ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Jost Dülffer, Im Zeichen der Gewalt. Frieden und Krieg im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Martin Kröger, Ulrich S. Soénius und Stefan Wunsch, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2003, 304 S., br., 27,90 EUR.

Es gibt eine Tendenz in der gegenwärtigen deutschen Geschichtswissenschaft, sich mit Krieg zu beschäftigen. Das ist wohl zuvorderst Resultat der Rückkehr des Krieges nach Europa seit 1990, aber durchaus auch der nicht ganz neuen, im Jahrhundertrückblick indes überdeutlich zutage tretenden Bedeutung von Kriegen für zentrale politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungslinien der deutschen und europäischen Geschichte des 19. und, wahrscheinlich noch stärker, des 20. Jahrhunderts. Auffällig ist jedoch in diesem Zusammenhang zweierlei: Erstens werden Krieg (als Phänomen) und Kriege (in ihrer konkreten Ausformung) nur relativ selten als Gegenstände der internationalen Geschichte wahrgenommen und entsprechend analysiert – als habe die traditionelle Diplomatiegeschichte hier schon alles gesagt. Und zweitens rückt, gleichsam mit der Akzeptanz von Krieg als historischer Normalität, die Frage nach den geschichtlichen Bedingungen von Frieden, von Friedensherstellung, Friedenswahrung oder Friedensstabilisierung eher in den Hintergrund des Analyseinteresses.

Angesichts solcher Entwicklungen ist es nur zu begrüßen, dass der 60. Geburtstag von Jost Dülffer einigen seiner Schüler den Anlass bot, eine Reihe wichtiger Aufsätze des Kölner Historikers in einem Band zusammenzufassen. Denn Dülffer kann wie kaum ein Zweiter als Exponent und Wegbereiter eines historischen Ansatzes gelten, der Krieg konsequent als Thema der internationalen Geschichte begreift und analysiert, sich dabei aber von einem denkbar weiten Verständnis internationaler Beziehungen leiten lässt, das nicht auf das Staats- und Regierungshandeln beschränkt bleibt, sondern gesellschaftliche, kulturelle oder mentalitäre Aspekte wie selbstverständlich einbezieht. Und so sehr sich Dülffer – die Aufsätze des Bandes unterstreichen es – immer wieder dem Thema "Krieg" zugewandt hat, so sehr tat er dies im Kontext einer Historischen Friedensforschung, welche zwar Frieden und Krieg und ihr Wechselverhältnis untersucht, dabei aber stets erkenntnisperspektivisch auf den Frieden gerichtet bleibt.

Die Aufsätze des Bandes, bis auf einige wenige unveröffentlichte vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren erschienen, spannen einen weiten Bogen, der von den Umwälzungen in den europäischen Gesellschaften in der Folge der Französischen Revolution und deren Wirkungen auf Außenpolitik und das internationale System bis hin zu der Frage nach dem "Gewaltkontinent Europa" zwischen Sarajewo 1914 und Sarajewo 1992/96 reicht; von den Friedensanstrengungen des Wiener Kongresses über die Mächterivalitäten im Vorfeld des Ersten Weltkriegs bis hin zu dem Paradoxon eines prekären nuklearen Friedens im Kalten Krieg. Die 17 Beiträge können hier einzeln nicht vorgestellt werden. Es ist aber herauszuheben, dass sie alle in einem engen inhaltlichen Zusammenhang stehen, der sich allerdings weniger durch die jeweilige Themenstellung konstituiert als vielmehr durch eine Reihe übergreifender Argumentationsansätze und Interpretationsmuster. Dazu gehört beispielsweise das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Recht, dem sich Dülffer nicht nur in seinem opus magnum zu den Haager Friedenskonferenzen (1981) widmete, sondern immer wieder auch in kleineren Stücken wie den hier versammelten zu Kant, Gentz und Görres und ihren Vorstellungen internationaler Ordnung im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert. Das Problem, in diesen Aufsätzen klar herausgearbeitet, des Zusammenhangs von Staats- und Gesellschaftsform einerseits und internationaler, insbesondere auch völkerrechtlicher Ordnung andererseits beschäftigt Wissenschaft und Politik bis heute. Begünstigen homogene soziopolitische Ordnungen den internationalen Frieden? So argumentierte der Königsberger Philosoph, und Metternichs Berater Gentz erwies sich als sein Schüler. Nur war in seinem Denken – und dann im "System Metternich" – die soziopolitische Homogenität nicht republikanisch-liberal, sondern antiliberal-repressiv. Aber sie zielte, für eine gewisse Zeit sogar erfolgreich, auf europäischen Frieden.

