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Zur Geschichte des Archivs für Sozialgeschichte

Das 1961 von dem Leiter des Internationalen Schulbuchinstituts Braunschweig und Präsidenten der deutschen UNESCO-Kommission Georg Eckert begründete "Archiv für Sozialgeschichte" (AfS) spiegelt die Entwicklung der deutschen und auch der internationalen Geschichtswissenschaft seit den 1960er Jahren. Es ist zugleich ein Schrittmacher der modernen sozialhistorischen Forschung für die Zeit seit Aufklärung und Französischer Revolution.

Georg Eckert knüpfte seinerzeit bewusst an zwei berühmte Vorgänger an, an Carl Grünbergs "Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung" (1911–30) sowie dessen Nachfolger, Max Horkheimers "Zeitschrift für Sozialforschung" (1932–41). Den Fokus seiner Zeitschrift, die in Form eines Jahrbuchs von der Friedrich-Ebert-Stiftung (von 1974 bis 2004 auch vom Institut für Sozialgeschichte Braunschweig-Bonn) herausgegeben wurde und wird, stellte Eckert auf die Einbindung der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in einen breiteren politik-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Kontext ab. Unterstützt wurde er dabei von Hans Pelger.

In den ersten zehn Jahren seines Erscheinens war das AfS überwiegend geprägt von ideen- und organisationsgeschichtlichen Problemstellungen der europäischen Arbeiterbewegung, die mit zum Teil breit angelegten Aufsätzen, Dokumentationen und Bibliografien systematisch bearbeitet wurden.

Nach einer Ausweitung der Redaktion 1970 durch den Hinzutritt von Kurt Klotzbach, Hans Pelger und Dieter Dowe - Eckert selbst starb vier Jahre später – wurde das Spektrum des AfS erheblich ausgeweitet. Das Jahrbuch behandelte nun die Geschichte der sozialen Emanzipationsbewegungen seit dem Beginn der industriellen Revolution sowie die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse, mit denen sich diese Kräfte auseinandersetzten und unter denen sie wirksam wurden.

Zugleich wurden zunehmend die einzelnen Bände unter ein Rahmenthema gestellt, um die ganze Vielfalt der im weitesten Sinne sozialgeschichtlichen Themen bündeln zu können. Und sie erhielten einen für die Geschichtswissenschaft einzigartig breiten und in die Tiefe gehenden, alle Facetten der Sozialgeschichte berücksichtigenden Rezensionsteil. Die Einzel- und Sammelrezensionen sowie breit angelegten Forschungsberichte machten meistens die Hälfte des in der Regel etwa 800 Seiten starken Bandes aus. Dieser Rezensionsteil wurde bis zum Jahrhundertende gedruckt und wird erst seitdem parallel zu dem Druckwerk digital veröffentlicht.

Bibliografische Informationen und Quellenabdrucke, wie sie in den ersten zehn AfS-Bänden noch zu finden sind, wurden in den Hauptbänden eingestellt; seit 1974 wurden stattdessen bislang 26 "Beihefte zum Archiv für Sozialgeschichte" publiziert, deren Umfang immerhin bis an die 1.000 Seiten reicht.

Lag in den ersten drei Jahrzehnten seines Erscheinens der Schwerpunkt des AfS auf der Zeit vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, so liegt seit den 1990er Jahren der Akzent auf der zweiten Nachkriegszeit - unter Rückgriff, je nach Rahmenthema, bis ins 19. Jahrhundert. Zunehmend traten dabei Problemstellungen in den Vordergrund, deren Aktualität auf der Hand lag. Sie wurden und werden in ihrer zeitlichen Entwicklung erfasst und analysiert.

Seit den 1970er Jahren werden im AfS sozialgeschichtliche Probleme Deutschlands auf dem Hintergrund der Entwicklungen in den Nachbarländern erörtert. Inzwischen wurde das Feld stärker ausgeweitet und Gesamteuropa in den Blick genommen, immer wieder kontrastiert durch Entwicklungen in den USA. Neuerdings werden, etwa beim Thema Dekolonisierung, auch Asien und Afrika berücksichtigt.

Die Redaktion des AfS - derzeit gehören ihr Friedhelm Boll, Beatrix Bouvier, Dieter Dowe, Anja Kruke als Schriftleiterin, Patrik von zur Mühlen, Michael Schneider, Meik Woyke und Rüdiger Zimmermann an - hat immer großen Wert darauf gelegt, möglichst allen neueren methodischen Zugriffen offen zu sein. Sie hat sich daher nie mit einer Richtung identifiziert - auch nicht mit der sog. Bielefelder Schule um Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka, die ihrem eigenen Ansatz relativ nahe stand, aber aus AfS-Sicht nicht immer ausreichend die politische Dimension berücksichtigt hat. Wenn man statt Sozialgeschichte, wie sie im Titel des Jahrbuchs erscheint, einen anderen Terminus wählen würde, so könnte man, um die eigene Richtung am ehesten zu verdeutlichen, von politischer Gesellschaftsgeschichte sprechen.

Seit den 1980er Jahren wurden zunehmend alltagsgeschichtliche Ansätze im AfS berücksichtigt, wurden etwa auch oral history und der linguistic turn in die Untersuchungsansätze einbezogen. Das ist nicht als Ausdruck von Beliebigkeit zu verstehen, sondern als Ausfluss der Überzeugung, dass jede Phase nach neuen Möglichkeiten sucht, um historische Entwicklung und Gegenwart miteinander zu verbinden.

Jürgen Kocka hat 2002 herausgestellt, dass die Zeiten der Sozialgeschichte als einer viele Historikerinnen und Historiker faszinierenden Oppositionswissenschaft eher der Vergangenheit angehören. In kräftiger Erweiterung und zugleich Ausdifferenzierung habe sie aber auch weiterhin eine Zukunft, wobei ihre Außenabgrenzung allerdings durchlässiger und unschärfer geworden sei. Dies entspricht durchaus dem Selbstverständnis der Redaktion des AfS, die schon immer bestrebt gewesen ist, nach allen methodischen Richtungen offen zu sein und neuere historische Ansätze und Themenbereiche - auch über Europa hinaus - zu integrieren.

Dieter Dowe
2009

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