ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Frank Becker/Elke Reinhardt-Becker, Systemtheorie. Eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften, Campus Verlag, Frankfurt/M. 2001, 231 S., 13 Abb., kart., 15,90 Euro.

Der 1998 verstorbene Soziologe Niklas Luhmann hat es unter Historikern schwer. Mit wenigen Ausnahmen wagt sich kaum jemand so recht an seine Systemtheorie heran, obwohl sie – wenn auch häufig polarisierend, gleichwohl stets mit großer Anerkennung – zu den ganz großen Entwürfen der modernen Gesellschaftstheorie gezählt werden muss. Während andere Disziplinen fleißig an einer für ihr Fach kompatiblen Rezeption arbeiten, hält sich die Zunft der Geschichtswissenschaft bislang deutlich zurück. Dies mag nicht sonderlich verwundern, waren doch namhafte der für die Beobachtung der soziologischen Theorieangebote zuständigen Sozialhistoriker schon frühzeitig zu dem Ergebnis gekommen, dass sich auf den "Höhen der Luhmannschen Abstraktionsebene [...] historische Realität weithin verflüchtigt" hat (Hans-Ulrich Wehler). Obwohl sich die Luhmannsche Arbeit in äußerst ungewöhnlicher Produktivität seither fortentwickelte, änderte das kaum etwas an der Bewertung innerhalb der historischen Forschung. Kurz und rundheraus kommentiert wiederum Hans-Ulrich Wehler 1998 den Luhmannschen Versuch einer Großtheorie als "Enttäuschung". Umso verdienstvoller erscheint vor diesem Hintergrund die Arbeit des Münsteraner Historikers Frank Becker und der Essener Literaturwissenschaftlerin Elke Reinhardt-Becker. Sie versuchen in dem vorliegenden Buch, die Ansatzpunkte und Möglichkeiten einer Operationalisierung der Systemtheorie für die historische Forschung aufzuzeigen, was Ihnen in einer Weise gelingt, dass einem möglichst großen Leserkreis die Lektüre mit der Aussicht auf Bereicherung nachhaltig empfohlen sei.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil gibt Einblicke in das Theoriedesign der Systemtheorie und klärt die wichtigsten Begriffe, sodass man auch ohne ausgeprägte soziologische Vorkenntnisse das Buch in die Hand nehmen kann. Die Autoren verstehen ihre Arbeit denn auch als Einführung und werden dieser Aufgabe durchaus gerecht. Um der Gefahr aus dem Wege zu gehen, zu nah an der schwierigen Theoriesprache Luhmanns entlang zu gehen und damit letztlich nichts erklärt sondern nur den Gegenstand reformuliert zu haben, verzichten die Autoren weitgehend auf Zitate und halten sich in überwiegend gelungener Weise an einen einfachen Sprachduktus, der trotz der Vereinfachung nichts verfälscht wiedergibt. Zur Erläuterung werden zahlreiche Abbildungen und Beispiele eingeführt, die allerdings zuweilen den Verdacht erregen, den Grenzen der Trivialisierung zu nahe gekommen zu sein, etwa wenn der Leser zum besseren Verständnis des Sinnbegriffs in die Betrachtung eines Fußballspiels geführt wird oder die Fähigkeit eines Systems zur Selbstregulierung – was nicht so schwer zu verstehen ist – zusätzlich mit der Funktionsweise eines Thermostates illustriert wird.

Teil II beleuchtet den Geschichtsentwurf im Rahmen des Luhmannschen Ansatzes und erläutert zentrale Funktionssysteme der modernen Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, Erziehung, Kunst und Liebe). Dabei gehen die Autoren nach einem immer gleichen Muster vor, das zunächst die systemtheoretische Analyse (Funktion, symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, Kode und Leitdifferenz, Programme, Instanzen der Beobachtung zweiter Ordnung, Leistungen für das Gesamtsystem und symbiotische Mechanismen) voranstellt, um anschließend historische Aspekte der evolutionären Ausdifferenzierung zu skizzieren. Abgeschlossen wird jede Betrachtung eines Funktionssystems mit Anregungen bezüglich sich neu öffnenden Fragestellungen für die Geschichtswissenschaft.

