischer Bildablauf erreicht wird. Die Autoren haben zudem durch den Abdruck von Schriftmaterial wie Geburtsurkunden, Schulzeugnissen, Reklameanzeigen und Todesanzeigen den beabsichtigten familiären Charakter der Darstellung wirksam unterstützen können. So entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen familiärer Individualität und typologischem Zugriff in einer visuell vermittelten Erinnerungsgeschichte.

Die Selektivität des aufgenommenen Bildmaterials ist hier eine dreifache. In seiner sozialen Schichtung gibt das aufgenommene Material zum einen nur das gehobene bürgerliche Milieu wieder, gleicht damit indes dem nicht-jüdischen Umfeld. Das Alltagsgeschehen wird anfangs kaum erfasst, sondern es bleibt jahrzehntelang bei der fotografischen Entscheidung, das Besondere für sich und andere dokumentarisch festzuhalten, sei es zur Bestätigung, sei es zur Erinnerung oder sei es zur Übermittlung an andere. Die soziale Selbstverständlichkeit, sich und andere in sozial klar definierten Situationen grafisch "festzuhalten", muss sich erst noch entwickeln. Für die lebensgeschichtliche und regionalgeschichtliche Vermittlung bedeutet beides für den Bildband eine im Medium und in seiner Handhabung selbst liegende Begrenzung der historisch vermittelbaren Aussagekraft. Die Autoren sind sich dieser immanenten Vorgaben bewusst. Schließlich besitzt der Bildband die besonderen Vorteile der Dokumentation einer vermittelten Authentizität. Aber gerade dieser Vorteil muss sich vor der subjektiven Auswahl rechtfertigen und diese wiederum vor dem vorhandenen oder erreichbaren Quellenmaterial. Gerade hier mag eine gewisse Achillesferse des Bildbandes liegen. Die Autoren teilen mit, dass etwa 80 v.H. der aufgenommenen Abbildungen private Fotografien sind. Sie seien zumeist im Rahmen von Familienfeiern, beim Zusammenkommen im Freundeskreis oder im Verein, bei Ausflügen und im Urlaub aufgenommen worden. Bildmaterial aus der Arbeitswelt ist in der Tat eher selten. So vorteilhaft gerade die private Provenienz des Bildmaterials ist, so begründet dies eben auch den nur selektiven Zugriff in der Recherche und in der Beschaffung. Was nicht aus freien Stücken Museen, Archiven oder Stadtbibliotheken früher oder später aufgrund eines Aufrufes übermittelt wurde, bleibt dem Zugriff verschlossen. Die erwähnte Selektivität in der Herstellungsphase dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass die Bilddokumente nur sehr eingeschränkt kritische Bereiche der Befindlichkeit deutscher Juden vermitteln können. Dazu zählt etwa der Antisemitismus, die Zunahme der Mischehe oder innerjüdische Streitfragen. Diese im Bilddokument liegende immanente Begrenzung muss zudem vor der Überlieferungsgeschichte der jeweiligen Fotografie nochmals relativiert werden. Die Autoren haben sich durch derartige prinzipielle Vorbehalte nicht entmutigen lassen. Das verlangt hohe wissenschaftliche Anerkennung. Denn das aufgenommene Bildmaterial zeigt einmal mehr, wie sehr sich die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit in dem Spannungsverhältnis zwischen Assimilation, Identitätsbewahrung und Akkulturation bewegten und sich erst unter der NS-Ideologisierung einer bewussten Ausgrenzung gegenübergestellt sahen. So spiegelt der Bildband einerseits die Normalität des alltäglichen Lebens der deutschen Juden visuell wieder, öffnet andererseits den Blick für die Besonderheiten, wie sich diese aus dem religiös-kulturellen Bereich und aus der Verfolgsgeschichte ergeben.

Nicht immer ist es gelungen, abgebildete Personen zu identifizieren und den jeweiligen sozialen Hintergrund in Breite aufzuklären. Die Autoren haben dieses Defizit mit der erwähnten Textbegleitung mildern können, ohne dabei das Gesamtkonzept aufzugeben. Das alles ist sehr kenntnisreich mit Liebe zum Detail und mit hoher Sensibilität für die Selbstgewissheit der deutschen Juden und für ihr Verfolgungsschicksal zusammengetragen worden. Dem Leser wird mit dem hier angezeigten Bildband auf wissenschaftlichem Niveau dort ein vertiefender Einblick vermittelt, wo der reinen textlichen Umschreibung bei aller Kraft des Wortes letztlich die Unmittelbarkeit der Vermittlung versagt bleiben muss. Dass sich die Autoren mit ihrer Darstellung mit einer gewissen Bescheidenheit in räumlicher Hinsicht auf die "Provinz" Schleswig-Holstein beschränken, wird man schwerlich als Nachteil empfinden können. Natürlich gibt es einen gewissen Gegensatz zum Leben der Juden in jüdischen Großgemeinden. Aber dieser Gegensatz ist kein spezifisch jüdischer. Auch in der Provinz gab es den "Matrosenanzug". Da auch Bildmaterial aus der Großstadt Altona und seinem Einzugsbereich aufgenommen wurde, relativiert sich übrigens die Annahme der Autoren, mit dem Bildband einer zielgerichteten Erforschung des jüdischen Lebens nur im ländlichen Raum zu dienen. Entscheidend ist nicht diese geografische Ausrichtung auf den norddeutschen Raum. Das ist letztlich nur ein vordergründiges Auswahlkriterium, wie es sich aus dem Arbeitsfeld der beiden Autoren ergab. Entscheidend ist die im Medium des Bildes liegende besondere Möglichkeit, in eine äußerst anregende Spurensuche einzutreten.


Ina Lorenz, Hamburg


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