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Die polnische Gewerkschaft Solidarnosc und ihre Publikationstätigkeit 1980 - 1983 / von Klaus Reiff

Als ich in Warschau 1980 das erste Mal von einer im Untergrund des damaligen kommunistischen Polen agierenden Interessenvertretung der Arbeiter hörte, da hatte sich in Polen schon längst eine Opposition gegen das Regime der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) formiert. So gab es das Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung (KOR), das schon in den Jahren zuvor dabei war, die Strukturen einer neuen und von der kommunistischen Einheitsgewerkschaft unabhängigen Gewerkschaftsorganisation aufzubauen. Seit seiner Gründung 1976 im Zusammenhang mit den Unruhen von Radom und Ursus lag KOR in einem ständigen Ringen mit der Staatsmacht. Verhaftungen ihrer Aktivisten waren an der Tagesordnung. Das kommunistische Regime sah sein gesellschaftliches Monopol in Gefahr.

Im Juni und Juli 1980 überzog eine Protest- und Streikwelle Polen, die sich gegen die ständigen Preiserhöhungen richtete und dann in den spektakulären Streik auf der Lenin-Werft in Danzig mündete. Am 14. August 1980 standen auf der Werft alle Räder still. Ein Streikkomitee wurde gebildet und 21 Forderungen an die Regierung in Warschau gestellt. Dies war die Geburtsstunde der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc", die aus der Solidarität der Arbeiter gegen das Regime entstand.

Und sogleich ging man daran, Strukturen der unabhängigen Gewerkschaft im ganzen Land aufzubauen und sich eine eigene Presse zu schaffen, denn die von der kommunistischen Partei kontrollierten Medien dachten nicht daran, "Solidarnosc" ihre Zeitungen und ihren Rundfunk zu öffnen. Im Mai 1981 verzeichnete eine Aufstellung der Mitteilungsblätter aus der freien Gewerkschaft bereits 87 Titel. Tatsächlich waren es aber zu diesem Zeitpunkt schon weitaus mehr. Niemand hatte mehr den Überblick, da die Publikationen nirgends zentral registriert wurden. Die Titel dieser gewerkschaftlichen Mitteilungsblätter, von denen sich viele jetzt in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung befinden, stellten allein schon ein politisches Programm dar: "Wolny Zwiazkowiec" (Freier Gewerkschafter), "Glos Niezaleznych" (Stimme der Unabhängigen) oder "Wolne Slowo" (Freies Wort). Sie waren zumeist primitiv gedruckt oder kopiert und hatten geringe Auflagen. Die größeren Periodika der "Solidarnosc", die nach und nach in ganz Polen entstanden, erreichten schließlich im Oktober 1981 eine Gesamtauflage von über einer Million. Zu den neuen auflagenstärksten Periodika gehörten zu diesem Zeitpunkt "Samorzadnosc" (Selbstverwaltung) in Danzig mit 250.000 Exemplaren, "Jednosc" (Einheit) in Stettin mit 100.000, "Odrodzenie" (Wiedergeburt) in Jelenia Góra (Hirschberg) ebenfalls mit 100.000, "Solidarnosc Jastrzebska" in Jastrzebie (Oberschlesien) mit 50.000 und "Solidarnosc - Niezalezne Slowo" (Solidarität - Unabhängiges Wort) in Waldenburg (Niederschlesien) mit 10.000 Exemplaren.