Teil III des Buches führt schließlich zwei Anwendungsbeispiele vor, in denen gezeigt wird, wie mit den zuvor dargelegten systemtheoretischen Kategorien neue historische Erkenntnisse gewonnen werden können. Zunächst erklären die Autoren die Humboldt'sche Universitätsreform vor dem Hintergrund inner- und außersystemischer Entwicklungen der Wissenschaft. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass "das Modell Humboldts ... als eine direkte Reaktion auf den Prozess der Funktionsdifferenzierung zu interpretieren [sei] ... sowohl in der Förderung der Autonomie der Wissenschaft als auch in der Abwehr ihrer Binnendifferenzierung. Humboldt wird dadurch nicht seiner historischen Bedeutung entkleidet, aber seine Ideen verlieren ein wenig von dem Glanz ihrer unbedingten Originalität, wenn sie sich so klar in bestimmte Verlaufsmuster einordnen lassen" (S. 172). Im zweiten Beispiel wird anhand einer sich im Lauf von Jahrhunderten verändernden Semantik im Liebessystem quellengestützt vorgeführt, inwiefern die systemtheoretische Konzeption dazu befähigt, strukturelle Veränderungen in einem Teilbereich von Gesellschaft – nämlich der Intimbeziehung – festzustellen und zu interpretieren. Demzufolge erfährt die Liebe im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse vom stratifikatorischen hin zum funktional differenzierten Strukturprinzip einen Bedeutungswandel, der es dem Individuum ermöglicht, trotz der Auflösung traditioneller Vergemeinschaftungsformen einen Ort zu finden, in dem es sich als ganzer Mensch erfahren bzw. konstruieren kann. Die Entwicklungsstufen der Liebe werden dabei von den Autoren in fünf Schritten vorgeführt (was irritierender Weise als "Vierstufenmodell bezeichnet wird, S. 205), wobei sie in einigen Gedanken über das hinaus gehen, was Luhmann in seinem Buch "Liebe als Passion" ausgeführt hat. Schwierig erscheint in diesem Zusammenhang trotz aller Plausibilität der Vorschlag der Autoren, die Kodierung des Liebessystems mit Verstehen/Nicht-Verstehen anzugeben (S. 141), da dieser Begriff bei Luhmann – neben Information und Mitteilung – als Bestandteil jeder Kommunikation Verwendung findet und damit nicht ohne weiteres den bedeutungsschweren bzw. –erweiternden Gebrauch zulässt.

Die Autoren verzichten – abgesehen vom zweiten Anwendungsbeispiel aus Teil III, das einem gesonderten Darstellungsprinzip folgt - vollkommen auf Fußnoten. Alle Kapitel sind von der Hintergrundfrage geprägt, ob und in welcher Weise sich mit Hilfe systemtheoretischer Kategorien konkrete Fragen der Vergangenheit und Gegenwart beantworten lassen, sodass nach dem Lesen nur noch schwerlich behauptet werden kann, Luhmann bewege sich außerhalb jeder empirischen Verwendbarkeit. Die Einführung wird abgerundet durch eine kommentierte Auswahlbiografie, die die wichtigsten Werke Luhmanns, einige Sekundärliteratur und Luhmann rezipierende Arbeiten aus der Geschichtswissenschaft umfasst.

Selbstverständlich darf die Beschäftigung mit dem Luhmannschen Theorieansatz innerhalb der Geschichtswissenschaft – gerade vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um ein Primat von Gesellschaft oder Kultur als Erkenntnis leitendes Paradigma der Historiographie und der entsprechenden Vermittlungsversuche – nicht bei diesen Ausführungen stehen bleiben. Das Potenzial der Systemtheorie ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft, wenn man beispielsweise an Luhmanns Konzeptionen von Zeit oder Gedächtnis denkt. Eine umfassende und differenzierte Arbeit über ‚Luhmann für und als Historiker‘ steht also noch aus. Aber den Autoren gebührt das Verdienst, für diese Diskussion eine Grundlage geschaffen zu haben, hinter die die Theoriebildung der Geschichtswissenschaft nicht mehr zurückfallen sollte.

Frank Buskotte, Osnabrück





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