ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE
DEKORATION

Rezensionen aus dem Archiv für Sozialgeschichte online

Friedrich Wilhelm, Die Polizei im NS-Staat. Die Geschichte ihrer Organisation im Überblick. 2. durchges. u. verb. Aufl., Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1999, 290 S., geb., 49,90 DM.

Dieses Buch ist ohne Zweifel ein nützliches Buch für Fachhistoriker und Laien, die sich mit der Geschichte der Polizei während des Dritten Reiches beschäftigen. In diesem Sinn ist Eberhard Jäckels Charakterisierung als Standardwerk durchaus zutreffend. Friedrich Wilhelm bietet in einer knappen und übersichtlichen Darstellung die wesentlichen Informationen zur Organisation der Polizei, die gerade in dem hier behandelten Zeitraum erhebliche Veränderungen erlebte. Die systematische "Verreichlichung" der Polizei, die Übernahme von gerichtlichen Kompetenzen im Bereich der so genannten Sicherungsverwahrung, die verschärften Repressionsmaßnahmen gegen politische Gegner, die Verselbstständigung zuerst der politischen Polizei und später auch anderer Polizeiformationen von der Inneren Verwaltung, aber auch die Sorge der Polizeiführung um eine lückenlose Erfassung der Bevölkerung und um die passende Uniformierung der Beamten sind nur einige der Themen, die in diesem Buch präsentiert werden.

Friedrich Wilhelm macht durch eine bewusst sachliche Argumentation und eine chronologische Organisation der Darstellung die komplexe Materie auch dem Nicht-Fachmann verständlich. Es ist selbstverständlich, dass ein Handbuch dieser Art nicht die Geschichte der Polizei des Dritten Reiches systematisch in den Kontext der Diskussion über Formen der totalitären Herrschaft, der Herrschaftspraxis und der Sozial- und Politikgeschichte dieser Zeit stellen kann. Der Autor hat seine Organisationsgeschichte jedoch in bewusster, wenn auch nicht immer expliziter Auseinandersetzung mit diesen Diskussionen geschrieben; davon zeugen die Hinweise auf das Sozial- und Bildungsprofil der leitenden Beamten des Reichssicherheitshauptamtes (S. 124, 152) und der leitenden Polizeibeamten. (S. 194ff.) Er beschränkt sich allerdings auf die mühsame und arbeitsaufwändige Rekonstruktion eines institutionengeschichtlichen Faktenwissens, das für die Beurteilung der Möglichkeiten und Grenzen totalitärer Herrschaft wichtige Grundlagen bereitstellt.

Die Tragfähigkeit und Beschränktheit einer solchen Argumentationsstrategie zeigt sich in Teil VI, vor allem in den Kapiteln 5-7, in denen der Autor die Aufstellung von Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, die Aktionsräume dieser Einsatzgruppen und die Sicherung der besetzten Ostgebiete analysiert (S. 133ff.). Friedrich Wilhelm setzt sich dabei auch mit der Diskussion über die Thesen von Goldhagen auseinander (S. 156), wobei er vor allem einen empirischen Beitrag leistet. Durch die umfassende Rekonstruktion von Aufstellung und Einsatzräumen der einzelnen Polizeibataillone kann er jene Formationen eindeutig benennen, die "am intensivsten mit der Ermordung von Juden befasst waren …" (S. 163). Weiterführende Fragen nach den mentalitäts-, sozial- und politikgeschichtlichen Bedingungen der Möglichkeit von Massentötungen durch die Polizeibataillone finden allerdings in diesem Handbuch keinen Platz. Materialien dafür bieten jedoch die im Anhang veröffentlichten Kurzbiografien wichtiger Funktionsträger der Polizei (S. 194ff.).

In dieser Organisationsgeschichte fehlt auch nicht die Reflexion über das Feindbild der Polizei. Friedrich Wilhelm rekonstruiert die Bemühungen der Polizei des Dritten Reiches das Problem von Staatsfeinden und "Volksschädlingen" anhand von kriminalbiologischen Untersuchungen und spezialisierten Registern zu lösen. Berufs- und Gewohnheitsverbrecher, aber auch "arbeitsscheue Elemente", Zigeuner und männliche Juden wurden von der Polizei registriert, um einen effizienten Zugriff zu ermöglichen (S. 100ff.). Bereits 1938 wurde die Registerführung totalisiert und auf alle Personen ausgedehnt, die älter als fünf und jünger als 70 Jahre alt waren (S. 110). Die Diskurse und Praktiken, auf denen die Feindbilder der Polizei und die Registerführung beruhten, werden von Wilhelm jedoch nicht weiter verfolgt.

Dieses Buch präsentiert eine Organisationsgeschichte, die offen für sozial-, kultur- und politikgeschichtliche Fragen ist. Sie bietet eine solide Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Polizei des Dritten Reiches und viel Stoff für weiterführende Reflexionen. Durch die chronologische Ordnung des Arguments werden die Kontinuität und vor allem die Diskontinuität in der Entwicklung der deutschen Polizei deutlich: Zentralisierung, "Verreichlichung", Standardisierung und die Faszination mit einer möglichst breiten Erfassung der Bevölkerung in Registern setzten Überlegungen und Forderungen von Polizeiexperten der Weimarer Republik in die Praxis um. Gesteigerte Effizienz ging in der Zeit des Dritten Reichs jedoch einher mit dem Wegfall von rechtsstaatlichen Sicherungen – mit schrecklichen Folgen für den Staat, die Gesellschaft und die Opfer des nationalsozialistischen Terrors.

Friedrich Wilhelms Buch ist ein gelungenes Handbuch, das zuverlässige Information auf hohem Niveau bietet und zur weiterführenden Beschäftigung mit dem Thema Polizei und Nationalsozialismus anregt. Ein ausführlicher Anhang mit Erläuterungen und Materialien bietet wichtige Anhaltspunkte dafür.

Peter Becker





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