Wer so grundsätzlich argumentiert wie Dülffer und Grundprobleme internationaler Beziehungen so systematisch in den Blick zu nehmen versucht wie er, für den ist die Frage nach Kontinuität und Wandel nicht eine formelhaft artikulierte Nicht-Aussage, sondern Ausgangspunkt für bestechende diachrone Analysen, an denen der Band reich ist. Deren Herausforderung liegt insbesondere in der Integration des Nationalsozialismus in die langfristige historische Entwicklung, in der präzisen Bestimmung des Ausmaßes an Kontinuität und an Wandel. Überlegungen zur Bedeutung der öffentlichen Meinung und gesellschaftlicher Stimmungen in der und für die internationale Politik bieten hier gute analytische Möglichkeiten, und nicht von ungefähr ist damit ein weiterer roter Faden des Bandes markiert, der nicht zuletzt in einem Aufsatz zum Zusammenhang von innerer Krise in NS-Deutschland und europäischer Mächtekonstellation bei Kriegsbeginn 1939 schön extrapoliert wird.

An anderer Stelle beispielsweise weigert sich Dülffer, eine allzu glatte Linie zu ziehen von Kriegsbildern und Kriegserwartungen in Deutschland, aber auch anderswo in Europa, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und dem Kriegsbeginn 1914. Kriegserwartungen waren – auch in Deutschland und auch in der deutschen Diplomatie – nicht nur Kriegswünsche oder Kriegshoffnungen, Kriegsbilder waren nicht nur positiv, ja euphorisch, sondern oft auch skeptisch und furchtsam. Was hier an Ambivalenzen für die Vorkriegszeit zutage tritt, könne nicht ohne Auswirkung bleiben auf das Bild des "Augusterlebnisses" 1914, argumentiert Dülffer. Und in der Tat hat die jüngere Forschung hier wichtige Differenzierungen und Relativierungen vorgenommen, die Dülffers Thesen im Kern bestätigen und weiterführen. Kriegsbilder und Kriegserwartungen ganz anderer Art analysiert ein Aufsatz zum Protest gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung und gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Trägersystemen in den 1950er Jahren. Auch hier wird der Zusammenhang von internationaler Politik und innenpolitischen und innergesellschaftlichen Entwicklungen überdeutlich, nicht zuletzt in der Beurteilung des Antikommunismus und der Analyse seiner politischen Wirkung. Gemessen an seinen Zielen sei der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung und die atomare Rüstung der Bundeswehr gescheitert, nicht aber im Hinblick auf die Herausbildung einer demokratisch-pluralistischen Protestkultur in der jungen Bundesrepublik.

Es ist dieser weite Blick, der die in dem Band abgedruckten Aufsätze durchgängig charakterisiert, ein Blick, der an innerdisziplinären Schwellen und Barrieren (als Sichtblenden) nicht Halt macht, sondern diese bewusst überwindet und über sie hinaus schaut. Insofern können wir Dülffers Beiträge auch lesen als gelungene Beispiele für die Erweiterung und die Erneuerung der Geschichte der internationalen Beziehungen, die gegenwärtig allenthalben in Gang zu sein scheint, zumindest aber breit eingefordert und als Anspruch nicht wenigen Untersuchungen - zu Recht oder zu Unrecht - programmatisch vorangestellt wird. Gegen die thematische und methodische Beliebigkeit mancher Studien im Zeichen von Erneuerung und Erweiterung demonstrieren die vorliegenden Arbeiten souverän, wie man die historische Teildisziplin der internationalen Beziehungen modernisiert, ohne sie neu zu erfinden, und wie man sie erweitert, ohne dabei ins Ephemere oder Marginale abzurutschen. Das Bewusstsein für wesentliche Probleme und wichtige Fragen – Krieg und Frieden nicht zuletzt – und der daraus resultierende Mut zur Schwerpunktsetzung (thematisch, zeitlich, räumlich) leiten und strukturieren den Band, und jeder seiner Aufsätze enthält Impulse für künftige Forschungen.

Eckart Conze, Marburg





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