Mit wöchentlich 500.000 Auflage war das zentrale Wochenblatt "Solidarnosc" in Warschau das auflagenstärkste Periodikum der unabhängigen Gewerkschaft. Erst nach einem langen Tauziehen mit den staatlichen Behörden durfte am 3. April 1981 die erste Ausgabe der Wochenzeitung erscheinen. Chefredakteur war der katholische Publizist und einer der engsten Berater Lech Walesas, Tadeusz Mazowiecki, nach der Wende in Polen Ministerpräsident. Ursprünglich hatte die Gewerkschaft in den Verhandlungen mit der Regierung die Genehmigung einer Auflage von einer Million Exemplare für ihr Wochenblatt gefordert. Ein verständliches Verlangen, wenn man bedenkt, dass die "Solidarnosc" zu diesem Zeitpunkt bereits rund 10 Millionen Mitglieder hatte. Ohnehin war dann das Gewerkschaftsblatt auch mit der genehmigten Auflage von 500.000 die am stärksten verbreitete Wochenzeitung Polens und stellte damit die parteieigene "Polityka" unter ihrem Chefredakteur Mieczyslaw Rakowski in den Schatten.

Die Ausgabe Nr. 1 der Gewerkschafts-Wochenzeitung war, wie alle weiteren, innerhalb kürzester Zeit an den Warschauer Zeitungskiosken vergriffen, denn nur 42.000 Exemplare gelangten in der Hauptstadt zum Verkauf. Auch diese Zeitung wurde sehr schnell zum Schwarzmarktobjekt. Schon bald kostete die Erstausgabe mehrere 100 Zloty bei einem regulären Preis von 7 Zloty. In seiner Aufmachung war das Wochenblatt der unabhängigen Gewerkschaft allerdings ziemlich langweilig. Mit ermüdend langen Artikeln, dem spaltenlangen Abdruck von Protokollen und relativ wenigen Illustrationen war das äußere Erscheinungsbild dem der Parteipresse nicht ganz unähnlich. Aber die Artikel hatten es in sich! Es war ganz und gar kein Wochenblatt für die Arbeiter an der Werkbank, sondern eine intellektuell anspruchsvoll gestaltete Schrift, die sich kritisch mit den innenpolitischen Entwicklungen Polens auseinandersetzte und über die Tätigkeit der "Solidarnosc" informierte. Außenpolitische Themen fehlten fast gänzlich. Dennoch war dies kein Gewerkschaftsorgan in unserem Sinne, vielmehr eine gesellschaftspolitische Streitschrift, der es um eine Reform des in Polen herrschenden Systems ging.

Mit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 fand diese blühende Presselandschaft der "Solidarnosc" ein abruptes Ende. Doch sofort begann man im Untergrund auf oftmals primitive Art und Weise Informationsbulletins, Flugschriften und sogar die Wochenzeitung "Solidarnosc" im Mini-Format herauszugeben - immer in der Gefahr, von Spitzeln der Staatssicherheit entdeckt zu werden. Von Monat zu Monat wuchs die Zahl der Titel bei den Untergrund-Publikationen. Auch ihre Druckqualität verbesserte sich. Die Texte waren nicht nur mit der Schreibmaschine geschrieben, sondern oft auch sauber gesetzt und typografisch ansprechend gestaltet. Vermutlich war es gelungen, einige technische Ausrüstungsgegenstände in der Nacht des Kriegsrechts dem Zugriff der Miliz zu entziehen. Wöchentlich erschien in Warschau beispielsweise der "Tygodnik Wojenny" der im Untergrund agierenden "Solidarnosc"-Regionalorganisation von Mazowsze, dann auch, ebenfalls wöchentlich, im verkleinerten Format die Wochenzeitung "Solidarnosc", deren Impressum eine Auflage von 60.000 Exemplaren auswies. Diese und die zahlreichen anderen Publikationen wanderten von Hand zu Hand und erreichten so einen beachtlichen Leserkreis.

Für mich war es oftmals ein Abenteuer, in den Besitz dieser Untergrund-Presse zu gelangen. Ich hatte mir vorgenommen, alle nur irgendwie erreichbaren Materialien aus dieser Zeit zu sammeln als Dokumentation einer revolutionären Bewegung bei unserem polnischen Nachbarn, die, wie wir heute wissen, zum Fall des Kommunismus geführt hat und uns Deutschen schließlich die Einheit brachte.